Naturwissenschaftliche Wochenschrift BEGRÜNDET VON H. POTONIß HERAUSGEGEBEN VON Prof. Dr H. MIEHE IN BERLIN NEUE FOLGE. 18. BAND (DER GANZEN REIHE 34. BAND) JANUAR — DEZEMBER 1919 mit 151 ABBILDUNGEN IM TEXT JENA VERLAG VON GUSTAV FISCHER 1919 Alle Rechte vorbehalten. Register. I. Größere Originalartikel und Sammelreferate. Abel, O., Die Rekonstruktion von Masto- doQ angustidens Cuv. 217. Baschin, O. , Die scheinbare Gestalt des Himmelskörpers. 408. Bilguer, v., Ein deutscher Erfinder vor zweieinhalb Jahrhunderten. 575. Boecker, E., Die Chemotherapie der Malaria. 353. Bohne, B. \V., Die Chemie der Zellulose ujid ihre te.\tilwirtschaftliche Bedeutung. 33- Boerma, E., Die philosophischen Rich- tungen in ihrem Verhältnis zur Natur- wissenschaft und ihre Synthese in der , Philosophie des Als-ob". 55. Brehni, V., Die Tiefenfauna unserer Alpenseen. 289. — , Über geschlechtsbegrenzte Spezies- merkmale bei Süßwasserorganismen und deren eventuelle experimentelle Auf- klärung durch das Mendel'sche Spal- tungsgcsetz. 4, Brick, C, Die Widerstandsfähigkeit ge- wisser Sorten unserer Kulturpflanzen gegen Parasiten. 391. Dahms, P., Der Pfeffermilchling Lacta- rius piperatits Scop. und seine Verwen- dung in Westpreußen. 505. Duncker, H. , Die Krise der heutigen Naturwissenschaft. 761. Eckard t, Wilh. R., Über die Beziehun- gen zwischen dem Vogelzug und den Erscheinungen im Luftmeere. 240. Eichwald, E. , Die Verwendung von Modellen in der Biologie. 561. Engel hardi, V., Schopenhauer's Stel- lung zur e.\akten Naturwissenschaft. 134. — , Meteorologische Mythen als Uranfänge der Naturbetrachtung. 489. Esmarch, E,, Die wichtigsten Kartoffel- krankheiten. S9. Fischer, K., Niederschlag, Abfluß und Versickerung in ihrem Verhalten von Jahr zu Jahr. 688. Franz, V., Die Augendrüsen der Wirbel- tiere. 649. Freund, L. , Die Eier der Läuse. 668. Freyberg, B. v., Die Genese des Wellen- kalks. 276. Grober, Das Tierleben des Belad el Djerid (Südtunesien). 433. Haber landt, G., Grabrede auf Simon Schwendener. 417. Häberlc, D., Die Zerstörung der Steil- wände im Buntsandsteingebiet des Pfälzerwaldes. 321, 337. HalbfaU, W., Niederschlajj, Abfluß, Ver- dunstung und Versickerung im Land- klima Mitteleuropas. 513. — , Die Verteilung der Niederschläge auf Abfluß, Verdunstung und Versickerung im Freistaat Sachsen-Weimar. 697. Hansen, A., Die Lebenskraft oder der Rhodischc Genius. 526. — , Die ,, Lebenswege" H. Sl. Chamberlains und die Naturwissenschaft. 6S1. Hartleb, ü. , Zur Vorbildung auf das naturwissenschaftliche und medizinische Studium. 442. Iläußler, E. P., Ein Beilrag zur Ge- schichte der Mammutfunde. 370. Heller, H., Über die Farbstoffe unserer Blüten und Früchte. 238. — , Die cliemischc Valenz in heuliger Auf- fassung. 273. Hennig, Kdw , Die Entstehung des Säugerzahns und die Paläontologie. 745. Hennig, R. , Zwangshandlungen und Zwangsvorstellungen. 549. Ho ff meist er, G. , Über die physikali- schen Vorgänge beim Auftreten der Meteore. 185. Hundt, R., Beiträge zur Glazialgeologie Litauens und Südkurlands zwischen llluxt, Dünaburgund Dryswjaty-See. 545. Kathariner, L., Humanistische Vorbil- dung und realistisches Studium. 295. Killermann, S. , Die Herkunft und Einführung unserer Gartenbohne (Pha- seolus vulgaris L.), 305. — , Zur Geschichte der Johannis- und Stachelbeere. 344. — , Zur Kenntnis der Walfische in früherer Zeit. 35b. — , Die Herkunft des Kalmus. 633. — , Zur Geschichte der Kakteen. 665. Kodweiß, W., Die Erweiterung unserer Sinne durch die Physik. 713, 729. Kranich feld, H., Die breitere gemein- same Basis. 366. K r a n z , W., Zur Sozialisierung der Wasser- versorgung, des Grundwassers und der Quellen. 312. Krenkel, E., Bericht über eine geologi- sche Forschungsreise in Deutsch -Ost- afrika. 177. Krenkel, E. , Die Bodenschätze des tropischen Afrika. 569. Krieg, H., Vom Panjepferd. 233. Küster, E. , Einige alte Gallenbilder. 766. Lüer, IL, Bild- und Stoffkunst. 700. M a r i] u a r t , F. , Über den Farbensinn des Kindes. 617. Mar Zell, H., Zur Kulturgeschichte des Schellkrautes. 601. Matouschek, F., Das Aüroplankton. 655- Menz, Der Glanz vom psychologischen Standpunkte aus betrachtet. 12I. Metze, E.| Alexander von Humboldts ,, Kosmos". 538. Metzner, P. , Über das Sehen und Er- kennen bei Nacht. I. Miehe, H. , Über Selbslerhitzung und thermophile Mikroorganismen. 73. Möbius, M., Die Begründung der Pflan- zengeographie durch Alexander von Humboldt. 521. Mötefindt, H. , Zur Entstehung der Kulturgüter und Sitten der Menschheit. 418. — , Vorgeschichtliche Bergwerke in den Salzburger Alpen. 62 1. Nachtsheim, H., Der Mechanismus der Vererbung. I05. Oehler, R., Potentielle Unsterblichkeit — experimentelle Lebensverlängerung. 361. — , Das Alles- oder Nichts-Gesetz und die Individualbiologie. 592. — , Ultraorganismen. 751. Pax, F., Die Stellung Schlesiens im mitteleuropäischen Faunengebiet. 168. Penck , W., Aufgaben der Geologie in der Türkei und ihre Förderung während des Krieges. 493. Pietsch, A., Das Vorkommen der deut- \ sehen Süßwasser-Kieselalgen. 385. JReisinger, L., Beitrag zur Physiologie des Kleinhirns der Teleostier. 145. Rippel, A., Die morphologische Gliede- rung des Wasserleitungssystems der höheren Pflanzen usw. 129. Robien, P., Vom Seeadler. 149. Scheiber, J., Harze und Harzersatz. 48 1 . Schips, M. , Lionardo da Vinci als Naturforscher. 256. — , Die Idee vom Typus und ihre Be- deutung für Morphologie und Syste- matik. 401. 3 884 4 IV Register. Schips, M., Über zwei tnecbaniscb be- dingte Gesetzmäßigkeiten im Bau der Blutgefäße. 605. Schloß, B., Der Lichtsinn der Pflanzen. 265. Scholich, K., Die Kristallisation von binären Salzgemischen. 249. Schüepp, O. , Die Formen des Laub- blattes, ihre Entstehung und Umbildung. 585. Schutt, K., Das Bohr'sche Atommodell. 49. — , Neonlampen. 364. Snell, K., Die Vermehrung der Kar- toffel. 407. Stark, F., Das Resultantengesetz in der Pflanzenphysiologie. 201. Stomps, Th. J. , Neue Beiträge zur Mutationsfrage. 471. Struck, B., Anthropologie und Völker- kunde. 377. T h e e 1 , J., Über die Symmetrie der Orga- nismen. 17. Weber, F., Der natürliche Tod der Pflanzen. S. 449, 465. Zache, E. , Die diluviale Eisdecke und die letzte Krustenbewegung in Nord- deutschland. 161. Zillig, H., Arbeitsgemeinschaft der naturwissenschaftlichen Körperschaften Deutschlands. 637. II. Kleinere Mitteilungen. Arndt, W., Notiz über Massenauftreten, von Marienkäfern im Ussurigebiet Ende September 1916. 754. Heller, H,, Über das Metallspritzverfah- ren von Schoop. 67. Krebs, W., Der Präsidentensturm in der dritten Dezemberwoche 1918 über 1 Europa. 114. Nachtsheim, Massenversammlungen und Massenwanderungen von Marienkäfer- chen. 21, 753. R eis in g er, L., Zum Kleinhirn der Tele- ostier. 79. j W i g a n d , A., Zur Frage des Zusammen- hangs zwischen Mumifikation und Radio- | aktivität. 78. J Zaunick, R., Zoologiehistorische Kritik des Buches von G. Stehli über Jan Swammerdam's ,,Bybel der natuure". 65. III. Einzelberichte. A. Astronomie. Brester, Eine neue Sonnentheorie. 519. Filehne, W., Die scheinbare Vergröße- rung der Gestirne am Horizont. 152. — , Zodiakallicht. 583. — , Absoluter Größeneindruck beim Sehen irdischer Gegenstände und der Gestirne. 709. Meyer, H., Anblick des Nachthimmels 396. Wegener, A., und Richarz, W., Me- leoritenfall in Treysa. 23. B. Physik, Meteorologie, Geophysik. Barschall, H., Entstehung der Gebirgs- winde. 615. Bjerknes, Konvergenzlinien in der Nähe eines Tiefdruckzentrums. 398. Bodmann, G., Die Winterstrenge als klimatischer Faktor. 25. Bourgeois, Bestimmung des Windes in den höheren Luftschichten. 226. Brauer, E., s. Seeliger, R. Collignon, M. M. , Große Hörweite des Geschützfeuers. 9. Debye, F., Atomanordnung des Wolf- ram. 414. Defant, A. , Nächtliche Abkühlung der unteren Luftschichten. 503. Dember, H. und Uibe, M., Polari- sation des diffusen Sonnenlichtes. 380. — , Scheinbare Gestalt des Himmels- gewölbes. 380. — , Größenänderung von Sonne und Mond usw. 426. Dieckmann, Orientierung von Luft- schiffen und Flugzeugen. 9. Frey, F., Luftwogen. 226. Gallenkamp, W. , Messungen der photochemischen Intensität des Himmels. S3- Guilbert, G., Verhalten des Windes von Skudesnes. 520. Hell mann, G., Nächtliche Abkühlung der bodennahen Luftschichten. 83. Heß, V. S., und S c h m i d t , W., Elektri- sierung der Atmosphäre. 380. Koppen, W., Angenehme Temperaturen, 24- La Rosa, M., Verflüssigung des Kohlen- stoffs. 82. Meissner, O., Wärmedämmerung. 383. Meyer, H., und Moser, F., Alpine Dämmerungserscheinungen. 300. Moser, F., s. Meyer, H. Quäck, E., GroSstation Nauen. 143. Richarz, s. Wegener. Schmauß, A., Schallausbreitung. 10. Sc h m i d t , W., Arbeitsleistung und Arbeits- verbrauch in der Atmosphäre. 171. Seeliger, R., und Bräuer, E. , Über die Methoden zur Untersuchung der Struktur des Windes. 60. Süring, R., Neigung der Wolken. 119. Uibe, M., s. Dember, H. Wiese, B., Verlauf der Witterung auf der Balkanhalbinsel. 25. Wegener, A. , Einige Hauptzüge aus der Natur der Tromben. 84. C. Physiologie, Medizin, Psychologie. Abderhalden, Ausschließliche Ernäh- rung mit einem bestimmten Nahrungs- mittel und der Einfluß dieser auf das Individuum und seine Nachkommen- schaft. 770. Basler, A., Blulbewegung in Haargefäßen. I43- Brunn, W.V., Rotz beim Menschen. 755. Bürgi, E., Chlorophyll in der Therapie. 375- Doflein, F., Die Sanierung der Balkan- länder durch Ausrottung der Überträger des Wechselfiebers. 64. Cur seh mann. F., und Koelsch, Ge- sundheitsgefährliche Stoffe. 41. Fischer, A. W., Weshalb sterben an der Grippe gerade die kräftigsten Personen? 142. 1 F 1 e i s c h , A. , Experimentelle Unter- suchungen über die Kohlensäurewirkung auf die Blutgefäße. 44. IGauducheau, Blut und Eingeweide ' der Schlachttiere zu Nährzwecken. 62. Hofmann, F. B., Physiologie des Ge- ruchsinnes. 119. Hörhammer, Spulwürmer im Gallen- gang. 374. Kaupe, Gelbfärbung der Gesichtsbaut, 333- Klose, Gelbliche Verfärbung der Ge- sichtshaut. 411. Kopsch, Entstehung des Karzinoms. 498. Kühn, s. Uhlenhuth. Löhlein, Gelbfärbung des Fettgewebes bei Negern. 333. Moro, E., Bewegungsreflex beim Säug- ling- 375- Nagel, W., s. Teichmann, E. Nitzescu, J. J., Nährwert des Maises. 394- Nöller, Räude. 21 1. Paulsen, J. , Vererbung von Thorax- anomalien und Neigung zur Tuberku- lose. 410. Pintner, Links gehen. 226. Ploetz, A., Die Bedeutung der Frühehe für die Volksvermehrung nach dem Kriege. 80. Schanz, F., Die photocheraische Wir- kung des Lichts auf den Organismus. 42. Schlesinger, Folgen der Unterernäh- rung der heranwachsenden Jugend. 554. Szalay-Ujfaluny, L. v., Blilzwirkun- gen auf den menschlichen Körper. 45. Teichmann, E., und Nagel, W., Ent- giftung eingeatmeter Blausäure. 626. Thomsen, E. , Purkinje's entoptische Phänomene. 182. Tirala, L., Der Aktionsstrom der Netz- haut. 297. Uhlenhuth und Kühn, Der Erreger der Weil'schen Krankheit (Spirochaeta icterogenes). loi. Vischer, A. L., Die Stacheldrahtkrank- heit. 40. V ö 1 tz , Verwertbarkeit von Hefezellen im tierischen Organismus. 227. Wacker, Totenstarre. 332. Wintrebert, M. P. , Autonomie der Muskelkontraktion. 376. Zuntz, N., Hebung des Wollertrages der Schafe. 395. D. Geologie, Hydrographie, Paläontologie. Arldt, Th,, Ursachen der Klimaschwan- kungen der Vorzeit. 613. Bächler, E. , Neue paläontologische Fundstelle. 347. Bayer, O., s. Häberle, D. Behrend, F. , Zinnerzvorkommen des Kongostaates. 372. Beut eil, A., Wachstumserscheinungen des Kupfers, Silbers und Goldes. 302. Beyschlag, F., Veränderlichkeit der Form der Erzlagerstätten. 645. B u b n o f f , S. V., Unterkarbon im Schwarz- wald und in den Vogesen. 599. Brauhäuser, M., Basalttuffmaar am Rauberbrunnen. 502. Buetz, G., Kohlenvorräte Japans. 302. — , Mineralvorkommen Britisch - Birmas. 359- Register. Buetz, G. , Kohle- und Erzvorkommen in Niederländisch-Indien. 756. Collet,Mellet, Ghezzi, Tieferlegung des Ritomsees in der Schweiz. 598. Er d mann, E., Koblenoxyd in den Ur- gasen der Kalisalzbergwerke. 646. Erdölgewinnung. 677. Franke, E., Mitteilungen über einige Erzlagerstätten in Kleinasien. 62. Franke, Neuerungen im Mansfeldschen Hüttenwesen. 659. Friedlaender, I., Der vulkanische Ausbruch des San Salvador. 371. Friedrich, P., Grundwasseruntersuchun- gen. 704. Geinitz, E., Endmoränen Deutschlands. 708. G e i p e 1 , Rücken im Mansfeldschen Re- vier. 659. Geyer, D., Verschollene Quartärmollus- ken. 554. Gropp, Gasvorkommen in Kalisalzberg- werken. 229. Häberle,D., Bayer, O., Gitter-, netz- und wabenförmige Verwitterung der Sandsteine. 259. — , Karrenähnliche Gebilde. Höhlen. Wachstum von Stalaktiten. 260. Hockelsberger, K., Deutsche Queck- silbervorkommen in der Rheinpfalz. 213. H engl ein, M. , Druckdestillation und Erdölwanderung. 757. , J aekel, O., Zur Geologie der Tektonik des Rügener Steilufers. 10. Jaggar, T. A., Temperaturgradient des Kilauea-Lavasees. 381. Jakob, J., Magmatische Mineralisatoren. 603. de Jongh, Eisenerze in Ost-Holland. 503- Kampfrath, Nacheiszeitlicher Einbruch des Elbtales zwischen Pirna und Meißen. 151. Keil hack, K., Nordgrenze des Löß in ihren Beziehungen zum nordischen Di- luvium. 228. Klautzsch, A., Tiefbohrung Schlagen- thin. 646. — I Entstehung der Frischen Nehrung. 704. Kohlschütte r,V,, Graphitischer Kohlen- stoff. 224. Korn, J., Dünenzüge im Torf des Netze- tales. 647. Koßmat, Fr., Geologischer Bau von Mittelmazedonien. 625. Krusch, P., Lebensdauer unserer Eisen- erzlagerstätten usw. 283. — , Verteilung des Metallgehaltes im Richelsdorfer Kupferschiefer. 659. Landgraeber, Oolithische Brauneisen- erzlagerstätten bei Volkmarsen. 756. Linstow, O. V. , Diluviale Depression im norddeutschen Tiefland. 227. Lotze, R. , Geologie des Aarmassivs. 567- Mestwerdt, A., Die Bäder Oeynhausen und Salzuflen. 676. Müller, J., Die diluviale Vergletsche- rung und Übertiefung im Lech- und liiergebiet. 706. Penck, A., Gipfelllur der .Alpen. 349. Penck, W., Tektonische Grundzüge West-Kleinasiens. 428. Richter, R. und E. , Die Lichadiden des Eitler Devons. 691. Salomon, W., Tote Landschaften und der Gang der Erdgeschichte. 213. Scheu, E., Entstehung der Trockentäler. 85. Schumacher, Bergbauliche Entwick- lung Mittelafrikas. 283. Schürmann, E., Cchemisch-geologische Tätigkeit des Neckars. 555. Simmersbach, B., Kohlenlager Spitz- bergens. 349. Sorg, Mittelschwedisches Molybdänerz- vorkommen. 412. Stahl, A., Die Gänge des Üstharzes. 196. Strigel, A., Prätriadische Einebnung im Schwarzwald. 582. Suess, F. E. , Drehende Wirkung von Erdbeben. 446. Vogt, J. H. L., Wie Outokumpu, Finn- lands neue Kupfererzlagerstätte, ent- deckt wurde. 348. Walt her, Joh., Salzlagerstätten und Braunkohlenbecken in ihren genetischen Lagerungsbeziehungen. 71. Wähner, F., Bau des mittelböhmischen Faltengebirges. 411. I Wegener, A., Entstehung der Kontinente und Ozeane. 5S0. 1 We igelt, J. , Gliederung und Faunen-' Verteilung im Unteren Culm des Ober- '' harzes. 212. Wunderlich, E. , Oberflächenentwick- lung des mitteleuropäischen Flach- landes. 282. Zoll er, A. , Goldführende Bäche des Hunsrücks. 359. E. Geographie. Hörn, A. v.. Die Sturmfluten längs der Nordsee- und Zuiderzceküste in Verbin- dung mit der .Abschließung der Zuider- zee. 171. Koch, J. P., Die Trift Nordgrönlands nach Westen. 395. Krebs, N., Gliederung der Balkanhalb- insel nach Siedlungsräumen. 674. Schott, G., Ozeanographie und Klima- tologie des Persischen Golfes von Oman. 171. F. Völkerkunde, Anthropologie. Ankermann, B., Seelenglaube bei den afrikanischen Völkern. 559. B a u d o u i n , M., Sexualdimorphismus der Wirbelsäule des Menschen. 144. F e h 1 i n g e r , Der gegenwärtige Stand der Akklimatisationsfrage. 69. Fischer, E., Anthropologie der iberi- schen Halbinsel. 3S2. Fritsch, G., Das stammesgeschichlliche Verhältnis der Anthropoiden. 183. Hahne, H., Geologische Lagerung der Moorleichen und Moorbrücken. 182. Montelius, O. , Vorfahren der Ger- manen. 692. Thorbecke, F., Anthropogeographie des Ost-Mbamlandes. 758. Werth, E., Problem des tertiären Men- schen. 557. Wilke, Die Zahl 13 im Glauben der Indogermanen. 675. G. Zoologie, Anatomie, Biologie, Vererbungslehre. Arens, Bastardierungsversuche bei Sal- moniden. 584. Arndt, W., Planaria alpina. 434. Bertrand, P. G., Neues Insektenver- tilgungsmittel. 425. Bois-Reymond, R. du, Verhalten von Fischen gegen Wasserschwingungen. 298. Bordage, Umwandlung der Kerne der quergestreiften Muskelfasern bei der Metamorphose der Insekten. 117. Bretscher, Abhängigkeit des Vogelzugs von der Witterung. 210. Brinkmann, M., Zunehmende nördliche Ausbreitung deutscher Vogelarten. 351. B u c h n e r , Akzessorische Kerne im Hyme- nopterenei. 181. Butt el -Reepen, H. v.. Seltsame Mit- bewohner der Bienenzellen. 100. Crinis, de, s. Kraus. DemoU, Forschungsinstitut für Pelztier- zucht. 566. Dewitz, Argynnis paphia var. 9 vale- sina. 702' — , s. Hesse, P. Dhere, Ch., und Veggezzi, G., Vor- kommen von Chlorophyll im Tierreich. 302. D ü r k e n , Wirkung farbigen Lichtes auf Puppen und Schmetterlinge. 99. Ehrenbaum, Herkunft der Herings- schwärme. 583. Erichsen, F., Neues Naturschutzgebiet. 211. Fejervary, A. M. v.. Rudimentäre Rip- pen der anuren Batrachier. 260. Franz, V., Neueres von der Morpho- logie der Pigmentzellen usw. 329. — , Einwirkung der Witterung auf das Vogelleben. 516. Frisch, K. v.. Sozialer Trieb bei einer solitären Bienenart. 553. Fritzsche, Osmotischer Druck bei Daphnia. 413. Gravier, M. Ch. J., Bau der Fußscheibe gewisser Aktinien. 208. Groeben, v. d., Wiedereinführung des Wisents in Deutschland. 100. Gut herz, S., Ursprung der tierischen Keimzellen. 514. Haenel, K., Maikäferplage und Vogel- schutz. 374. Hahn, R. H., Neues Geschlechtsmerkmal bei Fröschen. 425. Harms, W. , Augen grundbewohnender Knochenfische. 741. Hart mann. Theoretische Bedeutung und Terminologie der Vererbungs- erscheinungen bei haploiden Organis- men. 81. Hasebroek, K. , Der Melanismus von Cymatophora. 175. Heikertinger, F., Schutzmittel der Marienkäfer. 396. Heitz, Darmparasitenfauna des Lachses. 3S.V Hey der, R., Zunahme der Wachtel. 397. Hertwig, R., Das Verhalten der männ- lichen und weiblichen Erbsubstanz in den Geschlechtszellen bei Artbastardie- rung. 45. Heß, C. V., Bau und Funktion des Alci- opidenauges. 155. — , Farbensehen der Insekten. 319. Hesse, P., und D e w it z, J., Erblichkei' abnormer Windungsrichtung bei Schnek ken. 695. Jacobi, A., Anatomie des Elchgesichts Schädels. 660. VI Register. Kammerer, Fortpflanzung des Grotten- olms. 246. Kappers, A., Neurobiotaxis. 414. Klatt, Beeinflußbarkeit der Erbanlagen durch den Körper. 500. K olme r , W , Kristalloide in den Nerven- zellen der menschlichen Netzhaut. 193. Kraus, Saudek, Pregel, de Crinis, Serologische Vorherbestimmung des Ge- schlechts. 278. Kretzschmar, Ch., Nervensystem und jsphradiumartiges Sinnesorgan der Cy- clophoriden. ^Ö6. List, Teichplankton. 303. Lipschütz, Die Entwicklung eines penisartigen Organs beim maskulierten Weibchen. 45. Löhner, Warnreflex der Unken. 518. Marcus, Biologie des Aales. 661. Merkblatt zur Feststellung des Vorkom- mens der Fieberschnaken (Anopheles). 518. Meves, Plaslosomentheorie der Ver- erbung. 245. Nager, Versuche zur Wiedereinbürgerung des Steinbockes in den Schweizer Alpen. 769. Nuszbaum-Hilarowicz, J., Tiefsee- fische (Organe der inneren Sekretion). 661. Osterwald und Tänzer, Verbreitung von Anopheles in der Umgebung von Halle. U6. Pauly, M. , Frühjahrswanderung der Uferfauna. 225. Pause, J. , Larve von Chironomus gre- garius. 209. Peter, Der menschliche Wurmfortsatz. 142. Philippsen, Insektenwanderungen an der Nordsee. 702. Pregel, s. Kraus. Prell, H., Das Entstehen von Schnaken- plagen. 372. Kabl, C, Die Symmetrie des Wirbeltier- auges. 27. Koule, L. , Zahlenmäßiges Verhältnis beider Geschlechter zueinander und die Heranreifung der Keimdrüsen bei der Laichwanderung des Salms. 174. Sandek, s. Kraus. Schiemenz, F., Einfluß der Lebens- bedingungen auf die äußere Erscheinung unserer Süßwasserfische. 194. Schmidt, G., Lichtflucht der Clausilien. 641. Schmidt, W. J., Hautmuskel und Zell- sehnen beim Frosch. 300. Schreit niüller, W., Vorkommen der Sumpfschildkröte in Nordfrankreich. 500. Schuster, Wildeinbürgerung des Ailau- thusspinners. 117. Schwartz, M. , Nacktschneckenplage 1916 in Nordfrankreich. 703. Sikora, H., Eigenartiges Symbiose- verhältnis. 597. — , Seltene Hilfsaktionen bei der Eiablage. 641. Spemaun, H. , Neuere entwicklungs- geschichtliche Arbeiten. 444. Stellwaag, F., Blausäure im Kampf gegen den Traubenwickler. 501. Stieve, H. , Über den Einfluß der Ge- fangenschaft auf die Legetätigkeit und den Eierstock des Haushuhnes. 26. — , Veränderungen der männlichen Keim- drüsen saisondimorpher Tiere. 627. Strandberg, Chievitzsches Organ. 193. Ssy m anski, S., Beeinflussung der Tätig- keit der Tiere durch das Licht. 154. Tänzer, s. Osterwald. Thoman, H., Wanderzug des Uistel- falters (Vanessa cardui L.) 565. Vegezzi, G., s. Dhere, Ch. Veit, Kopfproblem. 642. Vogt, A., Vererbung in der Augenheil- kunde. 172. Wiederentdeckung der Wandertaube. 770. Yung, E., Concilium bibliographicum. 334- H. Botanik, Bakteriologie, Landwirtschaft, Pflanzenkrankheiten. ' Buder, J., Biologie der Purpurbakterien. 742. Di eis, L., Rhythmik und Verbreitung von Perennen. gS. Dittrich, G., Kolkwitz, R., Pilzver- giftungen. 157. Esmarch, s. Neger. G a ß n e r , G., Vom Entwicklungsrhythmus des Wintergetreides. 28. Göbel, Zur Organographie der Chara- ceen. 174. Götze, H., Hemmung und Richtungs- änderung begonnener Differenzierungs- prozesse bei Phycomyceten. 317. Haberlandt, G., Inwieweit unterliegen die Zellmembranen der Verdauung im tierischen Darm? 134. — , Physiologie der Zellteilung. 397, 755. Heinricher, Wirkungen des Mistel- schleims auf Pflanzengewebe. 173. Hiltner, s. Neger. K n i e p , H. , Geschlechtsdifferenzierung bei Sporidien der Brandpilze. 595. Kolkwitz, R., s. Dittrich, G. Lamprecht, W., Physiologie der Zell- teilung. 214. Lippmann, C. v., Vanillin in der Kar- toffel. 381. Löffler, B., Kontaktempfindlichkeit der Windepflanzen. 596. Meves, Fr., Spermien von Fucus und Chara. 28]. Neger, Esmarch, Hiltner, Blatt- rollkrankheit der Kartoffel. 594. Nienburg, W., Nitrophile Flechten. 333. Patschovsky, N., Oxalatlösungen in Pflanzenzellen. 426. Piedallu, A.. Ausweifen von Pflanz- löchern usw. 20S. Plaut, M., Periodische Erscheinungen an Wurzeln. 141. Renner, O., Erblichkeitsverhältnisse bei Oenotheren. 158. Stark, P. , Gültigkeit des Weberschen Gesetzes bei den haptotropischen Re- aktionen von Koleoptilen und Keim- stengeln. 192. Stellwaag, F., Kräuselkrankheit der Reben. 644. Weber, F., Das Frühtreiben der Pflanzen und die Winterruhe der Holzgewächse. 141. W e h m e r , Leuchtgasbeschädigungen 280. Zacher, Fr., Weißährigkeit der Wiesen- gräser. 644. I. Chemie, Mineralogie. Armstrong, E. F. , Einige technische Anwendungen der Katalyse. 118. Connstein, W., und Lüdecke, K., Glyzeringewinnung aus Zucker. 443. 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Bois-Reymond, Emil Du, Jugend- briefe an Eduard Hallmann. 476. Börnstein, R. , Die Lehre von der Wärme. 759. Boruttau, H. , Fortpflanzung und Ge- schlechtsunterschiedc des Menschen. 263. Register. Vli H randh o ff , A., Etwas aus Unendlichem. 44S. Brandstetter, K., Die Hirse im Kanton Luzern. 72- Brauns, R., Mineralogie. 376. Braunshausen, N., Einführung in die experimentelle Psychologie. 775. Brehms Tierleben. 215. Brill, A., Das Relativitätsprinzip. 415. Brunswig, H., Die Explosivstoffe. 335. Cohen-Kysper, A., Rückläufige Diffe- renzierung und Entwicklung. 47. Cohn, E. , Physikalisches über Raum und Zeit. 415. Deecke, W. , Morphologie von Baden auf geologischer Grundlage. 304. Deegener, Die Formen der Vergesell- schaftung im Tierreiche. 102. Demoll, Flug der Insekten und Vögel. 215. Dessoir, M. , Vom Jenseits der Seele. 632. Devrient, E., Farailienforschung. 744. Di eis, L., Ersatzstoffe aus dem Pflanzen- reich. 383. Dost-Hilgermann, Grundlinien für die chemische Untersuchung von Wasser und Abwasser. 384. Dürken, B., Einführung in die Experi- mentalzoologie. 725. Eichwald, E., und Fodor, A., Die physikalisch - chemischen Grundlagen der Biologie. 632. Eilermann, W. , Die übertragbare Hühnerleukose. 271. Erinnerungen an Theodor Boveri. 159. Ernst, A., Bastardierung als Ursache der Apogamie im Pflanzenreich. 773. Festschrift Eduard Hahn. 629. Floericke, K,, Spinnen und Spinnen- leben. 744. Föppl, A., Vorlesungen über technische Mechanik. 3S4. Freundlich, E. , Die Grundlagen der Einstein'schen Gravitationstheorie. 30. Frisch, K. v., Bakteriologie für Kran- kenschwestern, loi. Genetica. 429. Gerber, P. H., Die menschliche Stimme und ihre Hygiene. 272. Graetz, L. , Die Atomlehre in ihrer neuesten Entwicklung. 120. G r u b i c , D., Universal-Kausalprozel3. 462. Grünbaum, F., Elektromechanik und Elektrotechnik. 30. Haecker, V., Entwicklungsgeschicht- liche Eigenschaftsanalyse. II. 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Schmidt, Joh., Der Zeugungswert des Individuums beurteilt nach dem Ver- fahren kreuzweiser Paarung. 662. Schumburg, Die Geschlechtskrank- heiten, ihr Wesen, ihre Verbreitung usw. 263. Schwalm, J. H. , Mit Rucksack und Hammer durch Kellerwald und Knüll. 760. Sie Verl, O., Wetterkunde. 488. Silberer, H., Der Traum. 726. S o e rg e 1 , W., Lösse, Eiszeiten und Paläo- lithische Kulturen. 477. Spranger, Ed., Kultur und Erziehung. 760. Steche, O., Grundriß der Zoologie. 430. Stich, C, Bakteriologie und Sterilisation im Apothekenbetriebe. 159. Stoller, J., Geologischer Führer durch die Lüneburger Heide. 215. Strakosch - Grassmann, Ernteaus- sichten von 1919 — 1923. 744. Trier, G., Vorlesungen über die natür- lichen Grundlagen des Antialkoholis- mus. 261. Vater, R., Praktische Thermodynamik. 726. — , Die neueren Wärmekraftmaschinen. 727. Verworn, M., Kausale und konditionale Weltanschauung. 710. Wagner, G., Geologische Heimatkunde von Württembergisch-Franken. 696. Walther, J., Geologie der Heimat. 303. Weber, L., Einführung in die Wetter- kunde. 102. Weihe, C, Aus eigner Kraft. 272. Welten, H., Pflanzenkrankheiten. 680. W enger, R. , Die Vorherbestimmung des Wetters. 102. Weyl, H., Raum, Zeit, Materie. 415. Wiegner, G., Boden und Bodenbildung. 335- Wien, W., Vorträge über die neuere Entwicklung der Physik. 448. Wiener, O., Physik und Kulturentwick- lung. 120. Wiesen t, J., Die Fortschritte der draht- losen Telegraphie usw. 399. Wilhelmi, J. , Die hygienische Bedeu- tung der angewandten Entomologie. 198. — , Die angewandte Zoologie usw. 287. Wirtz, C, Tafeln und Formeln aus Astronomie und Geodäsie. 600. Wlassak, Ernst Mach. 709. Wolf, J. , Der Tabak, Anbau, Handel und Verarbeitung. 198. W u n d t , M., Griechische Weltanschauung. 503- Zander, R., Vom Nervensystem usw. 271. Zimmermann, Leo, Saladini de As- culo compendium aromatariorum. 600. Zittel, V., Grundzüge der Paläontologie. 429. Zschokke, D. , Der Flug der Tiere. 261. Zsigmondy, R., Kolloidchemie. 475. VIII Regislct. V. Anregungen und Antworten, Berichtigungen usw. Ambra, Geschichtliclie Notiz. 480, 776. Anfrage. 431. Anpassungsvermögen , Nichlausnutzung. 264. Atmungswärme bei Koniferennadeln. 336. Aufruf. 77^- Aufruf zur Mitarbeit an einer Wirbeltier- fauna von Hessen. 184. Berichtigung. 4S0, 680. Biologische Anstalt auf Helgoland. 479. Blausäure zur Bekämpfung von Ungeziefer. 88, 230. Blockade und Wetterdienst. 230. Blutbewegung im Rückengefäß der In- sekten. 231. Camera obscura, Erfindung der. 728. Chamisso und die Grippe. 128. Coccinelliden. 776. Diplokpis. a,yi. Druckfehlerberichtigung. 128, 184 664. Entgegnung. 200. Farbensehen der Insekten. 568. Galläpfel. 231. Gesang der Vögel während der Schlacht. 664. Geschlechtsbegrenzte Speziesmerkmale. 144. Giftwirkungen bei „eßbaren Pilzen". 712. Gips im Brot. 232. Glühwürmchen in kalter Jahreszeit. 264. Humanistische Vorbildung. 431, 560, 712. Kalkgeschiebe. 479. Lausfliegen. 560, Lichtschimmer beim Zerreißen von Zeitungs- papier. 480. Lionardo da Vinci als Physiker. 728. Marienkäfer, Massenwanderung. 199, 216. Microgaster, sticht er die Raupen oder die Eier an? 231. Mutationsfrage. 712. Rösselsprung. 462. Schlupfwespen. 432. Störche, Familienleben. 232. Tannenhäher in Hessen. 775. Temperaturstrahler, spektrale Zusammen- setzung. 232. Tiere ohne Nahrung, Lebensdauer. 432. Tierpsychologie, zusammenfassende Dar- stellungen. 87. J. G. Vogt f. 712. Wintcrgetreide , Entwicklungsrhythmus. 232. Wühlmäuse. 560. Zikaden, Gesang. 48. VI. Verzeichnis der Abbildungen. Alciopidenauge, Sagittalschnitt. 156. Ameise, Rückengefäß. 231. As bei Labina. 54S. Asar zwischen Plinka und Buwidischki. 248, , , 547 Asar-Landschaft am Kleinen Skirna-See. 548. Augenbecher vom Kaninchen, Äquatorial- schnitt. 27. — vom Torpedoembryo. 28. Belad el Djerid , Landschafts- und Vege- tationsbilder. 434 — 439. Blattgrundformen. 590. Blockpackung bei Burni am Dryswjaty- See. 549. Bunsenbrenner, chinesische Urform. 350. Cymatophora or F. und ihre Aberratio al- bigensis. 175. Drosophila, Mutationen. 106. — , Vererbungsschemata. 108, lio, iil, 112, 113. Elchkopf. 660. Elefant, indischer. 220. Flechten auf Rieselstraßen an Baum- stämmen. 334. Frische Nehrung, Karte. 705. Gallen von Diplolepis. 231. Gallenbilder, alte. 767, 768. Goethes Zeichnung: Höhen der alten und neuen Welt. 523. Johannisbeere , Abbildung im ,, Nieder- ländischen Gebetbuch". 347. Kakteendorn im Domschatz zu Regens- burg. 665. Kalmus, Bild von Dioscorides. 634. Kartoffelkrankheiten. 90, 91, 93, 9?, 9(1, 97- Laubblattentwicklung. 586, 587. Läuseeier. 670. Lepadogaster, Augen. 742. Lichas armatus. 692. Mastodonrekonstruktion. 231. Meerschweinchen, Geschlechtsgegend nor- maler, maskulierter und kastrierter Weibchen. 46. Mineralquellen des westfälisch-lippischen Berglandes, Karte. 676. Neonlampe, Modell. 365. Panjepferde. 234, 235, 236. Phaseolus vulgaris, Abbildung aus dem Codex Dioscorides. 307. — , Abbildung aus Fuchs' Kreutterbucb. 309- Pigmentzellen von Gobius minulus. 327. Pottwal, Abbildung von Saenredam. 358. Przewalski-Pferd. 235. Stachelbeere, Abbildung im Breviarium Grimani. 347. Teleostier, Kleinhirn. 146. — , geöffnete Schädelhöhle. 147. — , Anatomie. 79. Unke, Warnreflex. 518. Vanadis formosa, Auge. 151. Verwitterungserscheinungen im Buntsand- stein der Rheinpfalz. 328, 338. Wasserleitungsbahnen in Blättern. 130, 133. Windepflanzen , Kontaktempfindlichkeit. 597- ^ .. Zahnwale, Abbildung von Petrus Candi- dus. 357. VII. Neue Literatur. 32, 64, 72, 88, 104, 128, 160, 176, 200, 216, 248, 272, 288, 304, 320, 370, 384, 400, 416, 432, 44S, 464, 480, 486, 504, 544, 560, 568, 616, 664, 728, 776. O. PäH'sche Buchdr. Uppsrl 4 Co. G. m. b. H., Naumburg a. A. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge i8 Band; der ganzen Reihe 34. Band. Sonntag, den 5. Januar 1919. Nummer 1, Über das Sehen und Erkennen bei Nacht. [Nachdruck verboten.] Von P. Metzner. Durch die moderne Kriegführung ist die Tätigkeit des Soldaten im Felde zum großen Teil in die Nachtstunden verlegt worden. Im Schutze der Nacht wird geschanzt, wird Munition im Trichtergelände vorgetragen, werden Pa- trouillen gemacht — in der Nacht arbeitet auch der Feind: In der Nacht muß scharf beobachtet werden. Das alles stellt besonders hohe An- forderungen an das Sehen und Unterscheiden, Anforderungen, die für die meisten Menschen völlig neuartig sind. Eine große Zahl von Leuten klagt nun, daß ihr Sehvermögen in der Dämme- rung und in der Nacht gegenüber dem der Kame- raden ganz unverhältnismäßig schlechter sei. Es dürfte interessieren, einmal dem Grund der Beschwerden etwas nachzugehen und zu sehen, inwieweit diese Klagen berechtigt sind. Von vornherein sind verschiedene Möglichkeiten denk- bar. Einmal könnten physikalische Anomalien wie Trübungen des optischen Apparates oder hochgradige Kurz- oder Weitsichtigkeit die Ursache sein. In der Regel denkt man aber an physiologische Gründe, (ungenügende F"unk- tionstüchtigkeit des lichtperzipierenden Organes). Endlich müssen wir noch an Dinge denken, die mit dem Sehen an sich nichts zu tun haben, an psychische Gründe. Wegen der besonderen Verhältnisse im licht- empfindlichen Apparat — dem Auge — seien noch einige anatomisch-physiologische Einzel- heiten in Erinnerung gebracht. In der Netzhaut des Auges besitzen wir zweierlei lichtempfind- liche Apparate, die sich anatomisch als „Zapfen" und „Stäbchen" unterscheiden lassen. Die Zapfen vermitteln uns die Farbenempfindung, reagieren aber erst auf verhältnismäßig starke Reize. Die Stäbchen dagegen, die an den Außengliedern den ,, Sehpurpur" tragen, stellen höchst lichtempfindliche Gebilde dar, die bei stärkerer Belichtung (wenn der Sehpurpur aus- gebleicht ist) fast außer Funktion treten. Farben werden mit den Stäbchen nicht gesehen, nur Helligkeiten; die Reizschwelle liegt aber be- deutend niedriger als bei den farbenempfind- lichen Zapfen. Besonders wichtig für unsere Be- trachtung ist die Verteilung dieser beiden Ele- mente: in dem etwa i Grad umfassenden zentralen Bezirk der Netzhaut, mit dem wir das in der Verlängerung der Augenachse gelegene , Objekt scharf und deutlich sehen oder „fixieren" (zentral im sog. „gelben Fleck") finden sich nur Zapfen, deren jeder eine besondere Nervenbahn zur Sehrinde des Großhirnes besitzt. In den äußeren Teilen der Netzhaut dagegen häufen .sich vom Zentrum nach der Peripherie zu die Stäbchen, deren an sich ja größere Empfindlichkeit in den äußeren Bezirken noch durch eine Art „Parallel- schaltung" gesteigert wird: es hat da nicht jedes Stäbchen seine eigene Sehbahn; mehrere Stäb- chen übertragen ihre Erregung einer Nerven- faser und addieren so ihre Empfindlichkeit — allerdings auf Kosten der Sehschärfe. Das spielt aber für uns keine Rolle, weil die Randpartien der Netzhaut wegen der Krümmung der Bild- fläche und wegen der Abbildungsfehler des op- tischen Systems an sich schon nur sehr unscharfe Bilder erhalten. ') Unsere sichere Orientierung im Räume verdanken wir einesteils der ausgie- bigen und raschen Beweglichkeit unserer Augen, andererseits der Eigentümlichkeit, daß die Rand- teile der Netzhaut infolge der geschilderten Be- sonderheiten zur Erkennung von Bewegungen (also Helligkeitsänderungen) besonders ge- eignet sind. Dadurch werden wir auf diejenigen Raumteile hingewiesen, in denen sich irgend etwas ändert, dem wir also unsere Aufmerksam- keit zuwenden müssen. Um die Art des Ge- schehens schart zu erfassen, müssen wir dann das Bild dieser Gegend in den Bereich des besten Sehens bringen — wir müssen „fixieren". Zum Schluß sei noch einmal betont, daß der^ zentrale Bereich des „gelben Fleckes" zwar farbentüchtig ist, aber nur bei genügender Hellig- keit richtig arbeitet. Schon bei der Hellig- keit des Vollmondes machen sich Störungen bemerkbar: das Lesen feinster Druckschrift, das Ablesen feiner Karten ist schon deutlich erschwert. Geht die Helligkeit noch weiter herunter, dann scheiden die Zapfen völlig aus und nur der farben- bhnde Stäbchenapparat vermittelt dann das Sehen; da das Zentrum keine Stäbchen ent- hält, ist ein „Fixieren" dann nicht mehr möglich. Nur die äußeren Teile der Netzhaut vermitteln das Bild, das nun längst nicht mehr so scharf ist- als wir im Hellen gewohnt sind zu sehen. Daher auch das eigenartige Flimmern, das Ungewisse der Objekte. Ein lichtschwacher Stern z. B., der eben noch sichtbar war, verschwindet in dem Augenblick, in dem wir ihn genau ins Auge fassen wollen, um im nächsten Augenblick bei etwas seit- licher Stellung wieder aufzutauchen. Dieses „Stäbchensehen" tritt nun nicht sofort ein, wenn wir etwa aus dem Hellen in einen dunklen Raum treten : wir müssen uns erst an die Dunkelheit „ge- *) Die psychologische Zweckmäßigkeit dieser Einrichtung mag hier nur angedeutet werden. Wie auf jedem anderen Gebiet kann die Aufmerksamkeit sich nur auf eine ganz be- schränkte Anzahl von gleichzeitigen Bewußtseinsinhalten konzentrieren — ist dagegen imstande in zeitlich rascher Auf- einanderfolge eine große Anzahl von Eindrücken aufzunehmen. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. I wohnen", d. h. wir sind anfangs fast blind, und das Auge erlangt erst allmählich seine hohe Empfindlich- keit. Dieser Vorgang, „Adaptation" genannt, bean- sprucht etwa 40 — 50 Min. beim normalen Menschen. Physiologisch wird er erklärt durch die Zeit, in der sich der Sehpurpur — der ja bei heller Beleuchtung sofort bei der Bildung wieder zerstört wird — neubildet. Erwähnenswert ist noch, daß sich die enorme Empfindlichkeitssteigerung nur auf das kurzwellige Licht bezieht, was sich schon aus physikalisch- chemischer Betrachtungsweise ergeben muß: nur absorbierte Energie kann in andere Energieformen umgewandelt werden. Hier wird das langwellige Rot durchgelassen bzw. reflektiert, bleibt also unwirksam; nur das absorbierte grüne bis blaue Licht wirkt bleichend und erregend und erzeugt so eine Lichtempfindung. Den Aus- fall des zentralen Sehens bei geringen Intensitäten kann man sehr gut beobachten, wenn man eins der lichtschwachen selbstleuchtenden Radium- präparate — wie sie etwa zu nachtleuchtenden Zifferblättern verwandt werden ^) — im Dunkeln mit einer Lupe betrachtet. Man sieht dann einen Sternhimmel im Kleinen : Auf nachtschwarzem Grund unzählige aufleuchtende und blitzschnell wieder verschwindende Sternchen (ebenso wie im Thoms on 'sehen Spinthariskop). Versuchen wir die Erscheinung gleich nach dem Eintritt ins Dunkle zu sehen, so gelingt das nicht: die Intensität ist so gering, daß die Zapfen gar nicht erregt werden und die Stäbchen sind noch nicht aufnahmebereit, da der Sehpurpur noch fehlt. Allmählich — nach etwa 3 — 4 Minuten sehen wir einen schwachen Lichtschein — aber nur, wenn wir an dem Prä- parat vorbeisehen. Später sehen wir dann das oben beschriebene Bild, aber wo wir auch hin- sehen mögen, überall sehen wir einen dunklen runden Fleck, der mit dem Blick wandert (der anfangs größer ist und sich bis auf eine bleibende Größe verkleinert). Dieser Fleck entspricht dem stäbchenfreien Bezirk. Physikalisch bedingte Störungen des Sehens bei Dunkelheit können entweder durch Trü- bungen oder durch Brechungsfehler veranlaßt sein, wie schon oben erwähnt wurde. Daß Trübungen der Hornhaut, der Linse oder des Glaskörpers — mögen sie nun diffus oder partiell sein — neben einer Verschlechterung des Unterscheidungs- vermögens auch die Lichtempfindlichkeit des Auges beeinträchtigen, ist ohne weiteres klar, da sie nicht nur Licht absorbieren, sondern den durch- gelassenen Teil auch noch diffus zerstreuen. Nicht so eindeutig ist das von den Brechungs- fehlern zu sagen. Plier ist zwar schon bei ge- ringer Kurzsichtigkeit die zentrale Sehschärfe stark herabgesetzt (ohne korrigierende Gläser), die Licht- empfindlichkeit der Stäbchen wird dadurch nicht beeinflußt. Im Gegenteil , die Dunkelsehschärfe (parazentraleSehschärfe) nimmt nicht im selben Maße ab, wie man nach der Abnahme der zentralen Seh- schärfe erwarten sollte. Das hängt mit der Form und Ausdehnung der Zerstreuungskreise zusammen, die die Abbildung vermitteln. Wird passende Brille getragen, so liegen die Verhältnisse wie beim Normalsichtigen. Bei hochgradiger Kurz- und Weitsichtigkeit sind natürlich auch erheblichere Störungen des Orientierungsvermögens im Dunkeln zu verzeichnen; meist sind dann aber auch schon krankhafte Veränderungen im Augeninnern nach- weisbar. Dagegen treten schon bei verhältnismäßig geringen Graden von Astigmatismus (wenn die Hornhaut nicht in allen Meridianen gleichmäßig gekrümmt ist) gröbere Störungen auf. Auch das ist wegen der ungünstigen Lichtverteilung be- sonders der das optische System schief durch- setzenden Strahlenbüschel verständlich. Wichtiger sind die Störungen, die sich aus physiologischen Ursachen erklären. Zunächst kann man feststellen, daß die Empfindlichkeit der lichtperzipierenden Elemente individuellen Schwan- kungen von großem Umfange unterliegt. Mehrere Hundert Messungen^) an Soldaten in einer front- nahen Augenstation ergaben, daß in der Regel eine Fläche von 10" Raumwinkel im völlig dunklen Raum schon dann erkannt wird, wenn ihre Helligkeit (Beleuchtungsstärke) gleich ^20000 bis Veoüoo Meterkerzen beträgt*). In der Regel werden V^oooo Meterkerzen erkannt — in ein- zelnen Fällen kommt man aber auch auf Werte über V250000 Meterkerzen. Dies gilt von für das ausgeruhte („adaptierte") Auge, d. h. nach dreiviertelstündigem Dunkelaufenthalt und für kurzwelliges Licht. — Wenn man von heller Landstraße ins Dunkle tritt, vermag man im ersten Augenblick gerade die Helligkeit einer Meterkerze noch zu erkennen, die Empfindlichkeit steigt dann während der ersten Minuten erst lang- sam, dann rascher, bis sie nach 40—50 Minuten den Endwert erreicht. An dieser Stelle mag ein- gefügt werden, daß es Menschen gibt, die eigent- lich im Dunkeln besser sehen als bei Tage : das sind die Albinos, die kein Pigment besitzen. (Man kennt sie leicht an den schlohweißen Haaren, der weißlichen Regenbogenhaut und der rot auf- leuchtenden Pupille.) Deren Augen entbehren ganz des Lichtschutzes durch den in Regenbogen- haut und Aderhaut eingelagerten Farbstoff: die Leute werden vom Tageslicht schon so geblendet, daß sie dauernd die Augen zukneifen müssen. Ein vollkommener Albino ist auch farbenblind (ihm fehlen die Zapfen fast völlig) und kann nicht fixieren. Der Stäbchenapparat ist dagegen normal ausgebildet : die Empfindlichkeit zeigt meist recht ') Die Präparate bestehen meist aus Zinksulfid (Sidot- blende), dem etwas radioaktives Material beigefügt ist. Leucht- schirme dieser Art liefert z. B. die Ges. f. Verwerlg. ehem. Produkte, Berlin O. 17. Die Präparate dürfen für diesen Versuch vorher nicht ans Licht gebracht worden sein. ') Die Messungen werden an besonderen Apparaten (Adaptometern) ausgeführt, die die erkannte Helligkeit zahlen- mäßig festzustellen erlauben. Ich hatte Gelegenheit, mit dem „vereinfachten Adaptomeler" von Stargar dt (^Bonn) zu ar- beiten. *) Das entspricht der Helligkeit einer Fläche, die aus 158 bzw. 245 m von einer Normalkerze erleuchtet wird ^vorausgesetzt, daä die Luft nichts absorbiert) ! N. F. XVni. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 3 hohe Werte, so daß diese Leute in der Dunkel- heit in der Tat vielen Normalen überlegen sind. — Die Sehschärfe bei herabge'^etzter Beleuchtung sinkt sehr schnell; bei '/soo Meterkerzen ist die Sehschärfe nur Vio ^c"" Sehschärfe bei Tage, bei ^/loino Meterkerzen gar nur weniger als Vioo- Daß man trotzdem nicht so ganz hilflos ist, ver- dankt man eben besonders der Empfindlichkeit der peripheren Netzhautbezirke für Bewegungen. Und bewegt sich das Objekt auch nicht, so macht doch das Auge im Dunkeln „Suchbewegungen". Außer der Bewegung hat auch Größe der Objekte und Dauer der Bewegung Einfluß auf die Empfindlich- keit. Störungen können auftreten, wenn die An- passung an die Dunkelheit durch kurzdauernde Belichtung unterbrochen wird, daher die vielen Klagen über Blendung durch Leuchtkugeln. Tat- sächlich wird eine große Helligkeit vom ausge- ruhten Auge direkt als schmerzhaft empfunden. Eine dauernde Schädigung — wie viele Leute behaupten — kann jedoch dadurch allein nicht verursacht werden. Andererseits können auch Störungen auftreten, deren Ursachen im Auge selbst zu suchen sind. Es gibt mitunter im Auge Lichtempfindungen, denen kein äußerer Reiz entspricht, das sog. „Eigenlicht". Ursache ist vielleicht stärkere Blut- füllung der Gefäße ''). Die Intensität ist recht gering, tritt also bei hellerer Beleuchtung zurück, kann jedoch im Dunkeln die schwachen Licht- eindrücke zu Zeiten völlig verwischen. Die Leute sprechen dann von hellen Nebeln vor den Augen. Dies alles gehört noch in das Gebiet des Nor- malen. Wirklich erhebliche Beeinträchtigung er- fährt das Sehen im Dunkeln aber nur bei einer dauernden Funktionsstörung der Stäbchen. Ist die Empfindlichkeit der Stäbchen besonders stark herabgesetzt, so spricht man von „Nachtblindheit". Die Sehschärfe bei Tage braucht dabei gar nicht beeinträchtigt zu sein ; aber schon in der Dämmerung sind derartige Leute fast hilflos und müssen sich führen lassen. Bereits beim Vollmondlicht sind wirklich Nachtblinde schon stark in der Orien- tierung behindert. Eine solche Herabsetzung der Empfindlichkeit kann angeboren oder erworben sein. Die angeborene Nachtblindheit ist auch erblich. Am Auge selbst ist mit den gewöhn- lichen Methoden der Augenuntersuchung meist nichts Anormales nachzuweisen. Andere optische Methoden, z. B. die Prüfung mit der Nernstspalt- lampe , haben zu verschiedenen, zum Teil noch bestrittenen Ergebnissen geführt wie etwa Durch- lässigkeitsverminderung der brechenden Medien für kurzwelliges Licht. Eine andere Ursache könnte mangelnde Fähigkeit zur Bildung des Sehpurpurs sein. Meist ist wirklich vorhandene Nachtblindheit erworben — eine Folge von Er- krankungen der inneren Augenhäute. Besonders eine Form von Netzhautentzündung, die mit eigen- ') Jeder mechanische Reiz auf ein Sinnesorgan wird ja als homologer Reiz empfunden, vom Auge als Licht, vom Ohr als Ton usw. artiger Pigmentverschiebung im Augeninnern ein- hergeht (die sog. Retinitis pigmentosa), ist stets mit völliger Nachtblindheit verbunden bei manch- mal noch wenig beeinträchtigter Sehleistung im Hellen. Helligkeiten, die unter V20 Meterkerzen sind, werden dann schon nicht mehr erkannt. Auch bei Erkrankungen anderer Organe sind vorübergehende Störungen der Stäbchen funktion beobachtet worden, so z. B. bei gewissen Nieren- und Gallenblasenleiden. Beachtenswert ist, daß auch die Unterernährung (besonders der Mangel an Fettzufuhr) neben der allgemeinen Erschlaffung eine Herabsetzung der Netzhautempfindlichkeit hervorrufen kann ; durch entsprechende Diät wer- den derartige Störungen in der Regel bald wieder beseitigt. Auf alle Eindrücke und Willensäußerungen wirken regulierend und beeinflussend psychische Momente. Der aufnehmende Apparat (das Auge) mag völlig intakt sein, und trotzdem können Sehstörungen angegeben werden. Einflüsse, die psychisch bedingt sind. Wir wollen hier zwischen solchen Beeinflussungen unterscheiden, die dauernd bestehen und solchen, die nur zeitweise (unter bestimmten äußeren Bedingungen) auftreten. Als wichtigsten P'aktor möchte ich das an- sprechen, was man gemeinhin als Intelligenz bezeichnet. Ein intelligenter Mensch mit ge- ringerer Sehleistung wird auch bei Tage mitunter ebenso Gutes leisten können als ein Normalsichtiger — der Krieg hat uns schon genug Beispiele da- von geliefert — um so mehr bei Nacht, wo auch der Normale Schwierigkeiten begegnet, mit denen sich der andere schon immer abfinden mußte. Dahin gehört, daß viele derartige Menschen gar nicht wissen, daß sie schlechter sehen als andere. Der Intelligente arbeitet eben nicht allein mit dem gebotenen Gesichtseindruck — er vergleicht mit vorher Gesehenem, benutzt geringe parallak- tische Verschiebungen, Kombination mit Gehörs- eindrücken usw. In derselben Weise ist der Intelligente den anderen beim Sehen in der Nacht überlegen. Freilich eins gehört unbedingt dazu: guter Wille und Anspannung der Aufmerksam- keit. Das gewährleistet erst volle Ausnutzung aller Vorteile. Ebenso abhängig von bewußter Willensanspannung ist der Vorteil, der sich durch Übung erlangen läßt. Unsere Seeleute leisten Staunenswertes beim Beobachten in finsterster Nacht, das kann jeder bestätigen, der Gelegen- heit gehabt hat, sie bei der Arbeit zu sehen. Hier kommt auch neben der Übung in Betracht, daß die Betreffenden wissen, was sie sehen werden — bestimmte Erscheinungen erwarten. Das ist ein Vorteil, der sich schon in einer Verkürzung der Reaktionszeit ^) gegenüber dem Eintreten eines unerwarteten Ereignisses ausdrückt. Aus diesen Gründen sind auch die Leute, die sich viel im Freien bewegen und beobachten, z. B. *) Die „Reaktionszeit" , d. h. die Zeit, die zwischen der Aufnahme des Reizes und seinem Bewußtwerden verstreicht, kann experimentell mit Hilfe besonderer Apparate (Hipp'sches Chronoskop) gemessen werden. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. I Jäger, gegenüber anderen von vornherein im Vorteil. 1 — Daß Leute mit gröberen Schädi- gungen der im Gehirn verlaufenden Sehbahnen ynd ihrer Nebenbahnen (Assoziationsfasern) auch zu Beobachtungen während der Nacht nicht ge- eignet sind, bedarf wohl weiter keiner Diskussion. Das Sehvermögen an sich kann dabei völlig intakt sein, wie z. B. bei der optischen Agnosie (der Unfähigkeit, einen gesehenen Gegenstand z. B. ohne Betasten zu erkennen), der Alexie (der Unfähigkeit, zu lesen, obwohl das ge- sprochene Wort verstanden wird und die einzel- nen Buchstaben erkannt werden) usw. Das sind nun allerdings ganz giobe Beispiele, es gibt aber auch Störungen der Art, die weniger auffällig sind, aber trotzdem die Brauchbarkeit eines Menschen wesentlich herabsetzen. Meist sind dann aber noch andere körperUche Symptome vorhanden (z. B. bei multipler Sklerose). ') Schon oben wurde der Emfluß des guten Willens auf die Beobachtungstüchiigkeit angedeu- tet. Umgekehrt kann man sagen, daö die Leute, die sich einbilden, bei Nacht schlecht zu sehen, auch tatsächlich Beschwerden haben und vielleicht suggestiver Behandlung zugänglich sind. Bei unseren Messungen stellte es sich wenigstens heraus, daß unter den wegen ihrer Klagen unter- suchten Leuten über die Hälfte normale oder wenigstens annähernd normale Anpassungsfähig- keit besaßen. Nun ist auch eine allbekannte Tatsache, daß derartige Klagen mitunter ende- misch auftreten, wenn einmal — etwa in einem Armierungsbataillon — einer oder der andere wegen Sehstörungen vom Nachtdienst befreit ') Als Beispiel einer derartigen nur vorübergehenden Stö- rung mag die akute Alkoholvergirtung (^der Rausch) genannt werden, wo zwar das Sehvermögen an sich kaum leidet, wohl aber die Fähigkeit, das Gesehene zu beuneilen und richtig zu verwerten. wird. Früher war man im Felde nur auf den Augenspiegelbefund und unzuverlässige oder umständliche Prüfungsmethoden angewiesen. Jetzt besitzen wir eine Reihe von Adaptometern, die einwandfrei arbeiten und besondere Methoden, die auch bei geschicktester Simulation oder Übertreibung nicht versagen, so daß man imstande ist, die Wahrheit der Behauptungen nachzuprüfen. Doch auch völlig Normale unterliegen manchmal Störungen, sei es wegen der übermäßigen Anspan- nung aller Sinne (die Klarheit des Bewußtseins erlei- det auch Schwankungen), sei es wegen körperlicher Ermüdung. Beides spielt ja im Schützengraben- leben eine große Rolle. Dazu kommt die dauernde Lebensgefahr : Furcht, Angst sind Faktoren, die einesteils erregend, andernteils hemmend auf den Ablauf der körperlichen und geistigen Funktionen wirken können. Jedenfalls aber begünstigen sie das Auftreten von Sinnestäuschungen (Halluzina- tionen), beeinflussen auch die Intensität des oben erwähnten „Eigcnlichts". Dasselbe gilt von jeder geistigen Erregung: Zorn, Unzufriedenheit, aber auch t-reude kann die Zuverlä>sigkeit der Be- obachtungen in Frage stellen. Das gilt von den Beobachtungen während der Nacht in besonderem Maße, wo das Verstummen der Geräusche des Tages und die Dunkelheit dem Auftreten von solchen Erregungen (besonders Furcht) Vorschub leisten. Jedenfalls soll man Leute, die über „Nacht- blindheil" klagen und bei denen sich objektiv nichts nachweisen läßt, die auch zuverlässige An- gaben machen und gute Netzhautempfindlichkeit haben, nicht als Aggravanien behandeln, sondern sich erst einmal nach näheren Umständen erkun- digen. Befreiung vom Nachtdienst kann natürlich nur bei nachgewiesener erheblicher Störung des Dämmerungssehens erfolgen oder bei hysterischen u. a. Leuten, deren Beobachtungen voraussichtlich wertlos sind. tlber geschlechtsbegreuzte Speziosmerkniale bei Süßwasserorganismen und deren eventnelle experimeutelle Aulkiäriuig durch das Meiider.sche Spalt uug.sgesetz. tNacKdtuck verboten.] Von V. Brehm-Eger. Obgleich Woltereck durch seine erfolgreichen experimentellen Arbeiten der Süßwasserbiologie sozusagen neue Wege gewiesen hat, indem er zu- gleich die Bedeutung unserer Süßwassermikroorga- nismen für die Abstammungs- und Vererbungslehre deutlich machte, scheint man in Kreisen der Hydrobiologen dieser Richtung noch zu wenig Interesse entgegenzubringen; vielleicht mögen die durch den Krieg geschaffenen ungünstigen Be- dingungen hemmend wirken. In den mit der Vererbungslehre beschäftigten Kreisen hinwiederum dürfte man mit dem durch die Süßwasserbio- logie gefundenen Material, das für derlei Unter- suchungen von Interesse wäre, weniger vertraut sein.. So mag es nicht unangebracht sein, auf zwei Fälle aufmerksam zu machen, die vermutlich der experimentellen Behandlung zugänglich und dadurch geeignet sind, unsere Kenntnisse über Vererbungsvorgänge zu vertiefen. I. Über sog. „polymorphe Kopepoden- m ä n n c h e n" und latente Speziescharak- tere bei Süßwasserorganismen. Dr. Thaliwitz berichtet -in seiner Abhand- lung „Über Dimorphismus der Männchen bei einem Süßwasserharpacticiden" (Zool. Anz., Bd. XLVI, S. 238) über das Vorkommen zweier verschiede- ner Männchen bei Canthocamptus minutus Claus, von denen das eine das für das Weibchen der genannten Art so außerordentlich charakte- ristische Merkmal der Doppelzähne am Rand des Analdeckels aufweist, während das andere nur einspitzige Zähne und dadurch große Ähnlichkeit mit dem Männchen des nahe verwandten Cantho- camptus Vejdovskyi besitzt. Für unsere weiteren Überlegungen ist es jedenfalls wichtig zu betonen, daß — soweit bisher die Erfahrungen reichen — nicht beiderlei Männchen innerhalb derselben Ko- N. F. XVIII. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. ■5 lonie auftreten, sondern daß eine bestimmte minu- tus-Kolonie nur einen der beiden Männchentypen enthält. Dieser Fall erinnert sehr an einen ähnlichen früher von mir beschriebenen, der mich zur Auf- stellung des Diaptomus Steuer! veranlaßte. Im Plankton des Gardasees ist die Gattung Diaptomus durch eine Art vertreten, welche früher mit D. gra- cilis identifiziert wurde, ein Irrtum, der sehr be- greiflich erscheint, da die Weibchen dieses Diap- tomus wirklich mit denen des D. gracilis über- einstimmen. Bei der Untersuchung der IVlännchen aber stellte sich heraus, daß diese durch eine ganze Reihe konstanter Merkmale von den gra- cilis-Männchen abweichen, so daß die Aufstellung einer noy. spec. eben des D. Steueri notwendig erschien. (Vgl. Brehm-Zederbauer: „Beiträge zur Planktonuntersuchung alpiner Seen" in Verh. k. k. zool. bot. Ges. Wien 1904, S. 638.) Wohl mit Rücksicht auf die morphologische Übereinstimmung der Weibchen hat Ä. Tollinger in ihrer Arbeit „Die geographische Verbreitung der Diaptomiden (Spengel, Zool. Jahrb. XXX, 1911) den Diaptomus Steueri als Varietät des gracilis angeführt. Aber die seither gemachten Erfahrungen bestärken mich in der Überzeugung, daß hier trotz der morphologischen Identität der Weibchen zwei gute Arten, d. h. genotypisch verschiedene Formen vorliegen. Es sind mir nämlich noch zwei Steueri- Kolonien unterge- kommen, die eine in dem dem Gardasee benach- barten Ledrosee und die andere aus einem auf einer süddalmatinischen Insel gelegenen See; um welche Insel es sich handelte ist mir leider entfallen ; das Material wurde mir von Herrn Prof. Werner- Wien übergeben und war durch vorherrschendes Auftreten von Pedalion auffallend. Diese drei einzigen bisher bekannten Steueri-Kolonien lassen die Art als periadriatisch bezeichnen.^) Trotzdem mir bereits ziemlich viel Material aus periadriatischen Süßwasserbecken durch die Hand gegangen ist, kam mir doch noch keine Diapto- muskolonie unter, welche Zwischenformen zwischen gracilis und Steueri darstellen würde. Zudem spricht für die Trennung dieser beiden Arten auch ihre geographische Isolierung. Es ist bisher kein beglaubigter Fall bekannt, daß innerhalb des Ver- breitungsgebietes des D. Steueri eine gracilis- Kolonie vorkäme; cf. hierüber Tollinger 1. c. S. 82. Trotz der weitgehenden Ähnlichkeit dieser beiden Fälle, des Canthoramptus minutus und des Diaptomus Steueri, haben dieselben eine ungleiche Bewertung gefunden. Im Falle Diaptomus haben die zwei Männchenformen zur Aufstellung zweier Spezies Veranlassung gegeben, während, im Falle Canthocamptus lediglich von dimorphen Männchen einer Spezies die Rede ist. Da auch in anderen, gleich zum Vergleiche heranzuziehenden Fällen ') Die Pocbene ist bekanntlich ein erst in junger Zeit zugeschütteter Ausläufer der Adria, so daß die dem Südrand der Alpen dortselbst angehörenden Organismen noch dem Begrifif periadriatischer Formen zugerechnet werden können. von polymorphen Männchen oder Weibchen die Rede ist, ist es wohl nötig, darauf hinzuweisen, daß es sich bei dieser zweifachen Auffassung nicht nur um einen Wortstreit, sondern um einen essen- tiellen Unterschied handelt. Reden wir nur von dimorphen Männchen, so setzen wir damit im- plicite voraus, daß die zugehörigen Weibchen nicht nur morphologisch, sondern ihrem ganzen Wesen nach, d. h. genotypisch identisch sind ; trennen wir gestützt auf die Unterschiede der Männchen zwei Arten, so sagen wir damit, daß auch die Weibchen, trotz ihrer morphologischen Identität verschieden sind, verschieden in der Zusammensetzung ihres Artplasma, in ihrer genotypischen Konstitution. Daß solche latente Verschiedenheiten vor- kommen, ist ja eine dem Süßwasserbiologen sehr naheliegende Annahme, deren Bedeutung durch einige kurze Hinweise stärker betont werden soll. Wir stehen öfters vor der dem Systematiker sehr unbequemen Erscheinung, daß die morphologischen Unterschiede zweier Arten nur in bestimmten Phasen ihrer Entwicklung hervortreten. Rhode hat in seiner Abhandlung „Über Tendipediden und deren Beziehungen zum Chemismus des Wassers" (Deutche Entomol. Zeitschrift 1912) auf die merkwürdige Dissonanz aufmerksam gemacht, die zwischen der „Imaginalsystematik" von K i e f f e r und der Larven- und Puppensystematik besteht; denn viele der von Kieffer auf Grund des Aussehens des ent- wickelten Tieres aufgestellte Arten sind im Larven- stadium gar nicht zu unterscheiden. „Es wäre nun zu eigentümlich" — meint Rhode — „wenn sich aus gfbichen Larven Imagines entwickeln sollten, die ihrem Aussehen nach so verschieden wären, daß man sie als spezifisch unterschieden auffassen müßte. Nach meinem Dafürhalten ist die verschiedene Färbung der Imagines in vielen Fällen lediglich auf die Ernährung bzw. auf die „Lebensweise der Larven und Puppen zurück- zuführen". So weit Rhode, der demnach die von Kieffer unterschiedenen Tendipedidenarten für Modifikationen hält, um einen Terminus der modernen Vererbungslehre zu gebrauchen. Ob Rhode damit Recht hat, muß sich ja experimentell entscheiden lassen. Derzeit ist dieser Nachweis noch nicht erbracht und nach meinem Dafürhalten noch eine andere Auffassung möglich. Wenn wir in der ontogenetischen Entwicklung mit Driesch eine „Produktion sichtbarer Mannigfaltigkeit" er- blicken und gestützt auf die Ergebnisse der Abderhalde n 'sehen Serumstudien sagen können, daß ein Hühnerei vom Gänseei ebenso verschieden sei, wie das Huhn von der Gans, so bietet es uns doch auch keine Schwierigkeiten, anzunehmen, daß es Pelopiaarten gebe, die nur im Imaginal- zustand zu unterscheiden sind. Um so mehr als in anderen Fällen Derartiges tatsächlich bereits erwiesen ist. Man erinnere sich an die mannig- fachen analogen Beispiele aus der Reihe der Rost- pilze: Die als Teleutosporengeneration wohlunter- schiedenen Arten: Uromyces dactylidis, U. poae, Puccinia Magnusiana und perplexans sind in der Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. I Aecidiumphase gar nicht auseinanderzuhalten, so daß die zu den vier angeführten Arten gehörigen Aecidien allesamt als Aecidium ranunculacearum DC. bezeichnet zu werden pflegen. Phylogenetisch könnte diese Erscheinung von Lamarckianern als eine durch den gleichen Aecidienwirt induzierte Konvergenzerscheinung bei den Aecidien gedeutet werden, oder auch als eine vorläufig nur bei der Teleutosporengeneration manifest gewordene Auf- spaltung des ursprünglich einheitlichen Ae. ranun- culacearum in mehrere Arten infolge Gewöhnung an verschiedene Teleutosporenwirte. Und noch ein anderes Beispiel aus der bota- nischen Literatur sei zum Vergleich herangezogen: Wettstein machte (Verh. k. k. zool. bot. Ges. Wien LIX, 1909, S. 251) darauf aufmerksam, daß unter den Euphrasien zwei morphologisch iden- tische, aber genetisch verschiedene Arten vor- kommen, nämlich E. glabra und borealis; letztere ist eine saisondimorphe Form von E. stricta, erstere von brevipila. Man könnte nun annehmen, daß glabra = borealis eine polyphyletische Art darstelle, indem diese morphologisch einheitliche Spezies aus zwei verschiedenen Arten hervor- gegangen sei. Eher aber dürfte man das Richtige treffen, wenn man die auch nomenklatorisch ge- trennten Arten glabra und borealis als genotypisch unterschieden annimmt. Wenn, wie in diesen Beispielen angedeutet wurde, die Annahme nahe liegt, daß die geno- typische Verschiedenheit nur in gewissen Ent- wicklungsphasen äußerlich sichtbar wird, so ist ja auch die Annahme, daß solche Unterschiede zu- weilen nur in einem Geschlecht erkennbar sind, von vornherein als möglich gegeben. Ja wir kennen sogar bereits einen vererbungstheoretisch analysierten Fall, der ein lehrreiches Pendent zu unseren Kopepodenbeispielen darstellt und gegen die Auffassung spricht, als ob da lediglich ein Polymorphismus eines Geschlechts vorläge. Es handelt sich um das von de Mejere und Jacobson studierte Verhalten des Papilio Memnon. Es ist den Lepidopterologen schon lange bekannt, daß es bei manchen Schmetterlingsarten zwar nur eine Sorte von Männchen, aber mehrere, sehr verschiedene Sorten von Weibchen gibt, so daß man diese zuerst als verschiedene Spezies beschrieb, bis man die Erfahrung machte, daß man alle diese verschiedenen Formen aus einem Gelege züchten kann. Letztere Erfahrung, die zu einer Zusammenziehung aller dieser Formen, in unserem BeispielPapilioMemnon-(;J,P.Laomedon-$,Agenor$, Achates-?, zu einer Art führte, scheint mir aber nur für Züchtungsversuche im alten Stile zu gelten. Denn nach den neuen experimentellen Unter- suchungen liegt hier nicht ein geschlechtsbegrenzter Polymorphismus innerhalb einerSpezies vor, sondern Papilo Memnon im weiteren Sinne umfaßt drei Arten Laomedon, Agenor, Achates, deren Männchen sich ebenso wenig unterscheiden lassen, wie die Weibchen des Diaptomus gracilis und Steueri, obgleich diese morphologisch gleichen Männchen genotypisch verschieden sind, wie aus Jacobsons Kreuzungsversuchen mit Sicherheit hervorgeht. Man sollte also nicht, wie es immer noch ge- schieht, von einem Polymorphismus der Weibchen bei Papilio Memnon reden, sondern von mehreren Papilioarten, eben Laomedon, Agenor, Achates, deren Männchen ihre genotypischen Unterschiede äußerlich nicht erkennen lassen. Mit Rücksicht auf diesen bereits analysierten Fall halte ich auch die Annahme, es gäbe „di- morphe Kopepodenmännchen" nicht für wahr- scheinlich, sondern bin geneigt anzunehmen, daß in dem von Thaliwitz beschriebenen Cantho- camptus zwei Arten versteckt seien, die wir etwa als minutus var. haplodentatus und minutus var. diplodentatus bezeichnen können. 2. Experimentelle und spekulative Be- handlung der beiden Fälle. Die Annahme, daß Diaptomus Steueri und gracilis, bzw. Canthocamptus minutus haplo und diplodentatus spezifisch verschieden sind, kann wohl nur experimentell sichergestellt bzw. wider- legt werden, obschon die für D. Steueri eingangs erwähnten Momente sehr zugunsten der Annahme einer Speziestrennung sprechen. Wie der Frage experimentell näher zu treten wäre, ergibt eine einfache Überlegung. Es käme vor allem darauf an, durch Kreuzung eines Steueri Weibchens bzw. eines haplodentatus- Weibchens mit einem gracilis- Männchen bzw. diplodentatus-Männchen eine Fj- Generation zu gewinnen, die entweder selbst oder in der F'o-Generation Steueri-Männchen bzw. haplo- dentatus-Männchen aufweisen sollte. Denn gelingt dieser Versuch, so ist damit gezeigt, daß die Steueri-Weibchen trotz ihrer morphologischen Identität mit gracilis doch Steueri-Gene enthalten und ebenso, daß minutus- Weibchen aus einer haplodentatus -Kolonie die Erbeinheiten einer solchen enthalten, dieselben nur äußerlich nicht verraten, da diese nur im ^J-Geschlecht zum Aus- druck kommen. Experimente sind am grünen Tisch leichter ausgeklügelt als in die Tat umgesetzt. Darum noch einige Worte über die Ausführbarkeit der geforderten Versuche: Im allgemeinen scheinen Diaptomiden kein gutes Material für Bastardierungs- versuche abzugeben. Daß in der Natur Diaptomus- Bastarde zu fehlen scheinen, hängt wohl z. T. mit deren räumlicher Isolierung zusammen; meist ent- hält ein Wohngewässer nur eine einzige Art; treten ja einmal zwei Arten im selben Wohn- gewässer auf, so sind sie in ihrem zeitlichen Auf- treten so beschaffen, daß eine wechselseitige Be- fruchtung unmöglich wird. Zudem sind sie in Körpergröße und Form der Kopulationsapparate meist so verschieden, daß eine erfolgreiche Kopu- lation ausgeschlossen erscheint. Vergeblich wurden z. B. in Lunz Kreuzungen zwischen den dort heimischen Arten gracilis, denticornis und tatricus versucht. Dieser Mißerfolg war mit Rücksicht auf die weitgehenden morphologischen Differenzen N. F. XVni. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. der genannten Arten gewissermaßen vorauszusehen ; bei D. Steuer! und gracilis liegen die Verhältnisse anders, da die weitgehende Übereinstimmung die Möglichkeit einer erfolgreichen Kreuzung nahelegt. Da allerdings beide Arten geographisch gesondert auftreten, könnte man noch eine Schwierigkeit darin erblicken, wie man lebendes Material beider Arten im selben Laboratorium kultivieren könnte. Auch dieses Bedenken ist ohne Belang, da Steueri das Versenden gut verträgt, wie folgendes Beispiel zeigt. Kurz nach der Publikation des D. Steueri schickte Herr F'loreste Malfer aus Verona in einer verkorkten Flasche lebendes Gardasee- Plankton an den damaligen Leiter der biologischen Station in Plön Prof. Dr. O. Zacharias, der mir das Material zur Überprüfung des darin ent- haltenen Diaptomus nach Elbogen in Böhmen nachsandte. Obgleich also diese Planktonprobe mehrere Tage hindurch in einer verschlossenen Flasche den Insulten eines so langwierigen Trans- portes ausgesetzt war, trafen die Diaptomus- Exemplare wohlbehalten bei mir ein. Unter diesen Umständen erscheint es mir durchaus nicht aussichtslos, Gardasee-Plankton zur Durchführung der oben angedeuteten Kreuzung einem Labora- torium, dem D. gracilis zur Verfügung steht, zu übermitteln; an der biologischen Station in Lunz war bereits die Durchführung dieses Versuchs ge- plant, mußte aber wegen der durch den Krieg bedingten Sperrung dieses Forschungsinstitutes aufgeschoben werden. Günstiger lägen die Verhältnisse vielleicht noch in zwei anderen Fällen, die ebenfalls in das Kapitel geschlechtsbegrenzter Merkmale beim Genus Dia- ptomus einzureihen wären und die mit Rücksicht darauf, daß es sich nur um ein einzelnes ..Merk- mal" handelt, durch das die zu kreuzenden Formen sich unterscheiden, sich den Musterbeispielen der Versuche über Mendel' sehe Spaltung nähern. Der erste Fall betrifft eine in den Gewässern von Marienbad und Karlsbad heimische Rasse des Diaptomus coeruleus Schmeil (= D. vul- garis), die dadurch gekennzeichnet ist, daß am letzten Glied des Außenastes des rechten fünften Beines beim Männchen sich oberhalb des End- hakens ein kleiner Chitinknopf befindet, der der typischen Form fehlt; neben einer Reihe anderer Fragen, die ich bereits in früheren Arbeiten be- rührt habe, regt dieses Vorkommen auch zu der an, ob die Weibchen dieser Rasse die Fähigkeit haben, dieses nur dem Männchen zukommende Merkmal zu vererben; zur Lösung dieser Frage wären eben auch Kreuzungsversuche mit Männchen der typischen Form erforderlich. Der zweite Fall ist insofern noch interessanter, als es sich um ein geschlechtsbegrenztes abnormes Verhalten im Ablauf der Cyclomorphose handelt. Während z. B. die Cladoceren (Daphnia, Bosmina!) seit langem durch ihre cyclomorphen (saison- dimorphen der älteren Autoren) Veränderungen die Aufmerksamkeit auf sich lenkten, schien den Kopepoden diese Eigentümlichkeit zu fehlen. Allein im IV. Teil meiner „Beiträge zur Plankton- untersuchung alpiner Seen" (Verh. k. k. zool. bot. Ges. LVI Bd. 1906, S. 26) konnte ich gelegentlich des Berichtes über das Plankton des Hallstätter Sees mitteilen : „Die Untersuchung ergab einen konstanten Unterschied der Sommer- und Wintertiere des Diaptomus gracilis. Es ist dies unseres Wissens der erste sichere Fall von Saisondimor- phismus bei Kopepoden. Der Unterschied betrifft das drittletzte Glied der genikulierenden Antenne (sc. des Männchens). Bei den Winterexemplaren trägt dieses eine einfache hyaline Membran, bei den Sommerexemplaren einen „vogelschnabel- ähnlichen Fortsatz". Dieser Befund hat nunmehr durch O. H a e m p e 1 eine Bestätigung und Erweiterung erfahren. In seiner eben erschienenen Abhandlung „Zur Kennt- nis einiger Alpenseen etc." (Internationale Revue der ges. Hydrobiologie u. Hydrographie, Bd. VIII, Seite 284) sagt er diesbezüglich: ,, Der Hallstätter Diaptomus ist durch Brehms Untersuchungen als erster Centropagide bekannt geworden, bei welchem eine Variationserscheinung sicher nachgewiesen wurde. Bei den Winter- exemplaren trägt nämlich das drittletzte Glied der genannten Antenne eine einfache hyaline Mem- bran, bei den Sommerexemplaren einen vogel- schnabelähnlichen F"ortsatz. Bei der Durchsicht meines Hallstätter Materiales aus den Jahren 191 1 und 191 2 konnte ich diese Erscheinung bei allen Augusttieren wiederfinden, weniger bei denen aus dem Monat September, während im Oktober be- reits nur normale Tiere angetroffen werden. Genau die gleichen Verhältnisse wurden von mir im Traunsee wiedergefunden, während das Grundlsee- material nichts dergleichen erkennen läßt." Auch hier wäre es sehr interessant zu erfahren, ob unter den Männchen, die durch Kreuzung eines Hallstätter Weibchens mit einem Männchen des typischen Diaptomus gracilis entstanden sind, Exemplare auftreten werden, die im Spätsommer die eigenartige Bewehrung der genikulierenden Antenne besitzen. In diesen beiden Fällen sprechen alle bisher gemachten Erfahrungen dafür, daß die Beschaffung und Haltung der Versuchstiere, sowie die Kreuzung keinen Schwierigkeiten begegnen wird. Es sollen nicht auch noch die Chancen für das Gelingen der Kreuzungsversuche mit den Thall wit z'schen Canthocamptusformen abge- wogen werden. Probieren geht übers Studieren. Wohl aber möchte ich mich trotz Baurs be- rechtigter Mahnung: „Also: Viel mehr Experi- mentieren und weniger Theoretisieren ist die Parole für die nächste Zeit!" (Einführung in die experimentelle Vererbungslehre, Seite 268) dazu verleiten lassen, die Bedeutung des Mitgeteilten einer kurzen spekulativen Betrachtung zu unter- ziehen; nicht vielleicht, weil ich mir davon einen positiven Gewinn für die Beantwortung der sich •8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. I •ergebenden Fragen erwartete, sondern um dem Fernerstehenden Interesse für diese zunächst den Systematiker berührenden merkwürdigen Fälle zu erwecken. Nehmen wir zunächst einmal an, die Weibchen der fraglichen Kopepodenarten erwiesen sich durch das Experiment trotz ihres IVIangels morphologischer Unterscheidungsmerkmale durch entsprechendeErb- einheiten von einander ebenso verschieden, wie die Männchen ; dann liegt die Sache so wie bei Papilio Memnon. Die äußerliche Übereinstimmung in einem Geschlecht könnte dann als Konvergenz- erscheinung phylogenetisch gedeutet werden, ana- log dem oben zitierten Beispiel der Euphrasia glabra oder aber — und diese Deutung erscheint wohl plausibler — die Übereinstimmung könnte als Hinweis auf die Abstammung von einer Art angesehen werden. Wir hätten uns die Sachlage dann so vorzustellen, daß eine Art durch Mutation in zwei oder mehrere Arten zersplittert und daß zunächst die neuen Merkmale nur in einem Ge- schlecht sichtbar sind, während sich das andere Geschlecht noch in der Prämutationsperiode, nach de Vries Terminologie, befände. Die Studien Eimers über Orthogenese bei Schmetterlingen haben die Annahme wahrscheinlich gemacht, daß die Männchen in der phylogenetischen Entwicklung voranschreiten („Gesetz der männlichen Präpon- deranz"), wozu die Kopepoden nach diesen Mit- teilungen weitere Beispiele darbieten würden. Die Präponderanz läge in diesem Falle aller- dings lediglich darin, daß ein in beiden Ge- schlechtern vorhandenes Gen nur in einem Ge- schieht sich morphologisch manifestiert. Eine phylogenetische Präponderanz im strengen Sinn des Wortes läge freihch nur dann vor, wenn das präponderierende Geschlecht durch ein besonderes, dem anderen Geschlecht fehlendes Gen aus- gezeichnet wäre. Dann läge ein wahrer Dimorphis- mus des einen Geschlechtes vor. Über all' diese Fragen kann nur das Experiment Antwort geben. Übrigens dürften die beiden Kopepodenbeispiele nicht die einzigen aus dem Bereich unserer Süß- wasserfauna sein, die dem experimentell arbeitenden Forscher auf dem Gebiet der Vererbungslehre willkommen wären. Unter den Cladoceren scheint die Gattung Acroperus ähnliche Verhältnisse zu zeigen, wie später einmal in dem von der Station in Lunz herauszugebenden Bericht über die Lunzer Fauna gezeigt werden soll. Einzelberichte. Chemie. Fortschritte in der Darstellung künstlichen Kautschuks. Auf der diesjährigen Tagung der Deutschen Bunsengesellschaft für an- gewandte physikalische Chemie gab Geheimrat Prof Dr. Duisberg einen interessanten Über- blick über den gegenwärtigen Stand des Kaut- schukproblems. ') Der Kautschuk oder Gummi elasticum wurde bekanntlich bisher ausschließlich aus dem Milchsaft tropischer Pflanzen gewonnen. Diese Art der Darstellung kam jedoch für die Mittelmächte während des Krieges infolge der abgeschnittenen Überseezufuhr nicht mehr in Frage, so daß, nachdem die Vorräte an Roh- produkten aufgebraucht waren und die Regene- ration alter Kautschukfabrikate sich als ein auf die Dauer nicht ausreichender Behelf erwiesen hatte, auch auf diesem Gebiete die synthetische Chemie sich als die Retterin in der Not erweisen mußte. Dies ist ihr denn auch trotz der großen Schwierigkeiten gerade dieses Problems gelungen und zwar in solchem Maße, daß man die be- gründete Erwartung hegen darf, auch in der künftigen Friedenszeit die synthetisch hergestellten Kautschukwaren noch als konkurrenzfähige Er- zeugnisse auf dem Markte zu erhalten und bei weiterer Entwicklung dieses Industriezweiges den natürlichen Gummi durch das Kunstprodukt übertroffen und zum mindesten im Inlande völlig aus dem Felde geschlagen zu sehen. Zwar war die künstliche Synthese des Kautschuks bereits ') Vgl. Zeitsclir. f. .ingewandte Chemie 31, S. 242 f. (1918). vor dem Kriege geglückt (1909 F. Hofmann und Harries); auch hatte man bereits versucht, die Gewinnung desselben dadurch wirtschaftlich zu gestalten, daß man nicht von dem verhältnis- mäßig schwieriger darzustellenden Isopren (Methyl- butadien) sondern von dessen Homologen, dem Dimethylbutadien ausging, das leicht durch Ein- wirkung von Aluminium auf Aceton erhalten werden kann. Auf diese letztere Weise wird ein zwar mit dem natürlichen Kautschuk nicht völlig identisches, ihm in seinen Eigenschaften aber sehr nahekommendes Produkt, der „Methylkautschuk" erzielt. Der gerade zur Zeit dieser Entdeckungen einsetzende plötzliche Sturz der Kautschukpreise von fast 30 M. auf 4 M. pro kg infolge der über- reichen Erträge der neuangebauten südasiatischen Plantagen erstickte jedoch die junge Industrie schon im Keime. Aber an dieser Stelle, an der man damals die Versuche abbrach, lehrte der Krieg den Hebel wieder ansetzen. Zur Dar- stellung des Acetons, des wichtigsten Ausgangs- produktes für die Synthese des Methylkautschuks, benötigte man früher auch noch eines hauptsäch- lich im Ausland (in den Vereinigten Staaten) dar- gestellten Produktes, des „Graukalks" (d. i. rohes Kalziumacetat). Es gelang jedoch nunmehr, ein anderes, der Wissenschaft auch schon vor dem Kriege bekanntes, Verfahren zur Herstellung des Acetons für den Großbetrieb einzurichten, das uns bezüglich dieses, auch für die Munitionsindustrie wichtigen, Rohstoffs nun vom Ausland gänzlich unabhängig macht, das „Karbidverfahren". Nach N. F. XVIII. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. diesem wird billig herzustellendes Acetylengas durch katalytische Anlagerung von Wasser in Acetaldehyd, letzteres durch Oxydation in Essig- säure und diese wiederum unter Vermittlung eines Katalysators durch Abspaltung von Kohlen- säure in Aceton übergeführt. Das Aceton läßt sich durch Einwirkung von Aluminium zu Pina- kon reduzieren, welches durch Wasserabspaltung Dimethylbutadien liefert. Dieses geht schließlich durch Polymerisation in Methylkautschuk über. Von diesem Produkt werden jetzt bereits jährlich 2000 t synthetisch dargestellt, das ist '/s des ge- samten Bedarfs an Kautschuk. Auch der ratio- nellen Darstellung des mit dem besten Natur- kautschuk völlig identischen sog. Isoprenkautschuks stehen keine unüberwindlichen Schwierigkeiten mehr im Wege, da es in neuester Zeit auch ge- lungen ist, das Ausgangsprodukt dieses Körpers, das Isopren billig zu fabrizieren. Die charakteristischste Eigenschaft des Kaut- schuks: seine Elastizität ist an ein bestimmtes Temperaturintervall gebunden. Rohkautschuk er- weist sich nur zwischen 15 und 20" als elastisch; bei o" ist er bereits hart wie Holz. Durch be- stimmte Bearbeitung (mäßiges Vulkanisieren) ist es bekanntlich möglich, diesen Elastizitätsbereich auf ein etwas größeres Temperaturintervall aus- zudehnen. Bei dem Methylkautschuk liegt aber das gesamte Elastizitätsgebiet bei einer höheren Temperatur. Deshalb eignet sich dieses Produkt weniger zur Herstellung von Weichgummi- gegenständen. Das daraus durch starke Vulkani- sation gebildete Hartgummi dagegen ist dem aus natürlichen Kautschuk oder aus künstlichem Isoprenkautschuk erhaltenen nicht nur vollkommen gleichwertig, sondern in mancher Hinsicht so- gar überlegen. Ein russischer Forscher I. O s t r o - mysslenski^) hat nun gefunden, daß eine andere synthetisch darstellbare Kautschukart, der Erythren- kautschuk gerade bezüglich der elastischen Qualitäten den natürlichen Kautschuk übertrifft und ihm also zur Herstellung von Weich- gummiwaren vorzuziehen ist. Wie der Methylkautschuk aus dem nächsthöheren Homo- logen des Isoprens so wird der Erythrenkautschuk aus dessen nächstniederem Homologen, dem Ery- thren (=; Butadien) dargestellt. Ostromys- slenski hat nicht weniger als zwanzig Verfahren hierfür ausgearbeitet, von denen die Zukunft das technisch brauchbarste auszuwählen haben wird. Auch die Konstitutionsformel des Kautschuks glaubt dieser Verfasser aus seinen Untersuchungen erschließen zu können. Danach wäre der natür- liche Kautschuk ein Oktomeres des Isoprens, d. h. ein aus acht Molekülen Isopren aufgebautes Kondensationsprodukt, in der chemischen Formel- sprache: (C(jHg)g. Entsprechend wäre der Methyl- kautschuk durch die Formel (CgHi(,\ ""^ der Erythrenkautschuk durch (QHe)g darzustellen. Dieses letztere Produkt, das sich in der Natur ■) Journ. russ. phys.-chem. Ges. 47, S. 1374 ff. nicht vorfindet, dürfte sich, sobald es sich erst im Großbetrieb wirtschaftlich gewinnen läßt, wegen seiner vorzüglichen elastischen Eigenschaften viel- leicht zu einem für die Herstellung von Weich- gummigegenständen auf dem Weltmarkte kon- kurrenzlosen Idealkautschuk entwickeln. R-y. Physik. Schon früher (Bd. 1$, 1916, S. 589) wurde über die große Hörweite des Geschützfeuers, ihre physikalischen Ursachen und die Abhängig- keit vom jeweiligen Zustand der Atmosphäre be- richtet. M. M. Collignon (Comptes rendus Ac. Paris, Bd. 167, 9) hat drei Jahre lang (1915 bis 1917) in Louviers (25 ü. M.), 130 km von der Front von Lassigny und 170 km von der von Arras und St. Quentin entfernt Beobachtungen gemacht, aus welchen hervorging, daß die Er- scheinung jahreszeitlichen Schwankungen unter- liegt. Die große Hörweite machte sich von Anfang Mai bisAnfang September bemerk- bar, während in der übrigen Zeit des Jahres fast völliges Schweigen herrschte. Kathariner. Zur Orientierung von Luftschiffen und Flug- zeugen kann man nach Dieckmann die draht- lose Telegraphie in folgender Weise verwenden. Eine ortsfeste Station sendet von Zeit zu Zeit mit gleichbleibender Intensität vereinbarte Zeichen aus. Je weiter das empfangende Luftschiff von der Gebestelle entfernt ist, desto schwächer wird es die Zeichen empfangen, was sich mit Hilfe der Parallelohmmethode oder mittels Seitengalvano- meters feststellen läßt. Sind drei ortsfeste sendende Stationen vorhanden, so läßt sich das Lautstärken- verhältnis der ankommenden Zeichen und damit das Verhältnis der Abstände der Bordstation von den festen messen ; daraus kann man den Schiffs- ort berechnen. Voraussetzung, nach dieser Methode zuverlässige Resultate zu erhalten, ist natürlich, daß die festen Stationen stets mit gleichbleibender Intensität senden, daß also die Dämpfung der Sendestationen konstant ist. Ist das z. B. bei einer derselben nicht der Fall, so wird das bei der Bordstation gemessene Lautverstärkeverhältnis ver- ändert, und damit wird auch die Entfernung ge- fälscht. Eine Kontrolle der Dämpfung der Sender- anlage ist daher von Wichtigkeit. H. Wiesent beschreibt im Jahrbuch f. drahtl. Telegr. u. Telephonie XII (191 7) S. 330 einen direkt zeigenden Dämpfungsmesser, an dem das logarithmische Dekrement der Senderschwingungen zwischen 0,75 und 0.04 mit einer Genauigkeit von etwa 0,2 % abgelesen werden kann. Zwei mit ihren Ebenen um 45" gegeneinander geneigte Kurzschlußringe aus sehr dünnem Messingblech sitzen starr miteinander ver-, bunden an einer vertikalen Achse aus Glas. Jeder der Ringe liegt im Innern einer Spule von 10 cm Durchmesser aus Litzendraht (36 Windungen), die lO Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVHI. Nr. I einen Winkel von 90" miteinander bilden. Die eine Spule befindet sich in Resonanz mit der Sender- anlage, die andere ist um einen bestimmten Be- trag verstimmt. Beide beeinflussen elektrodyna- misch die Kurzschlußringe, die eine Ruhelage auf- suchen. Diese ist nur durch die Dämpfung bedingt; sie ist unabhängig von Koppelung und Frequenz. An der Skala, über welcher der mit dem Ring- system verbundene Zeiger spielt, Hest man die Dämpfung direkt ab. Seh. Meteorologie. W.Krebs führte neulich in den Artilleristischen Monatsheften ') mehrere Beispiele aus der Geschichte von Friedrichs des Großen Zeit bis zur Gegenwart dafür an, daß der Schall des Geschützdonners durch Gewitterluft stark ge- dämpft wird, und daß dies in einigen Fällen auch Bedeutung für die Strategie gehabt hat. Zur Erklärung jener physikalischen Tatsache führt A. Schmauß-) an: bei einem Gewitter ist der Bewegungszustand der Atmosphäre einer un- gehinderten Schallausbreitung stets hinderlich: auf der Vorderseite des Gewitters weht der Wind zum Gewitter hin, die Rückseite des Gewitters besteht aus den auf die Böenlinie zustürzenden Luftmassen, die sicli also ebenfalls vom Beobachter entfernen. — Der einzige für die Schallausbreitung förderliche Bewegungszustand der Atmosphäre ist bekanntlich der des heranfahrenden Windes, dessen Stärke, wie es fast immer in Erdnähe der Fall ist, mit der Höhe wächst; denn dann entsteht eine zur Erdoberflache konkave Wellenfront, die wie eine Rotunde wirkt. — Außerdem vertritt Schmauß die Ansicht, fast jedem Gewitter gehe ein Wirbel mit hori- zontaler Achse voran, der auch die Einleitung des Gewitters bilde, und auch dieser Wirbel schaffe einen Luftraum, aus dem der Schall nur schwer nach außen dringt. Aus diesen Gründen ist denn auch die Hörweite des Gewitterdonners im Verhähnis zur Reichweite des Geschützdon- ners im allgemeinen gering, eine Tatsache, auf die wiederum erst der Krieg die Aufmerksamkeit gelenkt hat. Noch mehrere Tatsachen, wie die verminderte Stärke des Donners bei sehr vielen Blitzen, die ihrerseits eine Folge gewaltiger Ver- tikalbewegung sind, und die vergrößerte Reich- weite des Geschützdonners im Winter, in der Jahreszeit mit verminderten Gewittern, zeigen die Bedeutung des Bewegungszustands der Atmosphäre für die Schallausbreitung an und rechtfertigen den Satz: „die größte akustische Trübung, die man sich denken kann, ist ein Gewitter." ^) V. Franz. 1) November/Dezember 1917, Nr. 131/132. 2) A. Schmaui3, Die Hörweite des Donners. Meteoro- logische Zeitschr. Juli/August 1918, S. 183 — 184. ') Wie Schmauß an eleichem Orte vermutet, würde die oft gehörte Behauptung, daß starker Geschützdonner schlechtes Wetter im Gefolge habe, nur darauf beruhen, daß oft Wind- wcchsel, der Vorbote einer Witterungsveränderung, die Hörbarkeit des Geschützdonners plötzlich verstärke. Es sind aber zahlreiche auf diese Weise nicht zu widerlegende Be- obachtungen für obige (gewiß höchst strittige) Behauptung herangezogen worden. Geologie. Zur Geologie u nd Tektonik des Rügener Steilufers veröffentlicht Otto Jaekel Untersuchungen in der Zeitschr. d. Deutschen Geol. Gesellschaft, 191 8. Diese Untersuchungen sind auch für die Kennt- nis der Tektonik des östlichen, norddeutschen Flachlandes sehr wichtig. Fhillippi hatte die Störungen der Kreide und des Diluviums als vom diluvialen Eise herrührend erkannt. In einer früheren Abhandlung schon war Jaekel anderer Meinung gewesen. Am Jasmunder Steilufer, bei Möen, Ankona, steht die nach seinen'neuen Untersuchungen 300 rn mächtige obersenone Mukronatenkreide an. Weil das Danien, das erst westlich von Stewns Klint als ufernahe Flachseebildung beobachtet wurde, hier fehlt, ist anzunehmen, daß am Ende des Senons die Mukronatenkreide gehoben wurde. Da tertiäre Bildungen fehlen, ist es sehr wahr- scheinlich, daß Rügen seit der postmukronaten Hebung Festland geblieben ist. Zu Beginn des Diluviums bildete daS Land zwischen Schwe- den, Rügen, Möen eine ebene Fläche, auf die sich konkordant der unterste diluviale Geschiebemergel absetzte. Die ebene Kreidefläche war etwas nach Süden und Südwesten geneigt. Darauf schob sich von der fennoscandischen Platte das Inlandeis leicht nach Süden und Südwesten. Der unterste oder erste Geschiebemergel keilt am Jasmunder Steilrand aus. In Saßnitz scheint er zu fehlen. Nach Westen (Hamburg zu) steht er weiter an. Wie der erste Geschiebemergel zeigen auch die Sande und Kiese des ersten Interglazial eine große Einheitlichkeit. In die Sande und Kiese dieser Interglazials schalten sich hier und da sandige Tone ein, Absätze stehender oder ganz flach fließender Wassertümpel. Wechsel- schichtigkeit zeichnet die Sande aus. Nicht Eis- bedeckung hat diese wechselschichtigen Sande und eingeschalteten Tonbänder erzeugt, sondern sie verdanken ihre Entstehung den Wassern vor dem Eisrande. Er bezeichnet die Flächen, auf denen dieses Intcrglazial sich ablagerte, als „Fließ- flächcn". Von E. Bruckmann wurdejS/S aus diesen Schichten bei Saßnitz eine Flora und eine Fauna beschrieben. ^- Pine zweite^Vereisung'trat" ein, setzte einen zweiten, einheitlichen Geschiebemergel ab, der nur ganz vereinzelt schwache 'Sandschmitzen ein- schließt. Er ist 7—12 m mächtig, tiefgreifend verwittert. Sein blaugrau hat sich in eine gelb- liche braune Lehmfarbe abgeändert. Neu von Jaekel wurde das zweite Intergla- zial aufgefunden. Zwischen den Prinzenhäusern und del- f „Blase" bei Saßnitz besitzen diese Schichten ihre größte Mächtigkeit. Holzreste und mehrere kohlige Schmitzen sprechen für eine zeit- weise Eisfreiheit dieser Gebiete. Die von mehre- ren Orten Rügens vorliegenden Zähne von Elephus primigenius stammen wahrscheinlich aus diesen Schichten, N F. XVni. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. II Nun setzten nach Ablagerungen dieser Diluvial- schichten tektonische Störungen ein, die als Rand- bewegungen der fennoskandischen Masse zu deuten sind. Der ganze östliche Rand von Jasmund wurde zur Antiklinale aufgewölbt. Der Sattel streicht von NW — SO. Weiter westlich folgt ein zweiter bei Möen. Jasmunds Ostufer läßt nur den westlich einfallenden Flügel dieser Antiklinale er- kennen. Am Ende der zweiten Interglazialphasc trat jenes gewaltige Ereignis ein, das nicht nur die Gegend von Rügen, sondern weite Gebiete zwischen Skandinavien, Dänemark bis zu den Sudeten hin durch die „baltischen Brüche" in Schollen zerriß. Zahlreiche Dislokationen im Untergrunde von Stralsund, Greifswald, in Mecklenburg, wo ältere Schichten bis zum Lias horstartig auftauchen, haben diese „baltischen Brüche" zur Ursache. Weiter werden viele bisher durch glazialen Druck entstanden erklärte Schichtenstörungen in Nord- deutschland auf diese Weise verständlich werden. In Rügen erreichten diese Störungen Sprunghöhen von lOO m. Als Zeitpunkt dieser so ausgelösten Erdbeben nimmt Jaekel die jüngere Phase des Paläolithikums an ( ?Magdalenien). Als unmittelbare Folgen der baltischen Brüche sind die zahlreichen Faltungen der Kreide in Jasmund anzusehen. Dort traten sie auf, wo die vertikalen Bewegungen nicht sehr groß waren. Wo sich in diesen Kollokationen ein Rückstau gegen das Bruchgebiet geltend machte, wurden durch Translokationen bei schroffen Höhendiffe- renzen sanftere Ausgleiche geschaffen. Über die abgesunkenen Diluvialschichten legten sich die Steilwände der weichen Kreide und preßten die eingekeilten Diluvialschichten zusammen. Zu den Nachwirkungen sind auch die scharf eingeschnitte- nen Erosionsrinnen zu zählen. Eine dieser Rinnen (Grautippen am Tipper Ort) enthält im unteren Teil Schutt aus abgeschlämmter Kreide, vielen Feuersteinen und nordischen Geschieben. Über diese gestörte Landoberfläche zog nun zum dritten Male das Inlandeis. Die entstande- nen und nun vorhandenen Bergzüge mußten vom Inlandeis der dritten Vereisung überstiegen werden. Die Höhen wurden abgetragen. Die normale Grundmoräne wurde stellenweise durch eine Lokal- moräne ersetzt, die zwar aucü nordisches Material enthält, aber in ihren\ unteren Teile vorzugsweise aus abgehobelten Lokalgesteinen besteht. Schich- tung zeichnet diese Lokalmoräne aus.' In den toten Winkeln, die dem vorrückenden Eise entrückt waren, wurde der aufgewühlte Grundschutt nor- mal sedimentiert. Auf der Seeseite von Höhen bildet sich die „Seemoräne" mit durch „Walz- schichtung" abgelagerter Grundmoräne. IDie in der überschrittenen Fläche befindlichen Vertie- futigcn konnten mühelos vom Eise überschritten werden. In ,, Subjektionen" wurde Moränenschutt in die Vertiefungen hineingepreßt und oftmals die Vertieiung durch Zusammenpressen der plastischen Kreide in Zwickel oder Taschen umgewandelt. Diese dritte Vereisung wirkte beim Vorwärts- dringen auf die weichen Kreidemassen abtragend. Erst auf dem Wege des Rückzuges setzte sich eine Grundmoräne auf der abgehobelten Kreide oder auf den Subjektionen ab. Durch Schmelz- wasser wurden sowohl die Oberfläche der Kreide als auch die der Diluvialschollen abgewaschen und die Schlämmprodukte vermischt. Durch Absturz an den Prinzenhäusern konate unter den posttektonischen Diluvialgebilden ein i6 m-mächtiger braungrauer Geschiebemcrgel, ein 12 m mächtiges sandiges Interglazial und ein ober- ster 2 m mächtiger hellgrauer Geschiebemergel nachgewiesen werden, so daß also in Rügen wie in den Alpen vier Eiszeiten nachgewiesen worden wären mit vier Geschiebemergeln und drei Inter- glazialen. Zwischen die beiden älteren gestörten und die beiden jüngeren ungestörten Geschiebe- mergeln schieben sich die tektonischen Erschei- nungen der „baltischen Brüche" ein. Rudolf Hundt. Bücherbesprechungen. V. Haecker. Entwicklungsgeschichtliche Eigenschaftsanalyse (Phänogenetik). Ge- meinsame Aufgaben der Entwicklungsgeschichte, Vererbungs- und Rassenlehre. Jena, G. Fischer 1918. 344 S. 181 Abb. — 12 M. Den gewaltigen Aufschwung, welchen die Lehre von den Vererbungsvorgängen seit der Jahrhundert- wende genommen hat, verdankt sie bekanntlich der Wiederentdeckung der Mendel'schen Regel. Von dem einfachsten Grundbeispiel mit seinen klaren Zahlenverhältnissen ausgehend, hat die For- schung allmählich auch andere Fälle aufzuklären vermocht, die auf den ersten Blick ganz und gar nicht in die Regel hineinzupassen schienen. Wenn z. B. ein für unser Auge einheitlich erscheinendes Merkmal erst durch Zusammenwirken mehrerer Faktoren entsteht, deren jeder für sich der Mendel'schen Regel folgt, so müssen in der Verteilung dieses Merkmals auf die Gesamtzahl der Nachkommen vom Grundschema abweichende Zahlenverhältnisse entstehen. Durch planmäßige Kreuzung ganz bestimmter Individuen, insbesondere durch Rückkreuzung mit den Eltern kann die hypothetische Auffassung, die man sich im einzelnen Fall gebildet hat, geprüft und gegebenenfalls be- wiesen werden. Die heute, nach fast 20 Jahren Mendel forschung, schon sehr weit vorgeschrittene Analyse einzelner Formen scheint fast zu zeigen, daß es kaum erbliche Unterschiede geben mag, die sich nicht letzten Endes in das Grundschema 12 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. I einfügen ließen. Allererste Voraussetzung für diese moderne Auffassung der Vererbungsvorgänge ist die Anschauung der Erbfaktoren als selbständiger Einheiten, die somit im Wechsel der Gene- rationen in den verschiedensten Kombinationen zusammen- und auseinandertreten können wie die Paare beim Reihentanz. So scheint die heutige Forschung zu einer atomistlschen Grundauffassung des Lebenden zu führen, wie eine solche ja auch hervorragend fruchtbar für die Entwicklung der anorganischen Naturwissenschaft gewesen ist. Nur zu leicht wird man daher versucht, die Parallele noch weiter zu ziehen und den Erbfaktoren selbständige Wesen- heit als räumlich abgegrenzter Partikelchen im Keimplasma zuzusprechen. Das ist aber keines- wegs notwendig, zumal ein bedeutsamer Unter- schied zwischen den Vorgängen in der anorga- nischen und der organischen Natur gegeben ist durch die für die letztgenannte so charakteristische Tatsache der Entwicklung. Jede Eigenschaft eines Organismus entsteht ja zu einer ganz be- stimmten Zeit seiner Entwicklung als Folge einer ganzen Reihe von Ursachen. Gelänge es, diese Ursachenkette lückenlos rückwärts zu überblicken bis in die noch unentwickelte Keimzelle zurück, dann hätten wir damit den dieser Eigenschaft zu- grunde liegenden Erbfaktor in seiner Wesenheit erkannt. — Diese Art der Erforschung der Erb- vorgänge, die gleichsam auf dem Wege einer Biographie des E i n z e-1 i n d i v i d u u m s unserem Kausalerkenntnisdrange gerecht zu werden versucht, erfordert damit ganz andere Methoden als die reine Mendelforschung sie liefern kann, die ja doch stets ihre Folgerungen auf Massen- erscheinungen aufbaut, also im Gegensatz zur biographischen doch letzten Endes eine sta- tistische Methode ist. Phänogenetik, d. h. Wissenschaft von der Entstehung der Erscheinung, nennt Ha eck er, der schon auf den Gebieten der Keimzellenforschung ebenso wie auf dem der Mendel forschung gleicher- maßen bekannte Hallenser Zoologe, dieses neue Forschungsgebiet , das somit von einer dritten Seite her auf die Geheimnisse der Vererbungs- vorgänge Licht werfen soll. „Neues" Forschungs- gebiet ist allerdings etwas zu viel gesagt, denn entwicklungsgeschichtliche und besonders ent- wicklungsmechanische Untersuchungen, aus denen ja in erster Linie die Anschauungen auf diesem Gebiet genährt werden können, wurden ja lange vor der Wiederentdeckung der Mendel sehen Regel betrieben. ,,Neu" ist vielmehr nur der Standpunkt, von dem aus die Tatsachen betrachtet werden, also ihre gedankliche Verbindung mit den Ergebnissen der Vererbungslehre. Das zugesetzte „nur" soll dabei natürlich keine Wertbeschränkung ausdrücken: im Gegenteil, es ist bewundernswert, wie selbst dem Zoologen sonst entlegene Teil- gebiete der Wissenschaft, wie Pathologie, Anthro- pologie, Tierzucht usw. verarbeitet sind, und wie- viel tatsächlich schon für dieses neue Teilgebiet der Biologie dabei herauskommt. Manche ein- gestreute Bemerkungen über einzelne in Museen und Instituten hier und da vorhandene besonders interessante Objekte, wohl bei gelegentlichen Be- suchen des Verfassers an Ort und Stelle notiert, weisen darauf hin, daß es sich um Gedankengänge handelt, die in langen Jahren heranreiften. Und schließlich hat Haecker durch — z. T. noch unveröffentlichte Untersuchungen seiner Schüler — bestimmte Teile des neuen Wissensgebiets plan- mäßig selbst in Bearbeitung genommen. Wenn trotzdem nicht alle Seiten des tierischen Organismus gleichmäßig der phänogenetischen Lupe unterstellt werden, so liegt das daran, daß es sich eben um ein neues Gebiet handelt, das gleichmäßig zu überblicken erst nach Jahrzehnten angestrengter Arbeit Vieler möglich sein wird. Im vorliegenden Buch werden in erster Linie einige allgemeine Eigenschaften wie Größe (Kap. 3), Symmetrieverhältnisse (Kap. 4), dann besonders die verschiedene Ausgestaltung der Abkömmlinge des Ektoderms (Haare, Federn, P'arbe, Zeichnung: Kap. 5 — 19) behandelt. Denn hier ist ja sowohl die Mendelforschung wie die phänogenetische Analyse weitaus am weitesten vorgeschritten. Dagegen kommen die gerade für menschliche Rassenfragen so eminent wichtigen Teile wie Schädel (Kap. 22), Hirn usw. viel schlechter weg, weil hier beide Forschungsgebiete noch nicht über tastende Vorversuche hinaus gediehen sind. — An einem Beispiel sei kurz die Art der Behandlung des Themas klar gemacht: die Zeichnung der Wirbeltiere — man denke besonders an die schon von Eimer zu phylogenetischen Spekulationen benutzte Längs- und Ouerstreifung — ist von der kausal-entwicklungsgeschichtlichen Forschung in einen mutmaßlichen Zusammenhang mit den z. T. ähnlich angeordneten Nerven und Blutgefäßen ge- bracht worden. Nachdem Haecker die diesen Hypothesen z. T. entgegenstehenden Schwierig- keiten erörtert hat, zeigt er für sein spezielles Objekt, den Axolotl, durch genaue direkte Unter- suchung der Zellvermehrungsverhältnisse in der Epidermis, daß es das rhythmische Wachstum der Haut ist, welches hier die charakteristische Aus- breitung der Zeichnung bedingt, womit der An- schluß an die ganz ähnlichen Verhältnisse bei Pflanzen (weiße Flecken grüner Blätter) gewonnen ist. Für eine noch weitere Zurückbegründung dieser Wachstumsverhältnisse auf andere mit der Organ- und Keimblattbildung und schließlich der Furchung zusammenhängende können vor- läufig nur Mutmaßungen geäußert, doch noch nichts sicheres ausgesagt werden. Diese an einem nackten Landwirbeltier gemachten Fest- stellungen lassen nun Schlüsse zu auf die wahr- scheinlichen Ursachen der Zeichnung bei den be- haarten und befiederten Formen, wenngleich be- sonders bei den letztgenannten die Verhältnisse kompliziert werden durch den hohen Grad von Selbständigkeit, den das einzelne Federindividuum besitzt. — In ähnlicher Weise wie im vorliegenden N. F. XVIII. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 13 Beispiel gestaltet sich auch in den übrigen Aus- führungen Haeckers das Prozentverhältnis zwischen bloßer Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit der kausalen Zusammenhänge einerseits und der ge- nauen Analyse derselben selbst andrerseits, wie das ja bei der Neuheit der Fragestellung und der Schwierigkeit der Beantwortung nicht anders sein kann. Sehr genau wird stets für die einzelnen Eigen- schaften, soweit es bekannt ist, auch ihr Verhalten beim Kreuzungsexpenment referiert. Das hat seinen besonderen Grund. Haeckers Buch will nämlich mehr als eine bloße Sammlung des bis- her Bekannten auf dem Gebiet der Phänogenetik sein; er versucht darüber hinaus aus der Synthese der Ergebnisse dieses Gebietes mit denen der Mendelforschung eine allgemeine Erkenntnis ab- zuleiten, die er als die ,, entwicklungsgeschichtliche Vererbungsregel" folgendermaßen formuliert: „Merk- male mit emfach- verursachter, frühzeitig autonomer Entwicklung weisen klare Spaltungsverhältnisse auf. Merkmale mit komplex-verursachter, durch Korrelationengebundener Entwicklung zeigen häufig die Erschemung der unregelmäßigen Dominanz und der Krcuzungsvariabilität, sowie ungewöhnliche ZahlenverhältnisbC." So zeigen, um seinen Ge- dankengang wieder an einem der vielen Beispiele klar zu machen, die Farbenunterschiede der Nager sehr klare Zahlenverhältnisse im Kreuzungsexperi- ment — sind sie doch zum Schulbeispiel der Mendelforschung geworden — ; dementsprechend handele es sich hier auch um einfache Kausal- verhältnisse, nämlich allgemeine Unterschiede im Chemismus der sämtlichen Epidermiszellen. Da- gegen ist z. B. die Scheckzeichnung derselben Tiere einer von jenen Fällen, die bisher noch immer hartnäckig einer mendelistischen Erklärung trotzen ; entsprechend weise auch hier die Lage der verschiedenen Flecken in der Nähe hochdiffe- renzierter Organe wie Auge, Ohr, Kreuzbein usw. auf eine durch Korrelationen mitbestimmte Kausal- entwicklung hin. — Wenn nun aber wirklich zwischen beiden Forschungsgebieten derartige Zusammenhänge bestehen, welcher Art sind die- selben ? Bei Beantwortung dieser Frage faßt Haecker besonders die Möglichkeit ins Auge, daß die Erbfaktoren doch nicht in dem Maße selbständige Einheiten sind wie das die extremen Mendelianer annehmen, und wie es auch am Ein- gänge dieser Besprechung auseinandergesetzt wurde. Sondern er hält die Möglichkeit lür ge- geben, daß, wenn wir schon im fertigen Organis- mus weitgehende Beeinflussung entfernt liegender Teile finden — man denke z. B. an die Tatsachen der inneren Sekretion — , daß dann auch eine gegenseitige „Befleckung" der Erbanlagen inner- halb der Keimzelle wohl denkbar sei. Je größer aber die Zahl der die Entwicklung einer Eigen- schaft überhaupt bestimmenden Plasmaqualitäten sei, um so leichter sei eine solche „Verunreinigung" möglich, und damit die Störung der Zahlenverhält- nisse in der Nachkommenschaft gerade bei kom- plex verursachten Eigenschaften bedingt. Im Zusammenhang mit dieser Anschauungsweise steht 'dann, daß er auch in der Frage der Vererbung erworbener Eigenschaften einen zwischen den Extremen vermittelnden Standpunkt einnimmt, der — wohl zum erstenmal — diesem Problem in einer mehr logischen Weise beizukommen sucht, die allerdings jedem, der in der Annahme einer Pluripotenz mit Haecker übereinstimmt, selbst- verständlich sein wird. Auf einen Punkt möchte ich zum Schluß noch die Aufmerksamkeit lenken, der von Haecker im Gegensatz zu den meisten auf dem Gebiet der Vererbungs- und Rassenlehre arbeitenden Autoren wenigstens in Erwägung gezogen wird, nämlich auf die Beziehungen der hierher gehörigen Tatsachen zu den Problemen der Domestikation. Haecker bemüht sich an mehreren Stellen dar- zutun, daß die Domestikation keine spezifische Ursache für die in ihr auftretenden Veränderungen sei. Zugegeben selbst, daß Domestikation aus dem tierischen Organismus nur das herausholen kann, was er auch im freilebenden Zustande schon potentiell besitzt, so darf doch andererseits nicht verkannt werden, daß weitaus die größte Zahl der Abänderungen und besonders die bedeutend- sten uns ausschließlich bei Tieren im Zustande der Domestikation erst bekannt sind, und daß nur sehr wenige relativ einfache — Haecker führt auf: Albinismus, Schwanzlosigkeit, Weißbunt- heit bei einigen Vögeln — aucn gelegentlich bei freilebenden Formen beobachtet werden. Bei dieser fast ausschließlichen Gründung unserer An- schauungen über die Vererbungserscheinungen auf domestizierte Tiere (im weitesten Sinne) sollte man dem Studium der Domeslikationsprobleme doch ein ganz besonderes Interesse widmen, wäh- rend in Wahrheit die meisten Zoologen heute noch die Beschäftigung mit diesen als nicht recht vollwertige Wissenschaft betrachten dürften. B. Klatt. Oskar Hertwig, Zur Abwehr des ethischen, des sozialen, des politischen Darwi- nismus. 119 Seiten. Jena 1918, Verlag von G. Fischer. — Preis geh. 4 M. Vor drei Jahren erschien Oskar Hertwig 's umfangreiches Werk über ,,das Werden der Or- ganismen", in dem er darlegt, daß die Selektions- oder Zufallstheorie Darwin 's sich als unhaltbar erwiesen hat und nicht mehr als Erklärungs- prinzip der Abstammungslehre in Betracht kommt. ^) Wie reges Interesse dieses Werk ge- funden hat, das zeigt bereits zur Genüge die Tat- sache, daß es trotz Krieg heute schon in zweiter Auflage vorliegt. In seinem „Werden der Or- ganismen" hat Hertwig sich fast ausschließlich mit dem biologischen Darwinismus beschäf- tigt und nur kurz darauf hingewiesen, wie bald ') Vergl. die Besprechung in N. F. Bd. 16, 1917, dieser Zeitschrift, Seite 365. 14 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. I nach dem Erscheinen von Darwin's Hauptwerk der „Kampf ums Dasein" zu einem universalen Erklärungsprinzip wurde, zu einem allgemeinen Schlagwort, dessen sich nicht nur die Natur- wissenschaften, sondern auch Rechts- und Staats- wissenschaften, Nationalökonomie, Kunst und Religion in gleicher Weise bedienten. Gegen diesen ethischen, sozialen und politischen Darwinismus wendet sich Hertwig nun in einer neuen Schrift. Auch diese Arbeit kann der Aufmerksamkeit weitester Kreise sicher sein, be- handelt sie doch Fragen, die heute die ganze denkende JVIenschheit bewegen : Werden Recht und Sitte, für die in mehr als vier schweren Kriegsjahren mancherorts die Begriffe fast gänz- lich geschwunden zu sein scheinen, nicht nur wiederkehren, sondern auch sich weiter ent- wickeln und vervollkommnen? Gibt es noch Wege, das Menschengeschlecht zu heben und zu veredeln und einer glücklicheren Zukunft ent- gegenzuführen? Und vor allem: Wird es ge- lingen, Kriege zwischen Kulturnationen in Zukunft dauernd unmöglich zu machen, oder werden unsere Nachkommen ebenfalls das Schauspiel eines sich selbst zerfleischenden, von Blut trie- fenden Europas erleben? Ehe Hertwig zur Kritik des übertragenen Darwinismus übergeht, gibt er eine kurze Zu- sammenfassung seines Urteils über Darwin's Theorie im biologischen Sinne, zu dem er in seinem „Werden der Organismen" gekoinmen ist. Er übt vor allem scharfe Kritik an den seit Darwin „zu einer Art wissenschaftlicher Münze gewordenen Redewendungen": Kampf ums Dasein, Wettbewerb oder Konkurrenz in der Natur, Zucht- wahl, künstliche und natürliche Auslese u. ä. Der Nahrungsmangel, den Darwin voraussetzt, be- steht normalerweise in der Natur überhaupt nicht, und selbst wenn wir einen dauernden Kampf ums Dasein hätten, so wäre die dabei erfolgende Auslese doch nicht imstande. Neues zu schaffen, sie ist kein schöpferisches Prinzip und keine treibende Kraft in der Entwicklung. Und wo in der Natur ein Kampf ums Dasein geführt wird, da vermag ein kleiner Vorteil in irgend einer Eigenschaft anderen Individuen gegenüber nur in seltenen Fällen vor der Vernichtung zu be- wahren, mit anderen Worten, der Selektionswert mancher Eigenschaften ist außerordentlich gering. Dem Darwinismus, der die Veränderungen der Lebewesen auf Zufall beruhen läßt, stellt Hertwig den Lamarekismus oder, wie er sie mit Nägel i nennt, die Theorie der direkten Bewirkung gegenüber, die das Variieren der Organismen nach Entwicklungsgesetzen vor sich gehen läßt, „die sich aus der Natur der organisierten Substanz der Lebewesen und aus ihren Beziehungen zu der sich verändernden Umwelt, also aus dem Zusammentreffen innerer und äußerer Ursachen und den hieraus fol- genden Wirkungen ergeben." Von den Versuchen, die Prinzipien des Daseins- kampfes und der natürlichen Zuchtwahl auf die menschliche Gesellschaft zu übertragen, befaßt sich Hertwig zunächst mit den Bestrebungen der „Entwicklungsethike r". Ihre Welt- anschauung steht in schroffem Gegensatz zu der christlich-humanen. So spricht Tille, einer der extremsten Entwicklungsethiker, es offen aus, daß das christliche Ideal der absoluten Nächsten- liebe sich vor den ehernen Gesetzen des Darwi- nismus nicht retten läßt, jenes „sichere dem Elenden die Fortpflanzung", es vermehre „das Unglück in der Welt mit jedem Geschlecht"; „das einzig sichere Mittel zur Hebung der Gattung" ist und bleibt nach seiner Ansicht „die Aufrechterhaltung der natürlichen Auslese" und „das Recht des Starken gegenüber dem Schwachen", es muß nach Tille ,,die geltende Moral bedingungslos fallen". Ähnliche Ansichten haben Haeckel, Steiner u. a. geäußert. Auch Nietzsche gehört in die Reihe der Entwicklungsethiker. Dem Gedeihen seines „Übermenschen" muß „die Menschheit als Masse" geopfert werden, die christliche Sitten- lehre ist für ihn eine „Sklavenmoral", die die Ver- schlechterung der menschlichen Rasse zur Folge gehabt hat. Den Immoralisten hält Hertwig zunächst entgegen, daß sie die Bedeutung des historisch Gewordenen entweder gänzlich ver- kennen, oder ihr doch zu wenig Verständnis entgegenbringen. Im Gegensatz zu ihnen, die in den Naturwissenschaften die Vertreter einer mecha- nistischen Weltanschauung sind, aber auch im Gegensatz zu Huxley, dem Vitalisten unter den Entwicklungsethikern — er stellt dem „Walten der Naturmächte" das „Walten der ethischen Mächte" entgegen — , gelangt Hertwig auf Grund erkenntniskritischer Betrachtungen zu einem „biologischen Standpunkt". Von Recht und Sitte in der Natur können wir nur da sprechen, wo ihr Bestehen und ihre Herrschaft möglich ist, d. h. haupt- sächlich in der menschlichen Gemeinschaft. Das Raubtier, das sein unschuldiges Opfer zerreißt oder gar noch quält, handelt weder sittlich noch un- sittlich, weder nach Recht noch nach Unrecht, es handelt naturgemäß. Huxley 's Urteil: „Vor das Tribunal der Ethik gezogen, würde die Natur wohl ihrer Verurteilung sicher sein" ist ebenso falsch wie Tille 's Lehre, daß Ethik angewandte Naturwissenschaft ist. „Da außerhalb der mensch- lichen Gemeinschaft Naturvorgänge weder zur Ethik noch zum Recht in einer Beziehung stehen, so können wir aus ihrem Studium auch keine neuen Gesichtspunkte für eine Reform oder gar für eine Begründung einer neuen Ethik als Ersatz der alten gewinnen." Es sei aber besonders be- tont, daß Hertwig mit Huxley und Tille darin einig ist, daß sich sittliche und rechtliche Begriffe auf natürlichem Wege im Menschen ent- wickelt haben, sie sind „ebensogut wie die Lebens- eigenschaften der Zelle Naturprodukte, hervor- gegangen aus dem Entwicklungsprozeß der Natur, der sich innerhalb des Menschengeschlechtes bei seiner Vergesellschaftung vollzogen hat und weiter N. F. XVni. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. IS vollzieht." „Die ungeheuren Unterschiede, die zwischen der Menschheit mit ihrer geistigen und sittlichen Welt auf der einen Seite und dem Tierreich auf der anderen Seite bestehen, sind keine prinzipiellen, sondern nur solche des Grades." ,,Im menschlichen Geschlecht sind die schon im Tierreich vorhandenen Instinkte nur verstärkt und zur Gatten-, Kitern-, Kindes-, Geschwisterliebe verfeinert und veredelt worden." H er tw ig ver- sucht dann weiter die Lehre des Christentums und des Rousseauismus von der Gleichheit der Menschen, die Nietzsche verspottet — der moderne demokratische Staat ist für ihn nichts weiter als der „neue Götze" — , naturwissenschaft- lich zu begründen. „Bei voller Anerkennung der zahllosen Ungleichheiten, die zwischen den Menschen bestehen, sind sie doch als Objekte der syste- matisierenden Naturgeschichte dem Kern ihres Wesens nach gleich, gleich im Besitz der Sprache zu gegenseitiger Verständigung, gleich als Gesell- schafter, die sich zu sozialen Gemeinschaften in weit zurückliegenden Zeiten allmählich zusammen- gefunden haben, und von da an immer wieder, wenn sich hierfür Gelegenheit bietet, den Schein ihrer Gleichheit präsentieren." Besonders eingehend beschäftigt sich Hertwig mit dem sozialen Darwinismus, mit den Ver- suchen derer, die auf Grund der Lehre vom Da- seinskampf und von der natürlichen Zuchtwahl eine systematische Rassenhygiene betreiben wollen. Ihr Ziel, die Verbesserung und Höherzüchtung des Menschengeschlechtes, suchen die Rassen- hygieniker auf zwei Wegen zu erreichen, einmal durch negative und dann durch positive Auslese. In dem wachsenden Schutz der Schwachen, der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Armen in der Bekämpfung der Säuglings- und Kinder' Sterblichkeit, der Infektionskrankheiten, der Trunk' sucht, in dem weiten Gebiet der sozialen Für- sorge also, sehen die extremsten Rassenhygieniker eine schwere Gefahr für die Tüchtigkeit unserer Rasse. Die „Ausjätemaschine" für die Minder- wertigen und Schwachen wird dadurch ganz oder wenigstens teilweise außer Funktion gesetzt, aus Gründen einer falchen Mitleidsmoral wirken wir mit unserer Fürsorge kontraselektorisch und schaden uns dadurch nur selbst. Zu welchen Forderungen wissenschaftlicher Fanatismus führen kann, das mögen die Worte eines unserer bekann- testen Rassenhygieniker, Floetz, zeigen: „Gegen die Kriege", so sagt er, „wird der Rassenhygieniker weniger etwas haben, da sie eines der Mittel im Kampf ums Dasein der Völker bilden. Nur wird er darauf dringen, daß entweder mit Söldnerheeren gekämpft wird, oder daß die Aushebung beim System der allgemeinen Wehrpflicht so umfassend wie nur möglich ist, um recht viele auch der schlechteren Individuen ins Heer zu bekommen, so daß der Nachteil für die guten Konvarianten nicht zu stark wird. Während des Feldzuges wäre es dann gut, die besonders zusammengereihten, schlechten Varianten an die Stellen zu bringen, wo man hauptsächlich Kanonenfutter braucht und wo es auf die individuelle Tüchtigkeit nicht so an- kommt". Um kein falches Urteil über den Ur- heber dieser Worte aufkommen zu lassen, sei übrigens hinzugefügt, daß sie nicht aus unserer heutigen Zeit stammen, sondern bereits aus dem Jahre 1895. Positive Auslese streben die Rassenhygieniker dadurch an, daß sie die tüchtigsten Individuen der Rasse in jeder Weise gefördert sehen wollen; eine möglichst rege Fortpflanzung der Tüchtigsten ist wünschenswert, damit sie ihre Vorzüge auf eine große Nachkommenschaft vererben. Andererseits muß bei den Minderwertigen die Erzeugung von Nachkommen nach Möglichkeit verhindert werden. Auch hier führen die Forderungen der Extremsten zu einer vollständigen Umkehrung der bestehenden Verhältnise. So will v. Ehrenfels an die Stelle der Monogamie die Vielweiberei setzen, die Zeu- gungskraft der „Auserwählten" müsse in weitestem Maße ausgenutzt werden, der Staat müsse nach den Regeln der wissenschaftlichen Tierzucht ein- gerichtet werden usw. Der wichtigste Einwand, den man den Sozial- darwinianern machen kann, ist nach Hertwig der, daß sie das biologische Gesetz der Arbeitsteilung und Differenzierung nicht beachten. In dem menschlichen Gemein- wesen hat die fortschreitende Arbeitsteilung und Differenzierung zu einer derartigen Abhängig- keit der einzelnen Glieder der Gemeinschaft geführt, daß die Lehre von der Gleichheit der Menschen hier eine Einschränkung erfahren muß. Je höher sich das Gemeinwesen entwickelt, desto mehr ist jeder „ohne Unterschied der Fähigkeiten, des Ranges und des Besitzes auf die Mithilfe vieler anderer in seiner ganzen Existenz ange- wiesen". ,,So wenig wie zwischen den Zellen eines pflanzlichen und tierischen Organismus, findet zwischen den Gliedern eines Staatswesens (normalerweise 1 — N.) ein Kampf ums Dasein mit einer sich aus ihm ergebenden Zuchtwahl und den hieraus abgeleiteten Folgen für die Ver- änderung der Organismenwelt statt." Noch vieles macht Hertwig gegen die Sozialdarwinianer und ihre „Marstallprinzipien", wie sie H u x 1 e y nennt, geltend. Er zeigt, daß die Schlagworte der Sozialdarwinianer, soziale Auslese, Selektion der Tüchtigen, Ausjäten der Untüchtigen, gar nichts mit der Darwin 'sehen Formel für das Entwicklungsproblem zu tun haben, lediglich „einer wissenschaftlichen Mode zu Liebe" erklären sie die Tatsachen aus Darwin 's Theorie. Sollte der Züchtungsstaat der Sozialdarwinianer erfolgreich sein, so wären ganz ungeheuerliche Eingriffe in das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen not- wendig, es müßte „das Leben jedes einzelnen von der Wiege bis zum Grabe unter Zuchtwahlkon- trolle gestellt werden". Und selbst dann wäre ein voller Erfolg der Menschenzucht noch nicht gewährleistet, denn wer vermag zu sagen, was für Anlagen und Fähigkeiten in einem Menschen I6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 1 darinnenhegen, und welche von den zahllosen Tüchtigkeiten verschiedenster Art sollen wir be- günstigen ? Auch Hertwig hält die soziale Gemeinschaft der IVIenschen für verbesserungsbedürftig. Aber die Wege, die er zur Hebung und Veredelung des Men- schengeschlechtes einschlagen will, sind ganz andere als die der Rassenhygieniker: „Verbesserung der äußeren Faktoren des Daseins durch vollkommenere Beherrschung der Naturkräfte und durch Ver- mehrung des äußeren Reichtums der Nationen", „Hebung der menschlichen Gesundheit in allen Volksständen durch soziale, medizinische und hy- gienische Maßnahmen, Verlängerung des Lebens durch Bekämpfung der Ursachen vorzeitigen Todes, durch Verhütung der Ausbreitung von Infektions- krankheiten, durch Vernichtung schädlicher Mikro- organismen", „Kampf gegen soziale Lasier jeder Art", „Verbesserung des Wohnungswesens und Sicherung einer menschenwürdigen Existenz auch in den untersten Bevölkerungsschichten' usw. Im letzten Teile seiner Schrift wendet sich Hertwig gegen den gerade während der letzten Jahre — vor und während des Krieges — wieder mehr in den Vordergrund getretenen politischen Darwinismus. Gegenüber den Leuten, die den Krieg als „schaffendes Weltprinzip'' (Claus Wagner) verehren, die ihn als ,, biologische Not- wendigkeit" (Bernhard i) betrachten und ohne ihn die Welt ,,im Materialismus versumpfen" lassen (Moltke), redet Hertwig dem Pazifismus und der Völkerverständigung das Wort. Uns, die wir heute nach mehr als vier Jahren heldenmütigen Kampfes am Ende eines verlorenen Krieges stehen, mögen seine Worte ein Trost sein, Worte, die er schrieb, als wir noch auf der Höhe unserer mili- tärischen Erfolge standen: „Mag ein Staat nach einem verlorenen Krieg seine Verfassung und Organisation oder Teile seines Besitzes und Territoriums verlieren, er mag aufgeteilt oder auch ganz unterjocht werden, so bleiben doch seine Bürger, die den lebendigen Inhalt und den Wert eines Staatswesens ausmachen, trotz alledem er- halten und können sich durch Fortpflanzung in der Zukunft, unter Umständen in noch reicherem Maße als ihre ehemaligen Besieger, vermehren und sich ausbreiten. Völker sterben nicht durch verlorene Kriege." „Der Friedensgedanke", so schließt Hertwig, „ist gewiß nicht als utopistisch zu bezeichnen mit seiner Erwartung, daß die Ent- wicklung der Menschheit, wenn auch nach mannig- fachen Erschütterungen und Umwegen zu einem Zustand führen wird, in welchem zwischen den Völkern der einzelnen Weltteile und ebenso zwischen diesen eine internationale Friedensorga- nisation herrschen und Moral und Recht die ent- scheidende Macht im Völkerbund der Menschheit sein wird." Wir haben bisher Hertwig meist selbst sprechen lassen. Damit sollte nicht gesagt sein, daß wir ihm in allem voll und ganz zustimmen. Es sei hier nur auf zwei Punkte hingewiesen. Zunächst einmal scheint uns, daß der nicht natur- wissenschaftlich orientierte Leser auf Grund des Studiums von Hertwig's Schrift doch zu einem etwas allzu harten Urteil über Darwin 's Werk kommen wird. Es liegt uns fern, für die Selektionstheorie eine Lanze brechen zu wollen, aber Worte wie Kampf ums Dasein, Aus- wahl des Passendsten sind denn doch nicht nur Phrasen. Es gibt in der Tat einen Kampf ums Dasein und eine Selektion in der Natur! Schaffen sie auch nichts Neues, wie Darwin meinte, so üben sie auf die Zu- sammensetzung des Weltbildes doch einen wesentlichen Einfluß aus. Und sodann können wir uns auch dem abfälligen Urteil Hertwig's über die Bestrebungen der Rassen- hygieniker nicht anschließen. Gewiß hat die auf den Darwinismus begründete Rassenhygiene manche geradezu absurde Forderungen gezeitigt, aber Hertwig führt nur die extremsten Ver- treter an, es geht nicht an, die Rassenhygiene in Bausch und Bogen zu verwerfen. Manche der rassenhygienischen P'orderungen stehen sehr wohl im Einklang mit den Ergebnissen der modernen Erblichkeitsforschung, und es wäre unseres Er- achtens sehr zweckdienlich, wenn gerade in unserer Zeit der Staat diesen Forderungen seine Aufmerksamkeit zuwenden würde. Doch das sind kleine Einwendungen gegen die Hertwig 'sehe Schrift, im großen und ganzen geben wir seinen Ausführungen unsere volle Zustimmung. Die Schrift ist, wie bereits gesagt, in einer Zeit ge- schrieben, als wir noch auf der Höhe unserer militärischen Erfolge standen. Um so erfreulicher ist es, daß sie frei von jedem Chauvinismus ist, daß sie einer Völkerverständigung das Wort redet. Als unser Kriegsziel bezeichnet Hertwig in seinem Nachwort „das Ziel eines europäischen Friedensbundes gleich- berechtigter Staaten, die gleich, frei und brüderlich nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit" einander in der Weltwirt- schaft wie in den Werken der Kultur ergänzen und andere gleichgeartete Völker der. Erde zum Anschluß einladen." Möge dieses Ziel erreicht werden 1 Nachtsheim. Inhalt i P. Metzner, Über das Sehen und Erkennen bei Nacht. S. I. V. Brehm, Über gcschlechtsbegrenzte Spezies- merltmale bei Süßwasserorganismen und deren eventuelle experimentelle Aufklärung durch das Mendel'sche Spaltungs- gesetz. S. 4. — Einzelberichte: Duisberg, Forlschritle in der Darstellung künstlichen Kautschuks. S. 8. M. M. Collignon, Große Hörweite des Geschiitzfeuers. S. 9. Dieckmann, Orientierung von Luftschiffen und Flugzeugen. S. 9. A. Schmauß, Schallausbreitung. S. lo. Otto J aekel, Zur Geologie der Tektonik des Kügener Steilufers S. 10. — Bücherbesprecbungrn: V. Haccker, Entwicklungsgeschichtliche Eigenschaftsanalyse. S. 11. Oskar Hertwig, Zur Abwehr des ethischen, des sozialen, des politischen Darwinismus. S. 13. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge 18. Band; der ganzen Reihe 34, Bund. Sonntag, den 12. Januar 1919. Nummer 3. Über die Symmetrie der Organismen. [Nachdruck verboten.l Von Prof. Joh Symmetrie ist ein Grundzug im Bau der Or- ganismen. Die meisten Lebewesen zeigen — im ganzen oder in ihren Teilen — Symmetrien irgend- welcher Art. Auch von den Gebilden der Archi- tektur und Ornamentik fordern wir symmetrische Gestaltung. Der Mensch fügt Schmuck und Kleidung seinem Körper im allgemeinen symmetrisch an. Einige bekannte Ausnahmen erklären sich durch die Lage des Herzens und die bessere Ausbildung der rechten Hand. Mutwillige Abweichungen (wie die asymmetrische Tracht der Landsknechte oder die allzu schiefe Mütze) sind bewußte Ab- sagen an das herkömmlich Schickliche. In den Büchern, welche die allgemeine Botanik und Zoologie behandeln, wird dieses gestaltende Prinzip ersten Ranges überaus stiefmütterlich be- dacht. Ganz im Anfang werden zwar einige Er- klärungen gegeben, welche hinreichen, die üblichen Kunstausdrücke (bilateral, monaxon u. a.) ver- ständlich zu machen , die Darstellung der Sym- metrie zeigt aber auch in unseren besten Lehr- büchern zwei wesentliche Mängel. i. Die Be- schreibung ist nicht aus einem klaren Begriff hergeleitet, so daß die verschiedenen Fälle ofc nicht richtig koordiniert sind. 2. Es ist, soweit ich sehe, nirgends der Versuch gemacht worden, die Symmetrie zu erklären. Dennoch sind beide Mängel leicht zu beseitigen. Ich möchte deshalb im folgenden den Versuch machen, die Symmetrien, die an organischen Ge- bilden vorkommen, physikalisch zu erklären. Die Symmetrie ist nämlich kein geometrisches Prinzip, das als leitender Grundgedanke die Ge- staltung regelt, sondern in jedem Falle das Re- sultat der Wirkung bestimmter Faktoren, und die Behandlung der Symmetrie ist eine Aufgabe nicht der formalen, sondern der kausalen Morphologie. Zuvörderst braucht man allerdings eine Definition und eine zweckmäßige Anordnung der Fälle; beides ist in befriedigender Weise nur durch geometrische Abstraktion erreichbar. Man denke sich einen beliebigen Körper und eine beliebige Ebene, die Symmetrieebene. Von jedem Punkte des Körpers soll auf die Ebene das Lot gefällt und über die Ebene hinaus nach der anderen Seite verlängert werden. Macht man die Verlängerung ebenso lang wie das Lot, so erhält man den zum Ausgangspunkte symmetrischen Punkt. Man denke sich nun diese Konstruktion für jeden Punkt des Körpers ausgeführt, so erhält man einen zweiten Körper: Dieser heißt sym- metrisch zum ersten in bezug auf die Ebene. Sind beide Körper Teile eines Ganzen , so heißt dies Ganze symmetrisch. annes Theel, Die genauste Symmetrie zeigt ein Körper und sein Bild in einem ebenen Metallspiegel, das nächstliegende Beispiel bieten die rechte und die linke Hand. Körper mit dieser Art Symmetrie nennt man zygomorph oder bilateral-symmetrisch, auch kurz bilateral. Die Symmetrie in der Natur ist nie vollkommen. Es kann noch eine zweite Symmetrieebene vorhanden sein, diese muß dann aus geometrischen Gründen zur ersten senkrecht stehen. Der Schnitt beider Symmetrieebenen heißt Symmetrieachse. Beispiele: die normale Kruziferenblüte, die Wal- nuß, viele Diatomeen (Naviculaarten), wenige niedere Tiere (Akiinien). ') Es können nun auch 3 oder mehr Symmetrie- ebenen vorhanden sein, die alle durch dieselbe Symmetrieachse gehen; die Winkel, welche je zwei benachbarte miteinander bilden, müssen aus geometrischen Gründen gleich sein. Körper mit 3 oder mehr Symmetrieebenen und einer Achse heißen radial • symmetrisch , radiär, multilateral, monaxon oder aktinomorph. Den Grenzfall bilden die sogenannten Rotationskörper; man kann sagen, daß sie unendlich viele Symmetrieebenen haben. Beispiele für radiären Bau: Die Blüte der Tulpe und des Mauerpfeffers, die regulären Seeigel; für Rotationskörper: Die Eier der Vögel. Die Symmetrie multilateraler Gebilde kann noch gesteigert werden, wenn noch eine Symmetrie- ebene hinzukommt, die dann zur Achse senkrecht stehen muß. Beispiel: Microcubus zonarius. -) Waren vorher n Symmetrieebenen mit einer Achse da, so sind jetzt im ganzen n -|- i Ebenen mit n -|- I Achsen vorhanden, denn die neue Symmetrieebene bildet mit jeder der ursprüng- lichen eine Symmetrieachse. Der einfachste Fall dieser Art entsteht, wenn 3 Symmetrieebenen vorhanden sind, von denen dann je 2 aufeinander senkrecht stehen müssen. Ihr Schnittpunkt heißt Zentrum. Beispiel: Ein dreiachsiges EUipsoid; in der Natur einige Des- midiazeen ^j und Radiolarien. *) Diese Symmetrie, so einfach sie ist, spielt im Bereiche der Organis- men eine ganz untergeordnete Rolle; die physi- kalische Betrachtung wird zeigen, daß die für diese spezielle Form erforderlichen Bedingungen nirgends vorliegen. Allerdings hat ja jede Kugel ') Siehe Rieh. Hartwig, Lehrb. d. Zool. 9. Aufl. Jena 1910, Fig- 91. Um nicht bekannte Bilder zu reprodu- zieren, gebe ich Hinweise auf Figuren weitverbreiteter Bücher. *) Siehe Haeckel, Kunstformen der Natur. Leipzig und Wien 1904, Taf. 71, Fig. 7. ^1 Ibid. Taf. 24. *) Ibid. Taf. 91. i8' Naturwissenschaftliche Wochenschrift N. F. XVIII. Nr. 2 3 solche Symmetrieebenen, aber da diese jede beliebige Stellung haben können, so ist die Kugel nur ein Grenzfall der letztbeschriebenen Symmetrie ebenso gut wie auch für jede andere. Die Sym- metrie der Kugel hat keinen bestimmten Charakter. Die nächste Verallgemeinerung ist dann, daß statt der 3 Achsen eine beliebige Anzahl vorhan- den ist, die alle durch einen Punkt gehen müssen. Einfache und ziemlich bekannte Beispiele hierfür bieten die regulären Körper. Das Tetraeder z. B. hat 4 Symmetrieachsen, deren jede 3 Sym- metrieebenen enthält; im ganzen sind es aber nur 6. Symmetrien dieser Art, z. T. von höchster Kompliziertheit sind in der Natur verwirklicht. Man findet meisterhafte Abbildungen in Haeckel's „Kunstformen der Natur", z. B. die erstaunliche Sagenoscena stellata auf Tafel 61. Diese kurze Darstellung der Symmetrieverhält- nisse, die bei Organismen vorkommen, wird den Mathematiker nicht befriedigen. Die Beschreibung ist weder vollständig noch systematisch und schon die Definition ist exoterisch, denn in der Geometrie erscheint die Symmetrie als besonderer Fall einer allgemeinen Verwandtschaft. Jedoch nicht eine geometrische Behandlung, sondern eine biologische Erklärung der Symmetrie soll hier versucht wer- den. Dabei wird das Hauptgewicht gelegt auf .die Ursachen der bilateralen Symmetrie der höheren Tiere, weil sie vollständig durch mechanische Be- trachtung erklärt werden kann; die komplizierteren Symmetrien, die bei niederen Organismen vor- kommen, sind weniger ergiebig. Wenden wir uns also nach dieser rein for- malen Einleitung zu der Hauptfrage; Welche natürlichen Ursachen hat die Symmetrie? Man denke sich ein Lebewesen in einem homogenen Medium, so ist gegeben ein Gegen- satz zwischen innen und außen. Schützende Hüllen und Organe der Fortbewegung müssen außen liegen; die Assimilation findet naturgemäß im Innern statt. Für symmetrischen Bau ist keine Ursache angebbar. Wenn aber das Lebewesen klein ist, so kann es jede beliebige Form haben, denn die Beschränkungen im Bauplan treten erst mit zunehmendqr Größe auf. Der einfachste Fall wäre dann der, daß von einem Zentrum nach jeder Richtung dieselbe Gestaltung ausgeht. Die völlige Gleicli.wertigkeit aller Richtungen findet ihren räumlichen Ausdruck in einem Auf- bau aus konzentrischen Kugelschalen, deren jede in sich gleichartig ist. Diese Schalen brauchen nicht geschlossen zu sein, sondern können gilter- artig aussehen oder aus kongruenten Platten be- stehen, die sich auf einer Kugelfläche gleichmäßig verteilen. Wenn nun die Knoten des Gitters oder die Platten mit dem Zentrum verbunden sind oder wenn sie nach außen radiale Fortsätze tragen, so zeigen sie das bekannte Bild der Strahlenkugel. Beispiele: Haeckeliana porcellana Murr.') oder Haliomma erinaceus. ') Schließlich kann auch die radiale Struktur überwiegen, dann sieht man von einem Zentrum aus gleichartige Radien in gleich- mäßiger Verteilung ausstrahlen; Beispiel: Prista- cantha polyodon Haeck. ') und viele andere „Ra- diolarien". Die Natur löst hierbei die Aufgabe, n Punkte auf einer Kugelfläche gleichmäßig zu ver- teilen. Für n = 4, 6, 8, 12 und 20 wird diese Aufgabe durch die regulären Körper gelöst, d. h. die 20 Ecken eines Ikosaeders verteilen sich gleichmäßig auf der umbeschriebenen Kugel. Diese Lösung hat die Natur angenommen bei Circogenia icosahedra Haeck. ■*) Jedoch können 20 Radien auch auf andere Weise im Räume gleichmäßig verteilt werden; füi die Acanthometra z. B. nach dem „Ikosakanthengesetz" (s. die schon zitierte Pristacaniha), das auch den Eindruck völliger Gleichmäßigkeit hervorbringt. Alle diese möglichen Baupläne, die der Aus- druck gleichmäßiger Verteilung um einen Punkt sind, werden von selbst symmetrisch. Meist sind viele Symmetrieebenen und viele Achsen vorhanden. Man wird nun beim Betrachten zahlreicher Pro- tozoen und einzelliger Pflanzen leicht die Über- zeugung gewinnen, daß die Symmetrie der symme- trischen ebenso zufällig da ist, wie sie bei den zahlreichen asymmetrischen, z. B. allen spiraligen fehlt. Sie ist der läumliche Ausdruck der Gleich- wertigkeit von n Richtungen und bedarf weiter keiner Erklärung. Wie das hexagonale Muster der Bienenwabe stellen sich diese Symmetrien unter dem räu m lieh e n Zwange von selbst ein. Ich gehe nun über zu den Symmetrien, die mechanisch bewirkt sind. — Der unendlichen Fülle von Entwürfen, die bei den kleinsten Lebe- wesen verwirklicht sind, setzt zuerst die Schwer- kraft eine Grenze. Bei einem großen Organis- mus stehen nämlich die unteren Teile unter dem Druck der oberen. Das führt zu einer der Schwere entsprechenden Anordnung der Organe oder zur Ausbildung besonderer Stützen und dabei muß die Gleichwertigkeit der Richtungen aufgegeben werden. Größere Organismen können deswegen nicht strahlenkugelig sein. Hier zeigt sich also, daß die Größe als solche für den Körper- bau von Bedeutung ist. Alle einigermaßen großen Gebilde der Natur und der Kunst ■*) stehen unter dem gestaltenden Einfluß der Schwere. Diese bewirkt einen Unterschied zwischen unten und oben, oder anders, sie gestattet nicht, daß Symmetrie zu einer wagerec hten Ebene stattfinde. Dagegen ist es für die Schwerkraft gleichgültig, ob über- haupt keine Symmetrie stattfindet oder nur zu einer senkrechten Ebene oder zu mehreren. ») Haeckel, 1. c. Taf. I, Fig. 3. ') Hertwig, 1. c. Fig. 88. «) Haeckel, 1. c. Taf. 21, Fig. 4. 3) Haeckel, 1. c. Taf. I, Fig. I. ■*) Vgl. Th. Lipps, Raumäslhetik und geom.-opt. Täu- schungen (Schriften der Ges. für psychol. Forschung II. Samm- lung, Leipzig 1893—97). N. F. XVIII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 19 Dem entspricht der tatsächliche Befund. Bleiben wir zunächst im Tierreich. Mangel jeg- licher Symmetrie ist bei Protozoen häufig, bei Metazoen selten. Symmetrie in bezug auf eine wagerechte Ebene kommt nicht vor. Symmetrie zu einer senkrechten Ebene ist sehr häufig. Symmetrie zu mehreren senkrechten Ebenen i^t auf gewisse Tierkreise beschränkt. Diese Ver- teilung der möglichen Fälle wird nun auch ver- ständlich, wenn man den physikalischen Be- dingungen weiter nachspürt. Organismen, die sich fortbewegen, gewinnen einen Vorteil, wenn immer derselbe Körperteil vorangeht, weil dabei die Spezialisierung der Organe, die Arbeitsteilung, einen höheren Grad erreichen kann. Dementsprechend findet man rtieist bei beweglichen Tieren einen Unterschied zwischen vorn und hinten. Handelt es sich um größere Wesen, deren Körperteile sich durch ihre Schwere beeinflussen, so sind damit 2 Richtungen gegeben, die der Schwerkraft und die der Be- wegungsachse. Diese beiden Richtungen bestimmen zwar eine Ebene, es ist aber noch nicht ersichtlich, warum in bezug auf diese Ebene Symmetrie statt- finden sollte. In der Tat, bei einer Schnecke, z. B. Helix pomatia, die auf ebener Bahn kriecht, kann man deutlich den Unterschied zwischen oben und unten, vorn und hintensehen ; dagegen spricht sie schon durch ihr Gehäuse jeder Symmetrie Hohn. Aber eine Schnecke ist auch kein glücklich gewähltes Beispiel für ein Tier, das sich bewegt. Nehmen wir einen Hirsch. Dessen Gestalt ist allerdings vollkommen symmetrisch und d i e Symmetrieebene ist auch gerade die Ebene, welche durch die Richtung der Schwerkraft und der Bewegung be- stimmt wird. Ebenso sind alle Tiere, welche schnelle Bewegungen machen, ob sie nun laufen, schwimmen oder fliegen, streng bilateral-sym- metrisch. Diese Tatsache ist eine mechanische Not- wendigkeit. Der Körper eines Läufers (Pferd, Strauß, Laufkäfer) ruht nicht mit breiter Basis auf dem Boden, sondern ist durch die Beine emporgehoben und wird von ihnen vorwärtsbe- wegt. Die geringste Abweichung von der Sym- metrie in bezug auf die durch Schwerkraft und Bewegung bestimmte Ebene würde ein Drehungsmoment erzeugen, das eine be- ständige Bedrohung des Unterschiedes von unten und oben enthielte. Noch empfindlicher gegen ungleiche Belastung rechts und hnks sind schwimmende Wesen und im höchsten IVlaße die Flieger; dabei nimmt die Empfindlichkeit gegen Asymmetrie mit der Größe rapide zu, weil die Drehungsmomente mit der 4. Potenz der Länge wachsen. ^) Streng genommen braucht nun aber ein be- ') Die Abhängigkeit des Baues uod der Funktionen leben- der Wesen von der Größe ist in einem früheren Aufsatz dieser Zeitschrift ausführlicher behandelt worden; s. 1917, Nr. 35 und 36. wegliches Tier von einiger Größe nur rechts und links gleiche Drehungsmomente zu haben; in Wirklichkeit findet sich jedoch, von den schon erwähnten Schnecken abgesehen, immer voll- kommene Symmetrie. Das hat zwei Ursachen. I. Die Symmetrie ist die einfachste Lösung der Aufgabe, rechts und links soll die Summe der Dreliungsmomente gleich sein. 2. Schnelle Bewegung erfordert auch Symmetrie des Quer- schnittes. Bei der geringsten Abweichung von dieser Forderung entsteht nämlich durch den Widerstand der Luft oder des Wassers ein Drehungsmoment um eine senkrechte Achse, das dem Quadrat der Geschwindigkeit proportional ist und die beabsichtigte Bewegung unmöglich macht. Es ergibt sich also, wenn man die Extreme zur Charakterisierung benutzt : Ein Tier, das schnell fliegt, muß in Gestalt und Massen- verteilung bilateral -symmetrisch sein; ein Tier, das langsam kriecht, kann ohne Symmetrie der Gestalt auskommen, wenn nur die Summen der Drehungsmomente rechts und links der Längs- achse gleich sind. Durch welche Verteilung der inneren Organe diese Gleichgewichlsforderung er- füllt wird, ist gleichgültig. Im inneren Bau sind denn auch bekanntlich alle Tiere asymmetrisch. Die noch nicht besprochene Symmetrie in bezug auf mehrere senkrechte Ebenen gestattet mechanisch auch eine Bewegung, jedoch nicht den Grad von spezieller Anpassung an die besonderen Bedürfnisse des schnellen Forlkommens. Sie findet sich unter den Metazoen nur bei den Echinodermen und Coelenteraten. Die Echinodermen sind z. T. festgewachsen (Seelilien), z. T. kriechen sie umher (Seesterne, Seeigel). Von den Seeigeln sind einige bilateral geworden, haben aber die senkrechte Stellung der Hauptachse beibehalten. Dagegen hat ein Zweig der Echinodermen, die Holothurien, den Übergang zur Bilateralität sozusagen im Sprunge vollzogen. Die senkrechte Hauptachse der Echinodermen ist bei ihnen wagerecht ge- lagert. Bei dieser Stellung kann radiäre Symmetrie nicht fortbestehen , sie muß durch die Wirkung der Schwere umschlagen in bilaterale. Mit der neuen Lage ist den Holothurien die Möglichkeit schnellen Fortkommens gegeben. Sie haben keinen Gebrauch davon gemacht. Nur eine einzige Spezies, Pelagothuria natatrix Ludw., ') hat gelernt, sich schwimmend fortzubewegen; mir ist nicht bekannt, rnit welcher Geschwindigkeit. Daß die einzige Schwimmerin unter den Echino- dermen aus dem bilateralen Seitenzweig hervor- gegangen ist, illustriert immerhin die vorgetragene Ansicht über den Ursprung der Symmetrie. Übrigens sind die Larven der Echinodermen, die frei herumschwimmen, auch bilateral-symmetrisch. Die Coelenteraten, die ebenfalls radiären Bau zeigen, sind z. T. festgewachsen, z. T. führen sie eine pelagische Lebensweise. ') Siehe Hertwig, 1. c. S. 335; Abb. bei Keller, Das Leben des Meeres, Leipzig 1895, Fig. 150. 20 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. 2 Es scheint mir nicht ohne Interesse , festzu- stellen, daß diejenigen Schnecken, welche schwim- men, bilateral sind, z. B. Hyalaea, ') während um- gekehrt Gliedertiere, die auf Bewegung ganz oder teilweise verzichten, die Symmetrie aufgeben können, wenn sie dadurch einen anderen Vorteil gewinnen. Das hat der Einsiedlerkrebs getan. Es lohnt sich, auch noch einen Blick auf die Gestalt des Querschnittes zu werfen, um die Kräfte zu erkennen, welche den Umriß model- lieren. Bei Fliegern (notabene , während sie fliegen) ist er allgemein viel breiter als hoch, weil sie Unterstützungsfläche gebrauchen, eben dadurch um so empfindücher gegen Asymmetrie und des- wegen immer streng symmetrisch. — Für Läufer ist ein ungefähr runder Querschnitt am vorteil- haftesten. Dabei treten keine starken Drehungs- momente auf und die Unterstützungsfläche kann klein sein. — Allein die Schwimmer können sich jenen merkwürdigen Querschnitt leisten, der viel- mals höher ist als breit. Dieser würde auf fester Grundlage in der Luft zu wenig stabil sein und einen konstruktiven Aufwand zur Stabilisierung erfordern ; die Beschaffenheit des Wassers erspart diesen Notbehelf. Übrigens können die Schwim- mer alle möglichen Querschnitte haben je nach ihrer Lebensweise. — Tiere, die graben oder bohren, brauchen einen kreisrunden Querschnitt, weil der Kreis am meisten Fläche im Verhältnis zum Umfang hat. Die hier gebotene Beschränkung gestattet nicht, mehr ins einzelne zu gehen; ich möchte nur noch auf die Pleuronectiden hinweisen. Diese Fische stammen offenbar von solchen mit hohem Querschnitt ab. Indem sie sich auf die Seite legten, brachten sie ihre Symmetrieebene in wage- rechte Lage. Dieser Zustand ist unhaltbar. Das untere Auge rückt also auf die neue Oberseite, die Färbung von ursprünglich rechts und links wird ganz verschieden. Eine Veränderung des Querschnittes dagegen ist für das ruhende Tier nicht nötig; rechts und links könnten also verschieden bleiben wie ursprünglich oben und unten. Will aber das Tier auch seine Bewegun- gen in der neuen Lage ausführen, so muß der Körper eine Symmetrieebene annehmen, die nun- mehr wieder senkrecht von vorn nach hinten läuft. Dieser Prozeß hat sich bei den Pleuro- nectiden vollzogen und damit ist die neue Körper- lage auch für die Bewegung fixiert. Im Pflanzenreich ist der gestaltende Einfluß der Schwere viel geringer als im Tierreich. Der meist ausgeprägte Unterschied zwischen oben und unten, die Dorsiventralität, ist hier eine Wirkung des Lichtes und des Wassers. Die Organe der Assimilation, die Blätter, sind aller- meist dorsiventral. Im typischen P'alle hat die Oberseite eine starke, zusammenhängende Epider- mis und Palisadenzellen, die Unterseite schwächere Epidermis, von zahlreichen Spaltöffnungen unter- brochen, und Schwammparenchym. Daß diese Dorsiventralität nur die angegebenen Ursachen hat, zeigen die „isolateralen" Blätter ') mit senk- rechter Stellung und die, deren Unter- und Ober- seite ihren Charakter vertauscht haben , weil das Blatt sich herumgedreht hat. Licht und Wasser haben also die Dorsiven- tralität des Blattes bewirkt; die Schwere ist hier- bei als Faktor nicht beteiligt, wohl aber hat sie die Symmetrie geschaffen, die den meisten Blättern eigentümlich ist. Ein typisches Blatt ist an einem Stiel befestigt, der es in eine günstige Lichtlage bringt. Dadurch entsteht ein proximales und ein distales Ende, die naturgemäß verschieden gebaut sind. Es sind also zwei Richtungen ausgezeichnet, die, aus der das Licht kommt, und die der Be- festigungsachse. Dabei wäre immer noch Asym- metrie möglich und kommt auch vor (Ulme, Linde, Schiefblatt). Die Asymmetrie erzeugt aber ein Drehungsmoment und ist also mechanisch unvor- teilhaft, denn das Drehungsmoment muß durch irgendwelche konstruktiven Mittel (Versteifung, Turgor) aufgehoben werden, damit das Blatt in günstiger Lage bleibt. Dieser Nachteil kann durch einen größeren Vorteil kompensiert werden, z. B. bessere Lichtausnutzung. Je größer aber das Blatt, desto unvorteilhafter ist die Asymmetrie. iVIan kann also sagen: Die Dorsiventralität des Blattes ist eine Folge des Lichtes und des Regens, die Symmetrie dagegen eine Wirkung der Schwere wie im Tierreich. Anders bei den Blüten. Sie bestehen aus um- gewandelten Blättern und die Glieder mit gleicher Funktion sind meist zu mehreren dicht beisammen. Die Aufgabe der Blüten gestattet ihnen jede Stellung. Sind nun mehrere homologe Glieder in gleicher Höhe an einer senkrechten Achse befestigt, so ist kein zureichender Grund erkennbar, weshalb eines anders geformt sein sollte als das andere. Der Unterschied zwischen innen und außen, befestigtem und freiem Ende bewirkt dann einen radialen Bau der ganzen Blüte. In der Tat sind Blüten mit se nkre c ht e r Achse meist aktinomorph. Wenn aber viele solche Blüten zu einem wagerechten Blütenstand dicht vereint sind, so entsteht von neuem ein Gegen- satz zwischen innen und außen und bewirkt eine Umgestaltung der Randblüten in Richtung des Radius(Umbelliferen,Kompositen,Viburnum, Iberis). Der Aktinomorphie der einzelnen Blüte super- poniert sich dann eine Aktinomorphie des Ganzen. Der Vorgang kann sich noch einmal, wiederholen. Andererseits sind Blüten mit ungefähr wage- rechter Achse zygomorph oder tendieren dazu, wenn sie einer aktinomorphen Verwandt- schaft angehören (Hosta). Hier kann die Schwere direkt wirken, wenn etwa Nektar in einem Behälter zusammenfließt, der natürlich unten sein ') Siehe Hertwig, 1. c. Fig. 330. ') Siehe Heinrichcr, Jahrb. f. wiss. Bot. is- Bd. (1884). N. F. XVIII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 21 muß. ') In den meisten Fällen ist aber die Zygo- morphie der Blüten mit wagerechter Achse indirekt von der Schwerkraft bewirkt. Diese Blüten sind dem Besuch bestimmter Insekten angepaßt und die von der Schwere bewirkte Symmetrie der Besucher hat der Blüte ihre Form gegeben (Labiaten, Orchideen). Daher ist eine zygomorphe Blüte mit wagerechter Symmetrie- ebene ebenso unnatürlich wie ein so gebautes Tier. Man muß aber bei gelegentlichen Ab- "weichungen von der genau senkrechten Stellung der Symmetrieebeiie nicht vergessen, daß die Abhängigkeit der Blüten von der Schwere nur indirekt ist und daß die Drehungsmomente bei kleinen, leichten, festsitzenden Gebilden leicht kompensiert werden können. Die Färbung und Zeichnung, das „Farbmuster", symmetrischer Gebilde ist fast immer ebenfalls symmetrisch. Eine physikalische Ursache dafür läßt sich nicht angeben. Es scheint, daß diese Symmetrie nicht lebenswichtig ist, denn sie wird ganz vermißt bei den Schecken, die unter den Haustieren häufig sind. Das Ergebnis dieser physikalischen Betrachtung wäre also in Kürze: Symmetrie kann rein räum- liche Ursachen haben, dann sie ist außerwesentlich und kann dasein oder fehlen, so die mannig- fachen Symmetrien bei einzelligen Lebewesen. Symmetrie kann eine oder zwei mechanische ') Auch hier liegt der Fall für kleine Blüten oder kleine Nektarmengen anders, denn kleine Mengen werden kapillar gehalten. Ursachen haben, dann ist sie wesentlich und findet sich bei allen Organismen, für welche die mechanischen Ursachen wirksam sind; so die Bilateralität der Metazoen. Je schneller die Be- wegung, desto wichtiger und daher auch desto ausgeprägter wird diese Symmetrie. Im Pflanzen- reich scheint die radiale Symmetrie räumliche Gründe zu haben und kann daher überall durch die spiralige (asymmetrische) Anordnung ersetzt werden. Die Zygomorphie der Blüten ist in manchen Fällen eine direkte Deformation akti- nomorpher Typen durch die Schwere, in anderen F"ällen eine Anpassung an bilaterale Besucher. Die Symmetrie der Blätter dagegen ist eine mechanische Wirkung der Schwerkraft. Eine horizontale Symmetrieebene ist durchweg aus- geschlossen. ') Mit dem promorphologischen System Haeckel's'-) läßt sich diese Entwicklung nicht vereinigen. Es scheint, daß die Analogie zu den Kristallen, von der Haeckel ausgeht, für die Grundformen lebender Wesen kein glücklicher Griff war, und daß daher das ganze System auf einer unnatürlichen Grundlage steht. ') Selbst in den von der Schwere unabhängigen mensch- lichen Kunstforraen tritt eine wagerechte Symmetrieebene (oder Achse) allein kaum jemals auf. Man durchmustere z. B. die lateinischen Buchstaben , die hier gebraucht sind. B ist nicht symmetrisch (herumdrehen!), sondern wie unter einer ästhetischen Nachwirkung der Schwerkraft ist der untere Bogen vergrößert. '') Siehe z. B. Haeckel, 1. c. Supplementheft. Kleinere Mitteilungen. Massenversammlungen und Massenwanderungen von Marienkäferchen. Es ist eine schon des ölteren beobachtete Erscheinung, daß sich manche Insekten- arten zur Paarungszeit an hochgelegenen, weithin sichtbaren Punkten in großer Zahl versammeln, um dort dann den Geschlechtsakt zu vollziehen. „So findet man", sagt D o f 1 e i n in seinem vortrefflichen Buche „Das Tier als Glied des Naturganzen" (Hesse - Doflein, Tierbau und Tierleben, Bd. 2), „Massen- versammlungen von Oestriden, z. B. Hirsch- und Rentierbremsen, die sonst als seltene Tiere be- trachtet werden, auf hohen Berggipfeln, an Aussichts- und Kirchtürmen oder in weiter Ebene an einzelnen Bäumen. Ähnlich versammeln sich oft Hundert- tausende von geflügelten Geschlechtstieren der Ameisen ao Kreuzen auf Berggipfeln, und man kann leicht beobachten, daß sie tatsächlich zur Begattung da zusammenkamen. Ferner geben sich Männchen und Weibchen von Pyrameis- und Papilioarten auf Berggipfeln ein Rendezvous." Massenversammlungen von Marienkäferchen (Cocci- nellen) zum Zwecke der Begattung, wie ich sie im April des vergangenen Jahres in Mazedonien beobachten konnte, sind, soviel ich weiß, bisher nicht beschrieben worden. In der ersten April- hälfte bestieg ich von Üsküb aus den etwa i lOO m hohen Wodno. An den vorderen Gipfel, an dessen Fuße Usküb liegt, schließen sich nach Westen zwei weitere, etwas höhere Gipfel an, jeder von dem anderen durch eine flache Mulde getrennt. Die Gipfel tragen nur schwachen Pflanzenwuchs, hie und da steht niederer Buchrbaum. Auf diesen Buchsbaumsträuchern nun saßen Unmassen von Marienkäferchen, es war Coccinella septempunctata, eine unserer häufigsten Arten. Li dichten Trauben saßen sie beisammen, fast immer Männchen und Weibchen zum Geschlechtsakt vereinigt, das gelbliche Grün der Buchsbaumblättchen und das Braunrot der Käfertrauben ein prächtiges Bild. Ging man zu den Buchsbaumsträuchern nur wenige Meter unterhalb des Gipfels, so suchte man ver- geblich nach Marienkäferchen, nicht eines fand man dort, alle strebten der höchsten Stelle des Berges zu. Auf dem zweiten Gipfel fehlt der Buchsbaum. Dort hatten sie sich alle auf und unter einem großen Felsblock versammelt, ähnlich war es auf dem dritten Gipfel, in den Mulden zwischen den Gipfeln aber wieder keine Spur von den Käfern. Wenige Tage später besuchte ich zusammen mit Professor Doflein abermals den 22 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 2 Wodno. Die Massen von Marienkäferchen hatten sich noch vergrößert, es waren Tausende von Tieren, die auf jedem Gipfel versammelt waren. Auch in der nächsten Woche waren sie noch dort, wie mir berichtet wurde, und sogar noch höher hinauf strebten die auf dem ersten Gipfel. Dort befand sich eine hohe Signalstange, und selbst auf dieser Stange hatten sich Scharen nieder- gelassen. Wie lange die Erscheinung dauerte, vermochte ich leider nicht festzustellen, Anfang Mai waren die Tiere jedenfalls verschwunden. Übrigens scheinen diese Massenversammlungen von Marienkäferchen Jahr für Jahr dort stattzu- finden, denn ein Stabsarzt erzählte mir, daß er " im vorhergehenden Jahre ungefähr um die gleiche Zeit die gleiche Beobachtung gemacht hat, und zwar ist nicht nur der Wodno die Versammlungs- stätte, auch auf anderen Gipfeln der Umgegend finden solche Versammlungen statt. Auf die Zweckmäßigkeit solcher Massenversammlungen zur Fortpflanzungszeit hat bereits Doflein hin- gewiesen. Aus einem weiten Gebiet kommen die Tiere zusammen, und so wird die Inzucht mit ihren oft schädlichen Folgen vermieden. Können wir somit auch den Vorteil, den eine solche Massenversammlung für die Erhaltung der Art darstellt, verstehen, so sind damit freilich die Ursachen, die alle Tiere den höchsten Punkten der Berge zustreben lassen, noch nicht geklärt. Über Massen wand eru n gen von Marien- käferchen, die aber offenbar ganz andere Ursachen haben als diese Massenversammlungen, liegen Berichte vor aus dem Jahre 1847. Im August dieses Jahres traten im Südosten Eng- lands ungeheure Schwärme des Käfers auf, und zwar soll es sich um mehrere Arten gehandelt haben. Einige Beobachter geben an, daß die Tiere über das Meer kamen, der Ostwind soll sie von Frankreich herübergebracht haben. Von dem Umfang dieser Schwärme geben die zahl- reichen Berichte von Augenzeugen ein anschau- liches Bild. ') „Donnerstag Abend zwischen vier und sechs Uhr", so hieß es in der Times, , .beob- achteten viele hundert Zuschauer von den Höhen von Ramsgate und Margale eine lange, mehrere Meilen über dem Meere sich ausbreitende Wolke, die sich aus der Richtung von Calais und Ost- ende gegen unsere südliche Küste zu bewegte und der langen Rauchsäule eines Dampfers bei ruhigem Wetter glich. Gegen zehn Uhr Abends aber waren zum allgemeinen Erstaunen der Spaziergänger alle Wege und die Felsen buch- stäblich mit Marienkäferchen bedeckt. Viele wurden auf ihrem Heimweg vollständig einge- hüllt von diesem kleinen Insekt, und so dicht saßen die Tiere an den Kleidern, daß diese Panzerhemden glichen. Am folgenden Morgen in der Frühe war zu allgemeinem Verdruß die ganze ') Cornelius stellt in seinem Buche „Die Zug- und Wandertiere aller Tierklassen" (Berlin 1865) einige von diesen Berichten zusammen. Küste mit ihnen bedeckt, und um dem Leser eine Vorstellung von der Ausdehnung und Masse dieser unwillkommenen Einwanderer zu geben, sei bemerkt, daß auf der Mole von Margate fünf Scheffel und fast ebenso viel auf der im Hafen von Ramsgate zusammengekehrt wurden. Trat man auf die Tiere, so hatte man den Eindruck, als gehe man auf Schnee an einem kalten Wintertage." „Jeder wahre Freund der Land- wirtschaft", so sagt ein anderer Berichterstatter, „begrüßt das Erscheinen dieser Insekten, da sie als Vertilger der für die Vegetation außerordent- lich schädlichen Blattläuse wohlbekannt sind." Seitdem sind derartige Massenwanderungen von Marienkäferchen meines Wissens nicht mehr be- schrieben worden. Worauf die Wanderungen im Jahre 1857 zurückzuführen waren, ist nicht sicher. Vielleicht waren die Tiere auf dem Festland in- folge örtlicher Übervölkerung und dadurch her- vorgerufenen Nahrungsmangel zur Wanderung ge- zwungen, und ein um diese Zeit gerade ein- setzender Ostwind wirbelte sie zusammen und führte sie in solch großen Massen über das Meer. Zusatz bei der Korrektur. Während des Drucks'dieser Mitteilung erschien in Heft 10/12 vom 15. Nov. der „Entomologischen Mitteilungen" (Bd. 7, 1918) eine Notiz von O. Taschenberg über „Auffällige Häufigkeit von Coccinella sep- tempunctata L. im Sommer 1918", auf die ich noch hinweisen möchte. Taschenberg erhielt aus verschiedenen Gegenden Deutschlands Berichte über massenhaftes Auftreten von Marienkäferchen im vergangenen Sommer, so aus dem Südharz, wo die Tiere derart häufig waren, daß man sich in acht nehmen mußte, sie nicht auf Schritt und Tritt zu zertreten, dann aus dem Vogtlande, aus der Umgegend von Halle und aus Mecklenburg. „Ganz besonders interessant wurde mir", so schreibt Taschenberg, „die Sache, als mir mein Arzt, Herr Sanitätsrat Dr. Köh n, folgendes aus seinen Sommererholungserfahrungen mitteilte. Er war in AltGaarz, einem kleinen mecklenburgischen Ostseeorte, wo er eines Morgens unzählbare Mengen des Marienkäfers unter dem Seetang ver- krochen (als ob er gierig daselbst seiner Nahrung nachging) bemerkte. Ich erklärte ihm, nachdem er mir die Strandbeschaffenheit mitgeteilt hatte und die herrschende Witterung, daß die Tiere in solcher Menge nur durch nächtlichen Sturm übers Meer getragen und den ersten besten Schutz im Seetang gefunden haben könnten. Der Wind hatte von Nordwesten an der holsteinischen Küste, Dahme und von der Insel P"ehmarn geweht und konnte allein als Ursache des massigen Auftretens des Käferchens unter Seetang zur Erklärung dienen. Ich teile diese Befunde sehr verschiedenen Vor- kommens nur darum mit, um noch mehr ähnliche Erfahrungen andererseits zur Mitteilung zu ver- anlassen." Vielleicht kann auch der eine oder andere Leser der Naturw. Wochenschr. über ähnliche Beobachtungen berichten. Nachtsheim, N. F. XVIII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 23 Einzelberichte. Astronomie. Über den 'Meteoritenfall von Treysa in Hessen am 3. April 1916 (s. H. 14, Jahrg. 19 18, S. 206) sind nunmehr zwei weitere Arbeiten erschienen : A. W e g e n e't : Über die planmäßige Auffindung des Meteoriten von Treysa. Astron. Nachrichten, Nr. 4961. F. Richarz, Auffindung, Beschreibung und vorläufige physikalische Untersuchung des Meteoriten von Treysa, Schriften der Gesellschaft zur Beförderung der gesamten Naturwissenschaften zu Marburg, 14. Bd., 2. H. Wegener hatte bekanntlich bereits vor der Auffindung des Meteoriten auf Grund der Licht- und Schallwahrnehmungen die geozentrische Bahn der Feuerkugel ermittelt und zufolge dieser Be- rechnung auch den mutmaßlichen Ort des Nieder- falls angegeben. Auf dieser Grundlage wurden in der Gegend von Treysa und Ziegenhain, Bezirk Cassel, Nachforschungen vorgenommen, die noch im Herbst und Winter 1916 ohne Erfolg blieben. Die Hoffnung, daß die Einschlagstelle bei der Ernte aufgefunden würde, erfüllte sich nicht. Als letztes Mittel richtete der Vorstand der obenge- nannten Marburger naturwissenschaftlichen Gesell- schaft einen Aufruf an die Forstbeamten der dor- tigen Gegend und setzte gleichzeitig eine Belohnung von 300 Mk. aus, mit dem Ergebnis, daß ein Förster auf eine ihm schon seit dem Sommer 1916 bekannte, im Walde liegende flache Grube als die wahrscheinliche Stelle des Niederfalls aufmerksam machte. Die Nachgrabung förderte in der Tat den Meteoriten zutage. Die Tiefe des Einschlags betrug 1,60 m, der Schußkanal verlief nicht senk- recht, sondern war ein wenig gegen Norden ge- neigt. In seiner neuen Arbeit knüpft Wegener an die frühere Veröffentlichung (in den Schriften der Marburger Gesellschaft) an und bespricht die Er- fahrungen, die sich aus den Umständen der Auf- findung für seine Bahnbestimmung ergeben. Das Erlöschen der Feuerkugel fand in einer Höhe von etwa 16 km statt. Von hier aus muß der Meteorit als nicht leuchtender Körper zur Erde gefallen sein. Wegener bestimmte s. Zt. den Punkt der Erdoberfläche, der das Meteor beim Erlöschen im Zenit hatte, mit einer rechnungsmäßigen Unsicher- heit von etwa 2 km, glaubte aber aus einer wahr- genommenen Verschwenkung der Rauchspur gegen Osten hin schließen zu können, daß auch der Meteorit selbst seinen Lauf nach dem Erlöschen nicht geradlinig fortgesetzt habe, und verlegte des- halb den wahrscheinlichen Ort des Niederfalls etwa 7 km südöstlich der Projektion des Erlöschungs- punktes. Auf die Unwahrscheinlichkeit der An- nahme, daß der Meteorit beim Niederfallen wirk- lich als schwarzer Körper gesehen worden sein soll, habe ich bereits früher hingewiesen. Der wahre Ort der Auffindung liegt nun nicht südöst- lich des Projeklionspunktes, sondern nur 800 m südlich davon, also innerhalb der Fehlergrenzen mit ihm zusammenfallend. Daraus ergibt sich vor allem, daß eine Änderung des Bahnazimuts auch nach dem Erlöschen der Feuerkugel nicht statt- gefunden hat. Die Richtungsänderung ist offen-' bar dadurch vorgetäuscht worden, daß der untere Teil der Rauchspur, die sich sehr wahrscheinlich auch noch unterhalb des Erlöschungspunktes fort- setzte, durch den in den oberen Teilen der Tropo- sphäre fast stets herrschenden Westwind eine Versetzung nach Osten erfahren hat. Es ist dabei zu berücksichtigen, daß im engeren Fallgebiet nur wenige Beobachter die Lichterscheinung gesehen haben, da diese sich in unmittelbarer Nähe des Scheitelpunktes abgespielt hat. Meist wurde man überhaupt erst durch den nachfolgenden Donner auf die Erscheinung aufmerksam und sah dann nur noch die in der Zwischenzeit nach Osten ab- getriebene Rauchspur. Man könnte nunmehr meinen, daß der Meteorit vom Punkte des Erlöschens nahezu senkrecht zur Erde gefallen sei. In der Tat kommt man in ähnlichen Fällen meist zu dem gleichen Ergebnis. Indessen bekennt sich Wegener nicht zu dieser Ansicht, und die Wahrnehmung, daß der in den Erdboden geschlagene Kanal eine Neigung gegen Norden besaß, stützt seine Annahme, daß die Neigung der Meteorbahn, die vor dem Erlöschen etwa 50" betrug, auch nachher nur wenig steiler geworden ist. Dann müßte aber auch der Punkt des Erlöschens weiter im Norden gelegen haben, was deshalb nicht unwahrscheinlich ist, weil viele Beobachter die Lichterscheinung, wie eben ausge- führt, nicht gesehen haben und das Ende der Rauchspur als Erlöschungspunkt bezeichneten, und weil sehr häufig die leuchtende Bahn vom Be- obachter unwillkürlich über den Erlöschungspunkt hinaus verlängert wird. Gerade bei dem hessischen Meteor lag dieser Fehler nahe, da das Erlöschen nicht, wie sonst oft, unter explosionsartigen Er- scheinungen, sondern allmählich erfolgte. Eine Verallgemeinerung dieser Erfahrungen scheint aber gleichwohl nicht angebracht. Insbesondere lagen bei dem Meteoritenfall von Pultusk in Polen am 30. Januar 1868, den Wegener zum Vergleich heranzieht, die Verhältnisse doch wesentlich anders: nach G all es klassischer Untersuchung (Abhand- lungen der Schlesischen Gesellschaft für vater- ländische Kultur, Abt. f. Naturwissenschaften und Medizin 1867/68) ist es sehr wahrscheinlich, daß bei Pultusk der aus mehreren Tausend Einzel- körpern bestehende Steinregen wirklich nahe- zu senkrecht vom Hemmungspunkte der Feuer- kugel niedergefallen ist. Man muß beachten, daß ein solcher Hemmungspunkt, d. h. jene Stelle der Bahn, an der die kosmische Eigengeschwindig- keit des Meteoriten durch den Luftwiderstand ver- nichtet wird, bei der hessischen Feuerkugel eigent- lich garnicht vorhanden war. Der Vorgang der Hemmung erfolgt, wie an mehreren Beispielen Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVHI Nr. 2 zahlenmäßig nachgewiesen werden konnte, nicht aHmählich, sondern fast augenblicklich und zeich- net sich schon äußerlich durch glänzende Begleit- erscheinungen, wie plötzliche Lichtsteigerung und Funkensprühen aus, wodurch die richtige Auf- fassung des Hemmungspunktes für die Beobachter sehr erleichtert wird. Ähnliches wurde auch bei Pultusk beobachtet, nicht dagegen bei dem hes- sischen Meteor, und We gener war deshalb -voll- auf berechtigt, bei diesem eine Fortsetzung der Bewegung im ursprünglichen Bahnazymut anzu- nehmen. Die P'euerkugel von Pultusk erlosch bereits in 42 km Höhe; die Neigung ihrer Bahn betrug 44* gegen die Horizontale. Es ist nun zwar verständlich, daß die viel kleineren Meteo- riten sich bei einem Fall aus dieser Höhe der Senkrechten mehr nähern mußten als der hessische Meteorit. Ebenso ist aber auch sicher, daß bei Meteoren mit ausgeprägtem Hemmungspunkt ein großer Teil der Bewegungsenergie in Licht und \A''ärme umgesetzt wird. Daß die kosmische Ge- schwindigkeit auch bei dem Steinfall von Pultusk nicht völlig vernichtet worden ist, beweist schon die Anordnung der Steine auf dem etwa 8 km langen Streufeld : die größten fand man am äußer- sten vorderen Ende, und je kleiner die Steine waren, desto steiler waren sie herabgefallen. Der völlig senkrechte Absturz der festen Massen ist also an sich nicht wahrscheinlich. Jedenfalls aber muß man bei der Ermittelung der wahrschein- lichen P'allstelle nicht nur die Bahnlage, sondern auch den Verlauf der Lichterscheinungen berück- sichtigen, denn sobald ein ausgeprägter Hemmungs- punkt mit den kennzeichnenden Begleitumständen wahrzunehmen ist, wird man die Fallstelle viel näher am Projektionspunkt der Hemmung suchen müssen, als bei gleicher Bahnlage und allmählichem Erlöschen der Feuerkugel. Die Annahme, daß es sich bei dem hessischen Meteor um einen einzelnen, ziemlich großen Eisen- meteoriten handelte, hat Wegen er bereits an- läßlich der Bahnbestimmung ausgesprochen, und der spätere Befund hat dies, wie auch die Mut- maßungen über die Tiefe des Einschiagens usw., vollauf bestätigt. F. Richarz beschreibt in seiner Arbeit zu- nächst die schon eingangs mitgeteilten Umstände der Auffindung und gibt dann einen Bericht über die vorläufige Untersuchung des Meteoriten. Das Gewicht beträgt 63 kg. Die Form ist unregel- mäßig polyedrisch mit Durchmessern von 24 und 36 cm. Die Abbildungen zeigen die in allen ähn- lichen Fällen bemerkten Eindrücke, die besonders ausgeprägt auf der Seite des Meteoriten zu finden sind, die bei seiner Lagerung im Erdboden nach Norden gekehrt war. Es scheint wohl, daß diese Seite während des Fluges nach vorn gerichtet und dem heißen Lufrstrome mehr ausgesetzt war. Die gleiche Erscheinung — Unterscheidung einer Vorder- und Rückseite nach der Ausbildung der Schmelzrinde — hat man schon bei mehreren großen Eisenmeteoriten beobachten können. Die Oberfläche wird von einer schwarzen Oxydschicht gebildet, in der chemischen Zusammensetzung FcjO^ übereinstimmend mit Magnetit oder dem sog. Hammerschlag. Nur an einer Stelle, auf dem Grunde einer Einkerbung, findet sich ein gelblicher Einschluß, vermutlich von Eisensulfid. Durch Ein- tauchen in Wasser wurde das spezifische Gewicht des Meteoriten zu 7,88 bestimmt, woraus auf einen Nickelgehalt von etwa 8 v. H. geschlossen werden kann. Näheres über den inneren Aufbau des Meteoriten wird sich erst nach der geplanten Zerschneidung ergeben, die aber mangels geübter Arbeitskräfte zurzeit nicht ausgeführt werden kann. Aus dem Umstände, daß der Meteorit während seiner neunmonatigen Ruhe im Erdboden ziemlich starke magnetische Eigenschaften angenommen hat, kann jedoch geschlossen werden, daß der Nickelgehalt allenfalls 20 v. H. nicht übersteigt, da die Zusammensetzung sonst unmagnetisch werden würde. Da der Meteorit aus einem einzigen Stücke besteht und nirgends Bruchflächen aufweist, sein Niederfall aber trotzdem mit außerordentlich starkem Donner verbunden war, so kann, beson- ders wenn man das oben über das Fehlen eines eigentlichen Hemmungspunktes Gesagte berück- sichtigt, nunmehr mit Sicherheit angenommen werden, daß der Meteordonner nicht auf Explosions- vorgänge zurückzuführen ist, sondern lediglich durch das Einschlagen des festen Körpers in die Luftmasse verursacht wird. Er ist somit dem „Geschoßknall" in der Ballistik sowie dem heulen- den oder brummenden Geräusch der Artillerie- geschosse vergleichbar. Zur gleichen Annahme hatten bereits Erfahrungen anderer Art geführt. Der Meteorit von Treysa muß wohl als der erste angesehen werden, der lediglich auf Grund der Berechnung seiner Bahn aufgefunden werden konnte. Einen ganz ähnlichen Fall vom 18. F"e- bruar 191 2, der ebenso von starkem Donner be- gleitet war, habe ich beschrieben in den Mittei- lungen der Vereinigung von Freunden der Astro- nomie und kosmischen Physik (23. Jahrg. S. 32—47). Das Meteor zog in wenig geneigter Bahn von Südwest nach Nordost über Thüringen hinweg und endete unter ausgeprägten Hemmungserscheinungen in einer Höhe von 23 km über der Gegend von Mücheln bei Merseburg. Leider fehlten aus jener Gegend die Beobachtungen, so daß auch die Lage des Hemmungspunktes nicht sicher bestimmt werden konnte. Anhaltspunkte dafür, daß wirk- lich ein Niedcrfall fester Massen stattgefunden hat, sind gleichfalls nicht vorhanden, doch gleicht der ganze Vorgang den bei Meteoritenfällen beobach- teten Erscheinungen so, daß mit der Möglichkeit einer nachträglichen Auffindung immerhin gerech- net werden kann. Planmäßige Nachforschungen hätten aber auch damals wohl kaum Erfolg gehabt. C. Hoffmeister. Meteorologie. Angenehme Temperaturen. In Ruhe oder mäßiger Bewegung oder im N. F. XVni. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 2S Zimmer fühlen wir uns wohl bei Temperaturen um 18" (14 Vo" R), also bei 14— 18 " in der Nacht und 18 — 22" am Tage. Um diese Temperatur ständig zu haben, müßte der Mensch viel reisen (W. Koppen, Das Wetter 191 8, S. 116) und hätte in manchen Monaten nicht viel Auswahl für seinen Aufenthalt auf der nördlichen Halbkugel. Im Seeklima wäre hier der Ortswechsel am geringsten, vom Januar auf Teneriffe zum Juli im nördlichen Frankreich oder in geringer See- höhe im nördlichen Portugal, Oberägypten. Im März in Kairo und Bagdad, im April Sevilla, Malaga, Algier und Nazareth. Der Mai wäre ge- nehm in fast ganz Griechenland, Italien und an der französischen Mittelmeerküste. Für den Juli wären geeignet Bordeaux — Genf — Wien — Kiew nordwärts bis London-Kristiania — Helsingfors und beinahe Archangelsk, südlich dieser Linie an etwas höher gelegenen Orten wie Graz, Klagenfurt, Laibach, Lemberg, Hermannstadt u. a. Im September wären es Lissabon, Madrid, Bordeaux, Lyon, Marseille, Mailand, Agram, Buda- pest, Bukarest, Sofia, Odessa, Astrachan. Im November die Azoren, Madeira, Malta, Mogador, Kairo, Bagdad. Im Dezember Madeira, die Kanarischen Inseln, Wadi Haifa und einige andere Orte. In Ostasien wären Temperaturen von 16 — 20" in jeder Jahreszeit anzutreffen im Januar in Calcutta, März in Honkong, Mai in Peking und Tokio, Juli an der Küste von Sachalin, im Innern erst bei Jakutsk, Irkutsk und Urga. Es herrschen diese Temperaturen in Indien in nächster Nähe im Gebirge in Darjeeling und Simla (dort im Juli und August, hier vom Mai bis zum September) und in Südindien an den hochgelegenen Gesund- heitsstationen fast das ganze Jahr hindurch. Blaschke. Der allgemeine Verlauf der Witterung auf der Balkanhalbinsel vollzieht sich nach B. Wiese (Das Wetter 1918, S. 120— 124) unter wesentlich anderen Bedingungen als in Zentraleuropa. Es ist kein einheitliches Witterungsgebiet, sondern es bildet die Übergangszone vom Meerklima zum ausgesprochenen Kontinentalklima. Die Boden- beschaffenheit, das wenig regelmäßige Gebirgs- land, wirkt störend auf die Temperaturverteilung und die Winde in den unteren Schichten, so daß örtliche Erscheinungen auftreten. Bemerkbar macht sich der Einfluß der Adria, des Ägäischen und des Schwarzen Meeres. Aus- geprägte Anticyklonen ziehen sehr selten durch, meist hoher Druck von NW her in Form kalter Hochdruckkeile, obwohl die Gebirge im NW (Ost- alpen) eine Art Stauwehr bilden, bis dann plötzlich doch ein Hochdruckkeil vorschießt mit Temperatur- abnahme, vorübergehenden, stärkeren Nieder- schlägen und Gewittern im Sommer. Von den Zugstraßen der Minima kommen in Betracht Va, Vb, Vc, Vd und III a, am meisten aber Va und Vd. Selten wandern Depressionen vom Ägäischen nach dem Schwarzen Meer, sie bilden aber die typische Schlechtwetterlage im ganzen Balkangebiet und in Mazedonien und Albanien vielfach Wintergewitter. Von Einfluß in den Sommermonaten ist das stationäre Tiefdruckgebiet über Syrien und Meso- potamien, das zur Verflachung der Hochdruck- gebiete über der Balkanhalbinsel wesentlich beiträgt. Im Sommer herrschen NW-liche bis N liehe Oberwinde vor, im ungarisch-serbischen Grenz- gebiet die Kassowa, ein SO- bis SSO-Wind bis 20 m/s an Stärke am Boden erreichend mit dem Maximum der Windstärke bis looo m. Er hält 2 — 3 Tage an bei NS lieh gerichtetem Isobaren- verlauf und Druckgefälle von O nach W. Ferner sind zu erwähnen Crivet, Austru und Scirocco. Der Föhn tritt auf bei Winden aus SW bis SSW und bringt trockene und warme Luft, die typische Föhnwolke und örtliche Aufheiterung. Die P'allwinde sind verstärkte NO- bis ONO- Winde bei heiterem Wetter um Mittag oder Nachmittag bei hohem Druck und NW- Winde bei tiefem Druck über dem Ägäischen Meer. Häufig treten Gewitter auf, im Sommer vor- wiegend Wärmegewitter, im Winter bei Tiefdruck- gebieten infolge der ihre Entwicklung störenden Bodenbeschaffenheit. Gewitterherde sind in Alba- nien und Mazedonien und am Südabhang der Karpathen. Bei Beurteilung der Witterung im Balkangebiet sind zu beachten die häufig auftretenden tiefen Stratokumulusdecken an der unteren Donau und am Schwarzen Meer. Trotz der größeren Viel- gestaltigkeit der Witterungsformen sind aber in mancher Richtung die Vorhersagen im Balkan- gebiet sicherer und leichter zu stellen als in Mitteleuropa. Blaschke. Die Winterstrenge als klimatischer Faktor. Das Kältegefühl ist nicht nur von der Lufttem- peratur abhängig, sondern auch von anderen Fak- toren, besonders vom Wind. Strenger Frost ist bei windstillem Wetter leichter zu ertragen als gelinder Frost bei starkem Wind. Franken- häuser erfand zwar das .^bkühlungsthermometer „Homoeotherm" zur zahlenmäßigen Feststellung der abkühlenden Wirkung bewegter Luft, aber eine exakte klimatalogische Bezeichnung der Strenge des Winters fehlte, welche zahlenmäßig den Ein- fluß von Temperatur und Windgeschwindigkeit wiedergibt. Vincent stellte bereits früher eine Skala auf und suchte die Abhängigkeit der Tem- peratur der Haut (H) von derjenigen der Luft (L), den Unterschied zwischen der Lufttemperatur im Sonnenschein und Schatten (S) und der Wind- geschwindigkeit in mp/s darzustellen durch : H = 2ö.5 +0.3 L + 0.2 S — 1.2 V, wobei er das Wetter in eine siebengradige Skala teilte nach den verschiedenen Werten für H, welche schwanken zwischen; 26 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 2 ]> 37.5= sehr heiß und <^ 22 =sehr kalt. Für sehr strenge Winter reicht aber diese Skala nicht aus, und so hat G. Bodmann (O. Baschin, Das Wetter 1918, S. loi) versucht auf andere Weise die Strenge des Winters zahlen- mäßig wiederzugeben. Durch Untersuchung der abkühlenden Einwirkung des Wetters auf ein und denselben Gegenstand bei verschiedenen Tempe- raturen und Windgeschwindigkeiten fand er: S= (1—0.041) (1+0.272 v), wenn t die Lufttemperatur bedeutet, v die Wind- geschwindigkeit. Die Winderstrenge S ist darnach eine Funktion von Temperatur und Windgeschwindigkeit. Blaschke. Zoologie. Über den Einfluß der Gefangenschaft auf die Legetätigkeit und den Eierstock des Haus- huhnes. Es ist eine altbekannte Tatsache, daß viele freilebende Tiere, wenn sie in der Gefangenschaft ge- halten werden, selbst bei bester Pflege sich nicht fort- pflanzen oder doch eine stark verminderte Frucht- barkeit zeigen. Sogar die sekundären Geschlechts- charaktere werden bei manchen Tieren durch die Gefangenschaft beeinflußt, sie werden rückgebildet, die Tiere werden dem andern Geschlecht ähnlicher. Auch viele unserer Haustiere zeigen eine starke Beein- trächtigung ihrer Geschlechtstätigkeit, wenn ihnen die freie Bewegungsmöglichkeit genommen wird. So hören Haüshühner, wenn sie eingesperrt werden, so- gleichaufzu legen, beginnen allerdings, wenn sie nicht zu reichlich gefüttert werden, nach gewisser Zeit wieder mit ihrer Legetätigkeit. Die Beobachtungen legen die Annahme nahe, daß die Gefangenschaft Veränderungen am Eierstock der Tiere zur Folge hat, doch lagen darüber bisher keine Unter- suchungen vor. Welcher A-rt diese Veränderungen sind, zeigt nun Stieve') in einer kürzlich er- schienenen Arbeit. Er brachte Hühnet (rebhuhn- farbige Italiener), die bis dahin in einer großen Ge- flügelzuchtanstalt gezüchtet worden waren und regel- mäßig gelegt hatten, in Käfige von ungefähr i cbm Inhalt. Nach kürzerer oder längerer Gefangenschaft, während der die 'Tiere in normaler Weise ge- füttert wurden, wurden die Tiere getötet und ihre Eierstöcke fixiert und untersucht. Da Leber und Niere besonders leicht krankhaften Veränderungen unterworfen sind, wurden von jedem Tier auch diese Organe histologisch untersucht, aber es sei gleich hier bemerkt, daß außer den Eierstöcken kein Organ bei den gefangen gehaUenen Tieren irgend- welche Veränderungen aufwies. Die Tätigkeit der Geschlechtsdrüsen indessen wird durch das Ge- fangensetzen sofort gestört. Eier, die sich bereits in den keimleitenden Wegen befinden, können allerdings in den ersten drei Tagen der Gefangen- ') Stieve, H. Über experimentell, durch veränderte äußere Bedingungen hervorgerufene Rückbildungsvorgänge am Eierstock des Haushuhncs (Gallus domesticus). Arch. f. Ent- wicklungsmech. d. Organ., Bd. 44, 191S. Schaft noch abgelegt werden, es können hin und wieder auch der größte oder die beiden größten Follikel des Ovars noch während der Gefangenschaft platzen und ihren Inhalt in den Uterus entleeren, wo dann die normale Zusammensetzung der Eier erfolgt. Auch diese Eier werden in der Regel noch normal abgesetzt. Dann aber ruht die Ei- ablage. Die größten, bereits mit gelbem Nahrungsdotter beladenen Follikel verfallen der Rückbildung, und zwar schreitet die Rück- bildung um so weiter fort, je länger das Tier in Gefangenschaft gehalten wird. Schließlich greift die Rückbildung auch auf die kleineren Follikel über, und bei einer Gefangenschaft von zwei oder mehreren Monaten verfällt der ganze Eierstock der fettigen Degeneration. Nur dann gingen die Tiere bei lange andauernder Gefangenschaft schließlich wieder zur Legetätigkeit über, wenn sie schwach gefüttert wurden. Die histologische Untersuchung solcher Hühner ergab, daß auch bei diesen Tieren die größten Follikel rückgebildet werden und zerfallen, die kleineren aber schreiten nach anfänglichem Stillstand in der Entwicklung fort und führen nach einiger Zeit wieder einen normalen Zustand herbei. Es erhebt sich nun die Frage, auf welchen äußeren Umstand der Stillstand in der Eiablage zurückzuführen ist. Stieve sieht drei IVIöglich- keiten: i. das Fehlen des Hahnes, 2. die bei der geringen Bewegungsmöglichkeit zu gute Ernährung, 3. die veränderten äußeren Bedingungen überhaupt, d. h. die Trennung von den anderen Tieren, die ungewohnte Umgebung, eine Erregung von Un- behagen und Angstgefühl also. Die erste Möglich- keit können wir von vornherein ausschalten, da oft genug Hühner ohne Hahn gehalten werden, ohne daß ihre Legetätigkeit nachläßt. Der beste Beweis dafür, daß die Anwesenheit eines Hahnes nicht erforderlich ist, sind ja übrigens die Ver- suche, in denen die gefangen gehaltenen Tiere (bei schwacher Ernährung) schließlich wieder mit der normalen Legetätigkeit begannen. Stieve ist geneigt, als die Hauptursache für den Stillstand der Legetätigkeit das durch die Gefangenschaft bei den Tieren hervorgerufene Unbehagen zu be- trachten. Gewiß ist auch die im Verhältnis zu der geringen Bewegungsmöglichkeit zu üppige Ernährung von Bedeutung — dafür ist abermals die Wiederaufnahme der Legetätigkeit bei schwach gefütterten Tieren ein Beweis — , aber in den ersten Tagen der Gefangenschaft spielt die Er- nährung jedenfalls noch keine Rolle. Das Un- behagen, das die gefangenen Tiere empfinden, hat offenbar Änderungen im Stoffwechsel zur Folge, und diese Änderungen hemmen die Tätig- keit der Geschlechtsdrüsen. Dauert die Gefangen- schaft längere Zeit an, so schwinden zwar die Angst und das Unbehagen, aber die reichliche Ernährung und die mangelnde Bewegung ') führen ') Eine Nebenbemerkung; Die Berechtigung der kate- gorischen Erklärung Stieve 's, daß „jedes Tier von Natur aus faul" ist, möchte ich denn doch bestreiten. Man braucht N. F. XVIII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 27 zu Fettansatz — die Tiere nehmen in der Ge- fangenschaft alle rasch an Gewicht zu — , und daß dieser die Funktion der Geschlechtsdrüsen nachteilig beeinflußt, ist eine seit langem bekannte Tatsache. ^) Äußere Veränderungen oft ganz geringfügiger Natur können also, wie aus den Untersuchungen Stieve's hervorgeht, tiefgreifende Rückbildungen der Geschlechtsorgane nach sich ziehen. Stieve sieht darin eine Zweckmäßigkeitseinrichtung der Natur. Wenn, so sagt er, ein Organismus in neue Bedingungen kommt, so muß er sich zunächst diesen neuen Verhältnissen anpassen. Es werden da oft derart hohe Anforderungen an das Individuum ge- stellt, daß es ihnen erliegen müßte, wenn es gleich- zeitig auch noch die Fortpflanzungstätigkeit zu er- ledigen hätte. Erst wenn es sich in die neuen Verhält- nisse vollkommen eingewöhnt hat, stellt sich auch die normale Tätigkeit der Geschlecht^zellen wieder ein. Ob nicht Stieve hier doch etwas zu viel Zweckmäßigkeit in der Natur sieht, mag dahin- gestellt bleiben. Nachtsheim. Die Symmetrie des Wirbeltierauges, nach Carl Rabl. Mit 3 Textfiguren. Den längst feststehenden Erkenntnissen über die Entwicklung des Wirbeltierauges fügt Rabl (Archiv für mikroskopische Anatomie Bd. 90, Abt. I, S. 26 1 — 444 191 7) nach Beobachtungen am Säugetier- und menschlichen Embryonen, die sich hierin bis auf den größeren Reichtum an um so kleineren Zellen bei Homo im wesentlichen gleich verhalten, fol- gende hinzu. Auf einem gewissen Stadium der noch uneingestülpten Augenblase, erscheinen unter reichlicher Zellvermehrung in ihrem unteren Teil zwei mächtige nachinnenvorspringende Wülste, Abb. i. Diese werden auf weiteren, hier nicht abgebildeten Stadien noch beträchtlich höher, während die Einstülpung zum Augenbecher von vorn her beginnt, aber bevor sie sich als fötale Augenspalte auf die Unterseite hin fortsetzt. Da diese Wülste gerade den später zur Netzhaut werdenden Teil der unteren Augenblasenwand ein- nehmen, ist, wie Rabl es ausdrückt, die retinaleWand der Augenblase schon auf diesem Stadium zwei- lappig, oder die Augenanlage bilateral oder nasotemporal symmetrisch. Auf dem Stadium, wo die untere Einstülpung bemerkbar wird, muß diese sich zwischen die sehr mächtig gewordenen Wülste hindurchschieben. Nach ihrer Vollendung — Abb. 2 — ist dann die Zweilappigkeit des nunmehrigen Innenblockes, der Netzhaut, auch noch sehr deutlich erkennbar, da eine Furche die nasale von der temporalen Hälfte abgrenzt. Der Furche auf der Ventrikelseite entspricht auf der Glaskörperseite eine in den Glaskörperraum vor- springende Leiste. Nach Verschluß der fötalen Augenspalte entsteht gegenüber der dorsalen Netz- hautfalte, furche und -leiste auch eine ventrale. Die beiden Leisten, die dorsale und die ventrale oder nach der Zeitfolge ihres Auftretens die pri- märe und die sekundäre teilen nun auch den r- ^^ ', ^ ' \ \ ' ( ' fi^^ \\-- ' * ( . * Abb. I und 2. Äquatorialschnitte des Augenbecliers vom Kaninchen am II. und 13. Entwicklungstage. Nach Rabl. — Glaskörperraum unvollständig in eine nasale und temporale Hälfte. Dabei ist der Umriß des ganzen Äquatorialschniltes jetzt breiter als hoch und nahe- zu rechteckig. Von allen diesen Merkzeichen der bilateralen oder nasotemporalen Symmetrie ist am 17. Entwicklungstage des Kaninchens nur mehr wenig übrig geblieben: der horizontalellip- tische Umriß und allenfalls eine geringe Verdün- nung der Netzhaut dorsal in der Mitte. nicht einmal an die Bienen und Ameisen zu erinnern, auch sonst gibt es Beispiele genug, die zeigen, daß dieser Satz so allgemein nicht stimmt. ^J Es sei hier aber andererseits mit Stieve darauf hin- gewiesen, daß allzu lange anhaltende schlechte Ernährung die Tätigkeit der Geschlechtsdrüsen ebenfalls hemmt. So ist statistisch festgestellt, daß die vor allem in den Industriebe- zirken schlechte Ernährung bei einem hohen Prozentsatz der P'rauen (bis zu 70 "/„l) ein Ausbleiben der Menstruation zur Folge hat. 28 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. 2 Das sind die einfachen, aber g^ewiß über- raschenden neuen Tatsachen der Bilaterie des Säugetierauges, von denen Rabl mit Recht sagen kann, „man staunt, daß diese Beobachtung nicht längst gemacht wurde." Der Grund dafür liegt in der bisherigen Bevorzugung des Horizontal- schnittes gegenüber dem Aquatorialschnitt. Deutliche Anzeichen einer entsprechenden Symmetrie sind am Auge von Vogel-, Reptilien-, Amphibien- und Fischembryonen erkennbar. Am größten ist die Übereinstimmung mit Säugetieren wohl bei Selachiern und Ganoiden, über Amphibien liegt wenig Material vor, doch auch dieses, sowie das von Vögeln und Reptilien läßt die somit bei allen Wirbeltiertypen wiederkehrende Bilaterie des embryonalen Auges deutlich wiedererkennen. An Augen erwachsener Säugetiere, zeigt Rabl, steht die Gefäßverteilung in der Netzhaut im Einklang mit der nasotemporalen Symmetrie, da sich stets das Gefäßgebiet, wo es ausgiebiger entwickelt ist, in zwei symmetrische Hälften zerlegen läßt, entsprechend der entwick- lungsgeschichtlichen Grenzlinie beider Hälften. Ferner macht Rabl treffend darauf aufmerksam, daß im Bereich der Ciliar fortsätze bei Wirbeltieren sehr häufig besondere Differenzie- rungen sich gerade dorsal und ventral vorfinden, zum Beispiel der dorsale und ventrale Papillar- knoten beiFroschlurchen, der ventrale Linsenmuskel der Fische; daß ferner die Chorioidea „zwei Arterien im horizontalen Meridian, eine dorsale und eine ventrale, und zwei Venen im senkrechten Meridian, eine dorsale und ventrale besitzt," wo- mit Hans Virchow als erster und bisher als letzter die Bilaterie des Wirbeltierauges, allerdings nur soweit die Blutgefäße in Betracht kommen, vollkommen klar ausgesprochen hat. Die in allen diesen Punkten auftretenden geringen Asymme- trien, zu denen zum Beispiel auch die nicht genau zentrale Stellung der Pupille der Menschen gehört , sind entwicklungsgeschichtlich nur als etwas Sekundäres zu beurteilen nach dem Satze: „Es gibt keine bilaterale Symmetrie oder Eudi- pleurie, die nicht eine Störung erleiden könnte." Ferner erinnert Rabl daran, daß die Region des scharfen Sehens bei der Mehrzahl der Wirbeltierarten durch den horizontalen Meridian der Netzhaut dargestellt wird. Bei Salamandra maculosa konnte Rabl eine bei diesem Tier bis- her vermißte, sehr schöne bandförmige, im hori- zontalen Meridian verlaufende Area auffinden. Es ist eben bei den meisten Wirbeltieren das Sehen in der Horizontalebene weitaus das wichtigste. Hierin sucht Rabl die physiologische Bedeutung seiner entwicklungsgeschichtlichen Befunde. Nach Heß kommt eine iDilaterale Symmetrie auch dem Cephalopodenauge zu. Wie erst seit einigen Jahren durch Mitteilungen See felders, die auf unveröffentlichte Beobach- tungen Rabls zurücktjingen, bekannt ist, treten übrigens am vorderen Umschlagsrand des Augen- bechers zeitweilig gewisse Einkerbungen auf. Solche Randkerben gibt es nun, wie Rabl jetzt mitteilt, und zwar wiederum allgemein bei Wirbeltieren, vier an bestimmter Stelle: je eine vordere (nasale) dorsale und hintere (temporale) dorsale, vordere ventrale und hintere ventrale. Auch hierin betätigt also die Augenanlage Symme- trie. Die dorsalen treten früher auf als die ven- tralen. Nachdem sie alle vier und außerdem die schon ältere fötale Augenspalte da sind, treffen daher weit vorn liegende dem Augenäquator paral- lele Schnitte auf fünf Randlappen der Retina, Abb. 3. Was die Ursache der Kerben betrifft, so findet man in ihnen meist je ein kleines Gefäß liegen, vermutlich Venen, durch die das Blut aus der in der fötalen Augenspalte in den Glaskörper- raum eindringenden Arteria ophthalmina abfließt, bevor die Vena ophthalmina sich gebildet hat. Abbildung 3. Weit vorn liegender .aquatorialschnitt durch den Augenbecher eines Torpedoembryos von 21 mm Länge. Nach Kabl. Zur Benennung der Augenbecherteile erwähnt Rabl nach Hyrtl, daß „Retina" wirkUch nicht mit „Netzhaut", wie von rete abgeleitet, zu über- setzen wäre, sondern aus dem Arabischen stammt und Hülle, Oberwurf oder Umhüllung -des Glas- körpers bedeutet. Man kann daher ohne weiteres beide Blätter zusammen als Retina bezeichnen, diese hat also ein Innenblatt und ein Außenblatt und zerfällt der Fläche nach in Pars optica und Pars caeca, letztere in Pars ciliaris und Pars iridi- aca, jede wieder mit zwei Blättern. Das Innenblatt der Pars optica kann als Retina im engeren Sinne bezeichnet werden. . V. Franz. Botanik. Vom Entwicklungsrhythmus des Wintergetreides. Als winterannuelle Pflanzen be- zeichnet man diejenigen einjährigen Gewächse, die, wie unsere Wintergetreidearten, schon im Herbste keimen, während des Winters ruhen und im folgenden Sommer ihre volle Entwicklung er- reichen. Sie haben unter natürlichen Verhält- nissen eine wesentlich längere Vegetationsdauer als die sommerannuellen Pflanzen, die (Sommer- roggen usw.) im Frühling keimen und innerhalb weniger Monate zu Blüte und Frucht gelangen. N. F. XVIII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 29 Aber diese lange Vegetationszeit ist, wie neuer- dings Gustav Gaßner darlegt, nicht das wesent- liche Merkmal der winterannuellen Gewächse. Es ist nämlich möglich , sie in demselben Jahre von der Keimung bis zur Reife zu bringen, wenn man sie bei genügend niedrigen Temperaturen keimen läßt. Werden beispielsweise Winter- und Sommerroggen im zeitigen Frühjahr nebeneinander bei I — 2" zum Keimen gebracht und dann im Freien weiterkultiviert, so entwickeln sie sich ganz gleichmäßig weiter und blühen und reifen auch gleichzeitig. Bringt man aber Sommer- und Wintergetreide im Frühjahr bei gewöhnlicher Temperatur zur Aussaat, so entwickelt sich nur das Sommergetreide normal bis zur Reife, wäh- rend das Wintergetreide nur vegetativ weiter- wächst. Umgekehrt würde das Sommergetreide bei Aussaat im Herbste den niedrigen Winter- temperaturen unterliegen. Was das Wintergetreide auszeichnet, ist mithin nicht die lange Vegetations- dauer, sondern das Bedürfnis der Kälteeinwirkung in dieser oder jener Periode seiner Entwicklung. Es ist nicht durchaus notwendig, daß diese Ein- wirkung während der Keimung erfolgt; sie kann auch auf einem späteren Stadium zum Ziele, d. h. zur Abkürzung der Vegetationsdauer, führen. Gaßner lehnt die Aimahme ab, daß es sich hierbei um eine bloße Reizwirkung der Kälte handle, und zieht im Einklänge mit den von Klebs vertretenen Anschauungen die bei niederer Temperatur eintretende Steigerung des Gehaltes an organischen Stoffen, besonders an Zucker, zur Erklärung des Kälteeinflusses auf die Blütenbildung heran. Diese Zuckeranreicherung würde mit einer Herabdrückung der Dissimilation (Atmung) zu- sammenhängen. Da der Zucker als Schutzstoff der Pflanzenzelle gegen Kälteeinflüsse wirkt, so steht auch die Frostharte mit dem Zuckergehalt in ursächlichem Zusammenhange. So würde sich nach Gaßner ergeben, ,,daß niedere Tempera- turen auf dem Umweg einer Verschiebung der Konzentration organischer Stoffe, insbesondere der Zuckerarten , einerseits die Frosthärte und zweitens die Blütenbildung winterannueller Ge- wächse bestimmend beeinflussen. Auch zweijährige Pflanzen lassen sich durch Einwirkung niederer Temperaturen innerhalb einer Vegetationsperiode zu normaler Entwick- lung bringen, während andererseits Klebs gezeigt hat, daß man ihre Lebensdauer durch Ausschal- tung der winterlichen „Ruheperiode" um Jahre verlängern kann. „Die Vegetationsdauer ist also auch hier nicht das Primäre, sondern die Reaktions- weise des Organismus auf die normalen („natür- lichen'') Vegetationsbedingungen." Auf diesen Tatsachen fußend, nähert sich Gaßner in der Auffassung der „Entwicklungs- rhythmik" der Ansicht von Klebs, die von den meisten Physiologen nicht geteilt wird. Diese betrachten die periodischen Erscheinungen, wie die Winterruhe, als Äußerungen einer vererbbaren autonomen Rhythmik, während nach Klebs nur eine „spezifische Struktur" des Plasmas vererbt wird und die jährliche Periodizität unter dem Zusammenwirken innerer und äußerer Bedingungen hervortritt. Unter Bezugnahme auf eine Bemer- kung E. Baur's gelangt Gaßner zu folgendem Schlüsse: „Es geht bei der ganzen Frage nicht mehr darum, ob es eine autonome vererbbare Periodizität gibt oder nicht, sondern zunächst darum, ob Eigenschaften als solche vererbt werden oder nur die spezifische P'ähigkeit des Organismus, unter diesen oder jenen „natürlichen" oder „un- natürlichen" Außenbedingungen mit der Ausbil- dung dieser oder jener „natürlichen" oder „un- natürlichen" Eigenschaft zu reagieren." Mit der Verwerfung der Vererbbarkeit der Eigenschaften und der Entscheidung, daß nur die spezifische Reaktionsweise auf Außenbedingungen sich ver- erbt, würde auch der Autonomiebegriff einge- schränkt werden müssen ; er dürfte wenigstens nicht mehr mit der Vererbung in Verbindung ge- bracht werden. Gaßner schlägt vor, da in den bisher „autonom" genannten Vorgängen ,,der Zu- sammenhang zwischen Reaktionsweise des Orga- nismus und Außenbedingungen im Verborgenen liegt', diese Vorgänge als kryptonom zu be- zeichnen. (Zeitschrift für Botanik, Jahrg. 10, 1918, S. 417—480.) F. Moewes. Bticherbesprechungen. Schmidt, Dr. Heinrich, Geschichte der Ent- wicklungslehre. Leipzig, 18. A. Kröner. — 12 IVl. Es ist eine große und außerordenilich weit- greifende Aufgabe, die sich der Verfasser stellt und mit deren Bewältigung er in dem vorliegenden starken Bande den Anfang gemacht hat. Er be- absichtigt nichts geringeres, als in systematischem Zusammenhange die Bedeutung des Entwicklungs- gedankens im geistigen Leben der MenschJieit darzustellen. In diesem Buche beginnt er mit dem Versuch, die Geschichte der I£ntwicklungslehre auf dem Gesamtgebiete der Naturwissenschaften zu behandeln. Er geht aus von der Schöpfungs- lehre als der primitiven Auffassung und erörtert, wie sie von der naturalistischen Anschauung von dem allmählichen Werden der Dinge überwunden wurde. Im zweiten Kapitel bespricht er den Entwicklungsgedanken als rein philosophisches Theorem und kommt dann, nachdem er noch im dritten den Entwicklungsbegriff selber in seinen verschiedenen Färbungen und Abwandlungen historisch untersucht hat, zu seinem Hauptthema, indem er in einer ganzen Reihe von Kapiteln die Lehre von der Entwicklung in der Geschichte der einzelnen Naturwissenschaften sowie in derjenigen 3Ö Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVm. Nr. 2 einzelner wichtiger Teilprobleine verfolgt. Die Darstellung erfreut durch Übersichtlichkeit und Klarheit, besonders zu rühmen ist cie Sichei'heit, mit der durchweg die wichtigen Gedankengänge aus dem ungeheuren Material herausgearbeitet sind, sowie das hohe Maß eigenen Quellenstudiums, von dem schon ein flüchtiges Lesen überzeugt und das zusammen mit den zahlreichen Literaturnach- weisen den Wert des Buches steigert. Man kann nur wünschen, daß es dem Verfasser gelingen möge, auch seine weiteren Pläne auszuführen. Miehe. F. Grünbaum, Elektromechanik und Elektrotechnik. 353 Seiten mit 203 Ab- bildungen im Text. Leipzig '18, G. Thieme. — Geh. 8,75 M. Das vorliegende Buch kann angehenden Technikern als Repetitorium bestens empfohlen werden. Es wird vornehmlich den aus dem Kriege zurückkehrenden Studierenden vermöge der Anschaulichkeit seiner Darstellung, die schon äußerlich durch die Einfügung einer großen Zahl klarer schematischer Figuren und die übersichtliche Anordnung des Stoffs hervortritt, ein wertvolles Hilfsmittel sein können, mühelos in das Gebiet einzudringen oder ältere Kenntnis rasch aufzu- frischen. Der erste Teil behandelt die physikalischen Grundlagen, während der zweite auf die wichtigeren technischen Einzelheiten näher eingeht. Die Be- handlung beschränkt sich überwiegend auf die möglichst elementare Wiedergabe der qualitativen Verhältnisse. Dem Einblick in die quantitativen Beziehungen dienen vorzugsweise geometrische Betrachtungen, und rein mathematische Entwick- lungen treten zurück. Vielleicht wäre eine etwas stärkere Betonung der letzteren ohne Beeinträch- tigung der Leichtverständlichkeit immerhin im Interesse weiterer Vertiefung der Darstellung wünschenswert. A. Becker. E. Freundlich, Die Grundlagen der Ein- stein 'sehen Gravitationstheorie. Zweite, erweiterte und verbesserte Auflage. 54, mit Anhang 74 Seiten. Berlin '17, J. Springer. — Geh. 3,60 M. Die durch ein kurzes Vorwort von Einstein ausgezeichnete Schrift sucht dem Bedürfnis eines weiteren Leserkreises nach einem orientierenden Überblick über die Grundlagen und den gedank- lichen Entwicklungsgang der allgemeinen Relati- vitätstheorie und ihrer Anwendung auf das Gra- vitationsproblem gerecht zu werden. Sie zeigt zunächst, wie weit die neue Theorie einerseits als eine konsequente Weiterführung der in der speziellen Relativitätstheorie gewonnenen Erkennt- nisse, anderseits als eine Verwirklichung allgemeiner erkenntnistheoretischer Forderungen aller Naturbe- schreibung zu betrachten ist. Die daran an- schließende Betrachtung ihrer Beziehungen zur klassischen Mechanik und der vordem ungelösten prinzipiellen Schwierigkeiten der letzteren führt dann unmittelbar zum Verständnis der für die Theorie charakteristischen speziellen Problemstellung und der durch Einstein gegebenen Lösung. Die allgemeinen prinzipiellen Zusammenhänge treten überall mit voller Klarheit hervor. Ihrem Verständnis sucht noch besonders eine Reihe von auf die Literatur bezüglichen Anmerkungen eines umfangreichen Anhangs entgegen zu kommen. Besonders willkommen dürfte auch die hier sich findende Besprechung einzelner konkreter Fälle sein. Da der Leser um so mehr Be- friedigung finden wird, je mehr es ihm an der Hand einer solchen Einführung gelingt, den Ge- dankeninhalt der Theorie an einfachen, leicht vor- stellbaren Fällen sich zu veranschaulichen, so dürfte eine etwaige künftige weitere Ergänzung der an sich empfehlenswerten Schrift in dieser Richtung besonders dankenswert sein. A. Becker. M. V. Rohr, Die optischen Instrumente. ■ Dritte, vermehrte und verbesserte Auflage. (88. Bändchen von ,,Aus Natur und Geisteswelt"). 137 Seiten . mit 89 Abbildungen im Text. Leipzig u. Berlin '18, B. G. Teubner. — Preis geb. 1,50 M. Wer sich über die optischen Instrumente im allgemeinen und deren verschiedene Ausführungs- formen im einzelnen orientieren will, findet in dieser kurzen, den Gegenstand aber erschöpfenden Darstellung, die jetzt in dritter, durch zahlreiche Ergänzungen erweiterter Auflage vorliegt, ein vortreftliches Hilfsmittel. Ihre Vorzüge dürften bereits in weiteren Kreisen so bekannt sein, daß ein näheres Eingehen auf dieselben hier nicht mehr erforderlich erscheint. A. Becker. Anregungen und Antworten. In der Naturw. Wochenschr. N. F. XVII. Nr. 45 (lo.Nov. 1918) S. 646 berichtet V. Franz über einen Fall von Nicht- Ausnutzung des Anpassungsvermögens in der Natur bei dem Krebs Leander aäspersus ^ einem Salz- und brackwassertier, das, wie künstliche Versuche gezeigt haben, an Süßwasser gewöhnt werden kann, gleichwohl aber in der Natur nie in demselben angetroffen wird. Dem Pfianzengeographen sind analoge F.rscheinungen aus der Pflanzenwelt in ziemlicher An- zahl bekannt. So haben KuUurversuche von Professor J. A. Battandier in Algier gezeigt, daß viele Wüstenpflanzen der algerischen Sahara ebenso gut im Mediterranklinia von Algier gedeihen, wenn sie vor der Überwucherung durch tJn- kräuter geschützt werden; ja manche Arten entwickeln sich sogar viel besser und üppiger als an ihrem natürlichen Stand- ort, der also offenbar — entgegen aller Erwartung — den betreffenden Pflanzen nicht die optimalen Lebensbedingungen bietet ') Man muß also wohl annehmen, daß viele VVüsien- ') J. A. Battandier, Les plantes sahariennes souff rent- elies plus que les autres de la secheresse? — Bull. Soc. bot. France l.VI (iqog) 520 — 530. N. F. XVni. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 31 pflanzen nur deswegen iu der Wüste wachsen, weil sie von übermächtigen Konlturrcnten , denen sie im Daseinskampfe nicht gewachsen sind , in solche e.xtreme Lebensbedingungen gedrängt werden, die sie selbst zu ertragen vermögen, wäh- rend ihre Feinde nicht imstande sind, ihnen daliin zu folgen. Ebenso ist es eine bekannte Talsache, dafl Halophyten in botanischen Gärten auch ganz gut auf salzfreiem Boden ge- zogen werden können, und daß sich die betretlenden Kulturen von deji salzhaltigen KoLtrollparzellen in der Hauptsache nur durch eine stärkere Verunkrautung unterscheiden, die mit der Zeit allerdings das Gedeihen der Salzpflanzen beeinträchtigen könnte. Auch die Halophyten wachsen also offenbar größten- teils nicht aus Lust und Liebe, ') sondern nur aus Zwang und bitterer Not an ihrem natürlichen Standort. Und als ein typi- sches Phänomen der biologischen Konkurrenz wird mehr und mehr von den Pfianzengeographen auch die Krage der Boden- sletigkeit der Pflanzen, z. B. der Kalk- und Kieselpflanzen in den Alpen, betrachtet; in Gebieten, wo konkurrierende Aiten- paare [z. B. Khiniodendron hirsuliim [Ca] und fditi^'iiiirtim [Si], Achiltea atrata [Ca] und moschata [Si], Cerastium latifoliuiit [Ca] und uitißoruin [Si] , Amirosace Chamacjasme [Ca] und obtiisi- folia [Si], Snxifraga viosi'hata [Ca bevorzugend] und t'xaratii [Si]| gleichzeitig vorkommen, pflegen sie nach dem Untergrund mehr oder weniger scharf getrennt aufzutreteü ; wo dagegen die eine konkurrierende Art fehlt, da vermag der allein herr- schende Konkurrent auch auf die andere , ihm nach der ge- wöhnlichen Auffassung weniger zusagende Bodenart überzu- gchen (so wächst im Schweizerischen Jura, einem typischen Kalkgebirge, im spontanen Zustand einzig das in den Alpen sich kalkfliehend \ZJ[hü\{tndi: A'hododendron feryugiiwttnt). Alle diese Fälle sind also Beispiele dafür, daß Pflanzenarten durch biologische Konkurrenz an der vollen Ausnutzung ihres An- passungsvermögens verhindert und dadurch in ihrer Verbreitung eingeengt und von Lebens-Orten ausgeschlossen werden, deren physikalisch-chemische Bedingungen sie wohl zu ertragen ver- möchten. Vielleicht findet auch das Verhalten des Leander adspeisiis in diesem Sinne eine Erklärung. A. Thellung (Zürich). Noch mehr Forschungsinstitute? Die Textilindustrie hat im Frieden geglaubt, eines großen wissenschaltlichen Forschungs- institutes entraten zu können. Die Rohstoffe waren in ge- nügendem Umfange vorhanden. Ihre Verarbeitung hatte sich in langer Entwicklung herausgebildet. Die Abhängigkeit vom Ausland abzuwenden, schien nicht erforderlich, auch gar nicht möglich. Die Bestrebungen, ein wissenschaftliches Institut für die Textilindu^lrie zu gründen, stießen auf Widerspruch, auch gerade bei der Industrie selbst. Die Industrie sah in den Forschungsinstituten eine nicht erwünschte Bevormundung. Auch betrachtete man sie damals als schädliche Konkurrenz der Hochschulen, ein Vorwurf, der auch den Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft nicht erspart blieb. Die während des Krieges eingetretene Absperrung vom Auslandsmarkt ließ die Textilindustrie das Fehlen von Roh- stoffen besonders hart empfinden. Da galt es vor allem, rasch zu helfen, denn zahlreiche Betriebe lagen bereits still, tausende von Arbeitern waren brotlos. Andererseits lag ein dringender Bedarf vor; Millionen und Abermillionen Meter von Ersatzgeweben wurden für den Stellungskrieg gebraucht. In dieser Notlage wurde durch Vermittlung des Ministe- riums des Innern im Jahre 1916 die erste deutsche For- schungsstätte in Karlsruhe gegründet, um durch wissen- schaftliche Forschungen die Textilindustrie insbesondere durch Einführung von Ersatzstoffen zu fördern. Enger Zusammenarbeit von Industrie und Wissenschaft gelang es denn auch bald, das anfangs drahtartige Papiergarngeflecht, das sich zur Not für Sandsäcke geeignet hatte, so zu verbessern, daß es weich und waschbar wurde und sich selbst für Anzugstoff und viele andere Verwendungszwecke eignete. Dies veranlaßte Textil- industrielle aus allen Teilen Deutschlands, das Karlsruher Institut in jeder Wtise zu fördern und es weiter zu entwickeln. Ständig tauchten neue Fragen auf und es wäre unwirtschaft- lich gewesen, die Lösung dieser Fragen den einzelnen Fabriken zu überlassen. Und die Industrie zeigte jetzt ein lebhaftes Interesse an Forschungsinstituten. In Deutschland bestand vor dem Kriege kein eigentliches Forschungsinstitut für die Textil- industrie , wohl aber hatten wir eine Reihe Fachschulen und Prüfungsinstitute, die unter anderem hauptsächlich als Lehrstätten und unparteiische Gutachter in den tausenderlei Zweifels- und Streitfragen des täglichen Arbeitsbetriebes sehr geschätzt waren. Alle diese Anstalten nahmen jetzt die Be- zeichnung Deutsches Forschungsinstitut an. So ist Anfang 1918 der Entschluß gefaßt worden, das seit Jahren bestehende Technikum in Reutlingen zu einem Forschungsinstitut auszu- bauen. Im Jahre 1918 trat d.as deutsche Forschungsinstitut für Textilstoffe in Dresden, eine Gründung eines Dresdener Vereins, ins Leben. Andere Forschungsinstitute wurden ge- gründet in Crefeld, M-Gladbach, Aachen und Sorau, so daß heute die Textilindustrie einen Mangel an Forschungsinstituten jedenfalls nicht hat. Die Zahl der so entstandenen, bzw. gepLanten Forschungs- institute ist eigentlich schon zu groß und die Gefahr einer Zer- splitterung der Kräfte bei der jetzigen Zahl nicht von der Hand zu weisen, und wenn man jalirelang vor dem Krieg sich nicht dazu entschließen konnte, den ersten Schritt zu tun, so scheint man jetzt tatsächlich zu weit zu gehen, denn noch immer tauchen Pläne für die Gründung weiterer Forschungsinstitute auf. Es scheint so, als ob man über die bestehenden Institute einfach hinwegsehe, als seien sie gar nicht vorhanden. So wird schon seit langem geworben für ein Institut für Zellu- loseforschung, das in Dahlem seinen Sitz haben und haupt- sächlich biologische und chemische Forschungen über Zell- stoffe anstellen soll. Ferner ist der Plan entwickelt worden, für eine Holzforschungsstätte in Essen oder München. Das Institut soll, so heißt es in einem der Aufrufe „der vollstän- digen Ausnutzung der mechanischen und chemischen Eigen- schaften des Holzes dienen und so der Zellstoff-, Papier-, Textil-, Bau-, Maschinen- und Gärungsindustrie von erheb- lichem Nutzen sein". F"ür ein sehr ähnliches Institut, das in Darmstadt errichtet werden soll, wird wieder von anderer Seite geworben Dabei hat das erst vor einigen Jahren neu gegründete technologische Institut an der Forstakademie in Eberswalde hauptsächlich die Aufgabe, gerade diese Erforschung des Zcllstoflfes zu betreiben. Für alle diese Institute wird Geld gesammelt und auch gern gegeben. Wenn aber die Entwicklung so weiter geht, so ist jedenfalls eine heillose Zersplitterung und Verwirrung die Folge. Hierauf hinzuweisen, ist der Zweck dieser Zeilen. Man muß endlich mit der verwirrenden Propaganda für neue In- stitute aufhören und sich den zuerst gegründeten Instituten zuwenden, die zahlreich genug sind, um die Aufgaben der verschiedensten Art, die die Industrie in dieser schwierigen Zeit zu stellen hat, zu erfüllen. Dann werden die Mittel richtig angewendet und der Industrie reiche Früchte tragen. ') Aus diesem Grunde sind Ausdrücke wie halo,,phil", psammo,,phil", oro,,phil", xero,,phil" usw. sehr anfechtbar, da sie eine — in Wirklichkeit wohl gar nicht vorhandene — „Vorliebe" der Pflanze für den betreffenden Standort insinu- ieren. In Nr. 35 fand ich eine Frage über die Entfernung der Milz. Mir sind die jetzt noch im französischen gebräuchlichen Redensarten ,,courir comme un derate", laufen wie ein Ent- milzter, und „ne pas se fouler la rate", sich die Milz nicht verstauchen, was soviel heißt wie sich kein Bein ausreißen, be- kannt. Es sollen auch indische Fakire und tanzende Der- wische sich die Milz haben entfernen lassen, ebenso auch die Schnelläufer im Mittelalter. Durch diese Operation sollte das durch Blutüberfüllung der Milz hervorgerufene lästige Seiten- stechen bei heftigem Laufen aufgehoben worden sein. Etwas näheres über diese Gebräuche habe ich aber nicht erfahren können. Was die Frage anlangt, ob man imstande ist, die Milz zu entfernen, ohne daß der Gesamtorganismus wesentlich ge- schädigt wird, so ist dieselbe zu bejahen. Durch Tierexperi- mente und durch Beobachtung an splenektomierten Menschen, besonders solchen, die ihre vorher nicht krankhaft veränderte Milz durch ein Trauma einbüßten, ist klargestellt, daß die Entfernung der Milz an sich keinen irgendwie erkennbaren Nachteil für die Gesundheit der Patienten zur Folge hat, und 32 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. 2 dies anscheinend, wie die experimentellen Untersuchungen von Jacoby, Cournout und Duffan lehren, auch nicht ein- mal im Hinblick auf spätere Infektionskrankheiten. Freilich so ganz spurlos geht ein solcher EingritT nicht am mensch- lichen Organismus vorüber. Vermehrung der weißen Blut- körperchen , eventuell mit gleichzeitiger Verminderung der roten und Rückgang des Hämoglobingehalts des Blutes traten in einigen Fällen auf, in anderen wieder wurden keinerlei Veränderungen ira Blute wahrgenommen. Über den Einfluß der Entternung der Milz auf die Lymphdrüsen, die Schild- drüse und das Knochenmark sind die Ansichten sehr wider- sprechend, Vulpius hält die Schilddrüse für kein vikari- ierendes Organ , hat aber erhöhte blutbildende Tätigkeit der Lymphdrüsen und des Knochenmarks nach jNIilzverlust ge- funden. Nach Zesas u. a. existiert ein physiologischer Zu- sammenhang zwischen Milz und Schilddrüse in der Weise, daß im Falle der Entfernung des einen dieser Organe das zurückgelassene dessen blutbildende l'ätigkeit übernimmt. Die Indikationen zur Entfernung der Milz sind Ver- letzungen derselben, Geschwülste, in besonderen Fällen leukä- mischer Milztumor, in gewissen Fällen Malariamilz. Die ersten Milzexstirpationen hat meines Wissens Viard 15S1 ausgeführt. Die Technik der Operation ist immerhin eine subtile und die Blutstillung, besonders am Stiel, muß sehr sorgfältig ge- schehen, so daß ich mir eigentlich kaum denken kann, daß die Milzexstirpation im Mittelalter einmal ,,in Mode" gewesen sein soll. Dr. Karl Hammesfahr. Antwort. In Nummer 45 dieser Zeitschrift ist ein Ar- tikel von L. Reh ,, Blausäure zur Bekämpfung von Ungeziefer" erschienen. Der Verfasser berichtet über die Geschichte der Entwick- lung seit iSSi, erwähnt, daß bis 1913 irgendwelche Erfolge für die Praxis in Deutschland nicht zu verzeichnen waren und verweist auf den guten Erfolg, den ein Kammerjäger in diesem Jahre auf seinen Rat erreicfite. Dann berichtet er weiter da- von , daß 1916 die Deutsche Gold- und Silberscheideanstalt in Frankfurt a. M. den Versuch machte , das Verfahren in Deutschland einzuführen. Der Schilderung ist bis dahin nichts hinzuzufügen. Sie kennzeichnet die 3^jährige für die Anwen- dung im großen negativ ausgegangene Tätigkeit. Umso irriger ist der Bericht über den Fortgang. Die Deutsche Gold- und Silberscheideanstalt trat nämlich zur Ein- führung des Verfahrens Anfang 1917 an die führenden Mit- glieder des derzeitigen Technischen Ausschusses für Schädlings- bekämpfung heran, der es bei den obwaltenden Kriegsver- hältnis^en für das Zweckmäßigste hielt, militärische Personen für die Ausführung heranzuziehen, und hierzu Anlehnung an' das Preußische Kriegsministerium suchte und fand. Mit diesem militärischen Personal ist dann die gesamte Durchführung erfolgt, die zur Zeit rund 3000000 cbm erfaßt hat. Auch die größeren Versuche (Weinbau), die statt- fanden, hat der Technische Ausschuß für Schädlingsbekämpfung veranlaßt und durch seine Mittel ermöglicht. Die Ausführung des Verfahrens durch Kammerjäger unterblieb, weil angesichts der Gefährlichkeit der Blausäure die Handhabung durch Privatpersonen ohne öffentliche Gewalt den beteiligten behörd- lichen Zentralstellen untunlich erschien. An der Ausübung sind die entomologischen Stellen, in erster Linie Herr Prof Dr. Heymons von der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin und Herr Prof Dr. Escherich von der Universität München, sowie die Biologische Reichsanstalt als Mitglieder des Technischen Ausschusses für Schädlingsbekämpfung auf das Ausgiebigste beteiligt worden. Dr. W. Heerdt. Ersatzmittel in der mikroskopischen Technik (Antwort auf die Frage in Nr. 42 der Nalurw. Wochenschr.). Äthyl- alkohol kann in der mikroskopischen Technik sowohl durch denaturierten Spiritus als auch durch Methylalkohol ersetzt werden. Auch Azeton kann als Alkoholersatz verwendet wer- den. Stören die Pyridinbasen des Brennspirilus, was aber wohl höchst selten der Fall sein dürfte, so entfernt man sie mit Sublimat Methylalkohol habe ich schon in Friedens- zeiten als Ersatz des teureren Äthylalkohols verwendet. Er ist aber im Giftschrank streng unter Verschluß zu halten, da zahlreiche Erblindungen und Todesfälle nach dem Gebrauch desselben vorgekommen sind. In aller Erinnerung ist wohl noch das Massensterben im Dezember 191 1 in Berlin, bei dem 70 Personen, die Methylalkohol getrunken hatten, den Tod fanden. Azeton muß natürlich , um absoluten Alkohol zu er- setzen, wasserfrei sein. Zu beachten ist ferner, daß diese Mittel die Farben in verschiedener Weise ausziehen. Verwendet man Brennspiritus oder Azeton in nicht ganz wasserfreiem Zustande, so kann man trotzdem in Balsam ein- schließen , wenn man als Zwischenmiltel Karbolxylol (Karbol, krist : Xylol ^1:3) oder Kreosotalkohol (Kreosot : Alkohol = 1:1) benutzt. Die Alkoholentwässerung läßt sich übrigens oft ganz ver- meiden, wenn man nämlich die Schnitte auf dem Objektträger unter gelindem Erwärmen an der Luft trocknet und dann das Einschlußmedium darauf bringt. An Stelle von Xylol wird häufig Benzin oder Benzol, auch Chloroform, Terpentinöl, Nelkenöl, Zedernholzöl ver- wendbar sein. Als Ersatz für Kanadabalsam käme Zedernhülzol, Vosseler's Terpentin, Euparal , Kolophonium, Gummi arabicum oder andere Harze in Betracht. Für Nelkenöl ist ebenfalls Zedernholzöl oder etwa Bergamottöl, Oirganumöl, Zimtöl, Karbolsäure zu verwenden. Näheres findet man in dem Aufsatz von K. W. Fischer, Ersatzmittel in der Mikroskopie (^Mikrokosmos XII, p. 21). Dr. W. Herter. Literatur. Aus Natur und Geisteswelt. Leipzig und Berlin '18, B. G. Teubner. Jedes Bändchen 1,50 M. L. Weber, Einführung in die Wetterkunde. 3. Aufl. Mit 28 Texlabbildungen und 3 Tafeln. M. Mendelssohn, Einführung in die Mathematik. Mit 42 Textfiguren. P. H. Gerber. Die menschliche Stimme und ihre Hygiene. 3. Aufl. Mit 21 Textabbildungen. R. Vater, Praktische Thermodynamik. Aufgaben und Beispiele zur Technischen Wärmelehre. Mit 40 Text- abbildungen und 3 Tafeln. R. Börnstein, Die Lehre von der Wärme. 2. durchge- sehene Aufl. von A. Wiegand. Mit 33 Textabbildungen. H. Boruttau, Fortpflanzung und Geschlechtsunterschiede des Menschen. Eine Einführung in die Sexualbiologie. 2. verbesserte Aufl. Mit 39 Textabbildungen. Schumburg, Die Geschlechtskrankheiten, ihr Wesen, ihre Verbreitung, Bekämpfung und Verhütung. 4. Aufl. Mit 4 Textabbildungen und einer mehrfarbigen Tafel. Brauns, Prof Dr. R , Mineralogie. Mit 132 Abbildungen. 5. verb. Aufl. Sammlung Göschen. 1,25 M. Steinmann, P. und Surbeck, G., Die Wirkung or- ganischer Verunreinigungen auf die Fauna schweizerischer fließender Gewässer. Preisschrift der Schweizerischen Zoolo- gischen Gesellschaft. Mit 3 Kärtchen und 4 Textabbildungen. Bern '18. Inhalt ; Joh annes Theel, Über die Symmetrie der Organismen. S. 17. — Kleinere Mitteilungen : Nachtsheim, Massen- versammlungen und Massenwanderungen von Marienkäferchen. S.2I. — Einzelberichte: A. W egener und W. Ric h arz, Meteoritenfall von Treysa. S. 23. W. K ö p p e n , Angenehme Temperaturen. S. 24. B.Wiese, Verlauf der Witterung auf der Balkanhalbinsel. S. 25. G. Bodmann, Die Winterstrenge als klimatischer Faktor. S. 25. Stieve, Über den Einfluß der Gefangenschaft auf die Legetätigkeit und den Eierstock des Haushuhnes. S. 26. Carl RabI, Die Sym ■ metrie des Wirbeltierauges. (3 -Abb.) S. 27. Gustav Gaßner, Vom Entwicklungsrhythmus des Wintergetreides. S. 28 — Bücherbesprechungen; H einrieb .Sc hmi dt, Geschichte der Entwicklungslehre. S. 29. F. Grün bäum, Elektro mechanik und Elektrotechnik. S. 30. E. Freundlich, Die Grundlagen der Einstein'schen Gravitationstheorie. S. 30, M. v. Rohr, Die optischen Instrumente. S. 30. — Anregungen und Antworten; Nicht- Ausnutzung des Anpassungs Vermögens in der Natur. S. 30. Noch mehr Forschungsinstitute? S. 31. Entfernung der Milz. S. 31. Blausäure zu: Bekämpfung von Ungeziefer. S. 32. Ersatzmittel in der mikroskopischen Technik. S. 32. — Literatur: Liste. S. 32. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge 18. Band; der ganzen Reihe 34 Band. Sonntag, den 19. Januar 1919. Nummer 3> Die Chemie der Zellulose und ihre textilwirtschaftliche Bedeutung. [Nachdruck verboten.] Unsere Textilindustrie, die 191 3 mit 956076 Arbeitern nahezu 13"/.) '^^^ gesamten Industrie- arbeiterschaft betätigte, bezog in eben diesem Jahre rund 932 ooo Tonnen Faserstoff im Werte von 1290,5 Millionen Mark aus dem Auslande. Im einzelnen verteilt sich diese Riesenmenge auf 486000 Tonnen Baumwolle Von Prof. P. W. Bohne, Oeventrop. 182000 154000 56000 55000 4000 Wolle Jute Flachs Hanf Seide 578,8 Mill. Mark 362,1 „ 89,9 „ 50,6 „ 37,7 „ 151,7 „ Baumwolle lieferte Nordamerika, Indien und Ägypten; Wolle: Australien, Neuseeland und Südafrika; Jute: Indien; Flachs und Hanf: Ruß- land ; und Seide : Italien und Ostasien. Daraus ergibt sich, da Deutschlands Eigenproduktion mit 1 1 000 t Wolle 3600 t Flachs und loo t Hanf und seiner kolonialen Erzeugung von 2 700 t Baumwolle 100 t Wolle und 19700 t Sisalhanf neben jener riesenhaften Einfuhrmenge eigentlich gar nicht in F'rage kommt, daß unsere Textil- industrie auf Gedeih und Verderb unseren Feinden ausgeliefert gewesen wäre, wenn es nicht ge- lungen wäre, ihr andere unabhängige Hilfsquellen zu erschließen. Von den unmittelbar Rohstoff verarbeitenden Fabriken war keine Selbsthilfe und Abhilfe zu erwarten; diese konnte nur von anderer Seite, von der Technik und Wissenschaft kommen. Ihr ist es nach kaum zweijährigem F^ingreifen nicht nur gelungen, die erste Not zu beschwören; sondern sie hat auch durch dauernde Verdrängung fremder Rohstoffe die Gefahren eines späteren Wirtschaftskrieges wesentlich ver- mindert. Naturgemäß hielt man zunächst Um- schau im eigenen Hause und besann sich auf allerlei heimische fasernliefernde Pflanzenarten, die als Ersatz für die ausfallende Baumwolle und Jute dienen konnten. In größerem Umfange an- gestellte Versuche ergaben, daß die Nessel Ur- tica dioica, das Kolbenschilf Typha, verschiedene Rindenbastarten, Torfarien, sowie Hopfen, Binsen, Lupinen, Stroh, Weidenröschen, einen mehr oder weniger gleichwertigen Ersatz für Jute und teilweise sogar tür Baumwolle liefern könnten. Aber vorläufig nicht zu behebende Schwierig- keiten lassen es als ausgeschlossen erscheinen, diesen Faserstofflieferern die ausreichende und vollwertige Vertretung der Baumwolle und der Jute zu übertragen. Diese Rolle fällt gegenwärtig und wohl auch für die Zukunft, bis der hei- mische Hanf- und Flachsanbau wieder einen hinreichenden Umfang angenommen hat, unein- geschränkt dem Zellstoff oder der Zellulose zu ; und zwar zunächst deshalb, weil für deren Beschaffung entsprechend dem Umfang des außer- ordentlichen Bedarfs der Holzreichtum Mitteleuropas und unserer östlichen Nachbarländer bei wirt- schaftlicher Nutzung eine nie versiegende Quelle bietet. Die Zellulose liegt uns in der Gerüstsubstanz pflanzlicher Gewebe vor. Bei allen jungen Pflanzen- zellen (und z. B. auch bei den F"asern des Flachses und der Baumwolle) bestehen die Zellmembranen aus nahezu reinem Zellstoff, dem in diesem natur- feuchten Zustand außer hoher Festigkeit eine bis ins Endlose gehende Biegsamkeit eignet. Bei andern Pflanzen aber, vornehmlich bei sämtlichen Hölzern, erleiden die Zellmembranen mit fort- schreitendem Altern erhebliche chemische und morphologische Veränderungen. So ist z. B. die Zellulose des Holzes durch spezifische Holzsub- stanzen und Pentosane als inkrustierende Stoffe verunreinigt. Die Gewinnung der durch Festigkeit wie durch Geschmeidigkeit gleich ausgezeichneten Zellstoffaser aus Holz ist somit wesentlich mit der Möglichkeit ihrer Herauslösung aus den inkru- stierenden Stoffen und gewissen stets vorhandenen anorganischen Aschenbestandteilen verknüpft. Nun war aber von altersher eine solche Absonderung des Zellstoffs durch Kochen zerkleinerten Holzes mit alkalischen Laugen bekannt; und es ist un- möglich sein erstmaliges Ausbringen irgendwo in der Geschichte der Chemie als ein besonderes Ereignis nachzuweisen. Verschiedene mit dem so gewonnenen Zellstoff verbundene Mißlichkeiten ver- hinderten seine industrielle Nutzbarmachung, die bereits seit den Anregungen Reaumur's, ganz besonders aber des Regensburger Superintendenten Dr. Joh. Ch. Schäffer 1772 auf die Herstellung von Papier aus Holz abzielte. Aber erst im Laufe des vorigen Jahrhunderts bildeten sich zwei Hauptverfahren heraus, die eine großzügige Zell- stoffiechnik anbahnten. Nach dem älteren, dem Natronsulfat- oder Sulfalverfahren schließt man den Zellstoff dünner Schnitte von Tannen- oder Fichtenholz durch Kochen mit einem Lösungs- gemisch von 6 '7o Ätznatron und Natriumsulfat in großen bis 60 cbm und mehr fassenden Kesseln auf. Indem diese Kocher mit Heizdampf bis zu 10 Atmosphären Druck beschickt werden, löst die Natronsulfatlauge alle verholzenden Bestand- 34 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. 3 teile: Lignine, Pentosane, Harze, Gerbstoffe und andere aus den Schnitten heraus; und die freie Zellstoffaser bleibt unangriffen übrig. Da der so gewonnene, als Natron- oder Sulfatzellstoff be- zeichnete F'aserstoff bräunlich gefärbt und das Aus- bringen verhältnismäßig gering ist, wurde dieses Ver- fahren durch das seit 1884 im Großbetriebe ange- wandte 1867 von A Mitch er lieh erfundene ver- drängt. Mitcherlich erzielte durch Anwendung einer IVIischung von schwefeliger Säure H.^SO., und schwefligsaurem Kalk CaSOg, also einer Calcium- bisulfit-Kochlauge Ca(HSOg)o, eine nahezu quan- titative Ausbeute und zwar sogleich gebleichten Zellstoffs, der als Sulfitzellstoff in Form lockerer Papiere und Pappen in den Handel gebracht wird. Dieser Rohstoff stellt technisch reinen Zellstoff dar. Um für kleinere Versuche und eigens angestellte Untersuchungen chemisch reinen Zellstoff zu erhalten, geht man von diesem Rohstoff oder von Baumwolle, Hollundermark oder besseren, im Handel erhältlichen Filtrier- papieren z B. der Firma Schleicher und Schüll in Düren aus; zerzupft eine entsprechende Menge, verrührt eine Zeillang mit verdünnter Kalilauge über der Flamme, und stumpft dann mit ver- dünnter Salzsäure ab. Den von der Kaliumchlorid- lösung abfiltrierten Rückstand behandelt man mit etwas wässeriger Fluorwasserstoffsäure zur Ent- fernung etwa vorhandener Kieselsäure, wäscht dann tüchtig mit Wasser aus und zuletzt mit Alkohol und Äther, dessen letzte Reste abgedunstet werden. So erhält man den reinen Zellstoff in seiner unveränderten, ursprünglichen Struktur. Diese reine Zellulose stellt chemisch eigentlich ein Gemenge verschiedener Kohlehydrate dar und gehört zur Gruppe der Polysaccharide von der Form (CgHjiiOgln, die je nach der Größe des Moleküls in Stärke- Zellulose- und Gummi- arten zerfallen. Die eigentliche Zellulose zeichnet sich durch Schwerlöslichkeit aus, da sie weder in heißem oder kaltem Wasser noch in verdünnten Säuren, in Alkalien, in Aiher oder Alkohol löslich ist. Sogar in ihrem spezifischen Lösungsmittel, dem Schweiizer'schen Reagens, einer ammoniakalischen Kupferoxydlösung, ist die Zellulose sehr wahr- scheinlich nur unter beginnender Hydrolyse löslich. Aus dieser optisch aktiven und zwar linksdrchen- den Lösung wird die Zellulose durch Säuren, Salze, Zucker oder auch durch viel Wasser wieder ausgefällt als weißes amorphes Pulver, welches mit Jod zwar die für stärkeähnliche Körper charakteristische Blaufärbung nicht gibt, aber bei nur kurze Zeit dauernder Einwirkung von kalter, konzentrierter Schwefelsäure in besagter Weise mit Jod reagiert. Dauert die Behandlung mit kalter, konzentrierter Schwefelsäure (3:1) etwas länger, so entsteht ohne Schwärzung eine Lösung von Zellulose in Schwefelsäure, aus welcher Wasser flockige, kolloidale Zellulose ausfallt, die eben- falls mit Jod die Farbenreaktion zeigt, und wegen der Übereinstimmung dieses Verhaltens mit Amylum oder Stärke, Amyloid genannt wird. Diese Umwandlung in Amyloid wird technisch dadurch nutzbar gemacht, daß man Zellulose- papier schnell durch Schwefel>äure vom spe- zifischen Gewicht 1,66 hindurchzieht und dann in Wasser gründlich auswäscht. Durch oberfläch- liche Umwandlung der Zellulose in Amyloid er- hält man das beirannte Pflanzenpergament, welches dem eigentlichen tierischen Pergament in seinen dialysierenden Eigenschaften gleich- wertig ist. Bei länger anhaltendem Kochen der verdünnten schwefelsauren Zelluloselösung tritt als Ergebnis eine Art Dextrin, die Zcllose, eine zuerst von Franchimont 1870 beobachte Spaltung der Zellulose auf, die später durch Skraup und König als eine „Biose" erkannt wurde. Diese Zellose geht bei weiterem Kochen mit ver- dünnter Schwefelsäure in Glykose oder Trauben- zucker über, welche Tatsache die Grundlage für die in neuster Zeit in Großbetrieb übet führte Darstellung von Alkohol aus Zellstoffablaugen ab- gibt. Eine auffällige Abänderung der Zellulose konnte Girard 1875 zum ersten Male dadurch herstellen, daß er 12 Stunden hindurch 55 proz. Schwefelsäure bei Zimmertemperatur auf Zellu- lose einwirken ließ. Dies von Girard Hydro- zellulose genannte Produkt unterschied sich dem Aussehen nach zunächst nicht von der verwendeten Zellulose, erwies sich aber nach dem Auswaschen und Trocknen als ein sehr leicht zerreiblicher und zerstäubender Stoff. In diesem pulverigen Zustande eignet der Hydrozelluiose ein lebhaf- teres Reakiionsbestreben gegen Säuren und Alkalien als die gewöhnliche Zellulose. Wie Amyloid zeigt sie die Farbenreaktionen gegen Jod-Kaliumjodid; nur ist die Färbung gegen Wasser weniger beständig. Chemisch betrachtete man die Hydrozelluiose iCjoHo.jOnJn lange Zeit als eine durch Anlagerung von einem oder mehreren Molekeln Wasser bewirkte Umwandlung der Zellulose (Cj2H„oOjo)n, was ja Girard in An- lehnung an die sonst übliche Bezeichnungsweise solcher Hydratationsprodukte durch seine Namen- gebung zum Ausdruck brachte. Häufige Nach- prütungen durch andere P'orscher, unter denen Büttner, Neumann und Ost an erster Stelle stehen, erziehen sehr abweichende Analysenbe- funde, was Ost auf die Verwendung von fehler- haft entwässerten Untersuchungsproben zurück- führt. Als später Stern und Stein unter Berück- sichtigung dieser Fehlerquelle keinen quantita- tiven Unterschied zwischen Zellulose und Hydro- zelluiose feststellen konnten, nahm Ost noch- mals die gewissenhafte Nachprüfung der Befunde auf und kam zu dem Ergebnis, daß ohne Zweifel in der Hydrozelluiose ein durch Wasseraufnahme veränderter Zellstoff vorliege; daß aber die Ele- mentaranaiyse nicht imstande sei, dieselbe quan- titativ nachzuweisen wegen der abnormen Größe der Zellulosespallungen, die oft bis zu 20 und mehr Glykosereste enthielten. Gegenüber oxy- dierenden Reagentien zeigt Zellulose je nach der zersetzenden Schärfe der verwendeten Mittel N. F. XVIII. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 35 ein verschiedenes Verhalten. Eine Mischung von 15 Teilen Salpetersäure von spez. Gewicht 1,1 und einem Teile Chlorsäuren Kalis läßt Zellu- lose nahezu vollständig unangegrififen ; dagegen wird sie durch Zusammenschmelzen mit Ätz- alkalien zu Oxalsäure oxydiert. Diese chemischen Eigenschaften lassen erkennen, daß in der Zellulose ein ausnahmsweise wider- standsfähiger, organischer Stoff vorliegt, dessen ausgeprägt langfaseriges Auftreten in der Baum- wolle, der Jute, dem Hanf und Flachs diese Pflan- zen von Haus aus zu den natürlichen Belieferern des Spinnereigewerbes machte. Da aber auch aus Holz, namentlich gewissen Fichten- und Tannenarten eine relativ lange Zellstoffaser zu ge- winnen ist, konnte es für die Chemie gar keine Frage sein , wo im Notfalle , wie er jetzt vor- liegt, für Baumwolle und Jute Ersatz zu suchen sei. Allerdings ist die Holzzellulosefaser nicht von solcher Länge, daß sie ohne weiteres einen ver- spinnbaren Rohstoff darstellte, vielmehr gestattet sie zunächst nur eine Fasernverfilzung, welche zur Papierherstellung hinreicht. In Japan und China, bekanntlich altberühmten Heimatländern der Papiererzeugung und seiner Umwandlungsprodukte, verstand man sich bereits vor hundert Jahren auf Papierverspinnung, die eine ausgedehnte Papier- stoffgarnindustrie ins Leben rief. Man zerschnitt Papierbogen, die aus dem langsträhnigen äußerst festen und biegsamen Fasernmaterial des Brousso- netiabastes vom Papiermaulbeerbaum hergestellt waren, in schmale 2 — 3 cm breite Streifen so, daß der Schnitt wechselweise bis auf 2 — 3 cm vom Blattrande entfernt blieb, oder aber ganz durch- gezogen wurde. So erzielte man aus jedem Bogen ein langes Papierband , das dann von Hand auf einer glatten Steinplatte zusammengedreht wurde. Der vorzügliche Broussonetiabast macht die hohe Blüte der japanischen Papierstoffgarnindusirie be- greiflich, die erst zurückging, als die Engländer ihre billigeren Baumwollgarne auf den japanischen Markt brachten. Von Japan ging die Papiergarn- industrie zunächst auf Amerika und dann auch auf Deutschland über, wo im Jahre 1890 die ersten Papiergarne auftauchten. In Deutschland hat sich das aus Natronzellulose hergestellte Spinnpapier am besten bewährt, sowohl wegen semer, trotz großer Leichtigkeit doch bedeutenden Festigkeit, als auch wegen seiner großen Reinheit und unvergilbbaren Färbung. Die deutschen Er- finder versuchten zuerst die Papierspinnstreifen direkt durch Aufteilen der noch nassen Papierbahn auf der Siebmaschine zu erhalten und die noch nassen Streifen zusammenzudrehen und zu ver- spinnen. Da aber bei der Lagerung naß ver- sponnener Garne durch Schimmelbildung und Gärungserscheinungen große finanzielle Schäden nicht zu verhüten waren, wurde dieser Weg bald wieder verlassen. Durchgreifende Erfolge erzielte man erst mit dem von Emil Clavicz in Adorf im Vogtlande ausgebildeten Trockenspinn verfahren. Hiernach wurden die fertigen trockenen Papier- bahnen durch drehende Kreismesser in schmale Streifen zerlegt, die zu flachen Tellern oder Rädern aufgewickelt und dann wie Spindeln den Spinn- maschinen zur Garnherstellung vorgelegt wur Ci„Hi,(CH30)eOio + 6H.,0. Ähnlich ergeben zwei Mol. Azetylchlorid, ein Mol. Magnesiumazetat und ein Mol. Zellulose durch mehrfachen Umsatz Zellulosetetrazetat C,,H,„(CH30),0,o. Franchimont verbesserte die Synthese Schützenberger's, indem durch Zusatz kata- lytisch wirkender Schwefelsäure die Veresterung der Zellulose bei niedrigerer Temperatur ermög- licht und so die Bildung von Neben- und Zer- setzung.sprodukten hintangehalten wurde. Die Katalyse der Schwefelsäure hat man sich so zu denken, daß Essigsäureanhydrid und Schwefelsäure zunächst Azetylschwefelsäure bilden : (CH3CO).,0 + H.,SO, -> CH3COHSO, + CHoCOOH. Diese Azetylschwefelsäure azetyliert dann ihrer- seits unter Rückbildung der Schwefelsäure die Zellulose: 3(CH3CO.HSOJ-f CeHj„0 -> CeH,(CH3CO}30, + 3H,S0,. Dieses Triazetat ist von Ost bei Bildung der Zelluloseazetate immer als Endprodukt nachge- wiesen worden. Als die von Franchimont isolierten Azetylderivate scheinen ihm, soviel sich aus den Literaturangaben schließen läßt, sowohl das Octazetylderivat der Zellobiose, als auch das Pentazetylderivat der Glykose vorgelegen zu haben. Erst Straub und seine Schüler König und Hamburger brachten Licht in den bei der Bildung des Octazetylderivates mit unterlaufenden Abbau der Zellulose. Durch Verseifen des Oct- azetylesters konnten sie nämlich die weiter nicht gespaltene Zellobiose von der Form CijH.^oO,^ als Abbauprodukt der Zellulose nachweisen. Seit- dem ist eine große Anzahl von. Essigsäurezellulose- estern dargestellt worden, namentlich von Groß, Bevan, Lederer, Knoe venagel , Eich en- grün, Ost und Schwalbe. Alle diese Ver- bindungen gaben beim Verdunsten ihres Lösungs- mittels durchscheinende Massen, die nicht ent- flammbar, nicht explosiv, schwer brennbar sind und durch Festigkeit, Elastizität und Bildsamkeit ihrer praktischen Anwendung die denkbar günstigsten Aussichten eröffnen. Abgesehen von der Filmerzeu- gung, die längst für das explosive Zellulosenitrat einen ungefährlichen Ersatz suchte, hat sich vor allem die Kunstfaserindustrie des neuen Rohstoffes be- mächtigt. Geradezu ein neuer Aufschwung erfaßte die Kunstfaserindustrie, seit Knoe venagel einige Jahre vor dem Kriege durch Erhitzen unlöslicher Zellulosetriazetate auf 100 " in indifferenten Flüssig- keiten, bei Abwesenheit von Wasser, azetonlösliche Zelluloseazetate, die also durch Hydrolyse nicht ge- schädigt würden, ein Produkt von höchster Festig- keit, herstellte. Es wurde in diesen Zelluloseazetaten der Zellulosefaserindustrie ein wirklich idealer Roh- stoff dargeboten. In Chloroform oder Azeton ge- löst wird dieser Spinnstofifaus den oben mehrfach ge- nannten Spinndüsen als feiner Faden herausgepreßt, der durch augenblickliches Verdunsten des Lösungs- mittels zu einem festen Gebilde erstarrt. Allen vorgenannten chemischen Spinnstoffen gegen- über verdient die Azetylzellulose aus mehrfachen Gründen den Vorrang. Mit der Viskose teilt sie den Vorzug der Billigkeit, da zur Herstellung die gewöhnliche Holzzellulose genügt. Der Ge- spinnstfaden bedarf zur Erstarrung oder P'ixierung keines Fällungsmittels wie die Viskose, die Kupfer- N. F. XVI ir. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 39 ammoniak- oder Nitrozellulose; und was besonders ins Gewicht fällt, der Gespinnstfaden, dem als Essigsäure-Ester nach dem Verfahren von Knoeve- nagel gerade die in textiler Beziehung not- wendigen Eigenschaften in hervorragendem Maße eignen, bedarf keiner Wiederherstellung zu reiner Zellulose. Damit geht sowohl ein geringerer Arbeitsaufwand, als auch eine erheblich gesteigerte chemische Ausbeute Hand in Hand. Das Lösungs- mittel der Zellulose, die Essigsäure, bildet nämlich einen wesentlichen, bleibenden Bestandteil des fertigen aus Zelluloseazetat bestehenden Fadens. Weil außerdem der Zelluloseester wasserunlöslich ist, kann der Zelluloseazetatfaden genau so wie Naturseide eine Wasserbehandlung vertragen, ohne an Festigkeit einzubüßen. Die genannten Eigenschaften gaben den Zelluloseazetatspinn- stoffen im Kunstfasergewerbe bald eine führende Stellung und zwar abgesehen vom Druck der Kriegsnotwendigkeiten bceits im freien Wett- bewerb mit den im Überfluß vorhandenen Baum- woU- und Wollmengen der Frieden.sjahre. Die Zwirnereifirma Karl Wolf zu Schweinsburg in Sachsen verspann bereits 1910 die nach Art der Kammgarnherstellung als Abfälle bei der Kunst- seideverarbeitung gewonnenen Zellulosefasern zu Garn, das von Webereien zu Männer- und Frauen- kleidersloffen verwebt wurde; gewiß ein Beweis dafür, daß solche Stoffe einen vollwertigen Er- satz für Woll- und Baumwollgewebe bilden. Die Übereinstimmung und Ähnlichkeit ist so täuschend, daß nur fachmännische Vertrautheit mit mikroskopischen und chemisch-analytischen Untersuchungsmethoden Kunst von Natur zu trennen vermag. Deshalb wird es begreiffich, daß gleich zu Beginn der Faserknappheit die deutsche chemische Technik sich mit beson- derem Eifer der bereits so weit gediehenen Zellulosefasererzeugung annahm. Über die seit- dem erzielten stofflichen Verbesserungen der Spinnstoffe und deren chemische Konstitution ist wie erklärlich nichts in die Öffentlichkeit ge- drungen. Wohl aber wurde bekannt, daß das Spinnmaschinenerzeugnis nicht mehr wie früher ein sehr langer Faden, ähnlich dem Kokon- gespinnst der Seidenraupe ist; daß vielmehr das maschinenmäßige Spinnen kürzerer Fasern von etwa 10, 20 und mehr Zentimetern Länge ge- lungen ist; also Fasern die den Größenverhält- nissen der Baumwoll-, Flachs-, Woll- und Nessel- faser gleichkommen. Die verschiedenen Bear- beitungsverfahren wie das Auflockern, Krempeln, Kämmen, Strecken und Duplieren, die zur Vor- bereitung des Spinnens an diesen Naturfasern vor- genommen werden, haben den Zweck die geknäulten Fasern und verwulsleten durch para- llel gelegte und verschränkte Einzelfasern zu Bündclchen oder „Stapel" zu ordnen, die dann durch Zusammendrehen den gesponnenen Faden, das Garn liefern. Die Möglichkeit nun die Zellulosefaser als Stapelfaser darzustellen, er- öffnet ihrer praktischen Verarbeitung die besten Aussichten, indem der ausgedehnte deutsche tex- tile Maschinenpark ohne Umstände zu Verar- beitung der neuen Stapelfaser übergehen kann, als ob überhaupt keine Änderung des Rohstoffes stattgefunden hätte. Der unbeschränkten Stapelfasererzeugung standen bisher noch zwei Hindernisse hemmend im Wege. Die Inhaber alter Patente machten aus Gewinnsucht vielfach der Lizenzerteilung an andere Unternehmer Schwierigkeiten; und die Kriegs- Rohstoff- Abteilung wollte nicht ohne weiteres jedem beliebigen Bewerber die Ge- nehmigung fabrikmäßiger Stapelfasererzeugung erteilen, weil sie mit Recht der Meinung ist, daß bei unserm augenblicklichen Chemikalienmangel nicht jedtm ersten besten Fabrikschemiker die wirtschaftliche Durchführung solch verwickelter chemischer Probleme anvertraut werden darf. Der . andere Grund ist der ungeheuere Bedarf gerade solcher Chemikalien, die auch in andern kriegswichtigen Betrieben unentbehrlich sind. Es kann jedoch kein Zweifel sein, daß angesichts der unverkennbaren Bedeutung dieses Faserersatzes gerade für die Zeit nach dem Kriege die Reichs- leitung der deutschen chemischen Industrie alle Mittel bieten wird, um durch erfolgreichen Aus- bau dieses Gebietes an dem wirtschaftlichen Wiederaufbau und Aufstieg Deutschlands mit- zuarbeiten. Verzeichnis benutzter Literatur: Prof. Dr. Paul Arndt," Alte und neue Faserstofife. ' Reimer, Berlin 1918. Büttner und Neumann, Zeitschr. f. angewandte Chemie. 21. Bd. 1908 und 22. Bd. 190g. Groß und Bevan, Ccllulose, London 1895. — — , Researches on Cellulose I. II. III. 1S95 — 1910. Francbimont, Compt. rend. 92. Bd. 1S81. , Rec. trav. chira. Pays-Bas 2. Bd. 24I, 18S3 u. 18. Bd. 472, 1899. Girard, Compt. rend. 81. Bd. 1875. Knoevenapel, Zeitschr. f. angew. Chemie 21. Bd. 2401 1908 u. 23. Bd. 440. 1910. Neuman, Kritische Stud en über Hydrolyse der Zellulose und des Holzes. Dissertation. Dresden 1910. Ost, Zeitschr. f. angew. Chemie. 19. Bd. 993, 1906. — , Lieb. Annal. 398. Heft, 313; 19 13. — , Bir. d. deutsch, ehem. Ges. 46. Bd. 2995, 1913. Straup und Hamburger, Ber. d. deutsch, ehem. Ges. 32. Bd. 2413, 1899, Schwalbe, Die Chemie der Zellulose. Berlin 1911. Aufsätze aus der Chemiker-Zeitung der Jahrgänge 1914 — 1918. Prof. Dr. K ap p f. Über Wolle, Baumwolle, Leinen, natürliche und künstliche Seide. Fock, Leipzig 1913. 40 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVI II. Nr. 3 Einzelberichte. Chemie. Zur Frage des Wismutwasserst off äußert sich F. Paneth (Prag) in der Zeitschritt für Elektrochemie XXIV (1918) S. 298. In Gruppe 5 des periodischen Systems der Elemente kommen vor die Elemente Stickstoff, Phosphor, Arsen, Antimon und Wismut, die außer zahlreichen andern ähnlichen Eigenschaften WasserstoftVer- bindungen mit drei Atomen Wasserstoff eingehen; doch ist der Wismutwasserstoff bisher nicht be- kannt. Schon bei den ersten vier der genannnten Elemente nimmt die Stabilität der Hydride mit zunehmendem Atomgewicht ab: das Ammoniak NH3 ist eine auch bei höheren Temperaturen konsistente Verbindung, während die leichte Zersetzbarkeit des AsHj aus der Arsenprobe von Marsh bekannt ist; noch leichter (bei etwa 150" (zerfällt das Stibin SbH.,. Nun stehen unter der Ordnungszahl 83 außer Wismut noch 4 andere Elemente, die dem Wismut isotop sind (sie haben bei etwas verschiedenem Atomgewicht gleiche physikalische und chemische Eigenschaften wie Wismut). Es sind die radioaktiven Wismutarten Ra- dium C, Thorium C, Aktinium C und Radium E. Wegen der Gleichheit der chemischen Eigenschaften ist es gleichgiltig, welches der Isotopen man für eine chemische Untersuchung nimmt. Meistens geht man von der in großer Menge vorhandenen inaktiven Form aus, also in diesem Fall vom Wismut. Doch hat es in vielen Fällen Vorteile, einen der radioaktiven Körper zu untersuchen wegen der außerordentlichen Empfindlichkeit der radioaktiven Methoden, die die anderen chemischen und physikalischen Methoden z. B. die spektral- analytischen bei weitem übertreffen. Diese Über- legung bringt Paneth auf den Gedanken, die Darstellung des Wismutwasserstoffs aus einem der Isotopen des Wismuts, dem Thorium C zu versuchen; es zeigt sich, daß der Gedanke richtig ist, BiHa läßt sich so herstellen. Er exponiert zu dem Zweck Magnesiumblech in Thoriumema- nation, einem schweren Gase, das aus dem Tho- rium (nicht unmittelbar) entsteht. Es schlägt sich dann auf dem Bleche Thorium B eine Blei-Art, und das Thorium C nieder. Das so präparierte Magnesium wird in einer verdünnten Säure gelöst und das entstehende Gas durch einen Stickstoff- strom in ein Emanationselektroskop überführt. Es erweist sich als aktiv und zwar zeigt es den charakteristischen Abfall des Thorium C. Daß es sich dabei nicht um ein Verspritztwerden handelt, geht daraus hervor, daß, wie die .^b- klingungskurve zeigt Thorium B nicht mit über- führt wird. Daß die Wirkung die gleiche ist bei Anwendung von HCl, HNO3 und H.SO^, daß sie dagegen bei Einwirkung von Chlor fehlt, beweist, daß es sich um ein Hydrid handelt. Da der auf diese Weise aus der radioaktiven Wismutart Thorium C hergestellte Wismutwasserstoff sich radioaktiv verhält und dabei eine starke a-Strahlung (positiv geladene Heliumatome) aussendet, kann man ihn einem größeren Zuschauerkreise sichtbar machen, indem man das auf die oben geschilderte Weise entwickelte Gas in ein mit Sidotblende versehenes Glasrohr leitet. Dieses leuchtet im Dunkeln unter dem Anprall der «-Strahlen. Der Wismutwasserstoff, der bei Zimmertemperatur ziemlich beständig ist, zerfällt bei höherer Tempe- ratur sehr rasch unter Bildung eines Wismutspiegels. Bei der Temperatur der flüssigen Luft tritt ebenso wie bei den Emanationen eine Kondensation ein. Es ist hiermit nachgewiesen, daß BiHg existenz- fähig ist. Der Verfasser hofft bald über eine Methode berichten zu können, nach der er aus inaktivem Wismut sich herstellen läßt. Seh. Medizin. Die Stacheldrahtkrank heit. Im Laufe des Wehkrieges sind etwa fünf Millionen Menschen in Kriegsgefangenschaft geraten. Sie werden in größeren Gemeinschaften auf unbestimmte Zeit- dauer eingesperrt. Unter dem Einfluß der Freiheits- beraubung, der Einschränkung der Lebensgewohn- heiten und dem Zwang zom ständigen Beisammen- sein mit Schicksalsgenossen wird die Seele der Gefangenen weitgehend beeinflußt und es kommt bei vielen zum Auftreten deutlicher Zeichen psychi- scher Erkrankung, die deutsche Kriegsgefangene gewöhnlich als „Stacheldrahtfieber" bezeichneten. Die Krankheit äußert sich in erhöhter Reizbar- keit, Unlustgefühlen, Gedächtnisschwäche, Urteils- trübung, Unfähigkeit zur Konzentration des Denkens u. s. w. Ihr Bild weist beträchtliche Verschieden- heiten auf, was wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, daß die Stärke der Wirkung der verschiederien kränkmachenden Einflüsse bei den einzelnen Indivi- duen ungleich ist. Die schlimmste Wirkung scheint im allgemeinen von dem erzwungenen Massendasein auszugehen. Diesbezüglich sagt Dr. A. L. Vischer'): „Die Seele verlangt offenbar nach einem gewissen Ausgleich zwischen Einsam- keit und Zusammensein ; wird dieser .Verkehrs- ausgleich' beeinträchtigt, so entstehen Störungen", wie sie nicht nur bei Kriegsgefangenen, sondern z. B. auch bei den Bemannungen von Segelschiffen, bei Polarfahrten u. s. w. beobachtet wurden. Selbst im gewöhnlichen Militärleben treten solche Stö- rungen auf, jedoch in geringerer Stärke als bei den Kriegsgefangenen. Die Zwangsgemeinschaft führt vor allem zu Reizbarkeit, die Unmöglichkeit, sich abzusondern und allein zu sein, „geht auf die Nerven." Aus geringfügigen Anlässen kommt es deshalb zu Zänkereien, ja oft zu Prügeleien. Da es in den Gefangenenlagern keine nennens- werten Ereignisse gibt, werden deren Insassen von Langeweile gequält und es kommt infolge davon zu Klatsch über Mitgefangene, zur Erfindung von allerhand Nachrichten u. dgl. Der erzwungene Müßiggang führt auch zu Unterhaltungssucht; es ») Die Stacheldrahtkrankheit. Beiträge zur Psychologie der KriegsgefaDgencQ. Zürich 1918, Rascher & Co. N. F. XVHI. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 41 entsteht Spielwut und eine eigenartige Tingel- tangelstimmung. Durch die dauernde Beschäftigung mit dem Kleinkram des Lagerlebens, sagt Dr. Vischer, werden die Leute kleinlich und egoistisch. Sie bauen sich allmählich eine Klein- welt, die für sie alles bedeutet und in der sie völlig aufgehen. Schließlich legen sie die Maßstäbe dieser Kleinwelt auch an das Geschehen der Außenwelt an, von der im Laufe der Zeit wenig im Bewußtsein bleibt. Damit verlernen die Gefangenen, mit Wirklichkeiten zu rechnen. Sie leben in gewissem Sinne ein Schattendasein, sie führen eine Existenz, in der alles um einige Noten herabgestimmt ist. Das Dasein der Kriegs- gefangenen ist einem Traumwandeln vergleichbar. So viel festzustellen ist, tritt in den ersten Monaten der Gefangenschaft Homosexualität relativ häufig auf; doch bald läßt das Geschlechtsempfinden nach und nicht selten tritt sexuelle Impotenz ein. In ihrem Tun und Lassen tragen viele Ge- fangene große Unstätigkeit zur Schau. Sehr häufig wird über rasch einsetzende geistige Ermüdung geklagt. Von Krieg'igefangenen, die in der Schweiz untergebracht waren, hörte Dr. Vischer, daß sie Musik- und Theateraufführungen nicht für längere Zeit beiwohnen könnten, vielmehr vor innerer Unruhe das Lokal vorzeitig verlassen müßten. Schwer mitgenommene Leute sprechen oft tagelang kein Wort. Allen gemeinsam ist pessimistische Stimmung und Niedergeschlagen- heit. Viele Gefangene erzählten Dr. Vischer, daß ihr Schlaf durch wilde Träume gestört würde. Lautes Sprechen im Schlaf ist häufig. Ganz frei von der Krankheit sind nur wenige Leute, die sich längere Zeit in Kriegsgefangenschaft befinden. Das Verhältnis der Schwerkranken zur Gesamtzahl beträgt nach Angaben von Gefangenen selbst etwa 10 bis 20%. Sehr ausgeprägt sind die psychischen Störungen gewöhnlich bei Leuten, -die an das Lagerleben, besonders an das Beisammensein mit vielen anderen, nicht gewöhnt sind. Bei Berufs- soldaten kommen hingegen schwere Störungen ziemlich selten vor. Wenig Einfluß auf den Seelen- zustand der Gefangenen hat nach Dr. Vischers Erfahrungen die Behandlung. Schlechte, selbst brutale Behandlung erzeugt die Krankheit nicht und gute Behandlung hält sie nicht fern. Auch eine schöne Lage des Lagers ist kein Prophy- laktikum. Grundbedingung für die Behebung der „Stachel- drahtkrankheit" ist die Befreiung der Gefangenen und ihre Rückkehr in normale Lebensverhältnisse. In den schwereren Fällen wird freilich die Heilung lange Zeit erfordern, namentlich bei den vielen, die ganz und gar den Eindruck von „gebrochenen Leuten" machen; so manche werden bis zum Ende ihres Lebens nicht mehr froh werden, und die Bevölkerung Europas wird von Menschen durchsetzt sein, deren seelische Reaktionen abnorm sind. Es ist zu befürchten, daß dies nicht ohne Einfluß auf die Gesamtpsyche sein wird. H. Fehlinger. Unter den für Fabrikarbeiter gesundheits- gefährlichen Stoffen haben die Nitroverbindungen der Kohlenwasserstoffe der aromatischen Reihe eine erhöhte Bedeutimg erlangt, seitdem sie in Spreng- stoff- und Munitionsfabriken" zu Kriegs- zwecken in großen Mengen hergestellt und ver- arbeitet werden. Manche von ihnen rufen unter den Arbeitern erhebliche Gesundheitsschädigungen hervor. Mit dieser Frage beschäftigen sich F. Cursch- mann und Koelsch in Heft 14 und 15 der „Zeitschr. f. d. gesamte Schieß- und Sprengstoff- wesen", 13. Jahrg., 19 18. Zu den praktisch wichtigen Nitroverbindungen der erwähnten Art gehören das Mono- und Dini- trobenzol, das Di- und Trinitrotoluol, das Di- und Tetranitronaphtalin, das Trinitroanisol "und das Trinitrophenol (Pikrinsäure). Von diesen Stoffen ist gesundheitlich am bedenklichsten das Dinitro- benzol. Es ist ein gefährliches Gift und hat be- reits zahlreiche Erkrankungen, ja Todesfälle ver- ursacht. Die übrigen aromatischen Nitroverbin- dungen sind viel weniger schädlich. Die Ver- giftungsfälle mit Dinitrobenzol sind festgestellt worden bei der Herstellung und Verarbeitung dieses Stoffes, in letzterem Falle auch dann, wenn das Dinitrobenzol mit anderen Sprengstoffen gemischt war. Die Disposition zur Erkrankung zeigt be- trächtliche persönliche Verschiedenheiten. Es erkrankten vorzugsweise körperlich schwächliche Personen, Unterernährte und Übermüdete. Aus- schweifungen und selbst geringer Alkoholgenuß, auch nach der Arbeit, erhöhen die Disposition. Die Eingangspforte des Giftes in den Körper ist in erster Linie die Haut, auch wenn sie keine Verletzung aufweist. Auch durch die Atmungs- und Verdauungsorgane wird das Gift in Staub- oder Dampfform aufgenommen. Ausgeschieden wird es mit dem Harn und der Atmungsluft. Die Wirkung des Giftes äußert sich in einer Schädi- gung des Blutfarbstoffes, in Methämoglobinbildung, in Zerstörung der roten Blutkörperchen und in Schädigungen namentlich parenchymatöser Organe, insbesondere der Leber. Als Maßnahmen gegenüber den Erkrankten kommen in Betracht: ein kühles Reinigungsbad, sodann F"ühren an die frische Luft, eventuell Ver- abreichung von Milch. Bei vorhandener Zyanose ist Sauerstoffeinatmung möglichst frühzeitig und längere Zeit hindurch vorzunehmen. Die Gewäh- rung kräftigender Kost und eine zweckmäßige Lebensweise beschleunigen die Genesung. Zeit- weiliger Ausschluß von der Arbeit mit Dinitro- benzol ist notwendig beim Nachweise von Meihä- moglobin und bei starker Abnahme der Zahl der roten Blutkörperchen. Dauernder Ausschluß ist notwendig bei Personen, die Leberveränderungen gezeigt haben oder die zu Dinitrobenzolvergif- tungen neigen, ferner bei Frauen während der Schwangerschaft und während sie stillen. Die Krankheitserscheinungen bei Vergiftungen 42 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVUI. Nr. 3 mit Mononitrobenzol sind ähnlich den vorstehend für Dinitrobenzol geschilderten. Auf Grund der gemachten Erfahrungen waren jedoch die Betriebs- leitungen imstande, den Gefahren bei der Ver- arbeitung dieses Stoffes wirksam vorzubeugen, so- daß Vergiftungen nur selten vorgekommen sind. Das Trinitrotoluol galt bisher, da Allgemein- vergiftungen bei ordnungsmäßig geführten Bei rieben anscheinend nur selten auftreten, für praktisch so gut wie ungiftig. Doch sind in letzter Zeit unter besonders ungünstigen Arbeitsbedingungen einige schwere und selbst tödliche Vergiftungen vorge- kommen, die die Annahme nahelegen, daß auch Trinitrotoluol unter Umständen recht gefährlich werden kann. Die Erholung der Erkrankten geht nur langsam vor sich. Selbst nach längerem, an- scheinend günstigem Verlaufe kann infolge plötz- lichen Verfalls in kurzer Zeit der Tod erfolgen. Bei der Sektion wurden außer Veränderungen an der Leber akute parenchymatöse Nierenentzündung gefunden. Beim Arbeiten mit unreinem (nicht umkristallisiertem, Tetranitromethan enthaltendem) Trinitrotoluol am Schmelzkessel können infolge Aufnahme von Tetranitromethandämpfen, schwere, selbst tödlich verlaufende Lungenerkrankungen auftreten. Von Dinitrotoluol, Di- und Tetranitronaphtalin undTrinitroanisol sindl Allgemeinvergiftungen noch nicht beobachtet worden. Der letztgenannte Stofif besitzt jedoch die Eigentümlichkeit, auf die Haut stark reizend einzuwirken, sodaß Hautentzündungen häufig schon nach kurzer Beschäftigung auftreten. Desgleichen treten Hautreizungen mitunter bei den mit Trinitrophenol (Pikrinsäure) Beschäf- tigten auf. Ein Fall von Allgemeinvergiftung ist nicht festgestellt worden. Der bitter schmeckende Stoff färbt nur infolge seiner Eigenfarbe die Haut und die Haare gelb oder grünlichgelb. Der Artikel von Koelsch behandelt nur die Gesundheitsschädigungen bei Arbeiten mit Trini- trotoluol. In einer früheren Arbeit war der Ver- fasser zu dem Schluß gekommen, daß das Trini- trotoluol, wenn es einigermaßen rein bzw. um- kristallisiert ist, unter gewerbehygienischen Ge- sichtspunkten als praktisch ungiftig bezeichnet werden kann. Hingegen zeigten sich bei Ver- arbeitung unreiner Präparate mehr oder minder schädigende Wirkungen. Es wurden hierbei hauptsächlich Blutwirkungen und deren Folgen, bei einigen wenigen Fällen Leberschmerzen und Gelbsucht, bei anderen Fällen Reizerscheinungen der Luftwege bis zur Ausbildung entzündlicher Veränderungen im Lungengewebe bzw. Lungen- ödem beobachtet. Neuerdings wurden nun besonders aus dem Auslande eigenartige Erkrankungen mitgeteilt, die beim Füllen von Granaten mit Trinitrotoluol ent- standen waren. Besonders in England waren diese Gesundheitsschädigungen so zahlreich und schwer, daß sie die öffentliche Meinung stark er- regten und insbesondere unter den Munitions- arbeitern, von denen nach englischen Berichten wohl über 100 000 mit Trinitrotoluol beschäftigt smd, lebhafte Beunruhigung auslösten, sodaß sich das neugeschaffene Munitionsministerium zu einer offiziellen Mitteilung veranlaßt sah „zur Aufklärung des Publikums, zur Belehrung der Ärzte und zur Beruhigung der Munitionsarbeiter". Auch in Deutschland wurden im Verlauf der Kriegsjahre neben verschiedenartigenReizwirkungen unii Blutschädigungen ebenfalls mit Gelbsucht ein- hergehende schwere Leberschädigungen beobachtet, allerdings in einer sehr viel kleineren Anzahl (etwa in 2 Dutzend Fällen), und nur in einigen wenigen Betrieben, und auch hier nicht regelmäßig, sondern nur schubweise. Man müßte nun wohl an- nehmen, daß, falls eine derartige schwere Gift- wirkung für Trinitrotoluol spezifisch wäre, bei der augenblicklichen Massenverarbeitung dieser Sub- stanz während vierer Kriegsjahre auch massenhafte Erkrankungen hätten auftreten müssen. Nachdem aber dem nicht so ist, nachdem insbesondere aus der ganzen Friedenspraxis des In- und Auslandes derartige Vergiftungserscheinung bei der Herstel- lung und Verarbeitung des Trinitrotoluols nie aufgetreten waren, kann die akute gelbe Leber- atrophie nicht als eine für das Trinitrotoluol selbst spezifische Giftwirkung angesehen werden. Die auffällige Tatsache, daß die Erkrankungen trotz gleicher Arbeitsweise nur schubweise auftreten, kann nur damit erklärt werden, daß eben das augenblicklich verarbeitete Trinitrotoluol anders beschaffen war bzw. besondere Verunreinigungen zeigte. Der Verfasser kommt zu dem Schluß, daß die akute gelbe Leberatrophie bei Arbeiten mit Trinitrotoluol nicht als typische gewerbliche Vergiftung zu bezeichnen ist. Dieselbe ist viel- mehr höchstwahrscheinlich die Wirkung von ver- schiedenen, uns augenblicklich noch unbekannten, im verwendeten Trinitrotoluol enthaltenen chemi- schen Körpern, die z. T. auf unreine Rohprodukte, z. T. auf Unregelmäßigkeiten beim Nitrierprozeß zurückgeführt werden dürften. F. H. Physiologie. Die photochemische Wirkung des Lichts auf den Organismus. Fritz Schanz (Pflugers Archiv für die gesamte Physiologie, Bd. 170, 10.— 12. Heft, Bonn 1918) führt aus, daß die Eiweißkörper unter dem Lichteinfluß sich in schwer lösliche Formen umwandeln, auch wenn sie chemisch rein (z. B. frei von Eisen, Zucker usw.) den Lichtstrahlen ausgesetzt werden. Da in der Natur reines Eiweiß nicht vorkommt, wirkt die Beleuchtung auf die Lebewesen nur noch inten- siver, so ist die Trübung der Augenlinse, Alters- star, auf die Lichteinflüsse zurückzuführen, denen die Linse während des Lebens ausgesetzt war. Das Eiweiß absorbiert schon in Blau und Violett, und besonders kurzwellige Strahlen jenseits der Grenze der Sichtbarkeit bei l 400 ///<. S. weist darauf hin, daß es die im Sonnenlicht enthaltenen ultravioletten Strahlen sind, welche, indem sie die Linse passieren, unbemerkt ihren deletären Ein- N. F. XVni. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 43 fluß ausüben. *) Da sie als zu kurzwellige Licht- strahlen unsichtbar sind, werden sie vom Auge nicht wahrgenommen; auch lösen sie in der nervenlosen Linse keinen fühlbaren Einfluß au<:. Von künstlichem Licht ist das der elektrischen Bogen- lampe an ultravioletten Strahlen am reichsten und ein ihm ungeschützt längere Zeit ausgesetztes Auge bietet ein ganz charakteristisches Krankheits- bild, die ..elektrische Ophthalmie". Da das Eiweiß nicht von gewissen Begleit- stoffen zu trennen ist, wurde die Lichtreaktion der letzteren allein festgestellt. Verf. arbeitete mit Aceton, welches sich besonders bei Zucker- krankheit in den Geweben des menschlichen Kör[)ers findet, und führt darauf die Linsentrübung zurück. Er fand, daß die Lichtreaktion des Ei- weißes durch das Aceton nur gesteigert wird und nicht auf dessen Zersetzung beruht. Das Aceton selbst ist eine wasserklare Flüssigkeit, muß also Lichtstrahlen absorbieren, welche unsichtbar sind, denn nur dann, wenn das Licht absorbiert wird, kann es chemisch wirken. Eisenfreies Aceton zerfällt unter Lichteinvvirkung ziemlich rasch. Zu- setzung von Eisensalzen beschleunigte die Zer- setzung nicht. Dasselbe gilt für die Milchsäure; Ameisensäure dagegen läßt deutlich den Einfluß der Eisenbeimengung erkennen. Aber nicht nur die unsichtbaren ultravioletten, sondern auch die sichtbaren Lichtstrahlen sind chemisch wirksam. 'Während die chemische Wirksamkeit nach Blau und Violett des Spektral- bands hin zunimmt, sind Rot bzw. Ultrarot nur Wärmestrahlen. Die Photochemie ist noch nicht über die Kenntnis der Prozesse hinausgekommen, welche die in der Photographie gebrauchten Substanzen betreffen. Schon am Papier macht sich der Licht- einfluß durch chemische Wirkungen geltend, wie man am Vergilben des Papiers im Sonnenlicht sieht. Fallen die Sonnenstrahlen fast senkrecht auf, so ist bei Holzschliffpapier die Veränderung schon nach einer Stunde bemerkbar. Das Eosin und andere fluoreszierende Farbstoffe wirken auf das Eiereiweiß und auf das Blutserum nur als Sensibilisatoren. Das Eosin selbst ist in starker Verdünnung bei Belichtung auf Infuso- rien viel stärker wirksam als in Dunkelheit eine konzentrierte Lösung. Auch Toxine, F~ermente und ähnliche Produkte tierischer und pflanzlicher Organismen werden beim Vorhandensein derartiger Farbstoffe im Licht zerstört, während sie im Dunkeln nicht "beeinflußt werden. Rote Blut- körperchen werden bei Belichtung zersetzt, wie man am Durchsichtigwerden der Aufschwemmungen sieht. Da Eosin bromhaltig ist, wird es bei der Epilepsie in Arzneien verwandt. Nach 6 — 8- wöchentlicher Behandlung tritt jedoch eine Rötung und schmerzlose Anschwellung an den, dem Licht ausgesetzten Körperteilen (Gesicht, Hals, Hände, oberer Teil der Brust und Mundschleimhaut) der Vgl. No. 45, 1914 S. 715 d. Bl. Patienten ein. Am I.September 1909 wurde gesetzlich vorgeschrieben, daß die zur Schweinefütterung be- nutzte importierte Futtergerste von der Braugerste für die zollamtliche Unterscheidung mit Eosin zu färben sei. Bald aber wurden seitens der Schweine- züchter lebhafte Klagen darüber laut, daß die mit Eosingerste gefütterten Tiere im F"reien bei Sonnenschein häufig ganz plötzlich verendeten. Da eine eingehendere Prüfung durch das Gesund- heitsamt in Berlin die Futterung mit Eosingerste keine schädliche Einwirkung auf Fleisch und Fett der Schlachttiere erkennen ließ, hielt man trotz aller Reklamationen an der gesetzlichen Vorschrift fest, bis sie mit Beginn des Krieges als überflüssig aufgeh' iben wurde, da eine Unterscheidung für die Verzollung zwischen Futter- und Braugerste nicht mehr nötig war. S. jgibt dann Versuche mit zwei Gruppen weißer Mäuse an ; die eine war mit eosionge- färbtem Hafer, die andere mit reinem Hafer ge- füttert worden. „Das eine Paar wurde in der Mitte eines nach Norden gelegenen Zimmers in einem offenen Glasgefäß gehalten, das andere in einem gleichen Gefäß an das Fenster gestellt. Nach 14 Tagen wurden die Tiere nachmittags gegen 3^2 Uhr ins Sonnenlicht gestellt. Der Versuch war am 2. August ausgeführt. Die Tagestemperatur war für die Jahreszeit sehr niedrig, die Höchst- temperatur betrug 22'* C. Es hatte in der Nacht vorher und auch am Morgen noch stark gewittert, und der Himmel zeigte noch rasch wechselnde Bewölkung, so daß auch während des Versuches die Tiere nicht fortwährender Besonnung ausge- setzt waren. Die Tiere wurden, als sie in das direkte Sonnenlicht kamen, außerordentlich unruhig, kratzten sich, scharrten. Schon nach ^/j Stunde begann die Erschöpfung, die Tiere brachen zu- sammen, streckten die Extremitäten von sich, sprangen zeitweise wieder auf, versuchten sich wieder zu kratzen. Gegen 5 Uhr waren sie tot. Das Vergleichstier zeigte keine Störung. In i '/2 Stunden konnte ich die mit Eosinhafer gefütterten Tiere mittels Tageslicht, das nicht einmal die ganze Zeit in voller Intensität einwirkte, töten. Von , Hitzschlag' kann man hier nicht sprechen, die Temperatur war dazu zu niedrig, „Lichtschlag" ist hierfür die zutreffende Bezeichnung, denn das Licht ist hier der für die Erscheinungen allein verantwortliche Faktor. Sonnenstich würde für die Fälle zutreffen, wo Licht und abnorm hohe Wärme zusammenwirken." Die starke Lichtreaktion bei den Warmblüt- lern ist auf das Hämatoporphyrin zurückzuführen, ein eisenfreics Abbauprodukt des Blutfarbstoffs, des Hämoglobins. S. machte neue diesbezüg- liche Versuche mit weißen Mäusen. Er spritzte ihnen eine Hämatoporphyrinlösung ein und ließ die Tiere drei Tage im Dunkeln, ohne eine Ver- änderung an ihnen zu bemerken. Als sie sodann am vierten Tag dem Tageslicht ausgesetzt wurden, waren sie in vier Stunden tot. Gibt man größere Dosen von Hämatoporphyrin und setzt dann die 44 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 3 Tiere alsbald dem Tageslicht aus, so tritt bald nach Rötung der Ohren, Juckerscheinungen und ausgesprochener Lichtscheu in 2 — 3 Stunden der Tod ein. Die subakute Form stellt sich ein, wenn die Tiere erst etwa eine Woche nach der Injek- tion in intensive Belichtung kommen, oder wenn sie bald nach der Injektion nur dem nicht zu hellen diffusen Tageslicht ausgesetzt werden. Sie äußert sich in starker Schwellung der Haut und Haarausfall. Daß Rinder und Schafe, die im Winter Buchweizen als Futter bekamen, im Frühjahr an den unbedeckten Körperstellen erkrank- ten, beruht gleichfalls darauf, daß der Buchweizen einen fluoreszierenden Stoff enthält, der ähnlich dem Eosin bei Belichtung als Sensibilisator wirkt Verbreitet bei den Organismen sind das Hämoglobin und das Chlorophyll, sie absor- bieren nicht nur unsichtbare, sondern auch farbige Strahlen und für beide gilt, daß sie die Licht- einwirkung steigern. Bezüglich der mitunter so prächtig gefärbten Wassertiere und pflanzen weist S. darauf hin, daß ihren Farben als solchen die ihnen zugeschriebene Bedeutung nicht zu- komme; das Licht dringt nur 6 — 8 m tief in das Wasser, und die roten und gelben Lichtstrahlen werden zuerst absorbiert. Durch die Rot- und Gelbfärbung aber würde daslntegument in Stand gesetzt, die blauen und grünen Strahlen zu ab- sorbieren; außerdem wären ja alle Wassertiere farbenblind. Auch für viele auf der Erde lebenden Tiere hätte das Pigment nur die Bedeutung, daß die komplementären Strahlen absorbiert würden; darauf beruhe die Lichtempfindlichkeit vieler augenloser Tiere. Der Regenwurm z. B. sei lichtempfindlich und zieht sich bei Belichtung zurück, was auf den, Hämatoporphyrin enthalten- den Rückenstrang zurückzuführen sei. Dasselbe gilt auch für viele andere Tiere, die auf dem Rücken dunkel gefärbt sind. S. beschreibt dann einen Versuch , den er an seinem eigenen Auge anstellte. In einem dunkeln Raum stellte er eine Bogenlampe in einem Blechkasten auf, an dem ein Fenster mit dunkelblauem Glas (5 mm dickes blaues Uviol- glas) angebracht war. Er beobachtete in dem Licht ein Fluoreszieren seiner Linse. Auch ge- ringfügige Pigmentveränderungen der Haut (Sommersprossen) würden deutlich sichtbar, was daraus zu erklären sei, daß die unsichtbaren Strahlen durch das als Sensibilisator wirkende Pigment in sichtbare verwandelt würden. Er meinte, man hätte im Pigment der Haut eine Bildung zu sehen, durch welche nicht nur die tieferliegenden Gewebe geschützt würden, sondern welche auch die Umwandlung der strahlenden in die lebende Energie in erhöhtem Maße ver- mittelte. Die Wirkung der ultravioletten Strahlen des Sonnenlichts kommt bei den Pflanzen als Wachs- tumshemmung zum Ausdruck. S. stellte mit Begonien, Reseda, Bohnen und Erbsen drei Ver- suchsreihen auf. Es wurden möglichst gleich große Stecklinge von derselben Pflanze in Blumentöpfen in die gleiche Gartenerde gepflanzt und mit demselben Quantum Wasser begossen. Eine von ihnen wuchs frei, die zweite war mit einer Glasglocke von gewöhnlichem Glas und die dritte mit einer solchen von Euphosglas, welches nur sichtbare Strahlen durchläßt, bedeckt. Die frei wachsenden Pflanzen zeigten in ihrem Wachstum nichts Auffälliges; die unter der Glas- glocke wachsenden waren größer, und am größten die unter Euphosglas gewachsenen. Es ent- spreche dies den Erscheinungen in der freien Natur; die Hochgebirg'^pflanzen, welche am stärksten den ultravioletten Strahlen des Sonnen- lichts ausgesetzt sind, bleiben niedriger. Am größten werden die Pflanzen der Tiefebene, wo die ultravioletten Strahlen geringere Wirkung haben. Kathariner. Experimentelle Untersuchungen über die Kohlen- säurewirkung auf die Blutgefäße. Die gefaßer- weiternde, dilatatorische, und die gefäßverengende, konstriktorische, Einwirkung der im zirkulierenden Blut enthaltenen Kohlensäuremenge ist nach Unter- suchungen von Dr. Altred F'leisch (Pflüger's Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Tiere, 171. Bd., 191 8) eine sekundäre Erscheinung und eine Folge einer Reizung der Gefäßnerven. Da die Muskelarbeit auf einer Ver- brennung beruht, der dazu nötige Sauerstoff aber dem Gewebe durch das Blut zugeführt wird, so bedarf ein tätiger Muskel einer stärkeren Durch- blutung. Die Zuführung einer größeren Blut- menge wird durch eine Erweiterung der Haarge- fäße ermöglicht. Dieselbe wird nach F. durch den Kohlensäuregehalt des Blutes unter Ver- mittlung der durch periphere Gefaßnerven hervor- gerufenen Erweiterung des Gefäßlumens bewirkt; die Säuremenge muß eine relativ geringe sein, weil in stärkerer Konzentration die Kohlensäure eine gefäßverengende Wirkung ausübt, infolge der Zusammenziehung der Muskuläres der Gefäßwand. So sahen schon Gaskell und Bayliss eine Ge- fäßerweiterung eintreten, wenn die Adern des M. mylohyoideus des P'rosches von stark verdünnter Milch- oder Essigsäure durchströmt wurden; das- selbe fanden Schwarz und Lemberger, wenn kleinste Säuremengen in die Arterien injiziert wurden. Man kann nun fragen, ob die* jeweiligen Reize, welche den wechselnden Tonus des Gefäßes verursachen, zentralen oder peripheren Ursprungs sind, d. h. ob sie auf dem Weg der Gefäßnerven der Muskuläres zugeführt werden, oder eine Reaktion auf von dieser selbst aufgenommene Reize dar- stellen. Die Versuchsergebnisse von F. sprachen für erstere Alternative; die Kohlensäurewirkung nämlich machte sich bei einem Versuchstier (Frosch) auch an dem unverletzten, am Körper gelassenen Bein geltend, wenn der Kohlensäure- N. F. XVni. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 45 Strom durch ein Gefäß des andern, abgesetzten, Beins geführt wurde. Die Reizübermittlung hatte nur durch einen zentripetal zum Gehirn als Zen- tralorgan hin, und von diesem zur Muskuläres ab- führenden zentrifugalen Nerven stattfinden können. In der Tat bildete auch die Unversehrtheit des nervösen Zusammenhangs die notwendige Voraus- setzung für das Gelingen des Versuchs. Daß die Erweiterung des Gefäßes gleichfalls eine aktive Lebenserscheinung ist, nicht etwa auf einer durch die Kohlensäure bewirkten Lähmung beruht, zeigte das Verhalten der Getäßmuskeln andern Reagentien gegenüber. Kathariner. Die Blitzwirkungen auf den menschlichen Körper bestehen, nach Dr. Ladislaus von Szalay-Ujfaluny, *) bei tödlichen Fällen in groben Verletzungen oder Brandwunden an der Ursprungsstelle, bei anderen und zwar manchmal gleichfalls tödlichen, oft aber auch auffallend harm- losen Fällen, die wohl nur durch Seitenäste eines Blitzes hervorgerufen sind, in rötlichen Flecken oder auch baumartig verästelten sog. Lichtenberg- schen Figuren. Es ist nicht nachweisbar, daß der Blitz ebenso wie der Strom einer Gleichstrom- maschine auf die Zersetzung des Blutes oder wie der einer Wechselstrommaschine auf die Zer- störung des Nervensystems einwirken könne, hin- gegen kommen Verletzungen mechanischer Art ganz analog denen durch Mörderhand vor, wie Kontusionen, Sugillationen, Schädelfrakturen und Verletzungen des Zerebrospinalsystems. Fallen Personen dem Blitz zum Opfer, ohne sichtbare Spuren des Blitzes auf ihren Körper davonzu- tragen, so sind sie nicht direkt als getroffen zu betrachten. In solchen Fällen liegt das Opfer stets auf dem Rücken, ein Anzeichen, daß der niederfahrende Blitzstrahl in kurzer Entfernung gesehen wurde. Der Tod kann dann durch Still- stand der Atmungsorgane oder der Herzfunktionen eintreten. Leute mit gesundem Organismus sind widerstandsfähiger als Leute mit Gebrechen, auch scheint das Bewußtsein eine Rolle zu spielen. Sehr kleine Kinder, Schlafende und Betrunkene verfallen, falls sie nicht getroffen werden, weniger leicht der Ohnmacht oder dem Tode als diejenigen, die im Besitz des Bewußtseins sind. Es ist, führt Verf aus, ein Schade für die Wissenschaft, daß im Falle eines durch Zeugen bestätigten Todes durch Blitzschlag von der Er- öffnung der Leichen abgesehen wird. V. Franz. Zoologie. Das Verhalten der männlichen und weiblichen Erbsubstanz in den Geschlechtszellen bei Artbasiardierung. Nach R. Hertwig kann die embryonale Entwicklung bei der Kreuzung zweier Arten entweder harmonisch oder dis- harmonisch verlaufen. Bei ersterer sind Fur- chung und Larvenentwicklung normal, während bei disharmonischer Entwicklung das Chromatin des Samenkerns ganz oder teilweise eliminiert wird ; charakteristisch dabei ist eine Erkrankung des Keims dicht vor Beginn der Gastrulation. Dies hat Balzer (Sitzungsberichte der Physikal.-med. Gesellschaft zu Würzburg, Sitzung vom 15. No- vember 1917.) auch für eine Anzahl von Stachel- häutern beobachtet, wo eine Elimination von Spermachromatin nicht eintritt. Er meint, das disharmonische Verhallen bei Artbastardierungen, welches von den bei Rassenkreuzungen abweicht, beruhe darauf, daß artfremdes Chromatin des Spermakerns das Chromatin des Eikerns nicht ersetzen könnte. In die Gruppe der EchinodermenBastarde wären wahrscheinlich eine Reihe weiterer Fälle einzuordnen: Amphibienkreuzungen, gewisse Fisch- kreuzungen, vielleicht manche Schmetterlings- bastarde und HelixBastarde. Es wäre kein Zweifel, daß man bei disharmonischen Bastarden eine Vererbung nach dem Mendel'schen Typus nicht erwarten dürfe. Die Vererbung sei in stark dis- harmonischen Fällen rein mütterlich. Bei einer Reihe von Artbastarden, die weiter gezüchtet werden konnten, verliefe die Entwicklung nicht nur in den embryonalen Stadien, sondern bis zur Geschlechtsreife des Fj Individuums ') harmonisch. Daß aber auch diese Typen nicht als völlig har- monisch betrachtet werden könnten, ginge aus dem anormalen Verhalten der Geschlechiszellen- bildung hervor. Es wären hier die von Federley und Harrison and Doncaster gezüchte- ten zahlreichen Schmetterlings-Artbastarde zu nennen. Bei diesen Kreuzungen falle die Kon- jugation der väterlichen und mütterlichen Chromo- somen total oder partiell aus. Die Geschlechts- zellen übernähmen den diploiden Chromosomen- bestand der Körperzellen fast vollzählig, während die Chromosomenreduktion fehlte. Als Beispiele für harmonische Entwicklung gibt B. an: Seeigelbastard Sphaerechinus granu- laris $ >C Paracenirotus lividus (J, gewisse Sceigel- kreuzungen zwischen Echinus acutus, esculentus, miliaris; für disharmonische Entwicklung: Seeigel $ X Ringelwürmer (J, Seeigel $ >< Mollusken (5*, — Seeigelbastarde Paracentroius 9 X Sphaerechinus (J, Paracentrotus $ X Arbacia 'nZ- ') Naturw.Wochenschr. XV (igiö) 577 — 584: Die Quanten- hypothese. universellen Konstanten zusammensetzt (Ladung e, Masse /( des Elektrons und Planck' sehe Kon- stante h), dann erhält man die Rydberg- sche Zahl t'^. Gleichung 9 geht dann in die Balmer'sche Serienformel (i) über: I I s- n^J' Wie oben erwähnt, liefert die Formel für z= i die F"requenz der Balmerserie H„, H^, H., usw., wenn man s = 2 und n = 3, 4 .... 31 setzt. Das bedeutet aber im Sinne des Bohr 'sehen Modells folgendes: Dem Elektron, das die 29 sichtbaren Linien des Wasserstoffs aussendet, stehen 31 sta- tische Bahnen zur Verfügung entsprechend den Quantenzahlen 2, 3, 4 .... 31. Springt es von der 3. auf die weiter nach innen gelegene 2. Bahn, dann emittiert es die Energie A3 — A^ als rote Wasserstofflinie H„ von der Frequenz ^ — -. Beim Sprung vom 4. auf den 2. Kreis sendet es die blaugrüne Linie H-^ aus, deren Frequenz wegen des größeren Wertes von A4 — Aj größer ist. H). entsteht beim Übergang vom 5. auf den 2. Kreis usw. Man hat sich den Vorgang des Leuchtens von Wasserstoffgas so vorzustellen, daß nicht etwa ein Atom gleichzeitig sämtliche Linien aussendet; 52 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVlII. Nr. 4 vielmehr sendet eine Gruppe H,„ eine zweite H,i usw. aus. Doch wechseln dauernd die Atom- individuen der einzelnen Gruppen. Diejenigen Gruppen , die besonders helle Linien emittieren, sind größer als die anderen. Neben der Balmerserie sind noch zwei weitere Serien des Wasserstoffs bekannt, welche im un- sichtbaren Teil des Spektrums liegen, nämlich die ultrarote und die ultraviolette. Auch für diese liefert die Bohr'sche Formel die Schwingungs- zahlen, wenn man s = 3 bzw. = i und n = 4, 5, 6 . . . . bzw. 2, 3, 4 ... . setzt. Die ultraroten Linien werden demnach erzeugt durch Sprünge des Elektrons von äußeren Ringen auf den dritten, während für die kurzwellige Serie der erste Elek- tronenring die Endbahn darstellt. Das zweite in der Reihe der Elemente ist das Edelgas Helium, für dasselbe ist demnach 2=2, d. h. der Kern enthält zwei positive La- dungen. Um diese kreist ein Elektron, d.h. das Heliumatom ist nicht neutral, sondern positiv ge- laden. IVIan erhält, wenn man in (9) z = 2 setzt: Daraus ergeben sich für s = 3 und = 4 die bei- den Serien des Heliums, welche man vor Bohr dem Wasserstoff zuschrieb. Doch stimmen die berechneten Zahlen nicht genau mit den beobach- teten überein. Volle Übereinstimmung wird er- zielt, wenn man berücksichtigt, daß Kern und Elektron um ihren gemeinsamen Schwerpunkt rotieren, daß also der Kern an der Bewegung teilnimmt. Beim Wasserstoff haben wir die Kern- masse m als unendlich groß gegenüber der Elektronenmasse /( angesehen. Die genauere Rechnung ergibt, daß zu der Ry dberg'schen Zahl der Faktor hinzutritt (die Zahl v„ ist m demnach genau genommen keine Konstante, sie ändert vielmehr ein wenig von Element zu Ele- ment). Die Tatsache, daß eine Verschärfung in der Genauigkeit der Rechnung die Resultate ver- bessert, ist ein neuer Triumph der Bohr 'sehen Theorie. Eine nur oberflächliche Übereinstimmung des Modells mit der Wirklichkeit erscheint hier- nach nicht mehr möglich. d) Sommer feld's Weiter führung der Bohr'schen Theorie. Bei hinreichend starker Auflösung zeigt es sich, daß jede Linie der Balmerserie aus zwei dicht nebeneinander liegenden Linien (Dublett) besteht, deren Schwingungszahlen sich um den kleinen Betrag ^ ^ h unterscheiden, d. h. im Sinne des Bohr'schen Modells, daß die Endbahn, aufweiche das Elektron springt, aus zwei dicht nebenein- ander liegenden Bahnen von ein wenig verschiedener Energie besteht (es können natürlich auch zwei verschiedene Anfangsbahnen und eine Endbahn $ein). Es müssen also mehr statische Bahnen vorhanden sein als die Bohr'sche Formel an- gibt. Über diese gibt uns die Weiterführung der Theorie durch Sommerfeld (1916) Auskunft. Unter dem Einfluß der Newton'schen An- ziehung beschreibt der Planet eine Ellipse, deren Gestalt durch zwei Größen (große und kleine Achse, a und b) bestimmt ist. Durch Angabe von zwei veränderlichen (Polarkoordinaten), näm- lich der azimutalen (Winkel) (p und der radialen r, ist die jeweilige Lage des Planeten festgelegt. Bei der Bewegung auf dem Kreise dagegen ge- nügt die Angabe von (p. Sommerfeld stellt nun für beide Koordinaten (Freiheitsgrade) eine Quantenbedingung auf. Neben der Bohr'schen, die für die azimutale (p fordert, daß das Impuls- iv moment n ^ sei, stellt er eine entsprechende für die radiale Koordinate ein. Er findet dann als statische Bahnen neben, dem Bohr'schen Kreis konfokale Ellipsen, deren große Achse mit dem Kreisdurchmesser übereinstimmen. Berechnet man die Energie des Elektrons auf den verschiedenen Bahnen, dann findet man einen Wert, der sich von dem Bohr'schen (7) nur dadurch unterscheidet, daß statt der einen Quantenzahl n entsprechend den beiden Quanten- bedingungen die azimutale Quantenzahl n und die radiale n' vorkommen. Die Energie der ver- schiedenen Kreis- und Ellipsenbahnen ist dem- nach nur abhängig von der Summe (n -j- n') der Quantenzahlen und unabhängig von der Kom- bination, wie die Quantenzahfen einzeln auf die beiden Freiheitsgrade verteilt sind. Wir erhalten also neben dem Bohr'schen Kreise als statische Bahnen wohl Ellipsen z. B. für n -|- n' = 2 eine; doch da die Energie der Kreis- und der Eilipsen- bahnen gleich sind, ergibt die 2. Bohr'sche Quantenbedingung (8), nach der h-v^An — As ist, dieselbe Frequenz der ausgesandten Spek- trallinie, wenn das Elektron von emer der äußeren Bahnen auf den Kreis oder die Ellipse springt. Eine Erklärung der Doppellinien ist also bisher nicht erreicht. Berücksichtigt man indessen, daß die Masse /t des Elektrons nicht unveränderlich ist, sondern von der Geschwindigkeit abhängt (Relativitäts- theorie), dann wird die Energie der Bahnen, welche zu n -)- n' = konst. gehören, etwas ver- schieden; es ergibt sich eine geringe Verschieden- heit /^ v in der Frequenz des emittierten Lichtes, wenn das Elektron auf den Kreis oder die Ellipse des zweiquantigen Ringes übergeht. Die Theorie liefert für das /\ v der Doppellinien des Wasser- stoffs, kurz mit /\ )'h bezeichnet, 0,363, einen Wert der mit der Messung an den Dubletts der Balmerserie gut übereinstimmt. Die Ausmessung ist wegen der Unscharfe der H-Linien und wegen der Kleinheit der zu messenden Größe schwierig. Günstiger liegen die Verhältnisse beim Helium; N. F. XVni. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 53 die Theorie ergibt nämlich, daß /\ v proportional z* ist, so daß der PVequenzunterschied der Doppel- linien für irgendein Element beträgt : (12) A'' = z-'-A J'H. Da für Helium die Ordnungszahl z = 2 ist, muß der Abstand seiner Doppellinien 2* = i6 mal so groß wie beim Wasserstoff. Die 1916 von Paschen ausgeführten Messungen zeigen, daß die Beobachtungen am Helium mit der Theorie übereinstimmen, eine Tatsache, die sehr für die Sommerfeld'sche Hypothese spricht. e) Theorie der Röntgenspektren. Wie schon angedeutet, haben wir uns den Atombau der übrigen Elemente so vorzustellen, daß wenn wir im periodischen System um einen Schritt weiter gehen, die Kernladung um eine positive Elementarladung zunimmt, während in den Ringen ein Elektron hinzutritt. Es bilden sich nach außen immer neue von Elektronen be- setzte Ringe aus, wobei die Elektronenzahl der inneren ungeändert bleibt. Das periodische Ver- halten der physikalisch chemischen Eigenschaften der Elemente, das in der Anordnung im periodi- schen System zum Ausdruck kommt, ist durch die periodische Ausbildung äußerer Ringe bedingt. Diejenigen physikalischen Eigenschaften, die in den innersten, unverändert bleibenden Ringen ihren Ursprung haben, sind eine einfache nicht periodische Funktion der Kernladung. Man hat nun Grund (s. u.) zu der Annahme, daß die Ent- stehung der Röntgenspektren in den innersten Ringen zu suchen ist. Die Röntgenspektroskopie 1) wird uns also über das Bohr 'sehe Modell weiteren Aufschluß geben. Die von der Antikathode der Röntgenröhre ausgehende Strahlung besteht aus zwei Teilen, der „weißen" Bremsstrahlung, die bei der Verzögerung des Elektrons im Antikathoden- metall entsteht und ein kontinuierliches Spektrum liefert, und zweitens der Ei gen- oder charakteristischen Strahlung, welche von dem Atom des Antikathodenmetalls ausgeht, wenn seine Elektronen durch den Aufprall des fremden hineinfahrenden Elektrons zum Strahlen gebracht werden. Nur die letztere, welche sich als Linienspektrum erweist, wenn man sie mit einem sich drehenden Kristall untersucht, ist für uns von Interesse. Jedes Element hat ebenso, wie es in dampfförmigem Zustande ein charakte- ristisches optisches Spektrum besitzt, auch sein eigenes Röntgenspektrum, dessen Linien sich ebenfalls in Serien gliedern; man unterscheidet die sehr harte (kurzwellige) K- und die weichere L-Serie, und schließlich ist bei einigen schweren Elementen noch die langwellige M-Serie beobachtet worden. Das bekannte Röntgenlinienspektrum der Elemente umfaßt rund 6 Oktaven, die Wellen- längen liegen etwa zwischen 0,2 und 12-10-8 cm; ') Naturw. Wochenschr. 1918. 611— 6l8. Über Röntgen- spektroskopie. seine längste Wellenlänge ist durch 6 Oktaven von der kürzesten optischen (ultravioletten) ge- trennt. Da das Hochfrequenzspektrum einer Le- gierung die Linien ihrer Komponenten unver- ändert zeigt, ist das Röntgenspektrum eine additive Eigenschaft der Atome. Der Aufbau der Spektren ist wesentlich einfacher als bei den optischen : die K-Serie sämtlicher Elemente — von Elementen, deren Ordnungszahl z kleiner als II (Natrium) ist, ist ein Röntgenspektrum nicht bekannt — zeigt fast immer die gleiche Anzahl Linien, nämlich 4, ebenso die M- und die L-Rei_he, welch letztere mehr Linien hat. Geht man in der Reihe der Elemente im Sinne wachsen- der Ordnungszahl z vorwärts, dann verschieben sich sämtliche Serienlinien ganz regelmäßig um annähernd gleiche Schritte nach der Seite der kürzeren Wellenlängen, und zwar erfolgt die Ver- schiebung so regelmäßig, daß man dadurch fehlende Elemente und falsche Gruppierungen der Elemente auffinden kann. Da mit der Ordnungszahl die Kernladung zunimmt, so liegt die Auffassung nahe, daß die Röntgenspektren in den innersten Elektronenringen, die am stärksten unter dem Einfluß des Kerns stehen, ihren Ursprung haben. Die Beziehung zwischen Frequenz v (d. i. Lage der Linie) und der Ordnungszahl z ist wie schon erwähnt (2) nach Moseley gegeben durch ]»'=a (z— b\ wo a und b Konstante. Dieser Ausdruck nimmt, wenn man die Zahlenwerte für a und b einführt, für die stärkste Linie der K- bzw. der L-Serie die Form an : »'K = »-o (Z I - I I T^ 2 2 I I 2^ 3~' "L = »'0 (Z — 7.4)' ^- Man erkennt leicht die nahe Übereinstimmung mit der Balmer'schen Serienformel (10) Vo be- deutet wieder die Rydberg'sche Zahl; statt z tritt z — I bzw. z — 7,4 auf, d. h. nicht die ganze Kernladung, sondern nur ein Teil derselben ist wirksam (s. w. u.). Nach Bohr heißt das aber, die Linie- K„ entsteht, wenn das Elektron von zweiten auf den innersten Kreis übergeht, dann würde aber die K-Serie der ultravioletten VVasser- stoffserie, die L-Reihe der Balm erserie der Wasser- stoffs entsprechen, da beide beim Übergang des Elektrons auf den zweiten Ring entstehen, eine Annahme, die durch die genauere Untersuchung betätigt wird. Die Theorie Sommerfeld 's, die Ausdeh- nung der Quantenhypothese auf Systeme mit zwei Freiheitsgraden, hat auch hier weitere Auf- klärung geschaffen. Wie oben auseinandergesetzt wurde, führt die Aufstellung der Quantenbedingung auch für die radiale Koordinate und die Berück- sichtigung der Veränderlichkeit der Elektronen- masse mit der Geschwindigkeit zu einer größeren Zahl von statischen Bahnen ; neben den B o h r ' - sehen Kreisen sind Ellipsen zulässig. Da die 54 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVLI. Nr. 4 Energie der zu einem Ring gehörigen Kurven etwas verschieden ist, ergeben sich etwas ab- weichende Frequenzen, wenn das Elektron von außen her auf die eine oder die andere Kurve springt; auf diese Weise gelingt es, die Fein- struktur der Wasserstoff- und Heliumserien in guter Übereinstimmung mit der Erfahrung abzu- leiten. Auch die Feinstruktur der Röntgeuserien- linien läßt sich auf diese Weise erklären. Die "La, Abbildung ') zeigt das Modell des inneren Teiles eines Atoms: Im Zentrum sitzt mit + bezeichnet der positiv geladene Kern. Als innerste Bahn kommt der Kreis I als sogenannter K Ring (ein- quantig) in Betracht. Der nächste Ring, der L- Ring, ist zweiquantig (n + n' = 2); er setzt sich aus zwei Bahnen zusammen, dem Kreise und der Ellipse, deren große Achse dem Kreisdurchmesser gleich ist; sie ist gestrichelt ebenfalls als Kreis gezeichnet. Auf dem dreiquantigen MRing sind drei Bahnen, ein Kreis und zwei Ellipsen (von verschiedener kleiner Achse) möglich usw. Springt der Elektron von außen her auf den Kreis K, so wird beim schweren Atom die K-Reihe, beim Wasserstoff die dieser entsprechende ultraviolette Serie (in Formel 10 ist s = I, n ^ 2, 3, 4 .' . .) emittiert, und zwar ergibt sich folgende Fein- struktur: Es entsteht beim Übergang des Elek- trons zum einfachen K-Ring I i) vom zweifachen L Ring II ein Dublett (in der Fig. mit K„ und Ki/, bezeichnet), 2) vom dreifachen M Ring III ein Triplett (der Übersichtlichkeit halber ist in der Abb. nur die Entstehung einer Linie durch den Strahl K^ an- gedeutet, es müßten drei sein), 3) vom vierfachen NRing IV, ein Quartett. K;. besteht aus 4 Linien usw. Entsprechend wird beim Übergang des Elek- trons auf den L-Ring II vom schweren Atom die L-Reihe, vom Wasserstoff die Balmerserie emittiert (s = 2, n = 3, 4, 5 in Gleichung). Die ') Die Abbildung ist der Arbeit von E. Wagner, Über Röntgenspektroskopie, Phys. Zeitsclir. XVIII (1917) S. 489, entnommen. zu erwartende Feinstruktur der Linien läßt sich durch Abzahlung der möglichen Übergänge leicht aus der Figur ermitteln. Wie schon erwähnt ergibt sich die Beziehung (12) zwischen dem Abstand 1\v-q_ des Wasser- stoffdublettes und dem /\ v der Doppellinien der übrigen Elemente: Nach Sommerfeld gilt für die Röntgen- dubletts die ähnliche Formel A»' = A''H-(z — 3, 5)*- Die Schwingungsdifferenzen der K- und L- Dubletts lassen sich messen und nach obiger Formel berechnen. Es ergibt sich gute Überein- stimmung, was eine außerordentliche Stütze der Theorie bedeutet , da /\ y für z := 92 (Uran , in der LSerie gemessen) rund 150 Millionen mal größer ist als für Wasserstoff. Die Röntgen- dubletts sind nach Sommerfeld makro- skopische Wasserstoffdubl e tts. A''H wird daher am besten nicht an den Wasserstoff- linien, sondern am Röntgenspektrum eines Schwer- metalls gemessen. Warum auch hier wie in der Mosel ey'schen Formel von der Kernladung z etwas abgezogen werden muß, um volle Übereinstimmung zu er- zielen, ist noch nicht ganz aufgeklärt. Daß nicht die ganze Kernladung wirksam ist, ist vielleicht dadurch zu erklären, daß die auf den Ringen kreisenden Elektronen sich gegenseitig abstoßen und so die Wirkung des Kerns vermindern (ab- schirmen). Eine weitere Frage, welche noch der Beant- wortung harrt, ist die, mit wieviel Elektronen die verschiedenen Ringe im Normalzustand besetzt sind. Debye nimmt z. B. im innersten Ring (K-Ring) 3 Elektronen an, während Kossei von innen nach außen fortschreitend für die Ringe 2, 8, 8, 18, 18 Elektronen fordert; die vier letzten dieser Zahlen geben die Zahl der Elemente an, die den vier ersten Perioden des periodischen Systems angehören. Von dem Vorgang der Emission der charak- teristischen Röntgenstrahlen (Eigenstrahlung) kann man sich nach Kossei folgendes Bild machen: Ein mit großer Wucht von der Kathode kommen- des Elektron dringt durch den innersten Teil eines Atoms des Antikathodenmetalls, es entfernt dabei ein Elektron des ersten Ringes und befördert es an die Oberfläche des Atoms (in der Abbildung ist dieser Vorgang durch den Strahl Ka (°°) an- gedeutet). Das im ersten Ring fehlende Elektron wird durch eins aus dem zweiten (L-)Ring ersetzt, dabei wird K„ ausgestrahlt. Wird es aus dem dritten, dem M Ring ersetzt, dann wird K.( emit- tiert. Da das letztere relativ seltener geschieht, ist K.( lichtschwächer als K«. Jetzt fehlt im L- Ring ein Elektron, dieses wird aus dem MRing ersetzt, wobei eine Ausstrahlung von L., erfolgt, und so geht es weiter. Es wird die am K-Ring verausgabte Energie Ka sukzessive in den einzel- nen Emissionsakten der aufeinanderfolgenden Serien N. F. XVIII. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 55 in immer kleineren Beträgen restlos zurückerstattet. (Die Energiebilanz lautet: Ka = K„ + U -f M« -)-....) Ist die Geschwindigkeit der die Strah- lung erregenden Kathodenstrahlen geringer, dann dringen sie nicht bis zum innersten K-, sondern nur bis zum LRing vor und schlagen aus diesem ein Elektron heraus. Wieder findet ein sukzessives Auffüllen der Ringe von außen her statt. Als härteste Strahlung wird hierbei die L Serie emit- tiert, und zwar müssen, wie es auch die Erfahrung zeigt, sämtliche Linien gleichzeitig auftreten; es gelingt nicht, eine oder einzelne für sich allein zu erregen. Ist die Röhre, wie wir oben ange- nommen hatten, härter, ist also die Kathodenstrahl- geschwindigkeit größer, dann wird die (härtere) kurzwellige K-Strahlung erregt und zwar wieder sämtliche Serienlinien gleichzeitig. Zu betonen ist, daß sich die Bohr- Sommer- feld 'sehe Spektraltheorie nur auf wasserstoff- ähnliche Spektren bezieht, d. h. auf solche, die durch die Strahlung von einem Elektron entstehen. Den Einfluß der übrigen Elektronen in Rechnung zu stellen, ist noch nicht gelungen. Auf jeden Fall ist man berechtigt zu sagen, daß mit dem Bohr 'sehen Modell ein recht ver- heißungsvoller Anfang in der Atomdynamik ge- macht ist. Es gelingt nicht nur die Serien von Wasserstoff und Helium und die Röntgenserien der Schwermetalle mit ihm zu erklären, sondern worauf hier nicht eingegangen werden soll, auch der Stark- und der Zeeman n - Effekt lassen sich quantitativ richtig aus dem Modell ableiten. Literaturangaben. 1) E. Wagner, Über Röntgenspektroskopie. Phys. Zeit- schrift XVIII (1917) 461, 488. 2) ¥..\. Lindemann, Über die Grundlagen der Atom- modelle. Ber. d. deutsch, physikal. Ges. XVI (1914) 281. 3) W. Kossei, Bemerkungen zur Absorption homogener Röntgenstrahlen. Ber. d. deutsch, physikal. Ges. XVI (1914) 953- 4) F. Reiche, Die Quantentheorie. Naturwissenschaften VI (1918) S. 213. 5) P. Epstein, Anwendungen der Quantenlehre in der Theorie der Serienspektren. Ebenda S. 230. 6) A.Sommerfeld, Der innere Aufbau des chemischen .Atoms und seine Erforschung durch Röntgenstrahlen. Zeitschr. d. Vereins deutsch. Ingenieure 1917. 7) N. Bohr, Phil. Mag. XXVI (1913) I, 476, S57, XXVH (1914) 506, XXX (1915) 394- 8) E. Riecke, Das Bohr'sche Atommodell. Physikal. Zeitschr. XVI (1915) 222. Die philosophischen Richtungen in ihrem Verhältnis zur Matur Wissenschaft und ihre Synthese in der „Philosophie des Als-ob". [Nachdruck verboten.] Von E. Boerma. Heute besteht in den Naturwissenschaften, den exakten wie den beschreibenden, und der ihnen nächstverwandten Wissenschaft, der Mathe- matik, ein reges philosophisches Interesse, und es ist daher natürlich, wenn die Vertreter und Freunde dieser Disziplinen von Zeit zu Zeit, sei es von einem einzelnen Problem geführt, sei es im Blick auf das Ganze ihres Gebietes, sich in philosophischen Dingen umsehen. Diese immer noch zunehmende Bedeutung der Philosophie ist neuerdings auch von offizieller Stelle anerkannt durch die Betonung, welche die philosophische Ausbildung in der neuen Prüfungsordnung für die Kandidaten des höh. Lehramts erfahren hat. Dieses Eindringen der Philosophie wurde ver- ursacht einerseits durch den Aufschwung der Naturwissenschaft im allgemeinen, sodaß es not- wendig wurde, ihre Stellung im Gesamtgebiete des Geistesleben näher zu bestimmen und ihre Leistungs- fähigkeit für das Ganze einer Weltanschauung ab- zuschätzen; andererseits durch die Verfolgung ge- wisser Einzelprobleme, welche auf die Grundlagen der Logik und Erkenntnistheorie zurückzugehen zwangen. Von der gewaltigen Höhe, zu der sich die Forschung in unserem „naturwissenschaftlichen Zeitalter" emporgeschwungen hatte, glaubte sie sich berechtigt, ein umfassendes Weltbild zu ent- werfen und die letzten Welträtsel zu lösen. Wer erinnert sich nicht an die mächtige, im vorigen Jahrhundert über Deutschland hereinbrechende Welle des Materialismus, der in Kraft und Stoff die einzigen Substanzen der Welt sah und alle Lebensvorgänge, auch die Erscheinungen des Seelenlebens, mit dem Mechanismus von Atom- bewegungen erklären wollte. Die ,, Überwindung des naturwissenschaftlichen Materialismus" führte zu dem — weit genialeren — energetischen Wellbilde (Ostwald), in welchem die unklaren Vorstellungen von Materie und Kraft durch den exakten und viel umfassenderen Energiebegriff ab- gelöst waren, ohne daß aber dieses Wehbild mit jenen Unklarheiten auch zugleich die prinzipiellen Mängel solcher einseitigen Metaphysik überwunden hätte. Wenn heute im allgemeinen von selten der Naturforscher jene metaphysischen, d. h. über das tatsächlich naturwissenschaftlich Erforschte will- kürlich hinausgehenden Naturphilosophien abge- lehnt werden-, so ist dafür ein Hauptgrund die Tatsache, daß wie wir schon sagten, innerhalb der Einzelforschung selbst an gewissen Stellen eine philosophische Vertiefung notwendig wurde, die ihrerseits die philosophische Kritik bei den Natur- forschern wachrief. Diese Probleme sind heute ungemein zahlreich und stehen zum Teil im Vordergrund der wissenschaftlichen Erörterung, teils haben sie eine längere Entwicklung hinter sich. Nur einige Beispiele. In der Geometrie nehmen wir nicht mehr, wie die Alten, eine Anzahl von Grundsätzen als selbstverständlich hin und dedu- zieren von da. Was ist die Natur der geometrischen 56 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 4 Axiome ? Dies ist eine Frage, welche auch die Philosophie angeht, da sie auf den Ursprung unseres Erkennens zurückgreift. Ist die Geometrie, weit entfernt, eine bloße Ausspinnung reiner Denkbeziehungen zu sein, etwa auch eine Natur- wissenschaft, basiert auf die Erfahrung, nur daß diese Erfahrungen viel allgemeinerer Art und leichter zu machen sind als etwa diejenigen der Physik und Chemie ? Tatsächlich sind iihre Axiome, wo sie nicht einfach nur Definitionen enthalten, willkürliche, aber durch die Erfahrung als zweckmäßig nahegelegte Festsetzungen. Kein Wunder also, daß der Beweis des berühmten Euklidischen Parallelenaxioms so lange vergeblich gesucht wurde, bis hier, ähnlich wie bei der Konstruktion des perpetuum mobile, aus dem negativen Ergebnis eine positive Erkenntnis wurde. ^ Mit der zunehmenden Genauigkeit der Messungen könnten sich also solche Axiome sehr wohl als nur angenähert brauchbar erweisen. Hier ergeben sich Ausblicke auf ganz neue Geo- metrien; wie sie in der Tat von der Wissen- schaft bereits ausgebaut sind. Auch die strenge Begründung der Arithmetik erfordert, ähnlich wie die der Geometrie, eine tiefere logische Durchdringung. Die neuere Mathematik endlich unterscheidet sich von der griechischen dadurch, daß sie freier mit dem Be- griff des Unendlichen operiert; eben damit aber hat sie eine ewige crux der Mathematiker und der Philosophen eingeführt. Die Antinomien des Unendlichen haben seither nie aufgehört, die Geister zu beschäftigen. In der Physik kommt man zunächst scheinbar ohne philosophische Untersuchung aus. Aber schon die Analyse des Trägheitsgesetzdes, das auf die Voraussetzung einer absoluten Bewegung führt, häuft die Schwierigkeiten und beschwört die heute lebhafte Diskussion über die funda- mentalen Begriffe Raum und Zeit herauf Die Entwicklung, welche die physikalische Erklärung der Erscheinungen der verschiedenen Sinnesge- biete durchmacht, der Streit zwischen dem mechanischen und elektrischen Bilde der Außen- welt, ist auch von philosophischer Bedeutung. Die Astronomie ist die Geburtsstätte desjenigen Begriffs, der seit Kepler die Naturforschung be- herrscht: das ist der Begriff des aus der Er- fahrung abgeleiteten „Naturgesetzes". Der Sinn der Naturgesetzlichkeit führt, namentlich durch den Konflikt mit der Willensfreiheit, zu einem berühmten philosophischen Problem. Aber auch die beiden aktuellsten Einzelprobleme der gegen- wärtigen Physik, die man mit den Schlagworten Quantentheorie und Relativitätsprinzip andeuten kann, greifen mit ihren eigenartigen Vorstellungen in die letzten Grundbegriffe unserer Weltanschauung hinein. — Die Probleme, welche die Chemie über die Struktur der Materie aufgibt, fallen hinsicht- lich ihrer philosophischen Bedeutung mit denen der Physik zusammen, Die biologischen Wissen- schaften enthalten wieder eine große Zahl philo- sophisch wichtiger Probleme, in dem Maße, als sie dem schließlichen Ausgangs- und Endpunkte aller Philosophie — dem menschlichen Leben — näher kommen. Hier der Streit zwischen Mechanismus und Vitalismus, und die damit eng zusammen- hängende Frage nach der Entstehung des Lebens, hier vor allem der über das engere Gebiet weit hinaus einflußreiche Entwicklungsgedanke. Die Psychologie endlich ist durch ihre grundsätzlichen Fragen nach dem Verhältnis zwischen Geist und Körper so eng mit der Philosophie verwachsen, daß ihre Abtrennung zu einer selbständigen Naturwissenschaft erst in jüngster Zeit und noch immer nicht vollständig erfolgt ist. So bemächtigt sich die Philosophie in allen Einzelwissenschaften der Mitarbeit an gewissen Problemen. Diese Verschmelzung reiht sich ein in eine allgemeinere Erscheinung, die wir in unserer Zeit beobachten können : trotz aller Spezi- alisierung auf der einen Seite finden andererseits immerneue Synthesen zwischen den verschiedensten Gebieten statt; ihre Grenzen verwaschen sich, es entstehen Mischdisziplinen von zum Teil hervor- ragender Fruchtbarkeit. Als typisches Beispiel kann heute die physikalische Chemie gelten. Zweifellos müssen die Förderer dieser Gebiete besonders vielseitig sein, wie dies an dieser Stelle ') Auerbach kürzlich ausgeführt hat; es müssen universelle Forscher sein vom Schlage eines Helm- holtz, des Begründers der physiologischen Optik. Es wäre übrigens ein Irrtum, anzunehmen, daß die Verschwesterung der Philosophie mit den Einzelwissenschaften nur für die Gegenwart cha- rakteristisch sei. Wenn auch zu verschiedenen Zeiten in wechselndem Maße, so hat doch immer wieder ein Kontakt zwischen beiden stattgefunden, der oft prinzipielle Fortschritte gebracht hat. So zeigt es die älteste der Wissenschaften, die Mathe- matik: Ihre größten Fortschritte, so urteilt der berühmte Historiker dieser Wissenschaft, H. Han- kel, waren die pythagoräische Entdeckung des Irrationalen, Plato's Einführung der analytischen Methode, Descartes' analytische Geometrie und Leibniz' Differential- und Integralrechnung; und alle vier Leistungen verdanken wir Forschern, die gleichzeitig hervorragende Mathematiker und un- sterbliche Philosophen gewesen sind. Es ist also nur natürlich, wenn von natur- wissenschaftlicher Seite de.' Philosophie Aufmerk- samkeit geschenkt wird. Nun aber ist die Philo- sophie in ihrer Entwicklung eigene Wege ge- gangen, es haben sich bestimmte keineswegs mit- einander übereinstimmende Richtungen heraus- gebildet; an welche wird sich der Naturwissen- schaftler anlehnen? Von vorn herein ist nicht zu erwarten , daß sie alle in ihrem Verhältnis zur Naturwissenschaft gleichwertig sind. Die bunte Mannigfaltigkeit des ersten Ein- ') .Auerbach, ,,Zur physiologischen < )ptik", Naturw. Wochenschr. N. F. XVU. S. 599 fif. N. F. XVIII. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 57 druckes beim Betrachten der philosophischen Richtungen weicht alsbald einer ausgeprägten Gruppierung in zwei vorherrschende Typen, die natürlich durchaus nicht immer ui-.vermischt auf- treten. Wir schalten dabei diejenigen unkriti- schen Systeme aus, welche überhaupt keine Er- kenntnistheorie zulassen, wie z. B. jene eingangs erwähnten Naturphilosophien. Von den kritischen Richtungen hält sich die eine an die positiven, gegebenen Tatsachen und hat daher den treffen- den Namen Positivismus erhalten ; sie verwirft die Einmischung aller über die unmittelbare Gegeben- heit hinausgehenden, metaphysischen Vorstellungen, sie stellt sich ganz auf den Boden einer einheit- lichen, „monistischen" Erkenntnisquelle: der Er- fahrung. Von hier aus sucht sie die Erkenntnis- theorie, die Ethik, die Kulturphilosophie zu be- gründen und eine gesamte Welt- und Lebens- anschauung zu geben. Das Gegenstück bildet jede Richtung, die den Boden der positiven Tatsachen veiläßt, und hier sind natürlich weit mehr Mannigfaltigkeiten mög- lich. Nach dem ersten System, welches diese Richtung verkörperte und wegen der Vollkommen- heit seines Baues und der Wucht seiner geschicht- lichen Wirkung als typischer Vertreter gelten kann, nach der Lehre Plato's, pflegt msn diese Tendenzen unter dem Namen Idealismus zusammen- zufassen. Wir können uns hier eine genauere Definition, die notwendig mit einer ausführlichen Analyse der klassischen Philosophie verbunden wäre, ersparen. Jeder pflegt bei der Lektüre eines philosophischen Werkes sehr bald ein Gefühl da- für zu haben, welcher Richtung ein Denker vor- wiegend angehört. Immer dort, wo von „abso- luten" Wahrheiten die Rede ist, wo von der Er- fahrung unabhängige, „a priorische" Erkenntnis- formen nachgewiesen werden, wo, sei es offen, sei es versteckt, auf die metaphysischen Wurzeln des Denkens zurückgegangen wird, liegt diese Richtung vor. Im allgemeinen läßt sich nun sagen, daß der Positivismus ein weit innigeres Verhältnis zu den Naturwissenschaften einnimmt. Es ist daher nicht verwunderlich, daß wir die großen philosophieren- den Naturforscher unserer Zeit vorwiegend im positivistischen Lager antreffen. Hier stehen z. B. die großen Physiker wie Kirchhoff, der das Ziel der Physik in einer möglichst einfachen und vollständigen Beschreibung der Vorgänge sah ; wie Maxwell, Hertz und nicht zuletzt Ernst Mach, einer der wenigen Naturforscher, die einen philosophischen Lehrstuhl innehatten und so gleich- sam persönlich die Synthese zwischen Naturwissen- schaft und Philosophie verkörpern. Ernst Mach hat mit seinem Kampf gegen metaphysische Vor- stellungen eine dauernde Wirkung, mit seiner auf das Prinzip der „Ökonomie des Denkens" gegrün- deten Erkenntnistheorie einen ziemlich ausgedehnten Einfluß auf die Gegenwart ausgeübt. Von den Vertretern der biologischen Wissenschaften nennen wir hier den Physiologen Verworn, dessen Kritik des Kausalbegriffes und sonstige philo- sophische Erörterungen sich ganz im positivisti- schen Sinne halten. — Einer der Größten, Helm- h o 1 1 z , bekennt sich zwar als Kantianer, aber seine Auffassung ist in Wahrheit von der trans- zendentalen Erkenntnislehre Kant's weit entfernt; überdies ist das Kan tische System selbst, das auf den ersten Eindruck wie aus einem Guß er- scheint, von den widersprechendsten Tendenzen durchsetzt; es finden sich bei Kant so viele positivistische Seiten, daß ihn einer der treuesten Schüler Com t es (des Begründers des neueren Positivismus) sogar als einen Vorläufer seines Meisters betrachten konnte. Auf der anderen Seite steht der Idealismus den Naturwissenschaften fremder gegenüber. Seine Stärke liegt mehr auf dem Gebiet der Geistes- wissenschaften und der Kulturprobleme; außer in der Erkenntnistheorie wirkt er erfolgreich in der Begründung der Ethik, der Rechtsphilosophie, der Kunst, der Religion. Durch die Erkenntnistheorie kommt auch der Idealismus mit den Naturwissen- schaften in Berührung, aber seine Wirkung auf sie ist sichtbar geringer. Unter den selbständig philosophischen Naturforschern findet man weit weniger Vertreter der idealistischen Richtung. Die idealistischen Philosophen pflegen heute die Naturwissenschaften keineswegs gering zu achten. Es scheint, als wollten sie die Fehler wieder gut machen, welche der Idealismus in seiner letzten Blüteperiode begangen hat. Durch diese, namentlich durch Seh el 1 ing und Hegel, war die Philosophie bei den Naturforschern in Mißkredit gekommen. Die neue idealistische Be- wegung ging, wie die klassische, von Kant aus, aber sie nahm eine mehr kritische Entwicklung. Die einflußreiche Marburger Schule mit den Führern Cohen und N a t o r p hat in ihrer Erkennt- nistheorie sogar gewisse mathematisch- naturwissen- schaftliche Probleme in den Vordergrund gestellt. Auch sonst wird von idealistischer Seite der prinzipielle Unterschied zwischen Natur- und Kulturwissenschaften herausgearbeitet. Indessen so scharfsinnig und geistvoll oft die hier vorge- brachten Gesichtspunkte sind, haben sie sich doch nicht mit den lebendigen Naturwissenschaften amalgamieren können. Es bleibt aber immer noch für den Natur- wissenschaftler wertvoll, gelegentlich in einzelne dieser oft tiefgreifenden Spekulationen einzu- dringen. Hier mag, neben den uns näher stehen- den deutschen Forschern, auf den kürzlich (Oktober 191S) verstorbenen französischen Philo- sophen Emile Boutroux hingewiesen werden, der übrigens ein vortrefflicher Kenner des deut- schen Geisteslebens war; bedauerlicherweise hat er während des Krieges nicht immer die objektive Haltung gegen Deutschland gewahrt. Dieser Denker hat in einer Aufsehen erregenden Arbeit „De la contingence des lois de la nature" das Problem Naturgesetz und Willensfreiheit in ori- gineller Weise angegriffen, die einer Weiterent- 58 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. 4 Wicklung fähig ist und auch in weiteren Kreisen bekannt zu werden verdient. Hier ka;nn auf die speziellen philosophischen Untersuchungen nicht eingegangen werden. Der Positivismus hat also für den Naturwissen- schaftler von seinem Standpunkte aus einen Vor- zug, aber gerade darin liegt eine Gefahr. Dem Positivismus ist es bisher nicht gelungen, ein be- friedigendes Weltbild aufzustellen; schon die Be- gründung der Ethik stößt wie es scheint, auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Diese entgehen oft demjenigen, der der Philosophie nur von ferne folgt. So bewirkt der Posivitismus für alle, die über die Einzelforschung hinaus das Streben nach einer einheitlichen Weltanschauung nicht verloren haben , die Gefahr der Einseitigkeit oder aber jenes Zwiespaltes, der zwischen naturwissenschaft- lichen und ethisch-religiösen Dingen eine unüber- windliche Kluft errichtet. Hier ist es nun von Interesse, daß gegen- wärtig versucht wird, den Gegensatz zwischen Positivismus und Idealismus zu überbrücken und zwischen den aus den Naturwissenschaften ge- wonnenen positivistischen Anschauungen und den damit unverträglichen, von den Idealisten betonten Forderungen des ethischen Lebens eine Synthese herzustellen. Ein Versuch, der sich dieses Ziel von neuem stellt, kann, außer der Aufmerksam- keit der Fach Philosophen, auch das Interesse der Naturforscher beanspruchen. Dieser Versuch ist gemacht in einem eigen- artigen, in kurzem berühmt gewordenen Werke „Die Philosophie des Als ob" ^) von Hans Vai- hingen Es gehört zu jenen bemerkenswerten Werken der Philosophie, die, wie Leibniz' Essais, durch Zufall erst lange Zeit nach ihrer Entstehung ihren Weg in die Öffentlichkeit ge- funden haben und dann doch von einer außer- ordenUichen Wirkung gewesen sind. Es begründet eine Synthese zwischen den beiden sich be- kämpfenden Strömungen, einen „idealistischen Positivismus"; der Standpunkt, den das vor etwa 40 Jahren geschriebene Buch vertritt, ist durch die seitherige Entwicklung von Wissenschaft und Philosophie mehr und mehr provoziert worden, sodaß die Weiterarbeit in dieser Richtung,'') die von Vaihinger angekündigt wird, sehr aus- sichtsreich erscheint. Vaihinger's eigenartiger Standpunkt ist, daß eine Kritik des Wahrheitsbegriffes zu seiner Auf- hebung führt. Nicht nur die absolute Wahrheit der Idealisten ist sinnlos, sondern streng ge- nommen jeder Wahrheitsbegriff überhaupt. Eine Vorstellung hieß wahr, wenn sie mit ihrem Gegen- stand übereinstimmt; diese „Übereinstimmung" aber ist tatsächlich nirgends vorhanden, weil sie unmöglich ist. Wenn sich eine Vorstellung „be- währt", so ist ihre Anlehnung an die Wirklich- ') 191 1; 3. Aufl. 191S, Leipzig. *) In den ,,Annalen der Philosophie" (Im Erscheinen.) Leipzig, F. Meiner. keit oft am wenigsten die Ursache dazu. Wo finden wir imaginäre Zahlen, unendlich kleine Größen, ausdehnungslose Massenpunkte? Wir arbeiten im Gegenteil oft mit unwirklichen, noto- risch falschen Begriffen und kommen doch damit zu richtigen Resultaten.' Die bisherige Logik hatte besonders die Schlußweisen gepflegt, die ihren alten, traditionellen Regeln entsprachen. Vai- hinger richtet umgekehrt seinen Blick auf die Wege des Denkens, welche nicht in das alte Schema passen. Er verhält sich hier wie der Naturforscher, der instinktiv fühlt, daß gerade dort, wo ein Experiment nicht mit dem Er- warteten stimmt, der Hebel zu neuen Entdeckungen verborgen liegt. Die Gedankenwendung, welche Vaihinger studiert und nach der er sein Werk benennt, läßt sich auf die Formel bringen: ein Begriff A wird betrachtet, als ob er B wäre. Vaihinger untersucht ihre Bedeutung. Mit diesem falschen Begriff, mit der „Fiktion", kommen wir auf Um- wegen zu richtigen Ergebnissen. Diese Fiktionen sollen nicht wahr sein; es genügt, wenn sie zweck- mäßig sind. So merkwürdig es nun klingt, Vai- hinger zeigt in seinem Buche, daß diese Fiktion der Typus alles Denkens ist. Die alten Schluß- weisen, die Allgemeinbegriffe, der Syllogismus, enthalten im wesentlichen neue Fiktionen. Sie sind zweckmäßig, d. h. für uns wahr. Es gibt also keine neue Wahrheit, die entdeckt werden müßte; sie muß erfunden werden. Natürlich be- trifft dies nicht die positiven Tatsachen selbst, das wirklich existierende Mit- und Nacheinander der Sinnesempfindungen ; aber schon jeder abstrakte Begriff geht darüber hinaus, verfälscht die Wirk- lichkeit und formt aus jenem Rohmaterial einen Baustein zu einer fingierten Außenwelt. Es scheint, als sei dieser Positivismus noch radikaler als der gewöhnliche und noch weiter vom Idealismus entfernt. Aber eben diese Auf- hebung der Wahrheit im gewöhnlichen Sinne läßt Raum für Ideen, welche dem positivistischen Standpunkt sonst widersprechen. Formal ist z. B. die Fiktion der Willensfreiheit nicht unrichtiger und nicht unberechtigter als die ihr entgegen- stehende der Naturnotwendigkeit. Die Begriffs- gebilde der Religion, auf ihrem Gebiete angewandt, können so wenig widerlegt werden wie die Axiome der Geometrie, die man in einem be- stimmten Bereich als zweckmäßig gewählt hat. Es kann hier nicht auf eine Kritik dieses radi- kalen Standpunktes eingegangen werden, zumal hierüber in der Philosophie noch keineswegs das letzte Wort gesprochen ist. Jedenfalls wird in V a i h i n g e r's Werk das Problem, die P"orderungen des Idealismus mit den einseitigen Beschränkungen des Positivismus in Einklang zu bringen, in denk- bar deutlichster Weise hervorgehoben. Es ist mög- lich, daß die besondere Lösung dieses Problems und der Beweisgang Vaihinger's der weiteren Analyse nicht standhalten wird. Es könnte sehr wohl sein, daß der extreme „Fiktivismus" abge- N. F. XVIII. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 59 lehnt werden müßte und man sich auf die Fik- tionslehre zu beschränken hätte. Diese Methodologie der Fiktionen bleibt aber ein unverlierbares Ergebnis. Es gibt kaum ein philosophisches Werk, das eine solche Anzahl aus den Einzelwissenschaften herausgegriffener Begriffe analysiert und den Kennern dieser Diszi- plinen eine solche Fülle von Anregungen bietet. Klarheit über Denkmethoden ist immer auch von pädagogischem Wert; diese pädagogische Seite der Philosophie des Als-ob ist bisher noch nicht genügend hervorgehoben worden. Ich er- innere mich aus meiner Schülerzeit der Frage eines Mitschülers in einer Mechanikstunde der Prima: wie soll ein ausdehnungsloser Massen- punkt, den es nirgends gibt, uns doch zu richtigen Formeln führen ? Dies war nichts anderes als in concreto das Ausgangsproblem der Philosophie des Als-ob. Die Einsicht in die fiktiven Wege des Denkens räumt viele scheinbaren Schwierig- keiten für den Lernenden mit einem Schlage hinweg, so, wie sie den Forscher von zahlreichen Scheinproblemen befreit. Einen besonders hervorragenden Platz nimmt in den Erörterungen Vaihingers die mathema- tische Fiktion des Unendlichkleinen ein. Mit diesem widerspruchsvollen Begriff erreicht man doch richtige Resultate, weil der erste Fehler durch einen entgegengesetzten aufgehoben wird. Vaihinger erhebt die alte Berkeley'sche Theorie der Fehlerkompensation zu einem allgemeinen Denkprinzip, das den Mechanismus aller Fiktionen beherrscht. Es besteht ein scharfer Unterschied zwischen Fiktion und Hypothese und diese Scheidung ist ein wesentlicher Punkt der F"iktionslehre. Eine Hypothese sucht die Wirklichkeit darzustellen, eine Fiktion ist nur ein logisches Hilfsmittel, eine Vorstellung, der nichts Wirkliches zu ent- sprechen braucht. Hypothese und Fiktion gehen historisch oft ineinander über. (Vaihingers Ge- setz der Ideenverschiebung.) Die elektromag- netische Lichttheorie ist eine Hypothese, denn sie behauptet, daß die Strahlungsvorgänge wirk- lich in elektromagnetischen Störungen bestehen; die alte Undulationstheorie ist deshalb aber, be- sonders didaktisch, durchaus nicht wertlos ge- worden, sondern eine einfache, anschauliche Hilfsvorstellung; doch vermag sie nicht mehr alle bekannten Erscheinungen darzustellen. Sie ist heute zu einer Fiktion degradiert worden. — Die geradlinige Ausbreitung des Lichtes hat zu dem Begriff des Lichtstrahls geführt. Aber ein solcher hat keine reale Existenz. Versucht man, aus einem Strahlenbündel einen immer kleineren Querschnitt herauszuschneiden, so gelingt dies nicht, weil bei engen Offnungen das Licht sich nicht mehr geradlinig ausbreitet; es entsteht, als Folge seiner Wellennatur, das bekannte Phänomen der Beugung. Trotzdem behält für viele Vorgänge die Fiktion des Lichtstrahls ihren großen Wert. Das Licht verhält sich dann so, „als ob" es aus unendlich vielen geradlinigen Strahlen zusammen- gesetzt wäre. Es gibt viele Erscheinungen, die sich dadurch einfach und anschaulich darstellen lassen, daß sie aus zahlreichen oder unendlich vielen fiktiven Elementen zusammengesetzt gedacht werden. Die Anwendung der Fiktion kommt also auf ein Summations- oder Integralprinzip hinaus. Die wirklichen Elemente können ganz anderer Art sein, aber ihre Summation ergibt dasselbe Resultat. So läßt sich die Fiktion eines Lichtstrahlenbündels nur deshalb anwenden, weil die wirklichen Wellen (nach dem Hu y gen 'sehen Prinzip) in einem Punkte des Schattenraumes durch Interferenz in ihrer Gesamtintensität die Summe Null ergeben. Ähnlich kann man die magnetische Wirkung eines linearen elektrischen Stromes so berechnen, ,,als ob" jedes unendlich kleine Stromleiterstück ein magnetisches Feld erzeugt, das unter anderem dem Entfernungsquadrat umgekehrt proportional ist. (Gesetz von BiotSavart). Dieses Fernwirkungs- gesetz führt durch Integration auf die gleichen Formeln, welche sich aus der elektromagnetischen Theorie Maxwells ergeben. — Die kinetische Gastheorie leitet die Gasgesetze her durch ele- mentare Berechnung des Druckes eines Gases aus dem Anprall der Moleküle gegen die Gefäßwände. Diese Berechnung kann, nach Joule, ganz ein- fach erfolgen, indem man die Stöße der Moleküle gegen die Wände eines Würfels betrachtet und dabei sich die Bewegung der Moleküle so denkt, „als ob" sie i. mit gleicher Geschwindigkeit und 2. nur in den drei Richtungen der Würfelkanten erfolgte - obwohl dies offenbar gezwungene und physikalisch unmögliche Annahmen sind. Beides sind Fiktionen, die der Wirklichkeit nicht ent- sprechen, aber sie führen doch zu dem wahren Gesetz. In der Tat hat Clausius gezeigt, daß man bei Zulassung aller möglichen Richtungen, wie sie der Wirklichkeit entsprechen, durch Inte- gration zu genau dem gleichen Resultate kommt. Maxwell hat auch die Geschwindigkeit nach wahrscheinlichkeitstheoretischen Gesichtspunkten variiert, und es zeigt sich, daß man auch jetzt zu den gleichen Formeln gelangt, wenn das Quadrat der früheren einheitlichen Geschwindigkeit nunmehr das mittlere Geschwindigkeitsquadrat bedeutet. Durch diese Ergebnisse werden also jene vereinfachenden Fiktionen gerechtfertigt. Den größten Triumph feiert die Fiktion, wie schon Vaihinger zeigt, in der mathematischen Wissenschaft. Ganze Disziplinen sind hier durch Erfindung einer genialen F'iktion entstanden. Die Infinitesimalrechnung, die Vektoranalysis sind Beispiele hierfür. Die erstere beruht, formal be- trachtet, auf der fingierten Anwendung des Divi- sionszeichens, die letztere auf einer solchen des Additionssymbols. Der Hauptbegriff der ersteren ist der Differentialquotient, wodurch der Limes eines Quotienten selbst als Quotient (von „unend- lich kleinen" Größen) gedeutet wird; bei der letzteren ist grundlegend der Begriff des Vektors 6o Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 4 als „Summe" seiner Komponenten, bzw. der Be- griff der sog. geometrrschen Addition. Innerhalb dieser Disziplinen selbst macht man wieder oft vom fiktiven Verfahren Gebrauch; es sei erinnert an das Symbol des Hamilton'schen Differential- operators, mit dem ganz so gerechnet werden kann, „als ob" es selbst einen Vektor darstelle. Die fiktive Denkoperation ist in der Tat von grundlegender Wichtigkeit und ihre systematische Betrachtung in der „Philosophie des Als-ob" bildet einen entscheidenden Fortschritt. Dieses Verdienst bleibt ihr erhalten , auch wenn die von ihr ent- wickelte Philosophie sich nicht als haltbar er- weisen sollte und wenn somit das alle Problem, die Kluft zwischen Positivismus und Idealismus zu überbrücken, noch bestehen bleiben wird. Einzelberichte. Meteorologie. Über die Methoden zur Unter- suchung der Struktur des Windes berichten R. Seeliger und E. Bräu er in einer längeren, in der Meteorolog. Zeitschr. XXXV (1918) S. 30, 82 u. 124 veröffentlichten Arbeit. In der IMeteo- rologie bezeichnet man als „Böen" eine charakte- ristische, tumultuöse Witterungsform, die man je nach ihrer Erscheinungsart Gewitter-, Regen-, Hagel-, Schnee-Böe nennt; sie wandert mit be- trächtlicher Geschwindigkeit über weite Strecken hin. Die Untersuchung hat gezeigt, daß man es in ihr mit einem Luftwirbel (oder -walze) mit horizontaler Achse zu tun hat, der sich in breiter p-ront und geringer Tiefe fortbewegt. Im Gegen- satz dazu wird das Wort Böe noch in einem anderen Sinne gebraucht; der Seemann und der Luftfahrer versteht darunter unregelmäßig aufein- ander folgende, verschieden gerichtete Windstöße. Solche dauernden raschen Schwankungen von Richtung und Geschwindigkeit des Windes um einen Mittelwert sind natürlich auch der wissen- schaftlichen Meteorologie bekannt; sie werden als Struktur oder Textur des Windes bezeichnet und mittels geeigneter Apparate, der Böenschreiber, untersucht. Man kann die Lufibewegung charakterisieren durch Angabe der Luftmenge M, die in der Zeit- einheit durch eine Fläche von der Größe i hin- durchtransportiert wird. M hängt ab von der Windgeschwindigkeit v, dem Neigungswinkel « der Wmdgesch windigkeit gegen die; Flächen- normale, der Luftdichte q und dem Querschnitt Q des Luftstromes. Ändert sich M mit~der Zeit, so müssen die vier genannten Größen Funktionen der Zeit sein. Man kommt demnach zu vier Grundtypen der Böen, von denen die beiden wichtigsten die Geschwindigkeits- und die Richtungsböen sind, wenn nämlich v bzw. a veränderlich sind, während Dichte- und Quer- schnittsböen nur gelegentlich ^vorkommen und keine weitere Bedeutung haben. ' Die Betrachtung beschränkt sich auf die beiden ersten Typen. Zerlegt man die Geschwindigkeit in Richtung der drei aufeinander senkrechten Koordinatenachsen in drei Komponenten, dann liegt, wenn bei kon- stantem v das Verhältnis der Komponenten sich ändert, eine reine Richtungsböe vor, während man es bei Änderung von v unter Konstantbleiben des Komponentenverhältnisses mit einer reinen Ge- schwindigkeitsböe zu tun hat. In der Natur kom- men, wenn auch die Richtungsböen zu überwiegen scheinen, beide Typen stets vermengt vor. Man macht sich ein richtiges geometrisches und dyna- misches Bild der Böen, wenn man als Grundform die Wogenbewegung annimmt. Die Beobach- tung des Bewegungszustandes der Luft am „wogen- den" Kornfeld, beim Nebeltreiben oder an den Wolken läßt uns stets die Wogenform erkennen. Doch ist diese vielfach überlagert von turbulenten Vorgängen , also dem Auftreten von zahlreichen fortschreitenden Wirbeln, ähnlich wie man es bei den schäumenden und sich überstürzenden Wasser- wellen beobachtet. Interessant ist der Hinweis auf folgende Tatsache: Das Läuten von Glocken, das Rollen von Eisenbahnzügen, das Rattern von Flugzeugmotoren sind häufig bald laut, bald leise und bald garnicht zu hören. Es ist wahrschein- lich, daß diese periodische Änderung der Ton- stärke mit Luftwogen in der Nähe der Schallquelle im Zusmmenhang steht. Es würde sich dann um ein Hol barwerden der Böen handeln, und es ließe sich auf dieser Erscheinung vielleicht eine neue Methode zur Untersuchung der Böen gründen. Für die Zwecke der Praxis ist nun nicht er- forderlich, die Abhängigkeit der drei Geschwindig- keitskomponenten von der Zeit zu kennen , es genügt, daß man eine die Böe physikalisch- energetisch charakterisierende Bestimmungsgröße als Funktion der Zeit kennt. Aus praktischen Gründen wählt man den Winddruck p senkrecht zu einem fixen Plächenstück von der Größe I. Wie stark ein Körper auf den sich ändernden Winddruck reagiert , hängt vor allem von seiner Trägheit ab; Luftschiff, P'lugzeug und Blätter eines Baumes sprechen ganz verschieden an. Es liegt auf der Hand, daß ganz kleine und rasche Pulsa- tionen (Mikrostruktur des Windes) praktisch im allgemeinen kein Interesse haben; man wird sich auf eine gewisse Makrostruktur beschränken, die gegeben ist durch gewisse zeitliche Mittelwerte der Mikrostruktur. Böig soll eine Luftströmung genannt werden, wenn auf einem Windweg von 10 m Länge eine Differenz zwischen maximaler und minimaler Windgeschwindigkeit von i auftritt. Der Böenschreiber (so nennt man die Apparate zur Untersuchung der Böen) muß also Geschwindigkeitsdifferenzen dieser Größen- ordnung anzeigen können. Das allgemeine Prinzip, auf das sich die Unter- N. F. XVirr. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 6i suchung der Struktur des Windes gründet, ist das, den Winddruck p zu messen, der auf eine senk- recht zu V stehende Fläche von der Größe I aus- geübt wird. Mittels einer von Duchemin an- gegebenen Formel läßt sich hieraus die Windge- schwindigkeit V berechnen. Bei einer Klasse von Apparaten, die man als mechanische bezeichnen kann, stellt man dem Luftstrom eine materielle Fläche entgegen und mißt den Druck durch die der Fläche erteilte Beschleunigung; bei einer zweiten Klasse, der hydrodynamischen, stellt man ein offenes Rohr (Staurohr, Düse) in den Luft- strom und nimmt hierdurch den erzeugten Über- oder Unterdruck auf; er wird wie bei der ersten Klasse auf ein mechanisches System den Schreib- hebel übertragen, der seine zeitlichen Veränderun- gen aufzeichnet. Das mechanische System muß imstande sein, den zeitlichen Druck- und Ge- schwindigkeitsschwankungen momentan zu folgen. Zu dem Zwecke ist es nötig, daß die Dauer seiner Eigenschwingung klein ist gegenüber der Zeit, für welche der IVlittelwert der Kraft genau abgezeichnet werden soll; ferner muß es so stark gedämpft sein, daß seine Abweichung von der Gleichgewichts- lage innerhalb dieser Zeit auf einen zu vernach- lässigenden Betrag abgeklungen ist. Als erster Böenapparat wird das bekannte Robinson'sche Sc hal enkreuza n emo - meter besprochen. Gewöhnlich dient es zur Messung des Mittels der Windgeschwindigkeit für eine längere Zeit. Liest man indessen den Zeiger- stand etwa von drei zu drei Sekunden ab, dann erhält man, wie der Arbeit beigegebene Kurven zeigen, gute orientierende Resultate über die Wind- struktur. Die hydrodynamischenBöenschreiber verwenden eine Düse, in welche der Windstrom hineinbläst; es strömt dann so lange Luft hinein, bis der infolge der Kompression entstehende Über- druck in dem offenen Düsenquerschnitt dem äuße- ren Winddruck gerade das Gleichgewicht hält. Man mißt also die Größe des Winddrucks auf die Offnungsfläche der Düse. Wenn die Düsenöffnung vom Wmde abgekehrt ist, entsteht ein entsprechen- der Unterdruck. Da es bei den Böenapparaten nicht auf Messung des absoluten Druckes, sondern lediglich auf Druckschwankungen ankommt, so muß man den Nullwert des Druckes, d. h. den- jenigen bei ruhender Luft festlegen. Das geschieht durch eine zweite Düse (statische), deren Offnungs- achse senkrecht zum Winde steht. Der Zu- sammenhang zwischen dem an der Düse gemesse- nen Druck p und der Windgeschwindigkeit v giebt eine Formel, in der außer der von Druck und Temperatur abhängigen Luftdichte eine für die Düse charakteristische reine Apparatkonstante a vorkommt. Es ist gelungen, Düsenformen zu bauen (z. B. die Prandtl'sche Düse mit halb- kugelförmiger Staufläche und das Staurohr der Charlottenburger technischen Hochschule), für welche a für alle praktisch in Betracht kommen- den Windgeschwindigkeiten konstant ist. Der Aufnahmeapparat, die Düse, ist mit einer Wind- fahne verbunden und wird so normal zur Wind- richtung gestellt; kleine Abweichungen von dieser Stellung fallen bei geeigneter Gestalt der Düse nicht ins Gewicht. Von großer Bedeutung für die Arbeitsweise des Böenschreibers ist das Verhalten der Luft in den Druckleitungen, welche die Verbindung, zwischen Aufnahme- und Registrierapparat her- stellen. Liegt die Düse in einem Luftstrom von variabler Geschwindigkeit, so fließt bei Druck- zunahme Luft in die Düse, während bei Abnahme des Druckes Luft austritt. Es können demnach schwingende Bewegungen in den Leitungen auf- treten, die die Registrierkurven verzerren und Böen vortäuschen. Um sie zu verhindern, muß die Bewegung der Luft in den Leitungen durch Reibung aperiodisch gedämpft sein; hierzu ist nötig, daß das Verhältnis Rohrlänge zur Rohr- weite einen gewissen Wert nicht überschreitet. Andererseits spielt die „Auffüllungszeit" der Lei- tungen eine Rolle. Sie ist um so kleiner, je kürzer und weiter das Rohr ist. Die beiden Forderungen nach Aperiodizität der Bewegung und nach mög- lichst kurzer Auffüllungszeit verlangen also gerade entgegengesetzte Eigenschaften der Leitungen. Die nähere Untersuchung ergibt, daß, wie die Ver- hältnisse in der Praxis liegen, fast ungedämpfte Schwingungen auftreten; man ist also genötigt, die notwendige aperiodische Dämpfung im wesent- lichen durch die mechanische Reibung im Registrier- apparat hervorzubringen. Als Registrierapparate der hydrodyna- mischen Böenschreiber kommen zwei Typen in Betracht. Bei der ersten, den Aneroidapparaten, wird die Druckleitung direkt an ein passend di- mensioniertes Aneroid angeschlossen, während eine statische Leitung den konstanten Gegendruck liefert. Zur Erhöhung der Empfindlichkeit läßt man bei anderen Apparaten eine Saugleitung auf ein zweites mit dem ersten passend gekoppeltes Aneroid wirken. Wegen der zu fordernden recht bedeutenden Empfindlichkeit muß man große (bis zu 12 cm Durchmesser) elastische Dosenmembrane mit nicht metallischer Membran nehmen. Die Vorteile der Aneroidapparate liegen in der kleinen Eigenschwingungsdauer des mechanischen Systems und der geringen Größe des Aulfüllvolumens, ihr Nachteil in der Inkonstanz der Anzeige. Bei der zweiten Type, den Taucherglocken- apparaten, ist die Durchleitung in das Innere einer Taucherglocke geführt, die sich beim Ein- blasen von Luft hebt und den Schreibstift mit sich führt. Naturgemäß ist hier die bewegte Masse und demnach die Eigenschwingungsdauer beträchtlich (etwa 5 Sekunden); das Auffüllungs- volumen beträgt mehrere Liter. Vorteile sind hingegen die große Konstanz der Empfindlichkeit und der Elongationen gegen äußere Einflüsse. Ein Böenapparat, der auf wesentlich anderen Prinzipien beruht als die bisher geschilderten, ist 62 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 4 das Anemoklinometer. Da der Apparat schon früher') in dieser Zeitschrift beschrieben ist, sei nur kurz erwähnt, daß man im Luftstrom transportierte Luftmenge durch die abkühlende Wirkung mißt, die sie auf einen elektrisch ge- heizten Draht und damit auf seinen Widerstand ausübt. Mechanische Böenschreiber in, praktisch verwendbarer Form liegen bisher noch nicht vor. Seh. Ernährungsphysiologie. Blu t und Eingeweide der Schlachttiere zu Nährzwecken. Gegenwärtig ist es stets sehr angebracht, alles Brauchbare auf seinen Nährwert hin auszubeuten. Wie dies mit dem Blut und den Eingeweiden der Schlachttiere geschehen könnte, wurde in der Sitzung der Pariser Akademie der Wissenschaften vom 24. Juni 191 8 behandelt. (Preparations alimentaires de sangs et de viandes ä la levure. Note de M. A. Gau- ducheau, presentee par M. Roux, C. R. Tome 166 No. 25). Das Blut von Schwein, Rind und Pferd wird sofort nach dem Ausbluten des Schlachttieres ohne vorhergegangene Behandlung erhitzt, dadurch sterilistiert und die Eiweißkörper zum Gerinnen gebracht. Darauf wird es zerkleinert und unter Zusatz einer Kultur von Bierhefe vergoren. Dies geschehe in einem leicht angesäuerten Medium; dann setzte man etwas Zucker zu, den man aus einer stärkehaltigen Substanz (Reis, Kartoffeln etc.) gewinnt. Nach einigen Stunden, bei am besten 20—25°, gingen die teigigen Massen in Gärung über. Mikroskopisch finde man eine Reinkultur von Hefe und erhielte so einen Teig, der nicht so schwer und kompakt sei wie bei den üblichen Ver- fahren der Metzgerei. Diese Veränderung ver- danke die Masse der Hefegärung; dabei entwickelt sich reichlich Gas und entständen zahlreiche kleine Bläschen so würde die Masse porös und für die Verdauungssäfte leicht angreitbar. Zugleich würde das Aroma besser, während der eigentliche Blut- geruch verschwände. Statt zu verderben, wie es im Sommer so häufig geschieht, unterlägen die Stoffe einer dreifachen Reinigung: Erhitzung, Säureeinwirkung und Hefegärung. Ebenso soHte man mit den Eingeweiden verfahren, die man fein zerstückelt. Das Blutserum könnte in Mischungen mannig- faltig verwandt werden bei der Wurstfabrikation und in der Feinbäckerei. Man könnte wohl- schmeckende, gezuckerte oder gesalzene Biskuits daraus herstellen, welche wenig Raumbeanspruchten. Kathariner. Geologie. Mitteilungen über einige Erzlager- Stätten in Kleinasien macht E. Franke in Heft T9 von Metall und Erz. S. 347—360. Obgleich zahlreiche Veröffentlichungen über ■) Naturw. Wochenschr. XVII (191IS) S. 243. die Erzlagerstätten der Türkei erschienen sind, nennt der Verfasser unsere Kenntnis derselben mangelhaft. Der Verfasser kennt alle Lager- stätten der Türkei aus eigener Erfahrung und führt sie nach den Erzen an, uns also ein rich- tiges Bild verschaffend, was in der Türkei an Erzen vorhanden ist. Antimonerze können bei Sekiköj unweit Cordelio nördlich des Golfes von Smyrna abge- baut werden. Im Andesit des Jamenlaw-Degh- Massives zeigen sich Gänge und Anhäufungen von Gangtrümern mit Antimonoxyd, weniger häufig Antimonglanz. Im Andesit selbst treten verkieselte Partien auf. Senkrechte Spalten ent- halten Anlimonoxyd in größter Mächtigkeit von 8 cm. Getrennt sind die Spalten durch Andesit- blöcke, die aus kieselsäurereichem Andesit, einer Hornsteinart bestehen. Ein Gang führt Eisen- hydroxyd und Schwerspat. In der vererzten Zone kommt an einer Stelle ein Gesteinsblock vor, der in seiner ganzen Länge ein schwachge- krümmtes Rohr enthält, das sich nach der Erd- oberfläche hin trichterförmig öffnet. Das Rohr war wohl ursprünglich von Antimonglanz erfüllt, jetzt von Antimonoxyd. 600 m nordwestlich davon liegen die Fund- stellen von Tscherkeß Kaga. In mehreren Erz- taschen fand sich hier Erz. Das Nebengestein ist verkieselt. Zugleich zeigen sich Barytkristalle, überkrustet von Pseudomorphosan von Antimon- oxyd nach Antimonsulfid. Tscherkeß Kaga liegt auf dem westlichen, Galleria Massero auf dem östlichen Abhang des TscherkeßKaga-Degh, so daß die Vermutung wohl zu recht besteht, daß von beiden Arbeiten dieselben Gänge abgebaut worden sind. Westlich von TscherkeßKaga steht die Galleria Clara an, ein 3 cm mächtiger Gang von Antimonglanz. Von dieser Lagerstätte ist alles sichtbare Erz abgebaut. Einzelne wenig mächtige Gänge in hartem Gestein werden sich noch auffinden lassen. Am Nordabhang des Murad Degh, auf dem Nordufer des Murad Su bei Gedis liegt die An- timonerzgrube Gönik. Vorherrschendes Gestein ist Glimmerschiefer. In zweiter Linie zeigen sich Serpentin, Marmor. Die Lagerstätte selbst liegt auf dem Westabhange des Madan Dera. Als Nebengestein zeigt sich Quarzit, im nördlichen Teile im Kontakt mit Glimmerschiefer liegend. Madan Dera folgt dem Quarzit. Dieser tritt entweder als Hornstein auf, metamorphes Ge- stein gegen Porphyr oder als Kappenquarz, dessen Höhlungen mit hineinragenden Kristallen von Antimongtanz erfüllt und von Antimonoxyd stark überkrustet sind. In Nestern tritt reichlich Schwefelkies auf. Die Antimonerze führen weder Gold noch Arsen. Sie treten als Gänge und Imprägnationen des Nebengesteins auf. Diese Imprägnationen formen Nester, die eine Größe bis zu 4 cbm einnehmen. Der mittlere Metall- gehalt macht 55 "/o Sb aus. Neben anstehendem N. F. XVIII. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 63 Erz sind in den Halden noch Möglichkeiten der Gewinnung vorhanden. In Gönil< hat man das Bild vor sich, wie von einem Unternehmer ohne Kapital Raubbau getrieben worden ist. Darum ist die Grube auf keinen Fall schon abgebaut. Ein vollständig abgebautes Antimonerzlager ist beim Dorf Djibrail auf der Nordseite des Djibrail Degh vorhanden. In Quarzit kommen Antimon- oxyde und Antimonsulhde vor. Schwefel zeigt sich bei Dera Tschiftlik auf dem Ostufer des Say Su, der sich hier in terti- äre Konglomerate loo m tief eingegraben hat. In das wohlgeschichtete Konglomerat ist auf lOO und mehr Quadratmeter betragenden Flächen Schwefel imprägniert oder gediegen vorhanden. Das feinkörnige Bindemittel des Konglomerats ist durch die Imprägnation zersetzt und porös geworden. Grobe Stücke des leichtangreitbaren Kalksteins sind nicht zersetzt, sondern mit einer messerrückendicken Kruste von Schwefel über- zogen. Gips fehlt. Der Schwefelgehalt beträgt höchstens io^/q. Mangewinnt aus dem Schwefel- erz „Schwefelblumen", die gegen die Reblaus verkaufe wurden. Zum Abbau ist die Lager- stätte von zu geringer Ausdehnung und zu arm. Von größerer Bedeutung ist die Schwefellager- stätte von Tschambaschi am Sakardja Burun auf dem Südufer des Emir Tschai. Hier zeigt sich eine Decke von kristallinem Gips über dem vom Schwefel imprägnierten Sandstein. Der Gips ist mit einer dunkelgrauen bis grünlich-schwarzen zerreiblichen Masse, die übel riecht, vermengt. Hier ist Schwefel sehr spärlich vorhanden. Der Sandstein ist zerklüftet und überall zerborsten. Die Spalten und Hochräume sind mit Schwefel ausgefüllt. Ist im Sandstein der Schwefel fein zerteilt^ dann bekommt er eine weiße Farbe. 40 "/o Schwefel ergeben die Proben aus den noch vorhandenen Vorräten, während eine vom Ver- fasser gemachte Durchschnittsprobe 26,3"/^ S ent- hält. An der Oberfläche dehnt sich das Vor- kommen über viele Hektar aus. Die Abbauver- hältnisse und der Abtransport ist günstig. Zur- zeit ist eine 'Schwefelgrube bei Katschibowlu in Betrieb. Magnesitlager stehen am Gipfel mehrerer Hügel in 8 m durchschnittlicher Mächtigkeit bei Djuwaly an. Zwischengelagert sind tuffartige Gesteine, untcrlagert Konglomerate. Das Erz ist äußerlich rein, derb und dicht. Der Bruch ist muschelig. Über Kilometer hin verrät sich die Lagerstätte durch die weiße Farbe des Erzes. Über den Wert der Lagerstätte entzieht sich der Verf. eines Urteils. Interessante Manganlagerstätten liegen bei Uschak und zwar westlich davon. Hier zeigen sich nicht nur entstehende Manganerze, sondern hier kommen sie auch in aluvialen Seifen vor. In jungtertiären Sedimenten treten rote porphy- rische Gesteine auf, die vom Verf. als Rhyolith bezeichnet werden. Bis jetzt ist ein Zusammen- hang des Erzes mit diesem Eruptiv noch nicht festzustellen gewesen. Das Nebengestein sieht fast weiß aus, fühlt sich mager an, klebt an der Zunge, riecht angehaucht sehr tonig, verrät also eine starke Kaolinisierung. Das Erz ist ein Hart- manganerz in Trümern und Trümchen. In anderen Teilen zeigt sich schwach rote Farbe, zcllige Struktur. In den darin enthaltenen oolithischen Massen treten Weichmanganeize auf, die von einer Rinde Hartmanganerz umgeben sind. Große Be- deutung ist diesem Vorkommen nicht zuzusprechen. Anders ist es mit den Eluvionen. In ihnen zeigt sich das Erz in großer Reinheit. Auf einem Flecke von 16 ha kann man 160 t reinsten Erzes von Kirschkern bis Zweifaustgröße sammeln. Die Eluvi- onen lassen auf eine noch unentdeckte primäre Lagerstätte schließen. Quecksilber findet sich bei dem Dorfe Eskiköj und bei Musedjik. Beide Vorkommen sind durch die Schlucht des Wai-Wai-Dere getrennt. Beide gehören zum Massiv des Elma- und Kiseldagh. Als hier vorherrschendes Gestein vermutet der Verf auch Ryolith. Im Wei-Wei-Dere überlagert dieser Ryolith Kalkstein, der dünnplattig schiefrig geworden ist und marmorartiges kristallines Aus- sehen zeigt. Weil bei Eskiköj die Feldspate zerstört sind, ist eine scharfkantige Quarzbreccie entstanden. Im Quarzskelett des Gesteins finden sich dort Zinn- oberimpägnationen, in denen sich die Feldspate an- gehäuft haben. Nur sehr schwach ist die Impräg- nation. Darum auch geringer Abbau. Bei Musedjik ist der Ryolith auch hochgradig zersetzt, doch nicht so stark kieselsäurehaltig. Im reichlich vorhandenen Mulm tritt in zentimeterlangen, haar- feinen Äderchen Zinnober auf. Vielleicht hat sich das Gestein erst chemisch umgewandelt, nachdem der Ryolith, in dem es enthalten war, eruptiv war. Beim Versuch der Ausbeutung ist es hier auch geblieben. Bei Beltaly auf dem Ergünei Tepe findet sich dasselbe Gestein wie an vorhergenannter Stelle. Drei Partien lassen sich unterscheiden. Erstens sind es harte, dichte, hornsteinartige Schichten, die flächenhaft Zinnober führen, dann weiche mulmige Massen mit Erzimprägnaiionen, drittens sehr kieselsäurereiche Partien, die zelligen Quarz enthalten, in dessen Zwischenräumen derber, erdiger Zinnober liegt. Zum Teil füllt es die Hohlräume als Derberz aus. Erzträger und Erz- bringer ist der Ryolith. Begleitmineralien fehlen bei diesen Quecksilberlagerstätten dem Quecksilber- erz. Am aussichtsreichsten würde sich der Berg- bau nach des Verf. Anschauung bei Beltaly ge- stalten. Die wichtigste Eisenerzlagerstätte ist die von Tschawdar im mächtigen Beschparmakgebirgs- massiv. Vorherrschend ist Gneis, in dem Glimmer- schieferinseln eingelagert sind. Der Gneis ist ein Augengneis mit großen Feldspaten und viel Mus- kowit. Das Eisenerz auf Damir Dapa stellt sich in konkordanten Lagern, die untereinander parallel liegen, ein. Die Mächtigkeit beträgt mindestens 2 m für ein Lager mit Zwischenmitteln von 6 — 15 m Vielleicht handelt es sich hier um Lager oder 64 Naturwissenschaftliche Wochenschrift N. F. XVni. Nr. 4 Lagergängen. Das Erz ist im ersten, zweiten, vierten Lager, vom Liegenden an gerechnet sehr hartes Roteisenerz, durchzogen von feinen Aderchen von Eisenglanz. Das dritte Lager ist Eisenglanz mit geringem Pyrit. Das Roteisenerz ist hoch- wertiges Eisenerz. Der Vorrat ist sehr bedeutend. Rudolf Hundt. Zoologie. Die Sanierung der Balkanländer durch Ausrottung der Überträger des Wechselfiebers. Wertvolle Fingerzeige m dieser Beziehung liefert Prof. Dr. F. Doflein. ^) (Münch. Medizinische Wochen- schrift Nr. 44 vom 29. Oktober 19 18). Die Larven und Puppen der Stechmücken durchlaufen ihre Entwicklung freilebend im Wasser und ent- wickeln sich besonders gut in stehenden oder langsam fließenden Gewässern. Wie schon mit- geteilt wurde, gelang es D., in der Fauna des Balkans, wo die Malaria häufig ist, außer A. maculipennis und superpictus noch im Süden und Osten Mazedoniens Anopheles bifurcatus nach- zuweisen. Die Larven und Puppen dieser Art leben in den mitunter reißenden Wasserläufen, welche in den Schluchten des Balkangebirges zu Tal strömen. Um vom Wasser nicht mitgerissen zu werden, schmiegen sie sich mit dem Hinter- ende der Felswand an. Die sonst zur Ver- nichtung der Stechmückenlarven gebräuchlichen Methoden sind hier nicht anwendbar; Rohpetro- leum, Saprol und andere Öle, welche sich auf dem Wasserspiegel ausbreiten, so daß die Larven und Puppen der Stechmücken an der Oberfläche des Wassers keine Luft holen können und ersticken müssen, würden durch die Strömung weggeschwemmt und so ihren Zweck verfehlen. Der Vorschlag von D. geht nun dahin, das Wasser der Schluchtbäche in der Nähe ihres Ursprungs durch Stauwehre zurückzuhalten; von Zeit zu Zeit werden die Schleußen geöft'net und das hinter ihnen angesammelte Wasser stürzt als reißender Strom durch die Schlucht zu Tal. Dabei reißt die Flut alles mit sich, so auch die Stechmückenlarve und puppen, die sich in den stehenden Wasseransammlungen befinden oder an den Uferwänden des Baches ansitzen. Da das Wasser, sobald es in der Tiefe ankommt, ver- sickert, bleiben die Tiere auf dem Trockenen liegen und gehen bald zugrunde. Das Verfahren von D. wurde schon wieder- holt praktisch und mit bestem Erfolge ange- wendet. Wann die Vernichtung der Larven der Stech- mücken am bester geschieht, hängt von der Entwick- lungszeit der jeweiligen Art ab. Auf eine starke Entwicklung im Frühjahr (Mai bis Juni) folgt eine zweite Kulmination im August. Die günstige Jahreszeit (Frühjahr bis Herbst) erlaubt sicher drei, zuweilen vielleicht auch sechs Entwicklungs- perioden der Anopheles. Krankheitsüberträger sind die im Sommer frisch entwickelten Stech- mücken, welche sich durch Blutsaugen an einem kranken Menschen infiziert hatten, und nicht etwa die überwinterten Weibchen des vorher- gehenden Sommers, welche in Gebäuden, Stallun- gen, Gängen usw. überwintern und in welchen die Vermehrung der im Sommer aufgenommenen Hämosporidien während der Winterruhe vor sich geht. Die Speicheldrüsen solcher Stücke wurden schon bei den amerikanischen Anophelesarten frei von Sporozoiden gefunden, und auch D. be- richtet, daß er mehrere Hundert aus notorisch malariaverseuchten Gegenden stammende Ano- phelesmücken nach der Überwinterung frei von Sporozoiden fand. Es wäre dennoch möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, daß der Malaria- erreger durch Überwintern der weiblichen Stech- mücken bis in den nächsten Sommer erhalten werden könnte. Kathariner. ') siehe Band 17. Nr. 18, von 5. Mai 1918, Seite 253 d. Ztschr. Literatur. Zsigmondy, Prof. Dr. R. , Kolloidchemie. Ein Lehr- buch. 2. verb. und z. T. umgearbeitete Aufl. Mit 5 Tafeln und 54 Texifiguren. Leipzig '18, O. Spamer. 26 Mk. Bieberbach, Prof. Dr. L. , Differential- und Integral- rechnung. Bd. 11. Integralrechnung. Mit 25 Texttiguren. Leipzig und Berlin '18, B. G. Teubner. 3,40 M. Abraham, Dr. M. , Theorie der Elektrizität, i. Band. Einführung in die Maxwell'sche Theorie der Elektrizität. 5. Aufl. Mit II Textfiguren. Leipzig und Berlin '18, B. G. Teubner. 13 M. P a X , Prof. Dr. F., Pflanzengeographie von Polen (Kongreß- Polen). Mit II Karten und 8 Tafeln. Berlin 'iS, Dietrich Reimer (Ernst Vohsen). 11,50 M. Graetz, Prof. Dr. L., Die Alomtheorie in ihrer neuesten Entwicklung. Sechs Vorträge. Mit 30 Abbildungen. Stutt- gart 1918, Engelhorn's Nachf. 2,50 M. Hertwig, Prof. Dr. O., Das Werden der Organismen. Zur Widerlegung von Darwin's Zufallslheori« durch das Gesetz in der Entwicklung. 2. verm. und vert». Aufl. Mit II5 Text- abbildungen. Jena 1918, G. Fischer. 2 1 M. Ziegler, Prof. Dr. H. E. , Die Vererbungslehre in der Biologie und in der .Soziologie, ein Lehrbuch der naturwissen- schaftlichen Vererbungslehre und ihrer Anwendungen auf den Gebieten der Medizin, der Genealogie und der Politik, zu- gleich 2. Aufl. der Schrift über ,,Die Vererbungslehre in der Biologie". Mit 114 Textfiguren und 8 z. T. farbigen Tafeln. Jena 1918, G. Fischer. 20 M. Müller-Lenhartz, Die Fortschritte der Landwirtschaft in ihren Beziehungen zur Entwicklung der Naturwissenschaften. Leipzig 1917, H. Mehner. Auerbach, Prof. N. F., Das Wesen der Materie. Leip- zig 1918, Dürr'sche Buchhandlung. 3 M. Inhalt: K. Schutt, Das Bohr'sche Atommodell, (i Abb.) S. 49. E. Boerma, Die philosophischen Richtungen in ihrem Verhältnis zur Naturwissenschaft und ihre Synthese in der ,, Philosophie des .\ls-ob'-. S. 55. — Einzelbericbte : R. Seeliger und E. Bräuer, Über die Methoden zur Untersuchung der Struktur des Windes. S. 60. M. A. Gau- ducheau, Blut und Eingeweide der Schlachitiere zu Nährzwecken. S. 62. E. Franke, Mitteilungen über einige Erzlagerstätten in Kleinasien. S. 62. F. Doflein, Die Sanierung der Balkanländer durch Ausrottung der Überträger des Wechselliebers. S. 64. — Literatur: Liste. S. 64. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Mi ehe, Berlin N 4, Invalidenstrafie 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a.. d. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge 18 Band; der ganzen Reihe ^4, Band. Sonntag, den 2. Februar 1919. Nummer 5. Zoologiehistorische Kritik des Buches von Georg Stehli über Jan Swammerdam's „Bybel der natuure" [Nachdruck verboten.] Von Rudolph Zaunick in Dresden. Herr Fehlinger hat auf S. 606 in Nr. 42 des XVII. Bandes Neuer Folge dieser Zeitschrift die Veröffentlichung Nr. 93 von Voigtländers Quellenbüchern: „Aus der Bibel der Natur. Merk- würdige Bilder aus der Werkstatt eines alten Zoologen : Jan Swammerdamin. Ausgezogen, neu bearbeitet und herausgegeben von GeorgStehli,"^) kurz angezeigt und begrüßt. „Die Quelle alles Wohlgefallens ist die Homogeneität", sagt aber einmal Schopenhauer im 2. Bande seiner Parerga und Paralipomenal Wenn es auch jetzt nur allzu gebräuchlich ist, daß Referenten über Arbeiten aus ihnen fremden Gebieten sprechen, so fordere ich als Biologie- historiker doch für meine Disziplin stets nur kompetente Beurteiler. Dies dürfte aber Herr Fehlinger im Pralle Stehli nicht gewesen sein. Den Beweis hierfür trete ich im folgenden kurz an. Das in Frage stehende Quellenbuch, das der Verlag uns schon seit längerer Zeit angekündigt hatte, wurde von uns mit ziemlicher Spannung erwartet, da Jan Swammerdam's bekannte „Bybel der natuure" ohne allen Zweifel das in- teressanteste zoologische Werk seiner Zeit war und höchst bahnfördernd gewirkt hat. Georg Stehli, dessen Name uns bis jetzt nur als Mitarbeiter am „Kosmos" bekannt war, hat dem Qucllenbuch, dessen Titel mich persön- lich übrigens recht fatal an Jahrmarkt erinnert, eine kleine Einleitung vorangeschickt und dann Swammerdam's Text „einer Neubearbeitung unterzogen" und ,,dem Stande der heutigen For- schung angepaßt" (S. Ii). In verkleinerter, aber höchst klarer Wiedergabe folgen schließlich die 53 Kupfertafeln aus der „,Bybel". Ein gewagtes Experiment, solch eine „Neu- bearbeitung" und „Anpassung an den Stand der heutigen P"orschung"l Daß Stehli die Tiere der alten Kupfertafeln zu identifizieren und die S wam- merdam'schen Fachausdrücke mit modernen Termini technici zu erklären sucht, ist unstreitig recht verdienstlich. Doch verwischen Stehli's ausführliche Erklärungen der einzelnen abgebildeten Tiere und ihrer Teile vollständig den Unter.^chied zwischen der Zoologie von heute und der Zoolo- gie von damals. Wer von den Lesern nicht Swammerdam 's Originaltext parallel benutzen kann, wird da schwerlich ein geschlossenes Bild von des Holländers Wissenschaft erhalten. Ganze Abschnitte S t e h 1 i ' s bringen lediglich neue und ') Leipzig, R. Voigtländer, o. J. [1918]. Mit 53 Nach- bildungen von Kupfertifeln. 127 S. kl. 8". Preis: 1,80 M. kart., 2 M. in Pappband. allerneueste Meinungen und Erkenntnisse, so z. B. das 16 Seiten lange Kapitel „Von den Bienen" (S. 49 ff.), dessen Inhalt also fast gar nicht mehr mit Swammerdam's Bienenwissenschaft zu- sammenhängt. Immer und immer wieder müssen wir zünftigen Zoologiehistoriker betonen, daß unsere Forschung einzig und allein genetisch sein kann, und nicht retrospektiv. Stehli's Text wird vielleicht Durchschnittslesern ganz gut ge- fallen. Denn es ist eben eine wissenschaftlich angehauchte Plauderei über einzelne Tiere, und da hinein sind verstreut Swammerdam's Be- obachtungen und Fachausdrücke. Ich persönlich habe allerdings mit Gleichgesinnten ein anderes, diametral entgegengesetztes biologiegeschichtliches Forschungsideal: Das Bedeutsame herausheben aus der alten Quelle, es in Parallele stellen oder kom- binieren mit irüheren und zeitgenössischen An- schauungen und Ergebnissen und — aber das ganz vorsichtig I — es heraufverfolgen in unsere Zeit und sehen, wie es entweder nachgewirkt hat, oder wie es gewandelt, oder schließlich, wie es gezwungener- und verdientermaßen fallen gelassen worden ist. ') Also schon rein methodisch kann sich die jetzt allein zur Kritik berechtigte Zoologiegeschichte mit Stehli's ,, Neubearbeitung" und ,, Anpassung" keinesfalls einverstanden erklären. Man bedenke doch : zweiundeinhalb Jahrhunderte intensivster zoologischer Forschung liegen zwischen Swam- merdam und uns I Da ist eine „Anpassung an den Stand der heutigen Forschung" entweder ver- lorene Liebesmüh oder — schade ums knappe Papier. Ich will nicht etwa sagen, daß es einem wirk- lich methodisch geschulten Zoologiehistoriker ein Leichtes wäre, Swammerdam's „Bybel der natuure" in der von mir soeben gekennzeichneten Weise wissenschaftlich auszuschöpfen. Ja unsere genetische Methode ist ungleich schwerer durchführbar als die leider übliche, gewisser- maßen dilettantische retrospektive. Und, darüber wollen wir einmal ganz offen reden, buch- händlerisch lukrativ ist sie erst recht nicht. Unverantwortlich geradezu ist aber auch Stehli's literarhistorische Einleitung über „Jan Swammerdamm [1], sein Leben und Schaffen" auf den ersten 7 Textseiten, von direkten F"ehlern ') ,,Die Lebensregungen im Schrifttum der Vergangenheit zu erfassen, ist die Aufgabe des bio- logisclien Historikers", so bekannte erst jüngst wieder Karl Sud hoff in den „Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften" XVI (1917), S. 227. 66 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVllI. Nr. 5 wimmelnd, störend lückenhaft, überhaupt ohne jegliche historische Durchpulsung. Swammerdam's Wesen ist geistesgeschicht- lich und — abstrahiert man hiervon — rein mensch- lich so voll des Interessanten und Rätselhaften, daß es doch den modernen Wissenschaftler reizen müßte, da hineinzudringen und vor allem einmal den in jeder Hinsicht nur unheilvollen Einfluß Antoinette Bourignon's, jener chiliastischen Schwärmerin, oder sagen wir einfach Hysterikerin, auf den sechsunddreißigjährigen Mann endlich psycho-analytisch darzustellen. Auf Beobachtung und Untersuchung bauen sich bei dem Holländer die Ergebnisse wohl auf, doch religiöse Ideen ranken sich an ihnen empor und verdecken die Linienführung und feinere Bildhauerarbeit seines Wissenschaftsgebäudes. Ich finde, daß sich Swam- merdam's Wesen am besten ausdrückt in einem Dedikationsbrief an Thevenot, wo es heißt: Ik prcscntccr U. Ed. alhicr den. Alinaghfigcii Villger GODS, in de Anatomie -van een Luys [Laus]; luaar in Gy ivonderen op ivondercn op een gestapelt suUvinden, en de Wysheid Gods in ee7i klecn puncte klaarlyk sicn tcn toon gcstelf. Es ist obendrein mit Sicherheit festzustellen, daß S t e h 1 i überhaupt nicht die von Boerhaave besorgte, 1738 fertig herausgegebene lateinisch- holländische Originalausgabe in den Hän- den gehabt hat, sondern nur die .1752 zu Leipzig herausgekommene deutsche Übersetzung. Denn sonst hätte Stehli wohl den genauen Doppeltitel der Originalausgabe zitiert und würde nicht nur ganz ungenau von der „Bijbel [1] der Natuur [1]", die „vorher von einem Herrn Hieroni- mus David Gaudius [I] auch ins Lateinische über- tragen worden war", geschrieben haben. Dieser angebliche „Gaudius" ist nämlich der zu seiner Zeit durch viele Schriften recht bekannte Leidener Mediziner Hieronymus David Gaub(ius) (1704 — 1780), über den man Näheres und weitere Literatur in A. J. Van Der Aas „Biographisch Woordenboek der Nederlanden" (X, Haarlem 1862, S. 47 ff.) und in der „Allgem. Deutschen Bio- graphie" (VIII, Leipzig 1878, S. 4i6ff.) findet. Leider hat Stehli nicht einmal den Titel der deutschen Übersetzung v. J. 1752 sorgfältig wieder- gegeben; zu verbessern ist (auf S. 9 unten): ,, ge- wissen Klassen" in „gewisse Classen", „erläutert" in „erleutert" und „Boerhaave" in [das freilich falsche] „Boerhave". Auch bringt StehliSwam- merdam's Namen stets nur in der falschen Schrei- bung „Swammerdamm" der deutschen Übersetzung. Als gravierendster Beweis aber für meine Be- hauptung ist vorzubringen, daß den reproduzierten 53 Kupfertafeln auch nur diejenigen der deutschen Übersetzung v.J. 1752 zugrunde liegen und nicht die aus der Originalausgabe v. J. 1738. Denn gleich auf Tab. I in Stehli's Ausgabe lesen wir ganz wie in der Leipziger Ausgabe unten in der rechten Ecke ein zierliches J. C. G. Fritsch sc, während in der Leidener Ausgabe J : v : d. Spyk fccit zu finden ist. Dadurch ist natürlich auch der Wert der reproduzierten Kupfertafeln um einiges gesunken. Bemerkt sei übrigens, daß zeitlich nach der deutschen Übersetzung der „Bybel der natuure" noch 1758 zu London') und gleichzeitig zu Dijon und Auxerres ^) je eine englische und französische Übersetzung herauskamen, von denen aber Stehli nichts zu wissen scheint, obgleich gerade dies kennzeichnend ist für die zeitgemäße Bedeutung des Werkes. Von sonstigen Ungenauigkeiten der Einleitung mag hervorgehoben sein, daß der auf S. 7 an- geführte „Samuel von [I] Musschenbroek (um 1690 [1])" der bekannte Samueljoosten van Musschen- broek ist, der freilich schon 1682 die Augen ge- schlossen hatte. Wir Historiker sind dann ge- wöhnt, den Vornamen Thevenots alsMelchi- sedech zu schreiben, nicht „Melchisedeck", wie auf S. 8 zu lesen. Es hätte übrigens gar nichts geschadet, wenn über diesen Diplomaten und Reisenden eine das Biographische genauer fassende Fußnote geschrieben worden wäre. Swammer- dam promovierte auch nicht, wie man auf S. 5 liest, mit einer Schrift „Von dem Oihemholen", sondern mit einem ,,Tractatus physico-anatomico- medicus de respiratione usuque pulmonum", der später noch zweimal gedruckt wurde. *) Ein wei- teres Zeichen dafür, daß Stehli einzig und allein die deutsche Übersetzung benutzt hat, wo in der vorangestellten Biographie Swammerdam's aus Boerhaave's Feder der Titel von S w a m m e r - dam 's Dissertation so verdeutscht ist. Ein Zeichen aber zugleich, daß Stehli sich den Teufel um die S wam merdam- Literatur gekümmert hat. Wenn er überhaupt auf S. 8 meint, daß wir über die Anzahl der Schriften und Sendbriefe Swam- merdam's, sowie über die Reihenfolge ihres Erscheinens „nur sehr dürftig unterrichtet" seien, so ist dies nur ein rein persönlicher Schluß Stehli's a non scire ad non esse. Doch es würde zu weit führen, wollte ich jetzt hier den glatten Gegen- beweis antreten. unwissenschaftlich und ungenau ist das kurze Literaturverzeichnis auf S. 119 f. Und wann kommt man denn in Deutschland endlich dahinter, daß in solchen Zusammenstellungen die genauen Titel der Bücher, aber nicht der ihren Doktorhut auf- dringlich zur Schau tragenden Verfasser er- forderlich sind? Doch bei uns Deutschen heißt's nun einmal: „Mit euch, Herr Doctor . . ." In wissenschaftliche Literaturlisten hat sich jedenfalls die leidige Titulaturenfrage niemals zu verirren I Erquicklich sind jedenfalls meine Aussetzungen an diesem Voigiländer'schen Quellenbuch nicht. 1) Übersetzt von Th. Flloyd, mit Noten von J. Hill, in fol. unter dem Titel ,,The Book of Nature". -) Als Bd. V des von J. Berryat begründeten ,,Recueil de niemoircs, ou collection de pieces academiques" [auch unter dem Titel: Collection academique, comnosee de me- moires .... des plus celebres academics elrani^eres .... trad. en fraogois par une societe de gens de Ittlres], mit Noten von Savaiy, Gueneau de Monlbeliard usw. ä) Leiden 1679 in 8° und 173S in 4". N. F. XVIII. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 67 Weder für mich als Kritiker, noch für den Verleger, dessen übrige ,, Quellenbücher" fast durch die Bank wohlgelungen waren. Aber ge- sagt mußte es schlieiälich werden, um unsere Bio- logiehistorik beim Publikum nicht -in ganz falschem Lichte erscheinen zu lassen. Zoologie- geschichtliche Fachkreise werden sich schon von selbst ihr sicher nicht sehr schmeichelhaftes Urteil über Georg Stehli als Schriftsteller ohne biologiegeschichtliche Methode, ohne jegliche histo- rische Auffassungs- und Darstellungsgabe und ohne Literaturkenntnis und Sorgfalt gebildet haben. Noch einmal eine solche historische ,, Neubearbei- tung" und ,, Anpassung" aus Stehli's besonders im populären „Kosmos" geübter Feder, und ein anständiger Verleger hat sich bei uns höchlichst blamiert. Daher möge meine warnende Kritik nicht unbeachtet bleiben! Zu empfehlen ist das Voigtländer- sche Quellenbuch Nr. 93 lediglich als ungemeinbilligesgeschichtliches Tafel- werk, wenngleich auch da der Verlag von Stehli schlecht beraten war und nicht einmal die Kupfer- tafeln der Originalausgabe reproduzieren ließ. Doch ist dies nicht von allzu großer Bedeutung. Stehli's Einleitung und „Neubearbeitung" und „Anpassung an den Stand der heutigen For- schung" aber wird nur der Geschichtsschreibung der Zoologiehistorik wertvoll sein, um später ein- mal zu zeigen, wie- man auch im 20. Jahrhundert noch nicht wissenschaftsgeschichtlich denken und schreiben gelernt. Über das Metallspritzverfahren von Schoop. [Nachdruck verboten.] Von HanS Nachdem das ebenso einfache wie sinnreiche Verfahren des Schweizer Erfinders bereits seit Jahren nicht unbedeutende Anwendungen gefunden hat, erschien erst vor kurzer Zeit die erste aus- führliche Veröffentlichung darüber, ein Rand aus der Feder von Schoop und H. Günther (Franckh'sche Verlagshandig. Stuttgart), dessen Inhalt leider nicht ganz im Verhältnis zu seinem Umfang steht. Immerhin kann man sich mit Hilfe dieses Werkes ein Bild vom Wert und von der Zukunft des viel besprochenen Spritzverfahrens machen. Das Wichtigste davon sei hier fest- gehalten. Daran anschließend soll der wissen- schaftlichen kritischen Untersuchung Erwähnung geschehen. Das Prinzip der jetzt fast ausschließlich in zwei Typen (für dicke schwer- und für dünne leicht- schmelzbare Metall drahte) hergestellten ,, Metallisa- tor" — Spritzpistolen ist kurz dieses: Metalldraht von einer Dicke von 0,8 — 2,5 mm wird mittels einer Vorschubeinrichtung stetig in die Flamme eines Knallgasgebläses geführt, wo er alsbald schmilzt und sofort durch einen Preßluftstrom zer- stäubt und auf die zu metallisierende Oberfläche geschleudert wird. Der Druck des Knallgases beträgt 2 Atm., der der Preßluft 3,5 Atm. Die plötzliche Entspannung der Preßluft bedingt natür- lich eine starke Abkühlung der feinen Metall- teilchen. So ist es zu erklären, daß die Metalli- sierung auf allen Oberflächen, die wärmeempfind- lich sind, vorgenommen werden kann. Leder, Papier, selbst Zündhölzer lassen sich ohne Be- schädigung durch Verbrennung ohne weiteres mit dem Überzug irgendeines Metalles bedecken. Die schön glatten Überzüge, die sich in einer Stärke von 0,001 bis 10 mm Stärke herstellen lassen, entstehen nach Seh 00p 's Ansicht durch Ver- schweißen der Metallteilchen, deren sehr große Bewegungsenergie beim Auftreffen auf die Unter- lage in Wärme umgewandelt wird, so daß die Heller. festen Teile (s. o.) vorübergehend plastisch werden. Wir werden sehen, ob diese Auffassung halt- bar ist. Die Überzüge aus gespritztem Metall sind ,, ziemlich hart und spröde", angeblich härter als gegossenes Material, auch das spezifische Gewicht soll sehr hoch sein. Jedenfalls ist ihre Dichte so, daß sie geschliffen und poliert werden können. Nimmt man dazu die Geschwindigkeit des Ver- fahrens — in 2 Minuten lassen sich 40 g Metall auf 10 cm- niederschlagen — , seine Einfachheit und vergleichsweise Billigkeit, so erkennt man leicht den hohen Fortschritt, die schon jetzt un- leugbare Bedeutung des Schoop 'sehen Ge- dankens, der denn auch ein gewaltiges Anwen- dungsgebiet sich erschlossen hat. — Das Ausland ist besonders eifrig an den Ausbau des Metall- spritzverfahrens gegangen. In Frankreich beispiels- weise hat die „Societe de metallisation" die viel- fältigsten Anwendungsmöglichkeiten gefunden. In neuester Zeit hat schliefSlich das Verfahren eine weitere hochbedeutsame Verbesserung dadurch erfahren, daß an Stelle der I\letallschmelzung durch das kostspielige Knallgas diejenige durch den elektrischen Strom getreten ist. M In einer weiteren Mitteilung Schoop's-) wird das Verfahren weiterhin vereinfacht, — ob aller- dings verbessert, ist noch zweifelhaft. Die Preß- luftzuführung geschieht danach zentral (gegen periv)here Zuführung bei dem Pistolenspritzen) derart, daß das Luftzuleitungsrohr aus Blei in die Flamme eines Bunsenbrenners gehalten wird, dessen Hitze genügt, Blei und ähnlich niedrig schmelzende Metalle zu verflüssigen. Das ge- schmolzene Metall wird sofort vom Luftstrom mit- gerissen, und obwohl es unter diesen Umständen 1) Vgl. Prometheus Nr. 1516 (Jahrg. XXX, Nr. 7) Beibl. S. 27. *) Zeitschr. f. angew. Chemie 31, (Aufsatz-Teilj 204, 1918, 68 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 5 nicht staub-, sondern tröpfchenförmig zerteilt wird, ergeben sich dennoch sehr gute, gleichmäßige und festhaftende Überzüge aus „normalem, gesundem" Blei, was wohl „frei von Verunreinigungen und minderwertigen Modifikationen" ' ) bedeuten soll. Insbesondere bei Verwendung eines reaktionsträgen oder reduzierenden Gases als Druckmittel ist das Blei (nur mit diesem wurden Versuche gemacht) frei von Oxyd. Ein so verbleites Eisenblech kann, zumal wenn es vorher von der Rückseite erwärmt wurde, beliebig gebogen werden ohne daß der Bleiüberzug springt. Bewahrheiten sich die An- gaben in vollem Umfang, so wäre das große Problem der homogenen Verbleiung seiner Lösung wiederum beträchtlich näher gerückt. Aus der Fülle von Verwendungsgelegenheiten des Spritzverfahrens seien einige Fälle genannt: der Rostschutz, der eines der Hauptprobleme der Technik ist, ist mit dem S c h o o p - Verfahren so- gar auf fertige Konstruktionen aufzutragen, die bisher nur durch Farbanstrich zu schützen waren. Nickel- und Chromstahlsorten, bei denen bisher Verzinkung unmöglich schien, lassen sich nun leicht spritzverzinken. Sprengstofffabriken verlöten ihre Gefäße und Packungen nach Schoop, ja, bei niedriger Temperatur läßt sich der Spreng- stoff unmittelbar metallisieren. Patronenhülsen aus Papier werden metallisiert und sind dadurch leichter und sparsamer im Metallverbrauch als die bisherigen. Zeit- und Wagendecken, Masken für Laboratorien, Tressen, kurz, alle Gewebe lassen sich auf diese Art imprägnieren. Wichtig ist noch die Anwendung in der Luftschiffahrt. Ballonstoff läßt sich metallisieren; eine Haut von o,oi mm genügt, den Stoff gasdicht und feuersicherer zu machen. Frankreich überzieht fertige Flugzeug- konstruktionen mit gespritztem Rostschutz, und in der Schweiz durchweg eingeführt sind metalli- sierte Propeller, die neben größerer Beständigkeit eine geringere Vibration und viel kleinere Reibung besitzen als blanke Holzpropeller. — Die große Rolle, die hiernach das Metallspritz- verfahren zu spielen berufen sein dürfte, macht es nun naturgemäß wünschenswert, daß das Verfahren aus dem jetzigen Stadium des rein praktischen Probierens auf die Höhe wissenschaftlicher Ver- vollkommnung gelange. Denn die Güte der Me- tallisierung ist zunächst noch völlig unabhängig von unserem Willen und Bedürfnis. Erst wenn der ganze thermische bzw. physiko-chemische Vor- gang der Metallisierung, d. h. also die genauen Umstände bekannt sind, unter denen sich die ge- spritzten Überzüge bilden, erst dann haben wir es in der Hand, deren Güte wunschgemäß und erfolgreich zu beeinflussen. Es ist darum merk- würdig und in gewissem Sinne bedauerlich, daß der Erfinder Schoop selbst sich offenbar gar nicht um eine exakte Aufhellung der bei der Metallisierung verlaufenden inneren Vorgänge be- müht hat. Seine ziemlich anfechtbaren Vermutungen ') Vgl. Prometheus Nr. 14=;! (lahrg. XXVIII, Nr. 46) S. 724. darüber sind seit seinen ersten Veröffentlichungen ') bis heute nahezu unverändert geblieben. Eingehend wissenschaftlich hat sich mit dem Spritzverfahren dagegen Hans Arnold beschäftigt, dem wir eine Reihe wertvoller und wichtiger Kenntnisse darüber verdanken. '•') Nach Arnold ist die Größe der Teilchen nach der Zerstäubung 0,01 — 0,15 mm; die Ge- schwindigkeit in 10 cm Abstand vom Düsenmund beträgt für Messing im Durchschnitt 120 m sec~', für Zink 140 m sec~^ sie sinkt mit der Entfer- nung noch mehr, ist also überraschend gering. Die auf die Unterlage aufgeschleuderten Metall- teilchen zeigen eine verästelte Struktur, die aber dennoch das Gefüge des einen Teilchens gegen das andere unterscheiden läßt, so zwar, daß be- nachbarte Teilchen in horizontaler Richtung mit- einander verwachsen, daß sie aber in vertikaler, also in der Spritzrichtung deutlich voneinander geschieden sind und daß auf diese Weise eine schiclitenförmige Struktur zustande kommt. Diese Schichtung ist nicht ganz ebenmäßig, sondern wellenförmig. Arnold spricht von „Spritzwellen". Sie sind charakteristisch für gespritzte Metallhäute. Jede Metallobetfläche, deren Quer- schnitt wellenförmige Ätzfiguren zeigt, ist als ge- spritzt anzusprechen. — Die angeätzten Schlifif- bilder zeigen fernerhin Hohlräume im Gefüge der gespritzten Metaliüberzüge. Dadurch erklärt sich deren Sprödigkeit, die noch gesteigert wird durch einen (bei Kupfer z. B. 0,4 °/o betragenden) Oxyd- gehalt. Der Gehalt an Oxyd drückt schließlich auch die Dichte der gespritzten Überzüge herab. Überhaupt zeigt sich auch bei Metallen, die oxyd- frei sind, eine geringere Dichte gespritzter Über- züge irn Vergleich zu gegossenen, wie die nach- folgende Zusammenstellung beweist. spezifisches Gewicht Material gespritzt gegossen Zink 6.325 6,q22 Zinn 6,82 7,29 IVIessing 7,324 8,299 Aluminium 2,31 2,54 Blei 9,773 11,3.62 Kupfer 7,51 S,93 Diese Zahlen widerlegen also S c h o o p ' s Auffassung, daß die Teilchen verschweißen. Viel- mehr beweist das durch die nichtverschvveißenden Teilchen geringere spezifische Gewicht, daß die gespritzten Überzüge auch Nachteile haben. Überall da, wo große Dichte und geringe Spröde, also Festigkeit einer Metallhaut gefordert sind, wird man gegossene Häute vorziehen. Ein weiterer Übelstand ist m. E. der besonders beim Spritz- 1) Techn. Monatshefte IV. S. I, 1913. *) Zeitschrift für anorganische Chemie 99, 67, 1917 u°d Zeitschr. f. angewandte Chemie 30, 209 usw, N. F. XVni. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 69 verfahren auftretende Metallstaub, der durch Ver- luste beim Zerstäuben entsteht. Er beträgt bei dem doch bei sehr hoher Temperatur verdampfen- den Aluminium 6—8%. Wie dieser Mißstand, seien — dies zu finden ist Aufgabe der gründ- lichen wissenschaftlichen und technischen Behand- lung des Verfahrens. Man darf im Sinne des technischen Fortschritts hoffen, daß solche Be- sowie andere Unvollkommenheiten zu beheben arbeitung bald in Angriff genommen werde. Einzelberichte. Anthropologie. Der gegenwärtige Stand der Akklim at isationsfrage . Bei der Anpassung an das Tropenklima muß sich der Organismus den ver- änderten Lebensbedingungen der neuen Umwelt anpassen, ohne daß dabei die wesentlichen Rassen- eigenarten der Vorfahren verschwinden und ohne daß die Fruchtbarkeit in einem den Bestand der Rasse gefährdenden Maße herabgesetzt wird. ') Steudel sieht die Akklimatisation nur dann als vollendet an, wenn der Europäer in den Tropen ein Leben führen kann, genau wie in seiner alten Heimat, wenn also z. B. der Kleinbauer jahraus jahrein 10—12 Stunden schwere Feldarbeit zu leisten imstande ist. '^j Es ist noch fraglich, ob eine derartige Anpassung möglich ist. Die Er- fahrungen, die bisher in dieser Beziehung gemacht wurden, sind nicht besonders ermutigend. Die Möglichkeit der Ansiedlung von Europäern in tropischen Hochländern wird zwar von den meisten Autoren zugegeben, die sich mit der Sache befaßten, von anderen aber doch bestritten und zwar unter Hinweis auf die Schädigung des Nervensystems durch die Einwirkung der Sonnen- strahlen. Die Frage nach den Akklimatisalions- aussichten im tropischen Tieflande ist noch voll- ends unentschieden; zumeist wurde sie in nega- tivem Sinne beantwortet. Die Ansichten über die Ursachen der Unmöglichkeit oder mindestens Schwierigkeit der Anpassung von Europäern an das Tropenklima weichen voneinander weit ab. In der Hauptsache werden zwei verschiedene Theorien vertreten. Die einen, namentlich die Kolonialärzte, führen das Mißlingen der europäi- schen Kolonisation im tropischen Tiefland auf Epidemien zurück, die in diesen Gegenden ende- misch sind, die anderen, hauptsächlich die Anthro- pologen, schreiben den klimatischen Faktoren, ins- besondere der Sonnenstrahlung, den vorwiegenden Einfluß zu, und sehen darin das Hindernis für die Besiedlung dieser Länder durch Bevölkerungen weißer Rasse. Wenn die Kolonialärzte im Rechte sind, so bestehen für die tropische Kolonisation gute Aussichten bei den Fortschrhten , die die Medizin in der Bekämpfung der Tropenkrankheiten bereits gemacht hat. Die Ansicht der Anthropo- logen dagegen stellt bei der Unbeeinflußbarkeit der klimatischen Faktoren die pessimistische Rich- tung in der Akklimatisationsfrage dar. Einige praktische Ergebnisse der Ansiedlung von Europäern in den Tropen sollen hier erwähnt ') Verhandl. d. Intern. Kolonialinstituts 1911 S. 114. 2) Ebenda, .S. 279. werden. Eine im Jahre 190S unter Führung von Dr. V. Lindequist nach Ostafrika entsandte Kommission kommt in bezug auf die Erhaltungs- fähigkeit von Europäern in tropischen Hoch- ländern zu günstigen Ergebnissen.') In Höhen von 1200 bis 2000 m bewahren die Männer ihre Leistungsfähigkeit und die Frauen ihre Gebär- tüchtigkeit. Entartungszeichen sind nirgends zu beobachten. In besiedelungsrähigen Hochländern Ostafrikas, heißt es in dem erwähnten Bericht der Lindeq u ist Kommission, weist die Lufttempe- ratur meist jene regelmäßigen täglichen Schwan- kungen a,uf, die der Europäer für die Wärme- regulierung seines Körpers bedarf. Die Luft- feuchtigkeit ist nicht so groß, daß sie Gesundheits- schädigungen zur Folge haben muß. In wehen Steppengebieten herrscht Lufttrockenheit, die erfahrungsgemäß Erkältungen nicht aufkommen und auch die tropischen Temperaturmaxima leicht ertragen läßt. Offenes und meist zu jeder Jahres- zeit fließendes Wasser ist reichlich vorhanden; es ist fast überall frei von unangenehmen Beimengun- gen. Maläriafreiheit ist in den ostafrikanischen Hochgebirgen dort sichergestellt, wo das nächt- liche Temperaturminimum unter 10 — 15" C liegt, was im allgemeinen in Höhen von 1500 m und darüber der Fall ist, aber auch sonst auf isolierten Hügeln und stark Wärme ausstrahlenden Ebenen. Von den Orten, wo endemische Malaria festgestellt wurde, liegen einige über 1000 m, aber keiner liegt über 1500 m hoch. Die Schlafkrankheit wird nach allem, was bisher darüber bekannt ist, die Hochländer selbst nicht bedrohen. Ihr Auf- treten ist an das Vorkommen von Glossina pal- palis gebunden, und dieses Insekt, das zur west- afrikanischen Waldfauna gehört, wird auf den ost- afrikanischen Höhen nicht gefunden, weil hier augenscheinlich seine Lebensbedingungen, gleich- mäßige Wärme, weite, buschunisäumte Gewässer usw. mangeln. Ruhr kommt zwar auch in den Höhengebieten vor, aber selten; Aussatz, Rückfall- fieber und Wurmkrankheit sind dort ebenfalls nachgewiesen und fordern ernste Bekämpfung. Pest, Cholera, Typhus, Tuberkulose usw. gibt es in den von der Kommission besuchten Gegenden nicht. Von den verheirateten Ansiedlern, die An- gaben machten, waren nur wenige kinderlos und diese waren meist erst kurz verheiratet. In etwa dem vierten Teil aller Ehen betrug die Kinder- zahl über fünf Im brasilianischen Staat Espirito Santo ge- ') Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 147, I.Teil, 70 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 5 deihen in den Hochländern unter etwa 20 Grad südl. Breite schon drei Generationen deutscher Kolonisten sehr gut; die Geburtenhäufigkeit ist dort sehr groß und die Sterblichkeit trotz des Mangels sanitärer Einrichtungen sehr gering.') Weit ungünstiger sind die Ergebnisse der An- siedlung von Europäern in tropischen Tiefländern. Von Mittelamerika berichtet Prof. Sapper, daß es dort um die Gesundheit der weißen Ansiedler schlecht bestellt ist und daß sie leicht den Ein- flüssen des Klimas erliegen, das erschlaffend wirkt und zwar auch auf die Fortpflanzungsorgane, wes- halb europäische Frauen meist kinderlos sind oder nur wenige Kinder haben. Südeuropäer passen sich leichter an als Nord- und Mitteleuropäer. In der Panamakanalzone haben die Amerikaner die Gesundheitsverhältnisse bedeutend verbessert, in- dem sie sanitäre Maßregeln mit eiserner Strenge durchführten; ähnliches ist aber nur dann möglich, wenn einer tropischen Siedlung bedeutende finan- zielle Zuwendungen von auswärts gemacht werden. — Auf den kleinen Antillen nimmt die Zahl der Weißen fast überall ab, die Zahl der Neger und Mischlinge aber ist im Zunehmen begriffen. Schon diese Tatsache beweist, daß die Inseln als Be- siedlungsgebiet für Weiße nicht geeignet sind.-) In Surinam (Südamerika) haben sich nur wenige Nachkommen holländischer Ansiedler erhalten, die nach Angabe von Prof. B 1 o e m zum größten Teil entartet sind. ^) Von Niederländisch - Ostindien, wo seit 300 Jahren europäische Kolonisation stattfindet, sagt Dr. Kohlbrugge, daß er nur eine Familie er- mittelte, die rassenrein geblieben war und bereits in der vierten Generation dort lebte.*) Nach Dr. Nederburgh gibt es in NiederländischOstindien zwar Gegenden mit einem für Europäer günstigen Klima, aber im Verhältnis zum Ganzen sind sie nicht groß und sie hängen nicht zusammen, so daß die europäischen Ansiedler zwischen für sie ungeeigneten Ländern eingeklemmt sein würden. Außerdem ist der ganze Archipel bevölkert, und zwar von einer Rasse, die nicht die geringste Neigung zum Aussterben zeigt. Die Erfahrung von Jahrhunderten hat gezeigt, daß Europäer und Farbige sich sehr gerne mischen, sogar wo der Blutmischung behördlicherseits entgegengetreten wird, und es besteht keine Aussicht, künftige Kolonisten rein zu erhalten.'') In S ü d a f r i k a ist die europäische Kolonisation in den Hochländern überall erfolgreich gewesen, in den Tiefländern hat sie fehlgeschlagen, es ver- mögen sich dort europäische Siedler nicht zu halten. Ein gutes Beispiel bietet die britische ') VVagemann, Die Deutschen Kolonisten im brasilia- nischen Staat Espirito Santo. München 191 5. ') Sapper, Mittelamerilia. Ansiedlung von Europäern in den Tropen. 2. Teil. ") Bloem, Niederländisch-Westindien. Ebenda. *) Einfluß der Tropen auf den blonden Europäer. Archiv für Rassen- und Gesellschaflsbiologie. 7- J'^^^Sm S. 575- ^) Ansicdlune von Europäern in den Tropen. 2. Teil, 4. Ahschn., Niederländisch-Oslindien. Kolonie Rhodesien. In kurzer Zeit hat das bergige Süd-Rhodesien eine ansehnliche weiße Bevölkerung mit beträchtlichem Geburtenüberschuß erhalten, während in dem niedrig gelegenen und sehr wasserreichen Nord-Rhodesien erst etwa 300 Euro- päer leben und diese nur zeitweise. ') Der Mißerfolg der europäischen Kolonisation in tropischen Tiefländern ist vor allem darauf zurückzuführen, daß die europäischen Menschen dem Klima dieser Länder nicht angepaßt sind. Die Menschenrassen von heute sind eben lokale Anpassungsformen und die im Laufe einer vieltausendjährigen Entwicklung stattgefundene Differenzierung der körperlichen Eigenschaften kann nicht wieder rückgängig gemacht werden, wenn auch eine gewisse Plastizität der heutigen Menschenrassen, wie sie Franz Boas trefflich bewies,^j nicht zu leugnen ist; aber an eine Aus- gleichung der Unterschiede ist nicht zu denken. Schon die Massigkeit des Körpers der Nord- und Miiteleuropäer ist für das Leben in den Tropen ungeeignet, weil dieser massige Körper dort schwer kühl gehalten werden kann. Es gibt zwar in den Tropen auch hochwüchsige Menschen, wie die Sudanneger, gewisse südamerikanische Indianer- völker, Polynesier usw., aber diese großwüchsigen Tropenbewohner sind immer schlank und niemals massig. Als eine Anpassungserscheinung an das Tropen- klima kann zuversichtlich auch die dunkle Haut- färbung gelten, welche fast alle in den niederen Breiten unserer Erde wohnenden Zweige der Menschheit auszeichnet. Ursprünglich scheint die Menschheit nicht dunkel pigmentiert gewesen zu sein, denn die Negerkinder kommen regelmäßig mit schmutzig fleischfarbener Haut zur Welt und dunkeln erst später nach. Einen direkten Schutz gegen die Sonnenhitze bildet die dunkle Haut- farbe gewiß nicht, denn es ist bekannt, daß dunkle Flächen die Sonnenwärme stärker aufnehmen als helle. Aber dieser Nachteil der dunklen Pigmentie- rung wird dadurch mehr als aufgewogen, daß sie die Ausstrahlung der Wärme erleichtert. Über- dies ist das Epidermispigment eine Schutzein- richtung gegen die blauen und ultravioletten Lichtstrahlen, unter deren Einwirkung der pigmet- arme Europäer in den Tropen ungleich mehr zu leiden hat als der stark pigmentierte Neger, Araber, Dravida, Australier usw. Die geschlechtliche Aus- lese wirkte bei der DifTerenzierung der Hautfarbe der Menschen mit; wo die Gesündesten und Besten sich durch eine bestimmte Hautfarbe aus- zeichnen, da wird sie ein Mittel der Anziehung des anderen Geschlechtes sein, und sie wird da- durch als Rasseneigenart gesteigert und gefestigt werden. Es kommen auch noch andere Eigen- schaften der Haut in Betracht, die den Klimaten ') Die Ansiedlung von Europäern in den Tropen. 3. Teil. Fehlinger, Bevölkerung und Kolonisation Rhodesiens. Deutsche Rundschau für Geographie, 37. Bd., 3. Heft. ■'] Vgl. Naturw. Wocbenschr. N. F. XII. Bd., S. 353— SS"- N. F. XVnl. Nr. S Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 71 angepaßt sind. So erwähnt Kirch ho ff,') daß die Negerhaut durch eine unvergleichlich heftige Perspiration ausgezeichnet ist; diese massenhafte Verdunstung von Körperflüssiglieit durch die Haut erzeugt hochgradige Verdunstungskälte, und darum fühlt sich die Negerhaut umso kühler an, je heißer die Sonne brennt. Auch anderen europäischen Reisenden in den Tropen fiel es auf, daß die Ein- geborenen immer kalte Hände haben. Sehr zum Vorteil gereicht den Tropenbewohnern die große Elastizität des Körpers, die der Europäer, be- sonders der Nordeuropäer, verloren hat. Infolge dieser Elastizität strengt Arbeit die in den Tropen lebenden Rassen weniger an, sie ermüden nicht so leicht als die Europäer. Das Nervensystem des Europäers wird in den Tropen ungünstig be- einflußt. Schlaflosigkeit und Reizbarkeit sind meist die ersten Anzeichen der Schädigung der Nerven. Unter gewöhnlichen Verhältnissen zeigt der Ein- geborene die Reizbarkeit des Europäers nicht, wohl aber dann, wenn er eine höhere europäische Bildung genossen hat und sein Geistesleben sich dem europäischen nähert. Die ungünstige Ein- wirkung des Tropenklimas auf die Nerven wird von fast allen Europäern bekundet, die während ihres Aufenthalts in der heißen Zone zu geistiger Arbeit gezwungen waren, die dort viel schwerer zu leisten ist als in der Heimat. H. Fehlinger. Geologie. Über „Salzlagerstätten und Braun- kohleiibecken in ihren genetischen Lagerungs- beziehungen" hielt Joh. Walther einen inter- essanten Vortrag auf der 2. Mitgliederversammlung des Halleschen Verbandes für die Erforschung der mitteldeutschen Bodenschätze und ihrer Verwer- tung, welcher in der Zeitschr. „Kali" 12. Jahrg. 1918 erschienen ist. I Mitteldeutschland birgt vielfach dicht beisammen reiche Schätze an Salzlagern der Zechstein- und an Braunkohlen der Tertiärformation, die bisweilen demselben Wirtschaftsverband angehören. Beide einander so fremde Lagerstätten zeichnen sich durch merkwürdige Lagerungserscheinungen aus. Die Salzlager des oberen Zechsteins sind nach Walt her chemische Niederschläge aus einem großen weiten Salzsee, welcher vom offenen Welt- meere durch eine vom Ural bis nach England reichende Bucht abgeschnitten wurde, dann mehr und mehr eingeengt wurde und gleichzeitig unter den Einfluß eines niederschlagsarmen heißen Wüstenklimas geriet. Dieser große Salzsee sammelte seine Wasser in einem von Mellrich- stadt bis Segeberg und von Limburg bis Hohen- salza reichenden vielgegliederten Senkungsgebiet, in welchem sich Teilbecken von verschiedener chemischer Zusammensetzung bildeten, die bei ihrer Ausscheidung wechselnde Salzfolgen (Staß- furter-Typ, Werra-Typ) lieferten. Neben Joh. ') Kirch hoff, Darwinismus, angewandt auf Völker und Staaten. S. 43. Halle a. S. 1910. Walt her haben sich noch andere Forscher mit der Genesis der Salzlager und der sie zusammen- setzenden Salze beschäftigt, so namentlich vant' Hoff, Rinne, Erdmann und Rozsa durch ihre physikalisch -chemischen Untersuchungen, Lachmann durch seine geophysischen Studien über den Bau der Salzmassen Norddeutschlands (Salzauftrieb, Salzstock, Salzexzem), Jaenecke durch seine interessanten Erörterungen über die thermischen Folgen der Überlagerung der Salz- lager durch mehrere Tausend Meter Deckgebirge. Die Braunkohlen der Tertiärformation dagegen sind organische durch Anhäufung zerfallener Pflanzentrümmer entstandene Trümmergesteine. Aschenarmut wie riesige den Flözen eingeschaltete Baumstümpfe sprechen für eine autochthone d. h. bodenständige Entstehung der Flöze in Flözbecken (Kohlenbecken). Die ziemlich sumpfliebende Flora bestand aus einem Mischwald mit der noch heute lebenden Sumpfzypresse Taxodium distichum als Charakterbaum. Die Konservierung der gebildeten Zellulose fand bei Luftabschluß zumeist unter dem Wasserspiegel statt. In der Rhön, VVetterau und Kölner Bucht füllten sich flache Wasserbecken mit Moder an und wurden von Letten, vulkanischen Tuffen und Basahdecken überdeckt, dem Einfluß des Luftsauerstoffs entzogen und dadurch erhalten. Hier bildeten sich nur schwache Kohlenflöze, weil die Modermasse nicht mächtiger werden konnte als die ursprüngliche Beckentiefe betrug. Wo mehrere solcher schwachen BraunkohlenHöze ge- trennt durch mächtige Sand- und Tonablagerungen an derselben Stelle auftreten, muß man eine dauernde Senkung des Bildungsraumes annehmen. Diese wichtige Tatsache hat bereits für die Bil- dung der Steinkohlenlager des Oberkarbons ihre Bedeutung. Im Saarrevier sind 350 meist schwache Steinkohlenflöze einer Schichtfolge von 6000 m eingeschaltet, die sich nur so bilden konnte, daß ein weites Senkungsfeld im Laufe der Zeit um 6 km in die Tiefe sank und dabei abwechselnd Sand, Ton, Kies und Pflanzenmoder zur Ablage- rung kam. Im Gegensatz dazu sind die mitteldeutschen Braunkohlenlagersiäiten durch 20—100 m mäch- tige Braunkohlenflöze von großer Aschenarmut, vielfach ohne trennende Zwischenmittel und ein geringmächtiges Deckgebirge ausgezeichnet. In den verschiedenen Ab>chnitten der Teriiärzeit bildeten sich bald da bald dort lokale Senkungs- gebiete, in welchen sich das Grundwasser an- sammelte und dann eine Sumpfflora kontinuierlich Moderschicht auf Moderschicht häufte, bis schließ- lich der Senkungsvorgang an dieser Stelle zur Ruhe kam und an einer anderen Stelle in einer späteren Zeitperiode von neuem einsetzte. Des- halb kommen die eozänen, oligozänen und miozänen Kohlenbecken zumeist nebeneinander und nicht übereinander vor. An der einen Stelle bildeten sich Flöze von 100 m, an einer anderen Stelle von vielleicht nur 5 m Mächtigkeit. Derartige mächtige Senkungsbecken und die 72 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVm. Nr. 5 sie erfüllenden ßraunkohlenflöze sind auf das mitt- lere und nördliche Deutschland beschränkt. Ihre Verbreitung deckt sich auffallend mit derjenigen der deutschen Zechsteinsaize, so daß ein enger Zusammenhang offensichtlich erscheint. Die ur- sprünglich ebenflächig abgelagerten Salzschichten sind durch spätere Verlagerungen größten Maß- stabes (Faltung, Aufpressung, Überschiebung) nach oben gedrängt worden und dadurch unter den Einfluß des Tiefengrundwassers geraten. Große Salzmassen sind infolgedessen ausgelaugt worden, wodurch Erdfälle und Seen entstanden sind. Während der Aufwärtsbewegung des Salzes ent- standen an benachbarten Stellen enge und weite Senkungsfelder, die im Gegensatz zu dauernd ab- wärts gerichteten tektonischen Senkungsgebieten verhältnismäßig bald zur Ruhe kamen. In diesen Senkungsfeldern kamen dann die mächtigen Braun- kohlenflöze zur Ablagerung. Die ebenso interessanten wie wichtigen Untersuchungen von Joh. Walther geben ein treffliches Bild von den engen gene- tischen Lagerungsbeziehungen zwischen Salzlager- stätten nnd Braunkohlenbecken. V. Hohenstein-Halle. Bücherbesprechungen. Renward Brandstetter, Die Hirse im Kan- ton Luzern. Stans 191 7, von Matt. Im Geschichtsfreund der V Orte, Bd. 72 ist eine kleine Abhandlung über die Hirse erschienen, die ihrer Originalität wegen auch in dieser Zeit- schrift Erwähnung finden dürfte. Man lese z. B. das erste Kapitel über die Be- nennung der Hirse, so wird man den tüchtigen Sprachforscher sofort erkennen, der in den ein- heimischen Idiomen ebenso zu Hause ist, wie auf dem Gebiete der gesamten indogermanischen Sprachen. Die Geschichte der Hirsekultur führt bis zu den Pfahlbauten zurück. Im Kanton Luzern ist der älteste urkundliche Beleg aus dem Jahre 1290, ein Hirszchnten. Bis im 18. Jahrhundert war die Kultur noch reichlich, dann erfolgte ein rascher Rückgang. In gewissen Gegenden ist die Tradition über Hirse völlig erstorben. Dem Sprachforscher stehen aber eine Unmenge von Ortsnamen zur Verfügung, die auf Hirskulturen der Vergangenheit hmweisen. Hirsi, Hirseren, Fenkeren oder die Kompositionen Hirsland, Hirs- acker, Hirsgarten, Hirselenmoos, Hirselenweid usw. sind noch die letzten Erinnerungen an einstige Hirsareale. Spricht der Verfasser über Säen und Ernten der Hirse, oder über Dreschen und Enthülsen der Hirse, so spricht immer der tüchtige Kenner der Volkssprache und der Volkschroniken. Aus der Volkspoesie und aus dem Volksglauben zitiert der Verfasser kurze prägnante Belege über die Be- deutung der Hirse in der Vergangenheit. Wenige Luzernier, die den Hirsmontag tüchtig gefeiert, werden wohl an die alte Hirskultur zurückgedacht haben. Man darf gewiß dem Sprachforscher Dank sagen, wenn er der Geschichte der Kulturpflanzen seine wertvollen Dienste leistet, wie es im vor- liegenden Aufsatze der Fall ist. H. Bachmann. Prof. Dr. Johannes Meisenheimer, Entwick- lungsgeschichte der Tiere. 2., verb. Aufl. 2 Bde. (Sammlung Göschen Nr. 378 und 379.) G. J. Göschen'sche Verlagshandlung G. m. b. H. in Berlin und Leipzig. — Preis jedes Bandes i M. und 25 Pf. Teuerungszuschlag. Die beiden Bändchen geben einen ausgezeich- neten Überklick über den gegenwärtigen Stand unserer entwicklungsgeschichtlichen Kenntnisse. Der erste Teil behandelt die Furchung, die Bildung der Primitivanlagen und die Entwicklung der äußeren Gestalt, der zweite Teil die Embryonal- hüllen und die Organbildung. Über hundert klare schematische Abbildungen erläutern den Text. Gegenüber der ersten Auflage wurden folgende Veränderungen getroffen: Eine eingehendere Be- handlung erfuhr der ganze Abschnitt über die Entwicklung von den Folgeerscheinungen der Be- fruchtung an bis zur endgültigen Formgestaltung. Erweitert wurde ferner auch das Kapitel über die Embryonalhüllen. Dagegen fielen in der Dar- stellung der Organbildung einige Abschnitte weg, die mehr der vergleichenden Anatomie angehören. Mit dieser neuen Verteilung des Stoffes wurde insofern ein Fortschritt erzielt, als die Darstellung geschlossener und trotz der gebotenen Knappheit inhaltsreicher wurde. Dr. St. Literatur. Henrich, Prof. Dr. F., Chemie und chemische Techno- logie radioaktiver Stoffe. Mit 57 Textabbildungen und i Über- sicht. Berlin 1918, J. Springer. 15 M. Junge, G., Die Hirse. Leipzig, H. Mehner. I M. Kaßncr, Prof. Dr. K., Das Wetter und seine Bedeutung für das praktische Leben. 2. Aufl. Mit 27 Figuren und 6 Karten. Leipzig 1918, Quelle & Meyer. I,So M. Rosen, Prof. Dr. F., Anleitung zur Beobachtung der Pflanzenwelt. 2. Aufl. Leipzig 1918, Quelle & Meyer. 1,80 M. Stopje, H., Die Gemüsesamenzucht im Feld und im Garten. Leipzig, A. Michaiis. 1,60 M. Inhalt. Rudolph Zaunick, Zoologiehistorische Kritik des Buches von Georg Stehli über Jan Swammerdam's ,,Bybel der natuure". S. 65. Hans Heller, Über das Metallspritzverfahren von Schoop. S. 67. — Einzelberichte : Feh 1 in g er, Der gegenwärtige Stand der Akklimatisationsfrage. S. 69. Joh. Walther, Salzlagerstätten und Braunkohlenbecken in ihren genetischen Lagerungsbeziehungen. S. 71. — Bücherbesprechungen: Renward Brandstetter, Die Hirse im Kanton Luzern. S. 72. Johannes Meisenheimer, Entwicklungsgeschichte der Tiere. S. 72. — Literatur: Liste. S. 72. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Mi ehe, Berlin N 4, InvalidenstraBe 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S- Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge 18, Band; der ganzen Reihe 34. Band. Sonntag, den 9. Februar 1919. Nummer 6 Über Selbsterhitzung und thermophile Mikroorganismen. [Nachdruck verboten.] Von Hugo Miehe. Selbsterwärmungsvorgänge sind in der Natur sowohl wie in wirtschaftlichen Betrieben des Men- schen sehr häufig zu beobachten. Sehr verschiedene pflanzliche Stoffe werden warm, ja sehr heiß, wenn sie in größeren Massen aufgehäuft sind. Den Landwirt interessieren besonders die landwirt- schaftlich wichtigen Produkte, Rübenblätter, Ge- treide, namentlich Heu. Meist ist die Selbster- hitzung höchst unerwünscht, indem sie mit be- deutenden Verlusten, ja völliger Entwertung der ihr anheimgefallenen Stoffe verbunden ist, in manchen Fällen bedient sich der Mensch aber auch absichtlich ihrer, entweder, wie bei der Fermentation des Tabaks, um das Material zu veredeln, oder um Futterstoffe rascher zu trocknen und haltbarer zu machen. Letzteres geschieht beim Braunheu, namentlich in Gebirgsgegenden sowie in anderen feuchten Strichen, um die hier meist ungenügend bleibende Trocknung durch die Fer- mentation zu vollenden. Dabei muß freilich ein ziemlich bedeutender Stoffverlust in Kauf genom- men werden. Mustern wir die Stoffe, die einer Selbsterwärmung unterliegen können , sowie die Bedingungen, die dabei noch gegeben sein müssen, so sehen wir, daß es sich um Pflanzenstoffe von einem gewissen P'euchtigkeitsgehalt handelt, die in größerer Menge aufgehäuft werden, und zwar so, daß ein gewisses Quantum Luft die Masse durchdringt, diese also porös gebaut sein muß. Ganz trockene Substanzen sowie solche, die künst- lich so stark wie möglich zusammengepreßt sind, resp. ihrer Beschaffenheit nach sich ohne Luft- lücken lagern, zeigen keine oder nur anfängliche und dann schwach bleibende Erhitzung, die natür- lich auch dann gering bleibt, wenn die Haufen nur klein sind. Sehr starke und auffällige Selbst- erhitzung kann man jederzeit leicht beobachten, und zwar schon an verhältnismäßig geringen Mengen, wenn man feines Rasenheu direkt nach dem Mähen in Haufen setzt. Es entwickelt sich dann im Innern des Stapels schon nach kurzer Zeit eine solche Hitze, daß man die Hand nicht mehr hineinhalten kann. Genauer möge hier der Verlauf des Selbstheizvorganges an einem Heu- diemen geschildert werden, der unter Bedingungen zusammengesetzt wurde, wie sie für die Gewinnung von Braunheu nötig sind. 50 Zentner eines Wiesen- heus, das noch etwa doppelt soviel Wassergehalt führte, als man für gut getrocknetes Dürrheu an- nimmt, nämlich etwa 30 Prozent, wurden zu einem 3 Meter breiten und 3,5 Meter hohen Stapel auf- geschichtet. Schon nach zwei Stunden war im Innern die Temperatur um 2 Grad höher als außen, nach 24 Stunden dampfte der Diemen und hatte 57 Grad erreicht. Am heißesten war er nach vier Tagen, da konnte man nämlich 68 Grad im Mittelpunkt messen; andere Beobachter haben aber in größeren Haufen sogar noch wesentlich höhere Temperaturen festgestellt. Anderthalb Wochen nun hielt sich die Temperatur über bzw. auf 60 Grad, worauf dann der allmähliche Ab- kühlungsprozeß begann, der erst nach Wochen beendet war. Die Veränderungen im Innern der Masse betreffen das Wasser, die chemische Zu- sammensetzung der Trockensubstanz des Heues sowie die Gase. Das Wasser zeigt eine starke Abnahme, der Haufen hat sich also selbst ge- trocknet, wie man das ja auch an den ausge- hauchten W^asserdampfwolken ohne weiteres sehen kann. Aber auch die Trockensubstanz hat sich vermindert, und zwar bis zu 30 Prozent, also sehr beträchtlich. Am stärksten nehmen dabei die Kohlehydrate ab, weniger, aber immerhin deutlich auch die eiweißartigen Substanzen. Die Verände- rung der Binnenatmosphäre besteht in einem all- mählichen Verschwinden des Sauerstoffes und seiner Ersetzung durch Kohlensäure. Ein solcher Haufen verhält sich also wie ein lebendes Wesen, er verbraucht Sauerstoff und gibt Kohlensäure ab und wird dabei warm. Dieser Vergleich ist nicht bloß ein äußerlicher, sondern er trifft schon den Kern der Frage, welches denn eigentlich die Ursache dieser eigentümlichen Selbsterwärmung ist. Es stehen sich da zwei An- sichten gegenüber. Die eine behauptet, sie werde durch rein chemische Vorgänge bewirkt, durch Oxydationsvorgänge, die vielleicht durch irgend- welche Kontaktsubstanzen katalytisch beschleunigt werden, die andere nimmt zwar auch O.vydations- vorgänge an, aber solche, welche in lebenden Organismen verlaufen und einen Teil der physio- logischen Reaktionskette bilden, die man unter dem Begriff der Atmung zusammenfaßt. Das läßt sich auch leicht exakt nachweisen. Vorher müssen wir aber noch ganz kurz feststellen, was denn für Lebewesen im Heudiemen und allge- meiner bei Selbsterwärmungsvorgängen überhaupt in Frage kommen können. Da haben wir zu unterscheiden zwischen solchen Pflanzenstoffen, die noch ganz oder zum Teil aus lebenden Pflanzen- teilen bestehen, wie es z. B. bei der Braunheu- werbung der Fall ist, und solchen, die selber schon abgestorben sind, wie z. B. die Tabakblätter, auf denen aber reiche Entwicklung einer mikro- skopischen Lebewelt stattgefunden hat, die sich weiterhin noch ausbreitet. Natürlich müssen diese mikroskopischen Bewohner auch im ersten Falle anwesend sein, denn alle Pflanzenteile, wie fast 74 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVHI. Nr. 6 alle Gegenstände unserer Umgebung sind mit Keimen von Schimmelpilzen und Bakterien besetzt, die sich sofort üppig zu vermehren beginnen, so- bald günstige Bedingungen hinzutreten. Also das etwa als Wärmequelle in Betracht zu ziehende organische Leben wird entweder durch lebende Pflanzen samt den auf ihnen angesiedelten Klein- lebewesen oder durch letztere allein dargestellt. Bekanntermaßen kann man nun das Leben ver- nichten, z. B. durch Erhitzung in heißem Wasser- dampf, so wie der Bakteriologe irgendwelche Sub- stanzen keimfrei macht. Sterilisiert man derge- stalt Heu im Sterilisator, so verliert es die Fähigkeit, sich zu erwärmen, vollkommen. Merkwürdigerweise, aber in bezug auf bald zu er- wähnendes erklärlicherweise, genügt dazu schon eine Temperatur von etwa 65 Grad, man braucht also nicht einmal die sonst übliche Hitze von 100 Grad anzuwenden. Macht man nun das sterili- sierte Heu wieder künstlich keimhaltig, indem man es mit Erde, Staub, Schmutzwasser oder anderen infektiösen Materialien impft, so gewinnt es die F"ähigkeit der Selbsterhitzung zurück. Daraus geht also mit Sicherheit hervor, daß in der Tat Mikroorganismen, auf Pflanzenstoffen wuchernd, diese erhitzen können. Ob dies die lebenden Pflanzen selber auch können, ist sehr viel schwerer zu beweisen, da es außerordentlich mühsam, technisch vielleicht unmöglich sein würde, ein hinreichendes Quantum keimfreier lebender Pflanzen zu bekommen. Doch werden wir gleich sehen, daß diese Frage auf Grund allgemein-physiologi- scher Vorstellungen ohne weiteres zu bejahen ist. Sehr schwierig ist nun aber einem anderen Ein- wände zu begegnen. Es können nämlich an der Erzeugung von Wärme auch Enzyme beteiligt sein, etwa Oxydasen, die von den lebenden Pflanzen- teilen produziert werden, und da diese durch die Erhitzung bei der Sterilisierung ebenfalls ge- schädigt werden können, wäre unter Umständen neben der rein mikrobiologischen Wärmequelle noch eine enzymatische anzunehmen. Wenn man nun die Hitzesterilisierung ersetzt durch eine Des- infektion mit chemischen keimiötenden Agentien, mit Desinfizientien, wie z. B. P'ormaldehyd oder Chloroform, so wird dadurch die Selbsterwärmungs- fähigkeit ebenfalls vollständig unterdrückt. Man könnte zwar auch jetzt noch behaupten, daß auch die Enzyme durch die angewandten Stoffe gelähmt worden seien, würde sich aber damit auf ein vor- läufig ganz ungreifbares Gelände zurückziehen. Die Untersuchungsmittel, die uns nach Lage der Dinge zu Gebote stehen, weisen gleichsinnig darauf hin, daß der Selbsierwärmungsvorgang durch die Lebenstäiigkeit von Organismen bedingt wird. Nun können wir uns die P'rage vorlegen, wie denn überhaupt durch Lebewesen Wärme erzeugt werden kann. Begreiflich, wenn auch nicht ohne weiteres ursächlich verständlich erscheint uns die Tatsache nur bei den Warmblütern. Aber die Wärmebildung ist viel allgemeiner, sie ist auch bei den Tieren mit wechselvvarmer Körpertempe- ratur vorhanden. Bienen und Ameisen z. B., ob- wohl einzeln nur etwa so warm, wie die Um- gebung, zeigen sofort an, daß auch sie Wärme zu bilden vermögen, wenn sie in dichten Mengen beieinander sitzen. So heizen Bienen ihre Bienen- körbe, Ameisen ihre Nester in einer ohne weiteres fühl- und meßbaren Weise mit ihren Leibern. Bei den Pflanzen ist es nun ganz ähnlich. Das einzelne Individuum verhindern die große Oberfläche und die Transpiration, sich über die Außentemperatur zu erwärmen; sind aber viele Pflanzen zusammen- gehäuft, so tritt das vorher nicht bemerkbare Heiz- vermögen alsbald deutlich zutage. Ja, bei manchen Pflanzenarien können wir sogar ohne - diese be- günstigenden Umstände am Einzelobjekt bereits Temperaturerhöhung nachweisen. So ist in den Blüten des Aronstabes der Kolben erheblich wärmer als die Umgebung, die riesigen Bluten- stände der Palmen und Schraubenpalmen erhitzen sich bemerkbar, wenn die zahllosen Einzelblüten aufblühen, ein Hutpilz ist oft innen wärmer als außen, desgleichen eine Kokosnuß, wenn sie aus- keimt. Niedere Pilze und Bakterien zeigen das- selbe, wenn sie in dichten Mengen ein Nahrungs- substrat durchwachsen; schon z. B. ein Stückchen eines verschimmelten Brotes ist innen etwas wärmer als außen. Selbst in Flüssigkeiten kann man diese Erscheinung beobachten, wie z. B. die Essig- gradierfässer und die Maischebottiche zeigen. Die Vorgänge, die diesen physiologischen Heizprozeß unterhalten, sind eng mit der Atmung verknüpft, d. h. mit jenem Stoffwechselkomplex innerhalb der lebenden Substanz, bei dem es unter Verbrauch von Körpersubstanz auf die Gewinnung von Energie abgesehen ist, und der bei den meisten Organismus durch Aufnahme von Sauerstoff und Abgabe von Kohlensäure gekennzeichnet ist. Atmungsvorgänge in diesem Sinn finden sich, wenn auch in veischiedener Stärke, bei allen Organis- men, bei den Tieren sogut wie bei den Pflanzen. Schimmelpilze haben sogar eine Atmung, die, ge- messen an der Kohlensäureausscheidung, hundert- mal so intensiv wie die des Menschen sein kann. Kehren wir nunmehr wiederum zum Heu zu- rück und fragen wir uns, welche Organismen hier die Nährer der physiologischen Flamme sind 1 In erster Linie sind es beim Braunheu die Futter- kräuter selber, die, weil nur leicht angewelkt, noch leben und atmen, wahrscheinlich sogar besonders intensiv atmen, da durch Verwundung die Atmung gesteigert wird. Allerdings könnten sie nur eine Erhitzung bis etwa 45 Grad verständlich machen, d. h. bis zu der eigenen oberen Temperaturgrenze. Nun steigt aber die Temperatur in genügend großen Haufen noch wesentlich höher, bis 70, 75 Grad. Diese weitere Steigerung der Wärme muß durch andere, und zwar durch ganz eigen- tümliche, hitzeliebende Lebewesen bewirkt werden. In der Tat kennen wir gewisse Bakterien, die die seltsame Eigentümlichkeit zeigen, noch bei Tem- peraturen zu gedeihen, die für andere Lebewesen unbedingt tödlich sind, und, was noch merk- N. F. XVIII. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 75 würdiger ist, bei gewöhnlichen Temperaturen in Froststarre zu liegen und erst bei Temperaturen von 30 bis 40 Grad zum Leben zu erwachen. Man nennt solche Organismen, zu denen übrigens auch etliche Schimmelpilze gehören. Therm o- phile. Im Heu findet sich nun auch etwa von 40 Grad an eine zu dieser physiologischen Sonder- gruppe gehörige Bakterienart in reichlicher Menge, auch läßt sich wiederum durch Impfversuche an sterilisiertem Material nachweisen, daß dieser als Bacillus calfactor benannte Keim die von ihm durchwucherte Masse erhitzen kann. Soviel über das Heu. — Besteht die in Selbsterhitzung übergehende Masse aus toten Pflanzenteilen, so müssen natürlich von allem Anfang an mikro- skopische Lebewesen die Rolle der Heizer spielen, zunächst solche, die schon bei gewöhnlicher Tem- peratur gedeihen und unter denen ein Coli-Bacillus eine besondere Bedeutung hat, später wieder, wenn diese sich selber zu Tode erhitzt haben, thermo- phile Mikroben. Merkwürdig ist, daß nach länger dauernder Selbsterhitzung die ganze Masse, so z. B. das Braunheu, im Innern vollkommen steril wird, es sterilisiert sich selber. Sogar Sporen finden sich nicht mehr! Wenn sich nun lange Zeit eine hohe Tempe- ratur im Innern von Heustapeln erhält, so geht die Masse schließlich in eine kohleartige Substanz über, die in ihrem feinporösen Zustande außer- ordentlich leicht zur Selbstentflammung neigt, sobald sie mit reichlichen Mengen Sauer- stoff in Berührung kommt. Wie diese eigentlich zustande kommt, kann man heute nicht genau sagen, da keine genügenden experimentellen Unter- lagen vorliegen. Sicher sind diese Endstadien rein chemischer Natur. Man kann nur sagen, daß die Selbstentzündung von pflanzlichen Stapelprodukten stets an eine vorhergehende, lang dauernde und kräftig verlaufende Selbsterhitzung gebunden ist. Je günstiger die Bedingungen für intensive Selbst- erwärung sind, um so größer ist die Gefahr der Selbstentzündung. Daraus ergeben sich die Ver- hütungsmaßnahmen von selber. Den besten Schutz gewährt die tadellose Trocknung. Leider ist nun gerade dies eine Bedingung, die sich oft infolge ungünstiger Umstände nicht befriedigend erfüllen läßt, oft muß man ja wegen der Witte- rungsungunst die Selbsterwärmung mit in Kauf nehmen, bzw. ruft man sie gerade als Korrektiv hervor. Da kommt es nun darauf an, die Futter- stoffe nicht in zu großen zusammenhängenden Massen zu stapeln, also die Diemen nur klein zu machen oder in Scheunen die Masse durch Stock- werke oder eingebaute Schächte zu teilen. Auch würde ein hinreichender Zusatz von Salz, falls dies zur Verfügung steht, eine zweckdienliche Maßregel sein. Besonders aber wäre zu raten, die Tempe- ratur dauernd zu kontrollieren, wie man das z. B. in den Tabaksiapeln stets und mit größter Sorg- falt macht. Es läßt sich leicht so ausführen, daß man an geeigneten Stellen starke eiserne Röhren von engem Lumen in die Masse mit hineinpackt. durch die man ein kleines Maximumthermometer hineinschieben und herausziehen kann, die aber sonst außen verschlossen sein müssen. So wäre man immer darüber unterrichtet, was im Innern der Heumasse vorgeht und wäre keinen unlieb- samen Überraschungen ausgesetzt. Was nun die Bekämpfungsmaßnahmen angeht, so hängen sie von dem Zeitpunkt ab, wo man eingreift. Ist man auf dem Posten gewesen und hat von vornherein bei Heuhaufen, die sehr groß waren und unter verdächtigen Umständen aufgebaut wurden, die Temperatur verfolgt und dabei schon in der ersten Woche eine sehr starke Erhitzung eintreten sehen , so wird man ohne große Gefahr sofort einschreiten können. Man kann da durch Umsetzen, Einbauen von Schächten noch etwas erreichen. Lenkt aber, wie das leider oft genug der Fall ist, erst nach Wochen oder gar Monaten der bereits brenzliche Geruch des Haufens die Aufmerksamkeit auf sich, so muß man ihn mit der höchsten Vorsicht behandeln, da jetzt jede Luftzuführung gefährlich ist. Also jetzt noch Luftschächte hineinbauen zu wollen, wäre Torheit. Meist sind ja gerade eine bereits angekohlte Diele, resp. Ritzen, Spalten darin, oder ein Balken oder andere Luftzirkulation begünstigende Umstände die Ursache davon, daß schon lokal ein Glimmen eingesetzt hat. Und dies würde alsbald zu offener Feuersbrunst entfacht werden, falls man unbedacht in dem Haufen herumstochern würde. Kann man den Haufen nach Lage der Dinge nicht einfach sich selber überlassen, muß man sich also entschließen, ihn abzuräumen, so kann dies nur unter Beobachtung aller nur er- denklichen Vorsichtsmaßregeln, z. B. unter aus- giebiger Bereitstellung von Löschgerätschaften ge- schehen. Dabei ist eine dauernde Beaufsichtigung während der ganzen Arbeit und auch bei den ab- geräumten Massen unbedingt erforderlich, da oft ganz unvermutet aus ihnen, zuweilen noch auf den Wagen, Feuergarben herausschlagen. Man darf sie bis zur völligen Abkühlung überhaupt nicht aus den Augen lassen. Wie eingangs bereits bemerkt wurde, werden Selbsterwärmungsvorgänge häufig absichtlich ein- geleitet, um irgendwelche Rohprodukte in eine gebrauchsfähige oder verbesserte F"orm umzuwan- deln. Abgesehen von der Braunheubereitung, die auf die Erzielung eines haltbaren Futtermittels aus einem Ausgangsmaterial ungünstigen Feuchtigkeits- grades bzw. unter ungünstigen Trocknungsbeding- ungen ausgeht, spielt die Selbsterhitzung z. B. eine große Rolle bei der Fermentation des Tabaks. Die geernteten Tabakblätter werden in große Trockenscheunen (hangloodsen nennen sie die Holländer in Java) aufgehangen, um hier langsam abzusterben und zu trocknen. Die Trocknung ist vollendet, wenn das Blatt vollständig tot und des Wassers soweit beraubt ist, daß es eben noch eine geschmeidige Beschaffenheit aufweist. Es enthält also noch ein gewisses Maß Feuchtigkeit (20 — 25 "/o)- Nunmehr werden die gebündelten 76 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 6 Blätter zu großen Stapeln von würfelförmiger Gestalt aufgehäuft , und zwar geschieht dies in den großen Fermentierhäusern (den goedangs, wie sie malayisch heißen). Hier setzt alsbald eine Selbsterwärmung ein, deren Verlauf sorgfältig mit Hilfe von Thermometern gemessen wird, die durch ein Bambusrohr bis in die Mitte des Stapels ge- führt werden können. Auf einer an jedem Stapel befestigten Tabelle wird die Temperaturbewegung sorgfältig verzeichnet. Hat die Masse etwa 60" erreicht, was unter normalen Verhältnissen etwa nach 5 Tagen der Fall ist, so wird der Haufen umgesetzt, und zwar so, daß jetzt die vorher außen befindlichen Büschel nach innen gepackt werden. Später können auch mehrere Stapel zusammen- gesetzt werden , so daß Haufen von mehreren hunderten von Zentnern entstehen, kurz, man läßt die Masse so lange gären und sich erhitzen , als sie Neigung zeigt. Dann erst ist aus dem rohen Tabak das gebrauchsfertige Produkt entstanden, das ausgeführt werden kann, aber unter Umstän- den noch in Europa einer Nachbehandlung unter- worfen wird. Die Vorteile, die bei dieser Fer- mentation erzielt werden, sind einmal eine größere Haltbarkeit, indem die fermentierte Masse trotz eines gewissen im Hinblick auf das feuchte Tropen- und das ebenso feuchte Seeklima unvermeidlichen und auch nicht unerwünschten Wassergehaltes beim Transport und bei der Lagerung nicht ver- dirbt. Der zweite Vorteil besteht in einer wäh- rend des Fermentionsvorganges verlaufenden gün- stigen Veränderung der Substanz. Denn, wenn wir einmal vom Zigarettentabak absehen, so ist ein einfach getrocknetes Tabakblatt " nur ein sehr wenig schmackhaftes Rauchzeug. Zu einem ge- wissen Teil läßt sich die natürliche Fermentation durch eine künstliche ersetzen, indem das Tabak- gut höheren Temperaturen ausgesetzt wird. Noch nicht endgültig entschieden ist, welche Ursachen die Erhitzung des Tabaks bewirken. Der Streit ist durch ähnliche Schlagworte gekennzeichnet wie wir sie oben bei der entsprechenden Erschei- nung der Heuselbsterwärmung anführten. Man kann es wohl als sehr wahrscheinlich bezeichnen, daß auch die Tabakfermentation hauptsächlich ein physiologischer, und nicht ein rein chemischer Vorgang ist. Es müssen aber, da die Masse von Anbeginn des Stapeins an tot ist, sogleich Mikro- organismen als Heizer auftreten, die sich denn auch in der Tat im Tabak finden. Auch Wärme- liebende sind vertreten. Ob nun aber die Ver- änderung der Masse auf die mikrobiologische Einwirkung der Tabakmikroflora direkt zurück- geht, oder ob sie nur die etwa als Hauptagens anzusprechende Hitze liefern, oder ob dazu noch blatieigene Fermentwirkungen treten und schließ- lich, ob vielleicht alle Momente oder einige von ihnen zusammen den Effekt hervorbringen, ist noch nicht entschieden. Es wäre leicht, noch eine ganze Reihe anderer Aufbereitungsverfahren hier zu erörtern, bei denen ebenfalls unter Entwicklung von Wärme mikro- biologische oder physiologische Umsetzungsvor- gänge stattfinden (wie z. B. die Fermentation des Thees usw.). Wir wollen uns aber lieber zum Schluß noch kurz einem Punkte allgemein biologi- schen Interesses zuwenden, der die Lebewelt selbsterhitzter Massen betrifft. Wie wir sahen, findet sich bei höheren Temperaturen im Heu eine sehr merkwürdige Bakterienart, die zu der biologischen Gruppe der Thermophilen gehört. Man kannte solche schon seit längerer Zeit. Nach- dem zuerst Miquel aus Seinewasser eine Bakterie isoliert hatte, die sich noch bei sehr hoher Tem- peratur entwickeln kann, haben namentlich medi- zinische Autoren weiterhin eine ganze Anzahl thermophiler Bakterien gefunden, denen sich auch etliche Schimmelpilze anschlössen. Allen diesen thermophilen Organismen ist die Eigenschaft ge- meinsam, überhaupt erst bei höherer Temperatur (etwa 30 — 40"), ihre Entwicklung zu beginnen, also bei Temperaturen gewissermaßen in Frost- starre dazuliegen, die für die übrigen Organismen, namentlich die Pflanzen, gerade das Leben ec- möglichen. Impfe ich in ein Agarröhrchen eine thermophile Bakterienart, z. B. jenen Bac. calfactor, und halte dies bei der Wärme heißer Sommertage, also etwa bei 28", so tritt selbst nach Wochen kein Impfbelag auf, die Bakterien wachsen nicht. Erst bei 30" beginnen sie sich sehr langsam und träge zu entwickeln, bei 40" geht es schon rascher und bei 50 — 60" haben wir schon nach wenigen Stunden üppige Impfbeläge. Er vermag aber auch bei noch höheren Temperaturen bis über 70" zu wachsen. Auf das Fröhlichste durch- wimmelt er noch Flüssigkeiten, in denen man sich die Hand sofort elend verbrennen würde. Diese höchst merkwürdige Verschiebung der thermischen Lebensbedingungen nach oben hat nichts zu tun mit der bekannten Widerstandskraft von Bak^erien- sporen gegen das Kocnen. Denn solche Sporen sind ja im Ruhezustande befindliche Keime, die zwar eine gewisse Zeit die Hitze des siedenden Wassers überstehen , aber niemals bei höheren Temperaturen auskeimen und sich fortentwickeln würden. Es liegt vielmehr bei den Thermophilen die besondere Befähigung vor, nur nach Über- schreitung einer ungewöhnlich hohen unteren Wärmeschwelle ihre Lebensvorgänge, Wachstum, Bewegung, Vermehrung in Gang zu setzen und sie noch bei Temperaturen zu unterhalten, die allen anderen Lebewesen sofort tötlich sind. Denn die Mehrzahl aller Organismen wird bereits bei 40" geschädigt, 45" tötet schon rasch. Die Ei- weißstoffe, die das Plasma der thermophilen Mikro- organismen zusammensetzen, müssen von ganz besonderer Art sein , da für gewöhnlich Eiweiß- Stoffe bereits bei 50" gerinnen. Betrachten wir die Welt der Lebewesen als ganzes, so bereichern die Thermophilen dieses Bild um ganz neue und überraschende Züge. Wo haben wir sie aber in das Naturganze einzuordnen f Wo finden Or- ganismen mit so ungewöhnlichen Lebensansprüchen günstige Brutstätten, wo haben sie ihre Standorte? N. F. XVIII. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 17 Es ist merkwürdig, daß man sich diese Frage trotz des großen Eirers, mit dem man thermo- phile Bakterien in sehr verschiedenen Substraten aufsuchte, ernsthch nicht vorgelegt hatte. Man züchtet leicht aus allen möglichen Substanzen thermophileOrganismen, indem man Plattenkulturen damit impfte, und dann bei 60" hielt. Dabei war es ohne weiteres klar, besonders schlagend z. B. bei dem oben erwähnten Seinewasser, daß die dergestalt züchtbaren Mikroben unmöglich in jenen Impfmaterialien zu Hause sein konnten, daß sie vielmehr hier nur in F"orm schlafender Keime enthalten sein mußten, daß mithin ihre eigent- lichen Standorte irgendwo anders liegen müssen, wo sich hohe Temperatur mit Feuchtigkeit und Nahrung vereinigen. Als solche Stätten würden sich zunächst etwa heiße Quellen anbieten, die in der Tat eine thermophile Lebewelt beherbergen. Doch ist diese einmal eine ganz spezifische, in der jene weitverbreiteten Formen nicht vertreten sind, und dann sind sie ja, selbst wenn die eine oder andere Art auch hier vorkäme, so spärlich über die Erde verteilt, daß die große Häufigkeit ther- mophiler Keime unverständlich bliebe. Dann käme die Sonnenwärme in Frage. In der Tat vermag sie, wie auch experimentell gezeigt wurde, Thermophile auszubrüten, allerdings in unseren Breiten nur unter günstigen Bedingungen. Zwar wird die oberste Schicht des Bodens leicht warm, aber hier tritt Licht und Trockenheit hem- mend dazwischen, der Boden muß also schon bis zu einer gewissen Tiefe auf ca. 40" erwärmt werden, was, wie gesagt, gelegentlich eintreten kann. Besser sind die Bedingungen in den Tropen, wo regelmäßig mehrere Stunde» am Tage günstige Temperaturen auch an solchen Stellen auftreten, wo gleichzeitig die übrigen Wachstumsbedingungen geboten werden. Es sind dann auch wirklich zahlreiche Arten thermophiler Bakterien mit auf- fallend hoher unterer Wachstumsgrenze (35 — 45") aufgefunden worden. Die Sonnenwärme vermag also an manchen Stellen der Erde die thermophile Lebevvelt zur Entwicklung zu bringen, aber eins bleibt doch noch rätselhaft, nämlich das unge- wöhnlich hohe Optimum und Maximum. Wenn auch diese Punkte gelegentlich durch die Sonnen- wärme erreicht werden können, so ist dies doch so selten der Fall, daß sich jene extremen Fähig- keiten nicht auf harmonische äußere Bedingungen zurückführen lassen. Und wir nehmen doch an, daß die Eigenschaften der Organismen der bio- logische Ausdruck für bestimmte Faktoren der Umwelt sind. Ähnliche Gedankengänge würden für die Annahme sich herausstellen, daß die Warm- blüter, ihre Nester usw. als natürliche Thermo- staten in Frage kommen. Gewiß werden Thermo- phile im Darm gefunden, zweifellos kommen sie in Nestern brütender Vögel vor, aber wiederum bleiben das hohe Optimum und Maximum un- erklärbar. Dagegen gewähren die in Selbsterhitzung befindlichen Haufen pflanzlicher Stoffe einen geradezu idealen Ort, wo sich eine hitzeliebende Lebewelt zu größter Üppigkeit entwickeln kann. In der Tat sind gärende Heu- und Misthaufen eine F'undstätte der verschiedensten Thermophilen, neben Bakterien wuchern hier graue, gelbe, grüne Schimmelpilze besonderer Art (Thermomyces, Thermoidium, Thermoascus, thermophile Mucori- rieen, Aspergillen, Actinomyceten usw.) in größter Üppigkeit, namentlich wenn besonders günstige Feuchtigkeitsverhältnisse dazu kommen. An sol- chen Lokalitäten werden nicht nur die günstigen Anfangstemperaturen erreicht, sondern auch die hohen Optimal- und Maximalgrade, und es ist wohl kein Zweifel, daß die obere Grenze des oben erwähnten Bac. calfactor ungefähr mit dem Temperaturgrade zusammenfällt, den im allge- meinen gärheiße Stapel erreichen. Allerdings bleibt uns auch hier ein Bedenken nicht erspart, das in der Frage liegt: kommen denn wirklich solche selbsterhitzten Pflanzenreste in der Natur in hinreichender Häufigkeit vor? Für regelmäßig kultivierte Gegenden ist diese Frage zu bejahen. Zweifellos besorgt vor allem der Stallmist, der sich ja leicht erhitzt, im reichsten und umfassend- sten Maße regelmäßig die Verbreitung und Aus- streuung der Keime. Wie steht es aber mit den Verhältnissen der von der Kultur nicht beein- flußten Natur? Hier sind Gelegenheiten zur Ent- stehung von Selbstenvärmungsvorgängen offenbar sehr selten. Ich wüßte wenigstens aus eigener Erfahrung keinen Fall ganz ursprünglicher Selbst- erhitzungsvorgänge anzugeben. Wir müßten also zu dem Schlüsse kommen, daß die echten Ther- mophilen Kulturformen sind, die im Anschluß an landwirtschaftliche Betriebe entstanden und sich mit ihrer Hilfe erhielten. Wir hatten eingangs einen gärenden Pflanzen- haufen mit Rücksicht auf den Gaswechsel und auf die Quelle der Wärme mit einem Warmblüter verglichen. Wir können zum Schluß noch wenig- stens auf eine weitere Vergleichsmöglichkeit hin- weisen. Die Frage, ob sich pathogene Mikro- organismen, die ebenfalls, wenn auch weniger ausgeprägt, wärmebedürftig sind, außerhalb der infizierten Tiere und Menschen irgendwo ver- mehren und einnisten können, ist von erheblicher Bedeutung. Viele pathogene Bakterien sind ja wohl Berufsparasiten, die außerhalb des kranken Körpers sich nur auf der Durchreise und als Dauerformen erhalten. Gilt dies aber allgemein? Sollte es wirklich welche geben, die sich auch in der Umgebung vermehren, wachsen und gedeihen können, also hier Standorte haben, so kämen offenbar in erster Linie solche Lokalitäten in Frage, wo sich ähnlich wie im Körper, Wärme, Feuchtig- keit, Nahrung, Dunkelheit vereinigen. Und als solche Orte würden wiederum selbsterhitzte Stoffe zuerst zu nennen sein. Man findet nun wirklich in ihnen auch pathogene Mikroorganismen und zwar Schimmelpilze, die allerdings für den Men- schen selten , für das Vieh dagegen schon eher gefährlich werden. Ich weise auf den Aspergillus fumigatus hin, der das Geflügel bedroht, ferner auf 78 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVin. Nr. 6 gewisse Mucorineen. Auch die Strahlenpilze, die im gärenden Mist und Heu massenhaft vorkom- men, sind zum mindesten nicht unverdächtig, oder legen doch wenigstens den Verdacht nahe, daß auch der gefürchtete Erreger der Aktinomykose zu jener Kategorie von pathogenen Mikroorganis- men gehöre , die für gewöhnlich in der Natur hausen, aber gelegentlich auch in den Körper übergehen können. Eine mit Bezug auf unsere Auseinandersetzungen über Thermophile besonders interessante Stellung nimmt der Tuberkelbazillus ein; sie ist insofern unter den pathogenen Mikro- organismen eine merkwürdige, als er ein unge- wöhnlich hohes Temperaturminimum besitzt. Er fängt nämlich erst bei 30" zu wachsen an, verhält sich also hierin genau so wie die typischen Ther- mophilen, die wir oben besprachen. Er unter- scheidet sich jedoch von ihnen durch das Maxi- mum, das nicht ungewöhnlich hoch ist. Doch ist gerade das hohe Minimum ein besonders auf- fälliges Charakteristikum der Thermophilen, wir können den Tuberkelbazillus in etwas weiterer Begriffsfassung ohne weiteres thermophil nennen. Ist er vielleicht eine pathogene Rasse, die ihre Abkunft von solchen Verwandten herleitet, die im warmen Stallmist zu Hause sind, oder kommt er gar an solchen oder ähnlichen Örtlichkeiten in üppiger Vermehrung vor? Die Frage ist deshalb von besonderem Interesse, als man ja den Rinder- tuberkelbazillus nur als eine Lokalrasse des Men- schentuberkelbazillus auffaßt. Leider hat man solche Vermehrungsherde bisher noch nicht nach- gewiesen, daß er aber möglicherweise dort ge- deihen kann , dafür sprechen, abgesehen von der für ihn besonders wichtigen Temperatur,"" auch Ernährungsversuche, aus denen hervorgeht, daß der Tuberkelbazillus sehr wohl auf Auszügen pflanzlicher Stoffe wachsen kann. Er ist durchaus nicht so wählerisch, als manche Mediziner glauben. Trotzdem die Pathologen meist der Ansicht zu- neigen, daß für die Tuberkulose nur der kranke Mensch, eventuell auch das kranke Tier als primäre Infektionsquellen in Betracht konimen und eine davon unabhängige Infektionsquelle leugnen, er- gaben die obigen theoretischen Erörterungen, daß hier noch manche, dem Mediziner zunächst ferner liegende, aber durchaus nicht unfruchtbare Ge- dankengänge zu verfolgen sein würden. '} ^) Der erste Teil des Aufsatzes gibt einen Vortrag wieder, der vom Verf. im Klub der Landwirte zu Berlin gehalten und in dessen ., Nachrichten" (52. Jahrg. 191S] abgedruckt wurde. Ausführlicheres sowie weitere Literatur über das Thema findet sich z. B. in folgenden Schriften: H. Miehe, Die Selbsterhitzung des Heues. Eine biologische Studie. Jena 1907. — — , Über die Selbsterhitzung des Heues. Arbeiten der deutschen Landwirtschatts - Gesellschaft. Heft 196. Berlin igil. — — , Der Tabakbau in den Vorstenlanden auf Java. ,, Tropen- pflanzer" XV. Jahrg. igii. — — , Beiträge zur Biologie, Morphologie und Systematik des Tuberkelbazillus. Zeitschr. f. Hygiene und Infektions- krankheiten Bd. 62, 1908, S. 131. K. Noack, Beiträge zur Biologie der thermophilen Organis- men. Jahrb. f. wissenschaftl. Botanik. Bd. 51, 1912, S. 593- Kleinere Mitteilungen. Zur Frage des Zusammenhangs zwischen Mumi- fikation und Radioaktivität. In der naturwissen- schaftlichen Wochenschrift Band 17 Nr. 42, Seite 593, 1918, spricht Herr H. Sander die Ver- mutung aus, daß die Mumifikation von Leichen in manchen unterirdischen Grabgewölben und Höhlen, besonders im „Bleikeller" des Bremer Domes, durch radioaktive Wirkung verursacht sei, und gibt die Anregung zu experimentellen Unter- suchungen in diesem Sinne. Von derselben Vermutung ausgehend habe ich bereits im April 191 2 Messungen der luftelektri- schen Zerstreuung im Bremer Bleikeller ausgeführt. Das Ergebnis der Versuche war negativ: Eine übernormale Radioaktivität der Luft, des Bodens, der Wände oder Bleisärge existiert dort nicht. Als Ursache des auffallenden, in der Mumifikation der Leichen zum Ausdruck gelangenden asepti- schen Verhaltens des Bremer Bleikellers kommt daher die Radioaktivität nicht in Betracht. Diese Versuche wurden, soviel mir bekannt ist, nicht veröffentlicht. Ich habe jedoch seiner- zeit einen Bericht an die Bremer Domverwaltung sowie an den Direktor des Bremer meteorologi- schen Observatoriums, Herrn Professor Dr. Grosse, gesandt. Das Wesentlichste über die Versuche sei hier mitgeteilt: Der Spannungsabfall eines Elster- Geitel'schen Blatt-Elektrometers mit freiem Zer- streuungskörper wurde bei positiver und negativer Aufladung gemessen und als Maß für die Luftio- nisation genommen. In willkürlichen Einheiten ergaben sich für den Spannungsabfall in der Zeit- einheit folgende Werte: Ladung c des Zer- Spannungs- Ort Raum . ' ^" abfall in streuuDgs- , v ■. • t. -. •" der Zeiteinheit korpers Bremen Dom, Ostkrypta ( positiv 2,6 (früherer Bleikeller) \ negativ 2,1 ,, Dom, heutiger Blei- ( positiv 1,3 keller \ negativ 1,3 Halle a. S. Physik. Inst., Zimmer / positiv 5,5 im Erdgeschoß \ negativ 4,6 Der Versuchsraum in Halle a. S. war frei von radioaktiven Substanzen, jedoch in einem Back- steinbau, was aber die Zerstreuung nur um einige Prozente über den normalen Wert erhöhen dürfte. Die Bremer Zerstreuungswerte sind nicht nur nicht größer als normal, sondern sogar auffallend klein, N. F. XVni. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 79 Zu den Bremer Örtlichkeiten ist zu bemerken, daß die IVIumifikation der Leichen in der Ost- krypta, dem früheren Bleikeller, stattfand, und daß das aseptische Verhalten des heutigen Blei- kellers, in den die Leichen erst nach ihrer Ein- trocknung gebracht worden sind, noch nicht fest- steht. Die Ostkrypta ist stets von der Außenluft abgeschlossen. Der heutige Bleikeller steht im Sommer durch ein offenes Fenster mit einem Vorgarten in Verbindung. Ich halte es für wahrscheinlich, daß die Mumi- fikation im Bremer Bleikeller durch Trockenheit der Luft bewirkt wird, was noch ebenso wie die Ursache der Trockenheit zu untersuchen wäre. Der Bremer Dom ist auf altem Dünengelände, also auf trockenem Sandboden erbaut. Halle a. S , Pnysik. Inst. d. Univ., im Dezember 1918. Albert Wigand. Zum Kleinhirn der Teleostier. Mit i Abbildung. In folgenden Zeilen mögen emige Beobachtungen festgehalten werden, die ich an Hand einschlägiger Arbeiten (Schaper, Fusari) anzustellen Ge- legenheit hatte. Während Stieda') am Kleinhirn der Teleo- stier eine spezifische Schichtung feststellen wollte, ergaben eigene Untersuchungen, daß die Schichten des Kleinhirns die gleichen wie bei den Säugern sind (Abb. i). Man unterscheidet demnach eine Molekularschicht und eine Körnerschicht. Die Marksubstanz bildet bei den Teleostiern nach Schaper-) keine geschlossene Schicht, die Fasern durchziehen angeblich die Körnerschicht. Die Zellen dieser Schicht sind zu Gruppen ange- ordnet, sie finden sich aber auch vereinzelt in der Molekularschicht. Die Körnerzellen haben alle die gleiche Größe, welche Feststellung mit den Angaben Schaper's") übereinstimmt, nach welchem die Körnerzellen der Teleostier den kleinen Körnerzellen der Säuger gleichen. Der Sagittalschnitt durch das Kleinhirn läßt erkennen, daß an der Stelle, welche der Markschicht des Säugerkleinhirns entspricht, die Körnerzellen sehr schütter stehen. Gegen die Basis des Kleinhirns wird diese Zone noch zellärmer und führt parallel verlaufende, zu Bündeln angeordnete Fasern, so daß diese Stelle, entgegen der Ansicht Schaper' s, der Markschicht des Kleinhirns höherer Wirbel- tiere gleichgestellt werden kann. An Sagittal- schnitten, nach Weigert gefärbt, ist der Verlauf der markhaltigen Fasern besonders gut ersichtlich. Bei schwacher Vergrößerung nimmt man wahr, daß die Fasern bis in die Mitte der Körnerschicht ziehen, dann nasal nnd schräg gegen die Basis des Kleinhirns verlaufen, wobei die Fasern sich ') Zitiert nach Fusari, Untersuchungen üher die feinere Anatomie des Gehirns der Teleostier. Internat. Monatsschr. f. Anat. u. Physiol. IV. 1S87. ^) Schaper, Zur feineren Anatomie des Kleinhirns der Teleostier. Anat. Anz. VIII. 1893. zu Bündel von verschiedener Stärke vereinigen. Alle diese Bündel bilden unzweifelhaft ein einheit- liches Ganzes, eben die von Schaper bestrittene Mark'^chicht (Nervenfaserschicht). Ein Teil der erwähnten Markfaserbündel zieht an der Basis des Kleinhirnkörpers in die Valvula cerebelli. Am Frontalschnitt ist erkennbar, daß die Körnerschicht der Valvula medial nahezu symmetrisch gebuchtet ist, welche Einbuchtungen durch stärkere Aus- bildung der Molekularschicht an den entsprechen- den Stellen zustande kommen. Die Molekular- schicht ist besonders medial stark entwickelt, um lateral an Breite allmählich abzunehmen. Die Purkinje'schen Zellen stehen nicht in einer Reihe, wie solches für das Kleinhirn der Vögel und Säuger charakteristisch ist. Sie stehen viel- mehr unregelmäßig, oft zu lockeren Gruppen an- geordnet. Die Purkinje'schen Zellen bilden, wie schon Schaper hervorhebt, keine scharfe Grenze zwischen Molekular- und Körnerschicht. Einzelne Purkinje'sche Zellen stehen weit in der Molekular- schicht, in den erwähnten Einbuchtungen sind sie dagegen nur vereinzelt zu finden. Sie haben einen einzigen Dendriten, welcher sich erst in seinem Verlauf gabelt und lange Äste in die Molekular- schicht sendet, wie an Weigert-Präparaten zu sehen '. (' -M * n ) .:♦... i Abb "V '^^ -T- I. Mikroskopische Anatomie des Teleostierkleinhirns. M Molekularschicht. P Purkinje'sche Zellen. K Körnerschicht. NF Nervenfaserschicht (Markschicht). ist. Auch Schaper teilt mit, daß das spitze Ende der Purkinje'schen Zelle einen Fortsatz ent- sendet, der senkrecht aufsteigend in die Molekular- 8o Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVin. Nr. 6 Schicht gelangt oder eine Strecke weit in der Purkinje'schen Schicht verläuft und dann reichlich aufästelt. Im Gegensatz zu meiner undSchaper's Beobachtung zeichnet Edinger die Purkinje'schen Zellen der Ellritze mit zwei bis mehreren Fort- sätzen. An Bielschowsky-Präparaten ist er- sichtlich, daß die Purkinje'schen Zellen von Nerven- fasern umsponnen werden, welche — analog den Verhältnissen bei den Säugetieren — den Korb- zellen der Molekularschicht entstammen müssen. In der Molekularschicht befinden sich wenige Zellen von rundlicher Gestalt, welche als Korb- zellen gedeutet werden können. Wie schon Schaper hervorhebt, gibt es in der Molekular- schicht der Teleostier nur eine einzige Art von Zellen. Außer diesen finden sich zahlreiche Kapil- laren und Fasern, welche vorwiegend senkrecht ^ur Oberfläche verlaufen. Wie an nach Biel- schowsky gefärbten Präparaten zu sehen ist, gehen von den Vertikalfasern feine, horizontal ver- laufende Abzweigungen aus. Als Besonderheit muß hervorgehoben werden, daß an der Basis des Kleinhirns Körnerzellen in netzförmig angeordneten Gruppen stehen. Die Zone, welche sie ein- nehmen, erstreckt sich nahezu über die ganze Basis des Corpus cerebelli. Die Valvula cerebelli,') welche den in den Aquaeductus wachsenden Teil des Kleinhirns vorstellt, zeigt den gleichen histo- logischen Bau wie der Körper des Kleinhirns. Während aber die Körnerschicht des Corpus cerebelli eine geschlossene Masse bildet, teilt sich diese an der Basis dermaßen, daß in der Valvula cerebelli ein Teil der Körnerschicht basal, ein schmälerer Streifen Körnerzellen dorsal zu stehen kommt, wie an manchen lateralen Schnitten zu sehen ist. Eine Brücke, aus gleichen Zellen be- stehend, verbindet beide Schichten der Valvula. Die Abgrenzung der Körnerschicht des Corpus cerebelli gegen die Molekularschicht ist keine scharfe. Ludwig Reisinger. ') Die Bezeichnung stammt von Stieda. Einzelberichte. Biologie. Die Bedeutung der Frühehe für die VolksverjTiehrung nach dem Kriege behandelt Dr. Alfred Ploetz in der „Münchner med. Wochen- schrift", 1918, S. 452—455. Die Frühehe wirkt geburtenfördernd nicht nur wegen der längeren Ehedauer, die sie mit sich bringt, sondern auch r" deshalb, weil die P'ruchtbarkeit in jungen Jahren jl' größer ist als im reiferen Alter. Der Geschlechts- ■,,>; verkehr junger Leute ist noch ganz triebhaft, diej| Kenntnis von Präventivmitteln mangelt noch vielen,! oder sie ist oberflächlich. Mit zunehmenden'j* Jahren wächst die Beherrschung des Triebes sowie^' die Kenntnis der Verhütungsmaßregeln und damitf._ sinkt die Kinderzahl. Bemerkenswert ist der Unter-jA schied in der Häufigkeit der Frühehe in Deutsch- i land und Rußland; von je lOOO heiratenden männ- lichen Personen standen zu Beginn dieses Jahr- hunderts im Alter von weniger als 20 Jahren in Rußland 325, in Deutschland aber nur 6, von je 1000 heiratenden weiblichen Personen waren in Rußland 571 und in Deutschland 161 weniger als 20 Jahre alt. Damit stehen auch die Geburten- ziffern im Einklang: In Rußland betrug im Jahre 191 1 die Geburtenhäufigkeit 45,1 pro Mille, in Deutschland betrug sie bloß 28,6 pro Mille der Bevölkerung. Die Angabe, daß in den amerikani- schen Neuenglandstaaten sehr früh geheiratet wird, ist jedoch irrtümlich; im Gegenteil, F"rühehen sind in den Neuenglandstaaten seltener als in allen übrigen geographischen Regionen der Vereinigten Staaten. Die vorzeitige Ehe, das ist bei uns die Ehe weniger als 18 jähriger weiblicher und weniger als 21 jähriger männlicher Personen, „ist wegen der seelischen Unreife und der wahrschein- lichen vorzeitigen Abnutzung beider Teile, sowie wegen der leichtsinnigen Pflege der vor der Reife erzeugten Kinder nicht zu empfehlen", ob zwar es erfolgreiche Ehen, die sehr frühzeitig geschlossen wurden, ebenfalls gibt. Die Möglichkeit einer Vermehrung der Frühehen ist bei uns in Deutsch- land sehr groß, denn im letzten Friedensjahr, 191 3, waren nur etwas mehr als ein Viertel aller eheschließenden Männer 21 — 25 Jahre alt und un- gefähr ein gleicher Anteil aller heiratenden Mäd- chen stand im Alter von 18 — 22 Jahren. Diese Jahre nimmt Ploetz als Alter der Frühehe an. Spätehen sind die von mehr als 30 jährigen weib- lichen und mehr als 35 jährigen männlichen Personen; ungefähr ein Siebentel aller Ehe- schließenden geht Spätehen ein, die wohl zumeist kinderarm bleiben, selbst wenn absichtliche Ver- hütung der Empfängnis nicht stattfindet. Praktisch spielen die Spätehen keine sehr wichtige Rolle; bei dem Problem der ausgiebigen Volksvermehrung kommt es vielmehr in erster Linie darauf an, die mittelzeitigen Ehen der Männer von 25 — 35 und der Frauen von 22 — 30 Jahren in Frühehen zu verwandeln. Die Zunahme der Frühehen würde manche günstige Wirkung haben, wie etwa die Verminderung der Geschlechtskrankheiten und des Alkoholismus, die nicht nur die be- troffenen Personen, sondern die Rasse im ganzen schädigen. Durch die F"rühehe wird die Zeit zwischen dem Beginn des Sexuallebens und der Eheschließung stark verkürzt und damit die Mög- lichkeit der geschlechtlichen Ansteckung ebenso stark vermindert; viele junge Männer könnten durch die Frühehe der Prostitution ausweichen und sie blieben von Geschlechtskrankheiten verschont, die gegenwärtig wohl die häufigste Ursache der Unfruchtbarkeit sind. Die Frühehe bringt jedoch auch Nachteile mit sich, wie Leichtsinn bei der N F. XVIII. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 8i Gattenwahl, die Abkürzung der für die wirtschaft- liche Selbständigkeit des Mannes wichtigen Wanderjahre, die Verminderung der Ausmerzung Untüchtiger vor der Fortpflanzung usw. Der eben erwähnte Umstand ist von biologischer Bedeutung, da die Frühehe so manchem zur Fortpflanzung verhilft, der sonst infolge seiner mangelhaften Körperkonstitution ohne Hinterlassung von Nach- kommen gestorben wäre. Die Gefahr der Ver- erbung körperlicher und geistiger Mängel durch Abschwächung der Auslese ist unbestreitbar groß, doch muß demgegenüber betont werden, daß es für die nächsten Jahre in der Hauptsache auf die Vermehrung der Zahl der Kinder ankommt, um die durch den Krieg verursachten Bevölkerungs- verluste wieder auszugleichen. Zur Förderung der Frühehe kommen alle Erleichterungen der wirt- schaftlichen Lage der Bevölkerung in betracht, ferner die Abkürzung der beruflichen Ausbildungs- zeit der Männer, die Gewährung staatlicher Er- ziehungsbeiträge usw. — Um dem Egoismus und Rationalismus beider Geschlechter in bezug auf Ehe und Fortpflanzung entgegen zu arbeiten, er- achtet es P 1 o e t z als notwendig, „ durch starke erziehliche Einwirkungen bereits in der Schule in allen Schichten der Gesellschaft, besonders aber in den höheren, soviel Liebe znm eigenen Volks- tum zu erwecken, daß es in der eigenen Willens- richtung liegt, für dieses Volkstum nicht nur im Kriege zu kämpfen, sondern auch im Frieden für seine Erhaltung und künftige Blüte durch Gründung einer Familie und ausreichende Aufzucht von Kindern zu arbeiten." H. Fehlinger. Theoretische Bedeutung und Terminologie der Vererbungserscheinungen bei haploidenOrgani-Nmen. (Hartmann, Zeitschr. f. ind. Vererbungsl. 20. 191 8/9.) Mehr und mehr ist man in den letzten Jahren bestrebt, die Ergebnisse der Mendels' sehen For- schung mit denen der Cytologie in Beziehung zu setzen. Der Gedankengang ist dabei folgender: Wenn 2 verschiedenartige Sexualzellen miteinander verschmelzen, dann entstellt eine einheitliche Bastardgeneration, die aber bei Selbstbefruchtung nicht konstant bleibt, sondern in der Weise auf- spaltet, daß neben den beiden Ausgangsformen auch Mischtypen auftreten, welche die großelter- li«hen Eigenschaften in der verschiedensten Kom- bination enthalten. Da liegt es denn ohne weiteres nahe, für diese Aufspaltung die Vorgänge bei der Reduktionsteilung verantwortlich zu machen. Im Sexualakt verschmelzen die Kerne der Ei- und der Samenzelle, so daß nunmehr ein Organismus mit doppelter Chromosomenzahl entsteht. Jede höhere Pflanze und jedes höhere Tier ist, wie man sich ausdrückt, ein ,,diploider" Organismus. Bei den sogenannten Reifungsteilungen gehen nun die Kerne der Sexualzellen durch den „Reduktions- prozeß" wieder in den haploiden Zustand über. Während sich bei allen vegetativen Teilungen die Chromosomen der Länge nach spalten, werden bei der Reduktionsteilung ganze Chromosomen auf die beiden Tochterzellen verteilt. Man hat nun berechtigten Grund zu der Annahme, daß in den Chromosomen der Sitz der körperlichen Merk- male ist. Bei einem Bastardkern sind also sowohl die väterlichen als auch die mütterlichen Eigen- schaften repräsentiert. Man kann nun sehr wohl annehmen, daß bei der Reduktion die väterlichen und mütterlichen Merkmalspaare getrennt werden. Dieser Prozeß wird sich aber nicht so abspielen, daß sich immer wieder die Elemente gleicher Herkunft zusammenfinden, sondern jede Sexual- zelle enthält einen einfachen Chromosomensatz, bei dem die elterlichen Komponenten in der ver- schiedensten Weise miteinander kombiniert sind. Und da nun bei der Befruchtung der Zufall ent- scheidet, welche dieser heterogenen Sexualzellen miteinander verschmelzen, so ist das ganze kom- plizierte Bild, welches die Bastardierungsversuche ergeben haben, verständlich. Allerdings besteht hier der mißliche Umstand, daß man niemals die Aufspaltung der Sexualzellen direkt, sondern immer nur die Neukombination beobachten kann, da ja der fertige Organismus stets das Verschmelzungsprodukt darstellt. Es ist daher verständlich, daß man sich nach Organismen umgesehen hat, bei denen die Verhältnisse einfacher liegen, bei denen man also die Aufspaltung unmittelbar verfolgen kann. Hart- mann stellt die einschlägigen Daten in einer kurzen Übersicht zusammen. Das günstigste Ma- terial stellen gewisse niedere Organismen dar. Positive Ergebnisse sind hier bei Chlamydomonas und Phycomyces erzielt worden. Chlamydomonas ist eine einzellige Alge mit haploiden Kernen. Die Pflanze vermehrt sich auf geschlechtlichem Wege durch Schwärmer, welche paarweise mit- einander verschmelzen. Nach der Vereinigung entsteht die Zygote, das einzige Stadium mit diploider Chromosomenzahl. Denn bei der Kei- mung der Zygote erfolgt sofort die Reduktions- teilung; es werden 4 Zoosporen gebildet, die also wieder haploid sind und aus denen im Laufe der Entwicklung eine normale Chlamydomonaszelle -hervorgeht. Pascher ist es nun gelungen, die Gameten von 2 verschiedenen Chlamydomonas- arten zur Verschmelzung zu bringen. Es entstand eine Bastardzygote von deutlichem Mischcharakter. In zahlreichen Fällen war nun nach den Angaben von Pascher zu konstatieren, daß die 4 aus der Zygote hervorgehenden Chlamydomonasindividuen nicht gleichartig waren sondern zur Hälfte dem einen, zur Hälfte dem anderen Ausgangstypus nachschlugen; das ließ sich an der Gestalt der Zelle, der Beschafienheit der Membran, der Lage des Chromatophoren und der Gestalt des Augen- flecks deutlich nachweisen. In anderen Fällen sollen ebenfalls im Verhältnis i : i Mischtypen aufgetreten sein, welche Eigenschaften beider Eltern in besonderer Mischung zeigten. Diese Spaltungen können hier nur auf die Reduktions- teilung zurückzuführen sein, da ja der Verschmel- 82 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 6 zungskern sich unmittelbar wieder aufteilt. Ähnlich liegen die Verhältnisse bei Phycomyces, nur daß hier die diploide Phase verlängert erscheint. Dieser Pilz besitzt zweierlei Myzelien, welche morpholo- gisch gleichgestaltet aber physiologisch differen- ziert sind; die einen sind nämlich männlich (-[-), die anderen weiblich ( — ) gestimmt. -J- und — = Mycelien, welche beide haploide Chromosomen- zahl aufweisen, kopulieren miteinander und es ent- stehen diploide Zygoten. Aus den Zygoten geht ein ebenfalls diploider Ursporangienträger hervor, welcher zur Sporenbildung schreitet; hierbei findet die Reduktionsteilung statt, es entstehen zu gleichen Teilen -j- und — gestimmte Sporen, die sich zu entsprechenden Myzelien entwickeln. Das Ge- schlecht spaltet also wie ein mendelndes Eigen- schaftspaar. Es ist Burgeff nun gelungen die Myzelien von 2 Phycomycesformen (Ph. nitens und piloboloides) zur Kopulation zu bringen. Es ent- standen nun Bastardzygoten und Bastardursporan- gienträger, welche nun viererlei Sporen und damit auch viererlei Myzelien in gleicher Anzahl produ- zierten : nitens -\-, nitens — , piloboloides -\- und piloboloides — . Es ist also eine Aufspaltung so- wohl hinsichtlich der geschlechtlichen Charaktere als auch hinsichtlich der morphologischen Merk- male eingetreten, genau das also, was nach der Theorie zu erwarten war. Entsprechende Ver- hältnisse wie bei diesen niederen Formen kann man auch bei höheren Organismen erwarten dort, wo die Kopulation unterbleibt, also parthenogene- tische Entwicklung stattfindet. Dies ist bekannt- lich bei den Bienen der Fall; die Männchen gehen hier aus unbefruchteten Eiern hervor. Eine Bastard- königin muß nun, wenn in der Reduktionsteilung tatsächlich die Aufspaltung elterlicher Eigenschaften erfolgt, zwei Sorten von Eiern ergeben, die falls sie unbefruchtet bleiben, sich zu zweierlei Männ- chen heranbilden und zu gleichen Teilen dem Großvater und der Großmutter nachschlagen. Tat- sächlich hat Newell solche Verhältnisse bei den Bienen aufdecken können. Er kreuzte Apis ligustica $ mit Apis carnica (J und erhielt richtige Bastard- weibchen, aber lauter Ligusticamännchen, was ja auf Grund der parthenogenetischen Entwicklung der letzteren selbstverständlich ist. Die reziproge Kreuzung A. carnica X A. ligustica ^ ergab ent- sprechend Bastardweibchen und lauter carnica- Männchen. Die in beiden Versuchen entstandenen Bastardweibchen lieferten nun, genau wie zu er- warten war, 50 "/q ligustica- und 50 "/q carnica- Männchen. Es ist also tatsächlich bei den Rei- fungsteilungen zu einer Aufspaltung in 2 Sorten von Eiern erfolgt, und somit haben sich die Er- wartungen auch für die höheren Organismen be- stätigt. P. Stark. Physik. Verflüssigung des Kohlenstoffs. Vor einigen Jahren gelang es O. L u m m e r ') die ') O.Lummer, Verflüssigung der Kohle und Herstellung der Sonnentemperatur. Verlag Vieweg & Sohn, Braunschweig 1914 und Naturw. Wochenschr. .\II1, S. S12 — 815 (1914). Temperatur des elektrischen Lichtbogens durch Verwendung verhältnismäßig geringer Stromstärke und durch passende Wahl des atmosphärischen Druckes beträchtlich zu steigern. Die hellste und heißeste Stelle des Kohlenlichtbogens ist der positive Krater, wo die Oberfläche der Kohle durch die Stoßkraft der von der Kathode mit höchster Geschwindigkeit kommenden Elektronen zur Weißglut erhitzt wird. Nach den sehr ge- nauen Messungen L u m m e r ' s beträgt die Tempe- ratur des positiven Kraters unter normalen Ver- hältnissen rund 3925 "C. Auch durch große Steigerung der Stromstärke läßt sich nach Lum- mer's Messungen die Temperatur des elektrischen Lichtbogens nicht erhöhen, da der angegebene Wärmegrad wohl die Verdampfungstemperatur des Kohlenstoffs bei normalem Luftdruck darstellt. Bei seinen berühmten Versuchen betrieb Moissan den Kohlenlichtbogen mit Strömen von sehr be- trächtlicher Stärke (bis zu 2200 Ampere); da aber die Kohle bei etwa 3925 " C aus dem weißglühen- den festen Zustand unmittelbar in den gasförmigen Zustand übergeht, so erreichte auch Moissan keine wesentlich höheren Temperaturen wie in einer gewöhnlichen Bogenlampe. Als Lummer die Flächenhelligkeit und damit die Teinperatur des positiven Kraters durch die angeführten Be- dingungen erheblich steigerte, überzog sich die weiljglühende positive Kohle mit einer flüssigen Masse, in welcher anscheinend sehr lebhaft be- wegte und sehr helle Teilchen, welche Lummer Fische nannte, umherschwammen. Lummer hält die bewegliche Masse für flüssigen Kohlen- stoff, in welchem sich sehr viele kleine (Durch- messer etwa 0,1 mm) rneist sechseckige Graphit- kristalle bis zu ihrem Übergang in den flüssigen Zustand bewegen. Die Untersuchung der er- kalteten positiven Elektrode ergab auch, daß sie von einer Schicht echten Graphits überzogen war. Von verschiedenen Seiten wurden die Versuche zur Verflüssigung des Kohlenstoffs mit Erfolg nachgeprüft, aber die Deutung der Erscheinung am positiven Krater als Schmelzen der Kohle begegnete manchem Zweifel. Neuerdings wieder- holte M. LaRosa^) die Beobachtungen Lum- mer's, deutete sie aber ganz anders. Nach La Rosa blättern sich vom positiven Krater fortge- setzt Graphitteilchen ab, werden durch die Gas- atmosphäre des Lichtbogens lebhaft hin und her bewegt und nachdem sie zur Weißglut erhitzt sind, verdampfen sie ohne vorher in den flüssigen Zustand überzugehen. Die Bewegung der auf- steigenden und verdampfenden Graphitteilchen, der Fische nach Lummer, soll keineswegs immer der eines festen Körpers in einer Flüssigkeit gleichen ; nur unter Umständen soll das Abblättern und die lebhafte Bewegung der Teilchen eine Flüssigkeit vortäuschen. Bei der Beobachtungs- temperatur schmilzt nach La Rosa der Kohlen- ') Gazz. chim. ital. 47. 19 — 31 (1917) nach Chem. Zcntral- blaU Bd. II Nr. 1/2 S. 9 (1918). N. F. XVni. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 83 Stoff nicht, sondern er geht nur aus dem amorphen in den kristallinischen Zustand des Graphits über. La Rosa') hat früher selbst Versuche über das Schmelzen der Kohle angestellt. Er brachte Kohlenstaub in den selbstönenden Lichtbogen, der eine höhere Temperatur erreichen lassen soll wie der gewöhnliche Flammenbogen. Es setzten sich an den Elektroden Inkrustationen von fettig glänzendem Graphit an. Nach La Rosa wurden die Kohlenstäubchen durch die hohe Temperatur des tönenden Lichtbogens geschmolzen und die Kohlentröpfchen verschweißten sich dann mit den Elektroden. Einige Teilchen des „flüssigen" Kohlenstoffs will La Rosa sogar als Diamant- kriställchen erhalten haben. Lummer bezeichnet mit Recht die Angabe von La Rosa für das Ge- schmolzengewesensein der Kohle als „Indizien- beweise". La Rosa hält seine früheren Be- obachtungen aufrecht, während er den „augen- scheinlichen'' Beweis für den flüssigen Zustand des Kohlenstoffs in Lummer's Versuche^n nicht gelten läßt. Wenn nach allem auch noch mehr Beweise für die Verflüssigung der Kohle im elektrischen Flammenbogen notwendig sind, so bleibt Lummer doch das große Verdienst bei seinen weiteren wichtigen Studien am Kohlen- lichtbogen die Temperatur des positiven Kraters auf 6000" abs. gesteigert und damit die effektive Sonnentemperatur im Laboratorium der Forschung erschlossen zu haben. Karl Kuhn. Meteorologie. Sowohl für den Wärmehaus- halt der Erde als auch im besonderen für das Ge- deihen der Pflanzenwelt ist die Art und Weise, wie die Sonnenstrahlung auf die Erde fällt und sich verteilt, von großer Bedeutung. W. Gallen- kamp (Met. Ztschr. 35. 209, 1918) hat deshalb Messungen der photochemischen Intensität des Himmels mit dem Skalenphotometer vorgenommen. Wegen der Einfachheit seiner Anwendung eignet sich dieses Instrument — es wurde die von der neuen photographischen Gesellschaft hergestellte Lux'sche Kopieruhr benutzt — ganz besonders, wenn man keine absoluten Werte braucht. Es wurden zunächst gesonderte Messungen für den Nord- und Südhimmel angestellt. Der Ein- fluß der indirekten Strahlung konnte so von der direkten der Sonne getrennt werden. Die diffuse Strahlung zeigt bei wechselnder Bewölkung den umgekehrten Gang wie die direkte, d. h. also, der blaue Himmel strahlt an sich so gut wie garnicht. Die Nordseite eines Gebäudes erhält nur etwa l3''/o der Gesamtstrahlung. Diese Erscheinung, die natürlich für die Vegetation von großer Wichtigkeit ist, ist auch dem Photographen längst bekannt. Bei der Betrachtung der Gesamtstrah- lung kommt dieser Umstand auch in auffälliger Weise zur Geltung; im Frühjahr und Herbst, wenn die Sonne schon niedrig steht, ergibt sich an klaren Tagen eine sehr geringe Gesamtintensität. ') Ann. d. Phys. 34, 95—105 (191 1)- Der mittlere jährliche Verlauf der Strahlung wird in erster Linie durch die Deklination der Sonne bestimmt. Daraus würde sich bei graphischer Darstellung eine Sinuskurve ergeben. Es lagern sich jedoch die Bewölkungseinflüsse darüber. Die Beobachtungen Gallenkamp's für München ergeben dadurch für Juni ein steiles Maximum der Strahlung und im Dezember ein flaches Minimum. Bei den Extremen ist also stets eine übernormale Gesamtstrahlung vorhanden, zu den Übergangs- zeiten eine unternormale. Dies kann sich nun für andere Orte mit anderen mittleren Bewölkungs- verhältnissen entsprechend verschieben. Scholich. Über die für den Pflanzenwuchs außer- ordentlich wichtige nächtliche Abühlung der bodennahen Luftschichten veröffentlicht G. Hell- mann interessante Untersuchungsergebnisse (Sitz.- Ber. Berl. Ak. d. Wiss. 191 8, S. 806). Auf der Beobachtungswiese des Potsdamer' Observatoriums wurden 10 Miniumthermometer in 5, 10, 15 usw. bis 50 cm Höhe über dem Boden mit Strahlungs- schutz angebracht und in der Zeit vom August 1916 bis September 191 7 jeden Morgen ab- gelesen. Wie zu erwarten war, ergab sich zunächst, daß die nächtliche Temperaturschichtung am meisten von der Bevölkerung abhängt. Für ganz heitere Nächte ergab sich die erstaunlich hohe Temperaturzunahme von 2,7" vom untersten zum obersten Thermometer. Die Extrapolation ergibt, daß das nächtliche Temperaturminium in 50 cm Höhe, an klaren Nächten im Mittel S^W höher liegt als das unmittelbar über dem Boden. Die Temperaturabnahme findet ganz regelmäßig mit abnehmender Höhe statt, nur beim Eintritt in den Boden selbst findet ein Sprung statt. Solche außerordentlich starke Temperatur- gradienten, wie sie hier durch die Strahlung in den bodennahen Schichten hervorgerufen werden, finden sich sonst nur im Erdboden wieder. In der Atmosphäre sind sie unbekannt, denn wenn die Luft durch Erwärmung von selbst aufsteigt, so wird nur ein Gradient von 0,34" auf 1 m er- zeugt. Die in so hohem Maße stagnierende Luft setzt naturgemäß dem Eindringen des Windes sehr großen Widerstand entgegen, sie folgt in ihrer Bewegung nur noch der Schwere. Dem- entsprechend sammelt sie sich an den tiefsten Stellen des Geländes an und bildet hier soge- nannte Frostlöcher. Damit erklärt sich auch die Bildung von Bodennebeln über feuchten Wiesen usw. An ganz trüben Nächten ohne wesentliche Luftbewegung herrschte in der ganzen Beob- achtungsschicht fast immer Isothermie. Bei teil- weiser Bevölkerung sind die Temperaturdiffe- renzen dem Bevölkerungsgrad nahezu proportional. Bei windigem und regnerischem Wetter trat sogar Temperaturabnahme mit der Höhe ein, und zwar ist dieselbe anscheinend der Quadrat- 84 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 6 Wurzel aus der Windgeschwindigkeit proportio- nal. Man kann also im ganzen sagen, daß die für gewöhnlich in ca. i V2 rn Höhe vorgenommenen Temperaturbeobachtungen ein nur wenig zuver- lässiges Bild von den Wärmverhältnissen des Bodens geben. Scholich. Einige Hauptzüge aus der Natur der Tromben teilt Prof. A. Wegener in Met. Zeitschrift 1918 S. 245 fif. mit als Auszug aus seinem Buche „Wind- und Wasserhosen in Europa". ') Der Aufsatz ver- folgt den Zweck, die Beobachter der genannten Erscheinungen darüber zu unterrichten, worauf gegebenenfalls besonders zu achten ist, und die gegebenen Anweisungen sind nicht nur für den Meteorologen sondern für den Naturfreund über- haupt von Interesse, da der erstere nur selten und durch Zufall Gelegenheit zur Anstellung der entsprechenden Beobachtungen haben wird und somit auf die Mitarbeit weiter Kreise angewiesen ist. Dieser in der Erscheinungsart der Tromben begründete Umstand bringt es auch mit sich, daß der zugrunde liegende physikalische Vorgang noch recht wenig geklärt ist. Die Tromben treten fast durchweg in Ver- bindung mit Gewittern auf Von der Wolken- decke senkt sich ein Luftwirbel herab, der sich mehr und mehr verlängert, schließlich einen von Nebel erfüllten Schlauch bildet und infolge seiner großen Kraft auf der Erdoberfläche eine durch schwere Zerstörungen gekennzeichnete Spur hinter- läßt. Genaue Angaben über Ta^es- und Jahres- zeit der Erscheinungen liefern Beiträge zur Er- mittelung der täglichen und jährlichen Häufigkeits- schwankung. Diese unterscheidet sich zwar wenig von jener der Gewitter, doch scheint es, daß die Gewitter im Frühjahr und am Abend arm an Tromben, diejenigen im Herbst und am Vormittag reich an Tromben sind. Auch die Gestaltung der Erdoberfläche scheint nicht ganz gleichgültig für die Trombenbildung zu sein, die anscheinend im Windschutz großer Gebirge besonders günstige Vorbedingungen findet. Von den Tromben bevorzugte Gegenden sind z. B. Schweden, Schlesien, die südfranzösische Ebene zwischen Toulouse und dem Golfe du Lion, aber auch eneere geschützte Räume, wie die Alpen- seen und vielleicht das Rheintal kommen dafür in Betracht. Statistischen Wert haben ferner Angaben über die Zugrichtung, Zuggeschwindigkeit, Weglänge und Lebensdauer der Tromben. Mehr als die Hälfte aller Tromben zog in Europa aus Südwest bis West, nur ein Viertel kam aus dem Nordost- quadranten. Die Zugrichtung scheint gegen die der Gewitter allgemein etwas nach links ver- schwenkt zu sein. Die mittlere Geschwindigkeit des Fortschreitens ist nur 23 km in der Stunde gegen 38 bei den Gewittern. Die Weglängen ') Braunschweig 1917, Fricdr. Viewcg & Sohn („Die Wissenschaft", Band 60). schwanken zwischen o und 400 km, am häufigsten sind Werte zwischen i und 10 km. Die Lebens- dauer liegt meist zwischen 12 und 30 Minuten und betrug in den beiden äußersten Fällen 5 Se- kunden und 3 Stunden 20 Minuten. Die Breite der durch Zerstörungen gekennzeichneten Spur schwankt nach den bisherigen Erfahrungen — Wegener behandelt in seinem Buch 258 Fälle — zwischen 6 m und 2300 m. Das Mittel liegt etwa bei 200 m. Gelegentlich kommen Bahn- krümmungen vor, deren Natur noch rätselhaft ist. Es sind Andeutungen vorhanden, daß die Gestal- tung der Erdoberfläche dabei eine Rolle spielt. In einem Falle hat man eine völlige Teilung be- obachtet, nach welcher die beiden Teiltromben selbständige Wege einschlugen und sich meilen- weit voneinander entfernten. Nicht selten werden von der gleichen Gewitter- wolke mehrere Tromben nebeneinander ausgebildet. In 47 von 255 Fällen ist dies festgestellt worden. In 5 Fällen handelte es sich dabei um 10 oder mehr Wirbel. Auch kommt es vor, daß „Doppel- gänger" gleichzeitig in großer Entfernung von- einander auftreten, die zwar durch keine engere Beziehung verknüpft sind, aber offenbar unter dem Einfluß der gleichen Wetterlage entstehen. Während der Drehungssinn der großen atmo- sphärischen Wirbel, der Zyklonen, die oft lOOO und mehr Kilometer im Durchmesser haben, durch die Erdrotation bestimmt wird und auf der nördlichen Halbkugel entgegengesetzt der Uhr- zeigerbewegung gerichtet ist, sind die in viel rascherer Umdrehung begriffenen Tromben diesem Einfluß weniger unterworfen. Es kommen rechts- und linksdrehende Tromben vor, immerhin aber ist die zyklonische Drehung mit 72 v. H. viel häufiger als die antizyklonische mit 28 v. H. Ob eine Beziehung zwischen dem Drehungssinn und der Lage der Trombe gegen das Gewitter besteht, ist noch nicht aufgeklärt. Die Windgeschwindigkeiten in der Trombe dürften zwischen 50 und loo Sekundenmetern liegen. Sichere Messungen fehlen zunächst noch. Aus umgestürzten Gartenmauern lassen sich nach einem einfachen und verhältnismäßig sicheren Ver- fahren Winddruck und Geschwindigkeit berechnen, wobei man für letztere etwa 75 Sekundenmeter erhalten hat. Infolge der raschen Drehung ent- steht im Innern der Trombe ein luftverdünnter Raum. Die Theorie verlangt eine Druckvermin- derung von 20 bis 50 mm. Die bisher erhaltenen Registrierungen ergaben einen plötzlichen Fall des Barometers mit darauffolgendem ebenso raschem Ansteigen um nur etwa 10 mm, eine einzelne Registrierung auf See zeigt 35 mm Druck- unterschied. Es ist selbstverständlich ein großer Zufall, wenn das Zentrum einer Trombe über eine mit den nötigen Instrumenten ausgestattete Wetter- warte hinwegzieht, und es bleibt zweifelhaft, ob das bei den angeführten Registrierungen wirklich der F"all gewesen ist. Daß diese Druckverminderung eine heftige N. F. XVin. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 8s Saugwirkung hervorbringt, erkennt man an der Fallrichtung der Bäume, die beiderseits der Spur gegen diese hin niederstürzen. Auch werden Gegenstände in große Höhen emporgerissen. Eine weitere Folge der Druckverminderung ist die starke Abkühlung der inneren Luftmassen. Der dort vorhandene Wasserdampf kommt dabei zur Verdichtung und macht die ganze Erscheinung als einen von den Wolken zur Erde reichenden Nebelschlauch sichtbar, der also nicht, wie man anzunehmen geneigt ist, aus emporgesogenem Staub oder den Wolken entführten Nebelmassen besteht. Der Nebelstrang erfüllt nur den inneren Teil des Wirbels; in seiner ganzen Breite wird dieser an der Erdoberfläche sichtbar, wo die mitgeführten irdischen Bestandteile einen trichterförmig er- weiterten Fuß bilden, der manchmal Kugelgestalt annimmt. Über Wasserflächen besteht dieser Fuß aus einer von hohen Wellen gebildeten Wasser- krone. Bei besonders heftigen Tromben erscheint er als 20 bis 30 m hoher hohler Wasserturm, dessen Inneres anscheinend stark vertieft ist, während feinster Gischt bis zu den Wolken empor- gerissen wird. Eigenartig und noch wenig geklärt sind die Beziehungen der Tromben zum Hagel, mit dem sie sehr häufig gemeinsam auftreten. Auch die Hagelfelder haben bekanntlich vielfach die Gestalt eines nicht allzu breiten Streifens, und die Tromben bevorzugen zweifellos die rechte Seile des Hagel- feldes. Auch in einigen Fällen, wo die Trombe schon erloschen war, ehe der Hagel einsetzte, fällt die Verlängerung der Trombenspur mit dem rech- ten Hagelrand zusammen, der auch vielfach durch das Niederfallen einzelner, besonders großer Hagel- körner ausgezeichnet ist. Ihre Entstehung kann man sich dadurch erklären , daß sie durch den Trombenwirbel längere Zeit schwebend erhalten werden und durch unterkühlten Regen, Nebel und Schnee ein rasches Wachstum erfahren. In gleicher Weise können größere Regenmengen in der Höhe zurückgehalten werden, die dann als geschlossene Wassermassen niederstürzen und Anlaß zur Er- scheinung eines „Wolkenbruchs" geben. Merkwürdige Erfahrungen hat man an den mitgeführten irdischen Gegenständen gemacht, die manchmal bis zu 50 km weit durch die Luft ge- tragen wurden und schließlich an Orten nieder- fielen, die 20 km seitwärts der Trombenspur lagen. Zur Erklärung dieser Erscheinung kann nur die Annahme dienen, daß sich der Luftwirbel innerhalb der Wolkenschicht in horizontaler Rich- tung weithin fortsetzt. Demnach käme für uns nur ein kleinster Teil davon zur Wahrnehmung in Gestalt des von den Wolken zur Erde reichenden Halses. Es drängt sich dabei der Gedanke auf, ob nicht diese Wirbel überhaupt bei der Bildung des Hagels eine größere Rolle spielen als bisher angenommen wurde. Jedenfalls würde man die oft überraschende Größe der Eiskörner auf diese Weise zwanglos erklären können, während der Wirbel, der in den meisten Fällen keinen Hals nach der Erde hin ausbilden wird, dem Auge völlig unsichtbar bleiben könnte. Die Entstehung der Tromben folgt offenbar nicht aus der allgemeinen sondern aus der ört- lichen Wetterlage und steht zu jener nur in mittel- barer Beziehung. Der nähere Vorgang ist noch fast völlig unbekannt. Zweifellos wird der Anstoß durch die Windverhältnisse in der Höhe gegeben. Eine besondere Rolle scheint dabei die Schich- tung des Windes zu spielen, und auch den Hagel- türmen, die oft bis zur Cirrusregion, 5000 bis 8000 m hoch, emporstoßen, scheint eine Mitwir- kung vorbehalten zu sein. Näheres darüber müssen weitere Untersuchungen ergeben, die naturgemäß durch die Seltenheit der Erscheinung und die sonstigen Nebenumstände sehr erschwert sind. Prof. W e g e n e r gebührt das große Verdienst, daß er vor allem einmal die den Tromben gemein- samen Züge festgestellt und damit weiteren For- schungen den Boden geebnet hat. C. H. Geologie. Die Entstehung der Trockentäler behandelt Erwin Scheu. (Festband für Al- brecht Penck, S. 93 — 106). Daß auch bei den Trockentälern fließendes Wasser die formengestaltende Kraft ist, beweist in den Trockentälern der schwäbischen Alb und der Ardennen das Auftreten von Flach- und Steil- hängen, von gut erhaltenen Prallhängen. Selbst Terrassen, die mit Schotter bedeckt sind, verraten in Trockentälern fluviatile Entwicklung. Beim Wechsel von wasserführenden und wasser- stauenden Schichten kann das oberirdisch fließende Wasser leicht zum Grundwasser abgezapft werden, wenn der Fluß über durchlässige Schichten hin- fließt. Die „Poren" seines Untergrundes füllen sich mit vom Fluß abgegebenen Wasser, so daß das Grundwasser zur Talsohle heranreicht. Kalk- gebiete können so viel Wasser verschlucken, daß der Fluß das Porenvolumen der Untergrundschicht nicht zu füllen vermag. Kommen, wie bei der oberen Donau, Verwerfungsspalien und Klüfte als Wasserschlucker vor, dann entstehen F"luß- schwinden, denen talabwärts Trcckentäler folgen müssen. Nun kann das Sickerwasser bis zu einer wasserundurchlässigen Schicht sinken, unterirdisch als Grundwasser auf dieser weiterfließen bis diese Schicht entlang der Talsohle wieder ausstreicht. Dann erscheint der Fluß wieder. Diese Er- scheinung kann sich wiederholen innerhalb eines Flußlaufes. Die ,, Rummeln" im Sandplateau des Fläming zeigen solche Trockentaltypen. Bleiben in den Rummeln die Niederschläge längere Zeit aus, dann erhalten wir Trockentäler mit jugend- lichen Erscheinungen. Die dureh rasch wechselnde Sandschichten geschaffenen Stufen wandern rück- wärts, verschwinden schließlich ganz. Nur mit ganz wenig Verlust durcheilen die Bäche nach starken Regengüssen das Tal. Die Rummel zeigt so den Charakter eines rein periodischen Trockentales. Gleiche Formen zeigen sich auch in Gebieten mit widerstandsfähigeren Gesteinen wie im Muschel- 86 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVHI. Nr. 6 kalkgebiet der Seitentäler der Saale bei Kosen und hinter der Rudelsburg. Voraussetzung ist auch hier der Wechsel von durchlässigen und undurchlässigen Schichten entlang eines Talzuges. Die Bäche versickern im klüftigen Kalk iaber den Mergeln, bilden ein Grundwasserstockwerk, treten als Quelle zutage, wo die JVlergel ausstreichen. Der eben entstandene Bach erodiert stark, bildet an der Quelle eine deutlich wahrzunehmende Tal- stufe. An ihr verrät Unterwaschung beginnende Rückwärtserosion, die auch die Kalkschicht durch- schneidet bis der Fluß auf undurchlässigem Mergel hinfließt. Aus dem partiellen Trockental wird ein normales Flußtal. Es kann vorkommen, daß durch starke Erosion des Haupttales die Nebentäler zu Trockentälern werden können. Mündungsstufen kennzeichnen dann die Art der Entstehung wie im Gebiet der oberen Donau, des oberen Neckar, wo der Haupt- fluß im jüngeren Diluvium die Muschelkalkplatte kräftig durchschnitt. Von hohem Interesse sind die Trockentäler in mächtigen Schichten ohne undurchlässige Ein- lagerungen wie in Gebieten der oberen Kreide. Hier steht die Trockentalerscheinung mit einheit- lichen Grundwasserverhähnissen in Beziehung. Die Ausbildung der Grundwasserverhältnisse in diesen Gebieten hängt mit dem vorhandenen Poren- volumen des Gesteins zusammen. Scheu faßt sämiliche Hohlräume eines Gesteins, welche eine Zirkulation des versickernden Oberflächenwassers gestatten, ins Auge, wenn er Porenvolumen und Porenquotient auf die praktische Durchlässigkeit bezieht. So kommt d. Verf. zu mehreren Stadien in der Grundwasserentwicklung. Er erkennt im „jungfräulichen" Gestein die unausgeglichene Grundwasserfläche, die zum Spiegelbild des Ge- ländes wird, weil durch Vorhandensein eines kapillaren Porenvolumens aus dem kapillar ge- sättigten Gestein eine undurchlässige Schicht wird. Grundwasserberge und Grundwassertäler wechseln wie die entsprechenden Oberflächen- formen. In der Nähe einer Talsohle ist der Poren- quotient höher, weil Atmosphärilien Poren und Fugen weiten, darum zeigt sich in der Grund- wasserkurve hier im Übergang ein Knick unge- fähr in der Höhe der Talsohle. Geschieht die Porenaufweitung weiter in die Berge hinein, dann senkt sich auch hier infolge zunehmenden Porenquotienten der Grundwasserspiegel. Wir stehen vor einem weiteren Stadium der Entwicke- lung, der ausgeglichenen Grundwasserfläche. Bei ihr entsprechen den Geländerücken flach gewellte Grundvvasserberge. Nimmt das Porenvolumen immer mehr zu, dann verschwinden auch noch die flachgewölbten Grundwasserberge und wir er- halten die verebnete Grundwasserfläche. Auch in der Jahresschwankung des Grund- wasserspiegels zeigen sich die verschiedenen Sta- dien wieder. Groß sind sie beim unausgeglichenen Spiegel, weniger beim ausgeglichenen und am kleinsten beim verebneten. Diese Stadien kommen in der Natur neben- einander vor. Eine Landschaft mit verebnetem Grundwasserspiegel wird gehoben. Der am höch- sten herausgehobene Teil verfällt der Abtragung. Es entstehen Gebiete mit kleinem Porenquoiient, mit unausgeglichenem Grundwasserspiegel. Im nicht so weit hochgehobenen Gebiet sind die Schichten nicht so jungfräulich. Hier entsteht ein ausgeglichener Grundwasserspiegel. Bei ge- mäßigt humiden Klima ist die mechanische Ero- sion von größerer Wirkung als die chemische. Wo ein verebneter Grundwasserspiegel vorhanden ist, muß man eine Einwirkung des tropischen oder subtropischen Klimas in betracht ziehen, wie es in der Tertiärzeit möglich war. In Tälern, in denen das Gefälle geringer als im Grundwasser ist, muß das Grundwasser zutage treten. Hoher Grundwasserstand setzt große Flächen unter Wasser. Talhänge und Bergrücken treten zu diesen Sumpflandschaften mit ihrer dürftigen Vegetation in Gegensatz. Die Siede- lungen befinden sich an den Stellen der Grund- wasseraustritte. Die Gefällskurve der Nebentäler ist steiler als die der Haupttäler. So wird der untere Teil nur von einem Bach durchflössen. Der obere Teil ist eine dürftig bewachsene Trockentalmulde. Ein scharfer Grundwasseraustritt wird sich in Gebieten mit unausgeglichenem Grundwasseraustritt nicht zeigen. Das Steigen und Fallen des Grundwassers macht sich bemerk- bar dadurch , daß der Grundwasseraustritt im Längsprofil des Baches auf und ab wandert. Wir finden also weder Stufen noch ausgeprägte Tal- schlüsse in Gebieten mit unausgeglichenem Grund- wasserspiegel. Liegt im Trockental viel Schutt, dann tritt das Grundwasser gesammelt in einer Schuttquelle aus, schaff^t eine Erosionsrinne, in der der Bach nach aufwärts erodiert. In Gebieten mit verebnetem Grundwasser- spiegel wird der Grundwasseraustritt festgelegt. Das den Quellhorizonten entströmende Wasser schafft kleine Stufen, arbeitet mehr oder weniger Talschlüsse heraus. Solange das Porenvolumen nicht groß war, das Gestein also praktisch undurchlässig, konnte nun ein seichtes (irundwasser, ein „Mittelwasser" entstehen. Beim Herausheben über die Erosions- basis schneiden Flüsse und Bäche ein. Es ent- steht ein ziemlich dichtes Talsyslem. Bei Kalken wirkt das Wasser auf Höhen und Talhängen chemisch lösend. Aus dem Mittelwasser entsteht ein Grundwasser. Allmählich verlieren die Flüsse ihre oberirdischen Einzugsgebiete. Ihre Speisung geschieht durch Grundwasser. Die früheren ober- irdischen Speisungsgebiete werden zu Trocken- mulden. Bleibt die Tiefenerosion mit gleicher Heftigkeit dieselbe, dann bewahrt sich der Fluß stets im frischangeschnittenen Gestein ein ihn nährenden Grundwasserstrom. Sobald die Tiefen- erosion zur Lateralerosion wird, ändert sich das hydrographische Bild. Mit dem raschen Anstieg der Flußkurven gegen das Einzugsgebiet verlieren N. F. XVIII. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 87 viele Nebenflüsse ihren Oberlauf, verschwinden kleine Bäche ganz, werden zu Trockentälern. Aus- dauernd sind dann jene Flüsse, deren Gefällskurven nicht aus der Grundwasseroberfläche herausragen. Die Höhe des Grundwasserspiegels ist nicht nur vom Porenvolumen abhängig, sondern auch von der Menge der Niederschläge und der Höhe der Verdunstung. Das Klima der nichtverglet- scherten Gebiete des miUleren und westlichen Europas gleicht den Ländern, die heute weit nörd- licher wie diese liegen. In den nichtvergletscherten Gebieten war bei derselben Niederschlagsmenge wie heute der Abfluß stärker wie jetzt. Durch die einsickernden Wassermengen mußte sich der Grundwasserspiegel heben. Auch die Klimaände- rung, die eine Herabsetzung der Verdunstung nach sich zieht, muß den Grundwasserspiegel heben lassen. Die Trockentäler können wieder zu nor- malen Flußiälern werden. Bei mehrmaligem Klima- wechsel, zur Glazialzeit, geschah dies mehrfach. In den Glazialzeiten wären die Täler mit Schutt erfüllt worden, wenn durch Hebung des Grund- wasserspiegels die Trockentäler nicht oberirdische Entwässerung erhalten hätten. Schutt wurde "durch dieses Oberflächenwasser nach dem Haupt- tale verfrachtet. Dieser mußte aufschütten und zwang auch die Nebenflüsse, aufzuschütten. Die folgende Interglazialzeit verursachte ein Ein- schneiden der Flüsse, eine Erhöhung der Ver- dunstung, eine Senkung des Grundwasserspiegels, so daß aus einer Unzahl von Tälern wieder Trockentäler wurden. Wenn man mehrere Glazial- und Interglazialzeiten berücksichtigt, kommt man zu dem Schema von Scheu: Klimaperiode : Verdunstung: [ I Grundwasser- spiegel: Nebenläler: Denudation: Tätigkeit der Flüsse: Jungtertiär und älteres Diluvium: Vorletzte Interglazialzeit Vorletzte Glazialzeit Letzte Interglazialzeit Letzte Glazialzeit Postglazialzeit Tiefenerosion und Herausbildung der Tallandschaften stark gering stark gering stark unausgeglichen steigend fallend steigend fallend Trockentäler (allmählich entstehend) Flußtäler Trockentäler (häufig) z. T. wieder Flußläler meistens Trockentäler schwach stark schwach stark schwach erodierend aufschüttend erodierend aufschüttend erodierend Rudolf Hundt. Anregungen und Antworten. Herrn S. R. in M. An neueren zusammenfassenden Dar- stellungen über Tierpsychologie besteht kein Mangel. Je» nach der Sielluog, die der Verf. einnimmt, ist indessen der Charakter der Darstellung sehr verschieden. Der Philosoph behandelt im allgemeinen das Gebiet von anderen Gesichtspunkten als der Naturforscher, ein Psychoviialist , wie Driesch, C. C. Schneider, wird eine andere Darstellung geben als z. B. der Vertreter eines mechanistischen Materialismus, wie Loeb, Betbe. Für ein ,, Lehrbuch" der Tierpsychologie sind unsere positiven Kenntnisse auf diesem Gebiete noch viel zu gering. Die wichtigsten zusammenfassenden Darstellungen der letzten Zeit sind im folgenden, zum Teil unter Angabe des Charakters der betreffenden Schrift, zusammengestellt. Bohn, G., Die neue Tierpsychologie. Leipzig 1912. Buttel-Reepen, H. v., Die moderne Tierpsychologie, Arch. f. Rassen- u. Gesellschaftsbiol., Bd. 6, 1909. — v. B.-R , einer der besten Kenner der Bienen, betrachtet diese im Gegen- satz zu Bethe nicht als einfache ,,Retlexmaschinen", sondern sie besitzen nach ihm ein Gedächtnis und vermögen Erfahrungen zu sammeln. Andererseits wendet sich v. B.-R. aber auch gegen anlhropomorphisierende Schilderungen des Lebens der Bienen, in denen sie als Wesen mit menschenähnlichem Bewußtsein und rein menschlichen Emptindungen dargestellt werden. Claparede, E., Tierpsychologie. Handwörterbuch der Natur w, Bd. 9, 1913. — Sehr gute kurze Zusammenfassung. Do Hein, F., Der Ameisenlöwe. Eine biologische, tier- psychologische und reflexbiologische Untersuchung. Jena 1916. — Die Arbeit sei erwähnt als Muster einer modernen tier- psychologischen und reflexbiologischen Untersuchung. Der Ameisenlöwe, der den Schilderungen der alten Natur- forscher zufolge geradezu das Paradebeispiel eines Tieres mit planmäßigem, intelligentem Handeln war, ist nach D. ein reiner Reflexautomat, dem jegliche höhere Fähigkeiten fehlen. D. bestreitet indessen, das sei ausdrücklich betont, durchaus nicht überhaupt die Existenz komplizierter psychischer Fähigkeiten bei höheren Organismen. Die genaue Kenntnis reiner Refiexauto'maten erscheint ihm aber zur Erforschung der Gesetze notwendig, die die höheren psychischen Funktionen der Tiere und auch des Menschen beherrschen. Krall, K., Denkende Tiere. Leipzig 1912. — Dieses bei seinem Erscheinen von den einen ebt nso bt-geislert aufge- nommene wie von den anderen heftig bekämpite Buch wurde zum Ausgangspunkt einer neuen Richtung in der Tierpsycho- logie, die man indessen heute wohl als einen Irrweg bezeich- nen kann. Das Studium des Seelenlebens höherer Tiere ver- langt andere Methoden, als die Vertreter dieser Richtung an- wenden (vgl. auch den Aufsatz von C. Herbst, Der kluge Hund von Mannheim, diese Zeitschrift, N. F. Bd. 15, 1916). Kafka, G. , Einführung in die Tierpsychologie auf ex- perimenteller und cthologischer Grundlage. I. Bd. Die Sinne der Wirbellosen. Leipzig 1913. — Das Werk, das von einem Philosophen stammt, kann zum einiührenden Studium sehr empfohlen »erden. Die naturwissenschaftliche Literatur wird sehr auslührlich und gründlich behandelt. In dem bisher vor- liegenden ersten Bande werden allerdings die höheren psychi- schen Fähigkeiten der Tiere noch nicht besprochen. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N, F. XVlil. Nr. 6 Morgan, C. L., Instinkt und Gewohnheit. Leipzig und Berlin 1909. — Grundlegendes Werk eines amerikanischen Tierpsychülogen. K. C, Vorlesungen über Tierpsychologie. Der Verf. vertritt einen rein vitalistischen Schneider, Leipzig 1909. — Standpunkt. Schneider, K. C. , Tierpsychologisches Praktikum in Dialogform. Leipzig 1912. — S. läßt 7 Forscher verschiede- ner Richtungen (Psychologe, Physiologe, Biologe, Darwinist,- Lamarekist. Monist, Vitalist) und einen Laien miteinander dis- kutieren. Was mann, E., Instinkt und Intelligenz im Tierreich. Ein kritischer Beitrag zur modernen Tierpsychologie. 3. Aufl. Freiburg 1905. — W. , einer unserer besten Ameisenkenner, nimmt entsprechend seiner Stellung als Jesuitenp.uer in tier- psychologischen Fragen einen theologisch - philosophischen Standpunkt em und leugnet die Existenz einer Tierintelligenz. Wasmann, E., Die psychischen Fähigkeiten der Ameisen. Mit einem Ausblick auf die vergleichende Tierpsychologie. 2. Aufl. Stuttgart 1909. ^ Wundt, W.. Vorlesungen über die Menschen- und Tier- seele. 5. Aufl. Hamburg und Leipzig 1911. — Dieses Werk des bekannten Philosophen erschien bereits 1863 in erster Auflage. Im Gegensatz zu der Mehrzahl der Naturforscher will W. bei Betrachtung der tierischeu Psyche „überall von den bekannten Tatsachen des menschlichen Bewußtseins aus- gehen". Ziegler, H. E. , Der Begriff des Instinktes einst und jetzt. Eine Studie über die Geschichte und die Grundlagen der Tierpsychologie. 2. Aufl. Jena 1910. Zur Strassen, O., Die neuere Tierpsychologie. Leipzig 1908. ■ Nachtsheim. Zu dem Aufsatz des Herrn Prof. L. R e h über „Blausäure zur Bekämpfung von Ungeziefer" in Nr. 45 dieser Zeitschrift sei Mühle 300—400 cbm reines Blausäuregas entwickelt werden! Noch schlimmere Verhältnisse habe ich auf Schiffen, z. B. Torpedobooten vorg«funden, bei denen das Arbeiten in dem aufs Äußerste ausgenutzten Raum eine schwere Anstrengung ist. Daß Mäuse oder auch Ratten aus den Lächern hervor- kommen, habe ich in keinem Falle beobachtet. Soviel mir bekannt, ist man gerade von der Schiffsdurchgasung abge- kommen, weil die in ihren Löchern verendeten und verwesen- den Ratten eine üble Plage sind. Über die Gefährlichkeit der Blausäure habe ich auch eine andere Ansicht wie der Verfasser. Bei 30 — 40000 cbm großen Gebäuden wird bei der Menge des Gases eine ,, schwerere" Vergiftung meist zum Tode führen, da es nicht möglich ist, den Vergifteten schnell an die frische Luft zu bringen, zumal wenn man sich gerade im fünften oder sechsten Stockwerk einer Mühle befindet. Ferner möchte ich noch erwähnen, daß Blausäuregas von 1 Vol. % bei vielen Personen stark tränenerregend wirkt und bei Eindringen in selbst ganz kleine Wunden sehr üble, schwer zu heilende Geschwüre (,,Gasphlegmone") zur Folge haben kann. Meine Beobachtungen erstrecken sich auf Hunderte von Leuten und dürften wohl daher einige Beachtung ver- dienen. Mit dem Verf. stehe ich jedoch auf dem Standpunkt, daß das Blausäureverfahren in Zukunft eine weite Verbreitung fin- den muß, zumal wenn man seine Ausübung nur sachverstän- digen Personen anvertraut. Dazu möchte ich aber noch be- merken , daß es auch in dieser Angelegenheit ,, akademische Sachverständige" gibt, die es sich mit jedem Kammerjäger aufzunehmen getrauen. Dr. W. Rasch. es mir gestattet, einige Bemerkungen hinzuzufügen. Zur gleichen Zeit wie „die Deutsche Gold- und Silberscheideanstalt" begann die Versuchsanstalt für Getreideverarbcitung in Berlin sich für das Verfahren, besonders im Hinblick auf die Be- kämpfung der Mühlenschädlinge, zu interessieren. Die Mono- DiTngerlehre und Ackerbaulehre. 2. stark erweiterte und ver polisierung des Verfahrens durch den Tasch war nicht eine besserte Auflage. Dresden und Leipzig 1918, Th. Steinkopf. Literatur. Giemen, C.B., Einträgliche Entenzucht. Leipzig, A. Michaelis. 1,20 M. Wenger, Prof. Dr. R. , Die Vorherbestimmung des Wetters. Antrittsvorlesung. Leipzig 1919, Veit & Co. 1,80 M. Ehrenberg, Prof. Dr. P. , Die Bodenkolloide. Eine Ergänzung für die üblichen Lehrbücher der Bodenkunde, Ausnjtzung der „eigenartigen Machtverhältnisse des Krieges", sondern zum größten Teile bedingt durch die Beschaffung der Rohstoffe, die anderen Stellen wegen der Beschlagnahme der Schwefelsäure bedeutend schwerer gefallen wäre. Dazu kam die namentlich bei Durchgasung großef Mühlen unbedingt nötige Ausrüstung der arbeitenden Mannschaften mit Gasschutz- (Sauerstoffatmungs-)apparat. Von der Schwierigkeit der Durch- gasung einer größeren Mühle scheint mir der Verf. nicht die richtige Vorstellung zu haben. Während achtmonatiger 1 ätig- keit bei der „Kompagnie für Schädlingsbekämpfung'- habe ich Mühlen der verschiedensten Bauart durchgast. Die meisten Mühlen waren so verbaut und unzugänglich, daß schon das Einwerfen des Cyannatriums in die Schwefelsäure nicht ohne Gasschutzapparat vorgenommen werden konnte. Und dann die Durchlultung ! Das unter Gas stehende Gebäude mußte zur Öffnung der in den oberee Stockwerken liegenden Fenstei betreten werden und die Mannschaften mußten z. T. über I Stunde in dem gaserfüllten Raum mit dem Atmungsapparat arbeiten. Es ist klar, daß man unter solchen Umständen nur mit ganz erprobten und zuverlässigen Mannschaften arbeiten kann und daß man auch besondere Vorsichtsmaßregeln für die Umgebung zu treffen hat, wenn allein in einer einzigen 24 M. Aus Natur und Geisteswelt. Berlin 1918, B. G. Teubner. Jedes Bändchen 1,50 M. Zander, Prof. Dr. R., Vom Nervensystem usw. 3. Aufl. Vater, Prof. Dr. R., Die neueren Wärmekraftmaschinen. I. 5. Aufl. II. 4. Aufl. Bloch, Dr. W., Einführung in die Relativitätstheorie. Wolf, J., Der Tabak. Heilborn, Dr. A., Der Mensch der Urzeit. 3. Aufl. Bardeleben, Prof. Dr. K. v. , Anatomie des Men- schen. L 3. Aufl. IV. 3. Aufl. VL 2. Aufl. Wilsdorf, Dr. G., Teezüchtung. 2. Aufl. Wedding, M., Das Eisenhüitenwesen. 5. Aufl. Rohr, Dr. M. v., Das Auge und die Brille. 2. Aufl. Wiener, O., Physik und Kultureutwicklung. Mit 72 Textabbildungen. Leipzig und Berlin 1919, G. B. Teubner. 4,40 M. Weihe, C, Aus eigener Kraft. Bilder von deutscher Technik und Arbeit. Mit 20 Abbildungen. Leipzig u. Berlin 1919, B. G. Teubner. 1,10 M. lloffmann, Prof. Dr. B., Führer durch unsere Vogel- welt. Leipzig und Berlin 1919, B: G. Teubner. 4 M. Inhalt: Hugo Miehe, Über Selbsterhitzung und Ihermophile Mikroorganismen. S. 73. — Kleinere Mitteilungen: A. W ig and. Zur Frage des Zusammenhangs zwischen Mumifikation und Radioaktivität. S. 78. L. Reisinger, Zum Kleinhirn der Teleostier. (I Abb.) S. 79. — Einzelberichte: Alfred Ploetz, Die Bedeutung der Frühehe für die Volksvermehrung nach dem Kriege. S. 80. Hart mann. Theoretische Bedeutung und Terminologie der Ver- erbungserscheinungen bei haploiden Organismen. S. 81. M. La Rosa, Verflüssigung des Kohlensiofl"s. S. 82. W. Gallenkamp, Messungen der photochemischen Intensität des Himmels. S. 83. G. Hell mann. Nächtliche Abküh- lung der bodennahen Luftschichten. S. 83. A. Wegencr, Einige Hauptzüge aus der Natur der Tromben. S. 84. Erwin Scheu, Die Entstehung der Trockenläler. S. 85. — Anregungen und Antworten: Neuere zusammenlassende Darstellungen über Tierpsychologie. S. 87. Blausäure zur Bekämpfung von Ungeziefer. S. 88, — Literatur: Liste. S. 88. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstrafle 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge j8. Band; 'der ganzen Reihe ^4, ßand. Sonntag, den i6. Februar 1919. Nummer lt. Die wichtiasten Kartoifelkrankheiten. [Nachdruck verboten.] Von Dr. F. Esmarch-Bromberg. Mit 7 Abbildungen im Text. Die Kartoffel hat durch den Krieg eine vor- her nicht geahnte volkswirtschaftliche Bedeutung gewonnen. Früher in manchen Kreisen der Be- völkerung nur als Zukost gewertet, ist sie heute neben dem Brotgetreide zum Rückgrat unserer Ernährung geworden. Es hing wesentlich von dem Ausfall unserer Kartoffelernten ab, ob wir den Krieg wirtschaftlich durchhalten konnten oder nicht. Da ist es kein Wunder, daß das Interesse für den Kartoffelbau bei den Landwirten, wie auch in Laienkreisen gewaltig zugenommen hat. Der Kartoffelbau stand in Deutschland schon vor dem Kriege auf beachtensjverter Höhe. In den letzten 5 PViedensjahren (1909 — 1913) wurden in Deutschland durchschnittlich 46,8 Millionen Tonnen geerntet, d. h. fast ein Drittel der Welt- produktion, und die Hektarernte stieg von 94,8 dz im Jahre 1890 auf 158,6 dz im Jahre 191 3. Die Erträge lassen sich aber noch wesentlich steigern, wenn mehr als bisher danach gestrebt wird, alle minderwertigen Sorten und kranken Stauden von der weiteren Kultur auszuschließen und nur gesunde Zuchten ertragreicher Sorten anzubauen. Die Kenntnis der Kartoffelkrankheiten ist demnach von großer praktischer Bedeutung. Aber auch abgesehen davon, bieten sie soviel des Interessanten, daß kein naturwissenschaftlich Ge- bildeter an ihnen vorübergehen sollte. Ich will daher im Folgenden versuchen, einen Überblick über die wichtigsten dieser Krankheiten und ihre Bekämpfung zu geben. I. Die Krautfäule. Am längsten bekannt ist die fast alljährlich in größerem oder geringerem Umfange auftretende Krautfäule, auch „Kartoffelkrankheit" schlechtweg genannt. Die ersten Anzeichen der Krankheit machen sich gelegentlich schon im Juni, meist aber erst im Juli oder August bemerkbar. Es zeigen sich auf den Blättern kleine, anfangs bräun- liche, später schwarz werdende Flecken (Abb. i), die gewöhnlich zuerst am Rande oder an der Spitze des Blattes auftreten, sich dann rasch vergrößern und schließlich die ganze Blattfläche einnehmen. Bei feuchtem Wetter erkennt man auf der Unter- seite der Flecken, besonders am Rande, einen schimmelähnlichen, weißen Anflug. Bei trockenem Wetter verschwindet er, kommt aber wieder zum Vorschein, wenn man erkrankte Blätter 2 — 3 Tage in eine feuchtgehaltene Glaskammer legt. Die Krankheit greift von den Blättern auf die Blattstiele und den Stengel über und breitet sich in nassen Sommern derartig schnell aus, daß innerhalb weniger Tage ganze Felder schwarz werden. Mit der Vernichtung des Krautes wird die Pflanze der Möglichkeit beraubt zu assimi- lieren, kann also auch die angesetzten Knollen nicht zur vollen Entwicklung bringen, so daß der Ertrag bei frühzeitigem Befall bedeutend herab- gesetzt wird. Die Krankheit hat in manchen Jahren vollständige Mißernten zur Folge gehabt. Als Erreger der Krautfäule wurde von M o n - tagne (1845) ein Pilz erkannt, der heute P/iy- tophthora iiifcstaiis heißt undjzu den Mehllaupilzen (Peronosporaccen) gerechnet wird. Der Entwick- lungsgang des Pilzes ist von de Bary (1861) ein- gehend erforscht und beschrieben worden. Nach ihm lebt der Pilz interzellular im Mesophyll des Blattes und bringt die Zellen durch Abscheidung giftiger Stoffe zurh Absterben, wobei sich Zell- inhalt und Membranen braun färben. Am Rande der so entstandenen braunen Flecken, wo das Wachstum des Mycels am lebhaftesten ist, bilden sich bei geeigneter Witterung zahlreiche Konidien- träger, die dem bloßen Auge als schimmelähnlicher Anflug erscheinen. Die Konidienträger wachsen, einzeln oder zu Büscheln vereint,- aus den Spalt- öffnungen (seltener zwischen zwei beliebigen Epi- dermiszellen) heraus und schwellen an ihrer Spitze zu einer zitronenförmigen Konidie an, die sich durch eine Querwand in der Weise abgliedert, daß sie kurz gestielt aussieht. Unterhalb der Querwand wächst der Träger nun weiter in die Länge, schiebt die Konidie beiseite und beginnt dann eine zweite Konidie zu bilden, die sich ebenso abgliedert, usw. Da sich die Träger auch verzweigen und an jedem Aste mehrere Konidien entstehen können, ist ihre Zahl außerordentlich groß. Die Konidien lösen sich leicht ab, fallen teilweise auf den Boden, teilweise gelangen sie mit dem Winde auf andere Kartoffelblätter. Finden sie hier genügend Feuchtigkeit, so keimen sie nach kurzer Zeit aus. Entweder — nach Melhus (191 5) bei Temperaturen von mehr als 20" C überwiegend — sie treiben direkt einen Keim- schlauch oder — unter 20 " C überwiegend — sie entlassen zunächst 6 — 16 Schwärmsporen, die sich etwa V2 Stunde lebhaft im Wasser bewegen und dann, zur Ruhe gekommen, ebenfalls einen Keimschlauch bilden. Zu dieser Keimung ist nur Feuchtigkeit nötig, die weitere Entwicklung aber ist an die Kartoffelpflanze gebunden. Der Keim- schlauch dringt durch eine Spaltöffnung oder auch durch die Wandung einer Epidermiszelle in das Blatt ein und wächst interzellular zu dem weit- verzweigten, querwandlosen Mycel heran, von dem 90 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 7 unsere Schilderung ausging. Diese Verbreitung der Krankheit von Blatt zu Blatt und von einer Pflanze zur andern geht bei feuchtwarmer Witte- rung mit großer Geschwindigkeit vor sich, da die Ausbildung und Keimung der Konidien wenig Zeit erfordert. Die Konidien, die nicht auf Kartoffelblätter, sondern auf den Boden gelangen, gehen im all- gemeinen zugrunde. Wenn sie aber durch an- haltenden Regen in die Erde hineingespült werden und dort mit den jungen Knollen in Berührung kommen, so können sie diese infizieren. Der Keimschlauch wächst dann durch die Korkschicht der Schale hindurch und in das darunter liegende Parenchymgewebe hinein, dessen Zellen in der- selben Weise zerstört werden, wie die Mesophyll- zellen des Blattes. Äußerlich kennzeichnen sich solche Stellen als mißfarbige, scharf umgrenzte, etwas eingesunkene Flecken. Durchschneidet man .^bb. I. K.irtoffelblatt mit beginnender Krautfäule. '(Nach Schänder.! sie, so bemerkt man unter der Schale einen meist nur schmalen Streifen von gebräuntem vertrock- neten Gewebe. Die Flecken sind oft unscheinbar und leicht zu übersehen. Werden die Knollen aber während des Winters feuchtwarm aufbewahrt, so breitet sich der Pilz aus, die Flecken werden größer und die Bräunung schreitet nach innen fort. Auf der Oberfläche können Konidienträger gebildet und mit Hilfe der Konidien andere Knollen infiziert werden. Wenn man solche Knollen mit Phytophthora- flecken im nächsten Jahre auspflanzt, so wächst der Pilz bei günstigen Bedingungen in die jungen Triebe hinein und überträgt so die Krankheit auf die entstehende Pflanze. Allzuhäufig tritt dieser Fall zwar nicht ein ; meistens bleiben die aus phytophthorakranken Knollen erwachsenen Stauden gesund. Aber wenn auch nur einzelne Pflanzen in dieser Weise erkranken, sie genügen, um unter geeigneten Witterungsverhältnissen zu gefährlichen Seuchenherden zu werden, von denen eine neue Epidemie ihren Ausgangspunkt nimmt. Da Pliytophthora iii/esfans zu den Peronospo- raceen gehört, wäre auch eine andere Eorm der Überwinterung denkbar. Die meisten Pilze dieser Familie bilden außer Konidien noch Oosporen aus, die durch einen Sexualakt, durch Vereinigung männlicher und weiblicher, von Antheridien bzw. Oogonien gebildeter Fortpflanzungszellen entstehen und besonders widerstandsfähig sind. Mit Hilfe solcher Dauersporen überwintern sie. Der ameri- kanische Forscher Clinton hat (1909) bei Kultur- versuchen mit Pliytophthora auf bestimmten Nähr- böden Oosporen gefunden und will sie auch in erkrankten Kartoffelblättern festgestejlt haben. Aber bei uns in Europa hat man bisher vergeb- lich danach gesucht. Wir müssen also vorläufig dabei bleiben, daß der Pilz nur mit Hilfe des Myzels in den Knollen überwintert. Die einzelnen Kartoffelsorten sind für die Phytophthora in verschiedenem Grade empfäng- lich. Bestimmte äußere Kennzeichen für den Grad der Empfänglichkeit lassen sich nicht angeben, wenn auch im allgemeinen frühe, dünnschalige, stärkearme Sorten leichter befallen werden als späte, dickschalige, stärkereichere Sorten. Die ge- ringe Widerstandsfähigkeit der frühen Sorten hängt damit zusammen, daß die Kartoffel nach abgeschlossenem Längenwachstum besonders emp- findlich ist und dieses Stadium bei früher Reife häufig mit für den Pilz günstigen Außenbedingungen zusammenfällt. Im übrigen wechselt die Anfällig- keit ein und derselben Sorte mit den Boden- und klimatischen Verhältnissen. Die Bekämpfung der Krankheit ist im wesent- lichen vorbeugender Art: Durch Anbau wider- standsfähiger Sorten, durch trockene und kühle Einwinterunc; der Kartoffeln, und durch Auswahl gesunden, von Phytophthoraflecken freien Saat- gutes kann man einer PhytophthoraEpidemie wirk- sam vorbeugen. Von direkten Bekämpfungsmitteln seien erwähnt: das Jensen'sche Heiß wasser- verfahren, das die Abtötung des Pilzes an den Saalknollen bezweckt, und das Bespritzen der Kartoffclpflanzen mit 2 proz. Kupferkalkbrühe, welche die Blätter mit einer dünnen Schicht Kupfersalz überzieht und dadurch die Keim- schläuche der Konidien am Eindringen hindert. Mit dem letztgenannten Verfahren hat man na- mentlich in Amerika gute Erfolge erzielt. In Deutschland hat es sich dagegen nicht einge- bürgert, in erster Linie wohl deshalb, weil das Kraut bei unseren neuen Sorten so üppig ent- wickelt ist, daß die Spritzwagen beim Durch- fahren der Felder zu großen Schaden anrichten würden. N. F. XVIII. Nr. 7 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 9' 2. Die Dürr fl ecken k rank h ei t. Eine gewisse Ähnlichkeit mit der Krautfäiile hat -die Diirrfleckenkrankheit der Kartoffel. Sie ist durch das Auftreten von anfangs kleinen, später größeren, schwarzbraunen, scharfbegrenzten Blatt- flecken gekennzeichnet, die aus vertrocknetem Ge- webe bestehen. Die befallenen Blätter werden gelb und sterben frühzeitig ab. Die Verringerung der Assimilationsfläche hat natürlich eine Herab- setzung des Knollenertrages zur Folge, doch ist der Ausfall im allgemeinen nicht bedeutend. Als Erreger der Krankheit wurde von Sorauer und Van ha (1904) der Pilz Alfeniaria Solani fest- gestellt, dessen Sporen braun, umgekehrt keulig, langgeschnäbelt und im unteren Teile mehrfach gefächert sind. Bei üppigem Wachstum des Pilzes reihen sie sich kettenförmig aneinander. Mikroskopisch ist also die Dürrfleckenkrankheit leicht von der Krautfäule zu unterscheiden. Aber auch makroskopisch sind sie bei einiger Aufmerk- samkeit nicht zu verwechseln. Die Altrniaria- Flecken bleiben meist klein und mehr isoliert, während die PIiy/flp/if/wra-¥\&cken sich schnell vergrößern und über das ganze Blatt ausbreiten. Vor all.em aber fehlt den AI fenia na -VWck&n der weißflaumige Rand auf der Unterseite, der bei Phytoplühora wenigstens an feuchten Tagen immer zu finden ist. Die Haupteniwicklungszeit der Dürrfleckenkrankheit fällt in die Monate Juli und August. Nicht selten findet man sie mit Phytoph- fhora zusammen auf ein und derselben Pflanze. 3- Die Blattrollkrankheit. Eine besonders wichtige Krankheit der Kar- toffel ist die Blattrollkrankheit, die zuerst 1905 von Appel eingehender beschrieben wurde und die Forschung seitdem intensiv beschäftigt hat. Die kranken Pflanzen zeigen ein eigentümliches Rollen der Blätter (Abb.2). An den untersten Blättern beginnend und allmählich zu den oberen fort- schreitend, rollen sich die einzelnen Fiederblättchen röhren- oder tütenförmig nach oben zusammen. Die Blätter fühlen sich hart und spröde an, werden gelblich, am Grunde oder Rande oft röt- lich, und sterben frühzeitig ab. Das Kraut bleibt niedrig, die Internodien der Stengel und Blätter erscheinen gestaucht, der Knollenansatz ist ge- ringer als bei normalen Pflanzen. Die einzelnen Knollen sehen gesund aus, weisen auch im Innern keine Besonderheiten auf, übertragen aber doch die Krankheit auf die nächste Generation. Die Mutterknolle bleibt länger fest und saftig als bei gesunden Pflanzen, oft bis zur Ernte. Die Krankneit ist von großer wirtschaftlicher Bedeutung, da sie den Ertrag bei längerer Nach- zucht soweit herabsetzen kann, daß sich der An- bau nicht mehr lohnt. , Infolgedessen werden auch bei der, gerade im Kriege mehr in Aufnahme gekommenen Anerkennung von Saatkartoffeln stark blaltroUkranke Felder von der Anerkennung aus- geschlossen. Die Ursache der Krankheit ist trotz umfang- reicher und gründlicher Untersuchungen durch eine ganze Reihe von Forschern bis jetzt noch nicht aulgeklart. Anfangs suchte man das Rollen der Blatter, das ja eine beim Welken häufig auftretende Erscheinung ist, durch eine Störung des Wasser- haushaltes zu erklären und führte es auf eine Ver- stopfung der Gefäße durch Pihe oder Bakterien zurück, die an verletzten Stellen aus dem Boden in den Stengel eindringen und mit den Knollen von einem Jahre zum andern übertragen werden sollen. Diese Pilztheorie hat sich aber nicht auf- recht erhalten lassen, da sich Pilzfäden nicht sehen auch in gesunden Pflanzen finden und anderer- seits in kranken oft fehlen. Außerdem war das Krankheitsbild in den Pallen, wo eine Verpilzung der Gefäße zweifellos vorlag, meistens ein wesent- lich anderes, worauf ich weiter unten zurück- komme. Auch die von Sorauer vertretene Auf- fassung, daß die Pilze nur sekundäre Bedeutung hatten und die primäre Ursache in einer Störung der Enzymtätigkeit der Saatknolle zu suchen sei und die Hiltner'sche, daß die rollkranken Stauden aus nicht vollständig ausgereiften Mutter- knollen hervorgehen, hat sich nicht durchsetzen können. Der neueste und interessanteste Erklä- rungsversuch rührt von dem holländischen Pflanzen- pathologen Ouanjer her. Nach ihm ist die Blatlrollkrankheit histologisch durch eine anormale Beschaftenheit des Phlocms gekennzeichnet- Die Wandungen der Siebi Öhren und Geleitzellen quellen unter Gelb- oder Braunfärbung auf und engen das Lumen der Zellen mehr und mehr ein, bis sie schließlich mit den Plasmaresten zu einer strukturlosen Masse zusammenfließen. Dieses Ab- Abb. 2. BLittrolllcranK-e Pflanze. (Nach Sc band er.) Sterben des Phloems, von Quanjer „Nekrose" genannt, erfaßt einen größeren oder geringeren Teil der Phloemstränge in verschiedenem Grade und läßt sich am besten im markständigen Phloem des Stengels beobachten, aber bei fortgeschrittenem Naturwissenschaftliche Wochenschrift. iSI. F. XVlli. Nr. Krankheitsstadium einerseits durch die Blattstiele bis in die Hauptnerven der Blättchen, anderer- seits im unterirdischen Stengel bis in die Nähe der IVIutterknolle verfolgen. Infolge der Nekrose können die Assimilate nur unvollständig aus den Blättern ab- und den wachsenden Teilen zuge- leitet werden. So erklärt sich nach Ouanjer der niedrige Wuchs, der geringe Knollenansatz, das Rollen selbst usw. Die Frage, wodurch denn nun die Nekrose des Phloems hervorgerufen wird, ließ Quanjer anfangs offen, später beantwortete er sie dahin, daß eine Infektion mit einem ultrami- kroskopischen Organismus vorliege. Diese Theorie hat viel Verlockendes; sie gibt eine plausible Erklärung der äußeren Krankheits- merkmale wie auch der Übertragbarkeit der Krank- heit durch die Knollen. Eine Nachprüfung durch Schander, von Tiesenhausen, Esmarch u. a. ergab aber, daß auch sie nicht haltbar ist. Die Theorie steht und fällt mit der Voraus- setzung, daß die Phlocmnekrose ein spezifisches Merkmal der Blattrollkrankheit ist, d. h. nur in blattrollkranken Stauden vorkommt. Die ge- nannten Forscher fanden sie jedoch auch in ge- sunden (reifenden) und von anderen Krankheiten (Kräuselkrankheit, Schwarzbeinigkeit, Phytoph- thora u. a.) befallenen Pflanzen, worüber in dieser Zeitschrift 191 5 (S. 206) schon berichtet wurde. Die Phloemnekrose mag eine regelmäßige Be- gleiterscheinung der Blattrollkrankheit sein, kann aber zur Erklärung des ganz charakteristischen Krankheitsbildes nicht herangezogen werden. Die Nekrose dürfte eine Alters- oder Reifeerscheinung sein, die dem natürlichen oder durch Krankheit beschleunigten Absterben der Pflanze vorausgeht. Das Rätsel der Blattrollkrankheit ist also noch nicht gelöst. Vermutlich haben wir es mit einer physiologischen Krankheit zu tun, die durch Störungen im Chemismus der Pflanze • hervor- gerufen wird. Das einzige Mittel, der Krankheit und dem durch sie bedingten Abbau entgegenzutreten, be- steht darin, die Knollen erkrankter Stämme von der Verwendung als Saatgut auszuschließen. 4. Die Schwarzbeinigkeit. Es gibt einige Kartofifelkrankheiten, die bei oberflächlicher Betrachtung mit der Blattrollkrank- heit verwechselt werden können und früher viel- fach mit ihr zusammengeworfen wurden. Das gilt zunächst von der Schwarzbeinigkeit, die ihren Namen dem Umstände verdankt, daß die unter- irdischen Stengel der erkrankten Pflanzen schwarz werden. Auch bei ihr falten und rollen sich die Fiederblättchen zusammen. Aber im Gegensatze zur Blattrollkrankheit beginnt das Rollen nicht an den unteren, sondern an den obersten Blättern, um erst allmählich auf die tiefer sitzenden über- zugreifen. Die gerollten Blätter färben sich hell- grün bis gelb, bei einigen Sorten am Grunde tief- rot, so daß sich die kranken Pflanzen schon auf weite Entfernung von den gesunden unterscheiden lassen. Die Stengel sterben frühzeitig von unten her ab. Zieht man sie aus dem Boden heraus, was ohne Kraftaufwand möglich ist, so bemerkt man an ihren unterirdischen Teilen eine mehr oder minder deutliche Schwarzfärbung. Sie sind hier angefault oder bei vorgeschrittener Krankheit bis auf die resistenten Gefäßbündelstränge ganz in eine weiche faulende Masse verwandelt. Gräbt man unter solchen Stengeln nach, so findet man eine zum größten Teil oder ganz verfaulte Mutter- knolle. Die ersten Krankheitsfälle treten schon im Juni auf und führen im Laufe des Juli oder August zum Absterben der Stauden, bevor die neuen Knollen angesetzt sind. Zeigt sich die Krankheit erst später, wobei sie sich oft auf ein- zelne Stengel beschränkt, so sind mehr oder minder große und zahlreiche Knollen vorhanden, die aber fast immer Faulstellen aufweisen. Eine mikroskopische Untersuchung der ange- faulten Pflanzenteile ergibt, daß die P^äulnis von Bakterien erregt wird, die früher unter dem Namen Bacillus phyto phtJwntx vereinigt, neuerdings aber zu verschiedenen Arten gerechnet werden. In der Regel gelangen sie mit den Saatknollen aufs Feld und wachsen dann unter gleichzeitiger Zer- störung der Mutterknollen in den Stengel hinein. Sie können aber auch vom Boden aus, in dem sie wohl immer vorhanden sind, an verletzten Stellen der Knolle oder des unterirdischen Stengels eindringen bzw. durch Bodeninsekten eingeschleppt werden. Die Bakterien töten dann durch ihre Ausscheidungsprodukte die Zellen des Gewebes ab und lösen die Zeilzwischensubstanz auf, ohne jedoch die Zellwände selbst oder die Stärke an- zugreifen. Die Schwarzbeinigkeit tritt gewöhnlich mehr vereinzelt auf, sie kann aber auch, besonders in feuchten Sommern, ganze Felder befallen und so zu einer Mißernte führen. Um einer Übertragung der Krankheit auf die nächste Generation durch die Saatkartoffeln vorzubeugen, empfiehlt es sich, die kranken Stöcke vor der allgemeinen Ernte herauszunehmen. Ist das wegen ihrer großen Zahl oder aus anderen ^Gründen nicht möglich, so sollte man von den betr. Feldern überhaupt keine Saatkartoffeln nehmen. Ferner müssen die Kartoffeln sachgemäß, unter Vermeidung von Feuchtigkeit und Wärme, aufbewahrt werden, da- mit etwa vorhandene kleine Faulstellen sich nicht vergrößern und die Fäulnis nicht auf gesunde Knollen übergreifen kann. Vor dem Auspflanzen im Frühjahr sind die Kartoffeln sorgfältig zu ver- lesen und alle mit Faulstellen behafteten auszu- scheiden. Endlich sollte man das Auslegen ge- schnittener Knollen vermeiden, weil die Schnitt- flächen, namentlich bei feuchtem Frühjahrswetter, den Bakterien bequeme Eingangspforten bieten. 5. Fußkrankheiten. Außer der Schwarzbeinigkeit gibt es noch einige Krankheiten, die sich durch Rollung und Verfär- bung der obersten Blätter äußern (Abb. 3). Da bei N. F. XVni. Nr. 7 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 93 ihnen die Ursache gleichfalls in den unterirdischen Teilen der Pflanze zu suchen ist, kann man sie zweckmäßig mit Appel als „Fußkrankheiten" zu- sammenfassen. Im Gegensatze zur Schwarzbeinig- keit ist der Stengel unten nicht abgefault und setzt daher dem Herausziehen aus dem Boden einen merklichen Widerstand entgegen. Auch verfärbt sich das Laub nicht so intensiv. Die kranken Pflanzen sterben kaum früher ab als ge- sunde und bleiben in ihrem Ertrage meist nicht allzusehr zurück. ofi'enbar den Wasserhaushalt der Pflanze beein- trächtigen. Nicht selten auch kann man beim Durchschneiden der Stengelbasis eine Bräunung des Gefäßbündelringes bemerken. Die mikro- skopische Beobachtung ergibt dann, daß die Ge- fäße mit einem dichten Gewirr von Pilzfäden an- gefüllt sind, die sich durch Kultur auf geeigneten Substraten gewöhnlich als Fusarium- oder Vcrti- ciUunii-h.x\.^Vi. erweisen. Diese Verstopfung der Wasserleitungsbahnen macht das Rollen der Wipfel- blätter ohne weiteres verständlich. Es ist eine Abb. 3. Triebspitze einer fußkranken Pflanze. (Nach k p )) c 1.) Bei der Untersuchung derartiger Stauden findet man in manchen Fällen z. T. verkümmerte oder faulende Wurzeln, was wohl eine Folge un- günstiger Witterungs- und Bodenverhältnisse sein dürfte. In anderen Fällen weist der unterirdische Stengel Fraßbeschädigungen durch Engerlinge, Erdraupen, Drahtwürmer u. dgl. oder mechanische (beim Häufeln entstandene) Verletzungen auf, die Schutzmaßnahme der Pflanze zur Einschränkung des Wasserverbrauchs. Die Pilze gelangen, wie die Schwarzbeiiiigkeitsbakterien, entweder aus dem Boden oder aus den Mutteiknollen in den Stengel. Von der Fusariumfäule der Kartoffeln werden wir noch hören. Es sei hier nur bemerkt, daß eine Infektion der Knollen von der Mutterpflanze her zu den Seltenheiten gehört. Man kann also die 94 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. Knollen von fußkranken Stauden im allgemeinen ohne Bedenken zur Saat verwenden. Übrigens gibt es auch Fälle von Wipfelrollen, in denen keine der oben genannten Ursachen fest- zustellen ist. Q u a n j e r bringt sie in Zusammen- hang mit der Blattrollkrankheit, indem er bei der- selben zwei Formen unterscheidet: eine „primäre" Form, bei der das Rollen an den obersten Blättern beginnt, und eine „sekundäre" Form, die sich zu- erst an den unteren Blättern äußert. Die Knollen primär erkrankter Pflanzen sollen im folgenden Jahre sekundär erkrankte liefern. Von anderer Seite ist dieser Zusammenhang der eigentlichen Blattrollkrankheit mit dem Wipfelrollen bisher nicht bestätigt worden, so daß die Erklärung der erwähnten Fälle einstweilen eine offene Frage bleibt. 6. Der Kartoffelkrebs. Eine erst seit wenigen Jahren in Deutschland bekannte, gefährliche Kartoffelkrankheit ist der Kartoffelkrebs, der sich durch blumenkohlartige Geschwülste an den Knollen äußert. Die Ge- schwülste haben verschiedene F^orm und Größe (Abb. 4.). Bald sind sie so klein, daß man sie mit Schorfstellen verwechseln kann, bald sitzen sie der Knolle in Gestalt von erbsen- bis walnuß- großen, unregelmäßig geformten Auswüchsen auf, bald dehnen sie sich über die ganze Oberfläche der Knolle aus, so daß diese eine einzige krebs- artige Bildung darstellt. Ihre Farbe ist anfänglich weißlich, gelb oder fleischfarbig, später braun bis schwarz. Vielfach sitzen solche Geschwülste un- mittelbar am unterirdischen Stengel und an den Stolonen (Abb. 5). Das Kraut weist in der Regel keine besonderen Eigentümlichkeiten auf. Nur wenn die in der Nähe der Erdoberfläche gebildeten Krebsgeschwülste freigelegt werden und ergrünen, wird die Krankheit oberirdisch erkennbar. Manch- mal ergreift der Krebs auch die beim Häufeln mit Erde bedeckte Blätter; selten entstehen Wucherungen in den Blattachseln des oberirdischen Stengels. Die Krankheit tritt schon im Juli auf, wird aber gewöhnlich erst bei der Ernte bemerkt. Man findet dann bei stark erkrankten Pflanzen über- haupt oder fast keine normalen Knollen. Die miß- bildeten Kartoffeln sind zu " Speisezwecken nicht verwendbar und neigen in hohem Grade zur Fäulnis. Als Erreger des Krebses wurde 1896 von Seh ilberski in Ungarn ein zu den CliytriiUiiccii gehöriger Pilz, Chrysophlyctis ciidobiofica, festge- stellt. Die erste Infektion gesunder Pflanzen geht vom Boden aus. Der Pilz dringt in die äußersten Zellschichten der jungen, noch dünnschaligen Knollen ein und wächst innerhalb der Zellen unter Aufzehrung ihres Inhalts zu goldbraun ge- färbten Sporangien aus. Meist findet man ein, seltener 2 — 3 dieser Gebilde in einer Zelle. Nach einiger Zeit werden die Schwärmsporen frei, dringen durch die Wände in Nachbarzellen ein und wach- sen hier wiederum zu Sporangien heran, Aut diese Weise werden immer größere Teile der Knolle krank. Das befallene Gewebe stirbt unter Braunfärbung ab und wird später trocken- oder naßfaul. Die benachbarten gesunden Zellen aber, besonders die Vegetationspunkte (Augen), werden zu lebhaften, unregelmäßigen Teilungen angeregt, so daß die geschilderten charakteristischen \Vuche- rungen zustande kommen. Im Spätsommer ent- stehen statt der Zoosporangien dickwandige, gold- gelbe Dauersporen, die bei der Zersetzung der Knollen in den Boden gelangen und hier über- wintern. Kommen sie im nächsten Jahre mit Kartoffelknollen in Berührung, so keimen sie unter Bildung von Schwärmsporen aus, die von neuem iu'^ Innere der Knollen eindringen. Andere Kultur- pflanzen werden nicht befallen. Die Dauersporen bleiben mindestens 8 Jahre lang keimfähig. Den größten Schaden richtet der Kartoffelkrebs in solchen Wirtschaften an, wo alljährlich oder alle 2 — 3 Jahre auf demselben Boden Kartoffeln angebaut werden. Denn hier findet eine fort- schreitende Anreicherung des Bodens mit den Dauersporen des Pilzes statt und von Jahr zu Jahr wird der Befall der Kartoffeln stärker. Dem- entsprechend ist der Krebs bisher vorwiegend in den Arbeitergärten Rheinlands und Westfalens verheerend aufgetreten. Man hat ihn aber auch schon in größeren Wirtschaften in Schlesien, Posen, Brandenburg und bei Hamburg beobachtet. Direkte Bekämpfungsmittel des Krebses gibt es nicht. Alle Versuche, die Sporen des Pilzes durch Behandlung des Bodens mit chemischen Mitteln abzutöten, haben bis jetzt kein brauch- bares Ergebnis gezeitigt. Auch der Plan, der Krankheit durch Anbau widerstandsfähiger Sorten entgegenzutreten, verspricht vorläufig keinen Er- folg, da alle gebräuchlichen Sorten mehr oder minder anfällig zu sein scheinen. So bleibt nur die Möglichkeit, auf den einmal befallenen Feldern den Kartoffelbau für mehrere Jahre einzustellen und andererseits einer Verschleppung der Krank- heit durch das Saatgut mit allen Mitteln vorzu- beugen. Es versteht sich von selbst, daß schwer erkrankte, total deformierte Knollen nicht zur Saat verwendet werden dürfen. Da aber auch die schwach erkrankten, äußerlich von gesunden schwer zu unterscheidenden Knollen den Krebs über- tragen, empfiehlt es sich, von verseuchten Feldern überhaupt kein Saatgut zu nehmen. Wer Saat- kartoffeln von auswärts bezieht, sollte sich stets überzeugen, ob sie krebsfrei sind; in Zweifels- fällen braucht er nur eine der Pflanzenschutzstellen um Auskunft zu bitten. Ferner ist es notwendig, die befallenen Stauden mit den erkrankten Knollen möglichst früh zu ernten und zu vernichten, das F'eld von den Ernterückständen sorgfältig zu säubern, die Verwendung von Abfalldünger (Kom- post), in den leicht Dauersporangien enthaltende Kartoffelreste hineingelangen, zu vermeiden und schließlich durch Reinigung der Ackergeräte eine Verschleppung der Krankheitskeime mit der an- haftenden Erde zu verhüten. N. F. XVIII. Nr. 7 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 9S 7. Der Schorf. schiedengestaltete, borkig zerklüftete, bräunliche Wie der Krebs, so ist auch der schon längere Flecken der Schale, die anfangs an zerstreuten Zeit bekannte Schorf eine Erkrankung der Kar- Stellen auftreten, später zusammenfließen und bei toffelknoUen. Unter Schorf versteht man ver- starker Erkrankung den größten Teil der Oberfläche Abb. 4. KurtottelknoUea mil verschieden starkem KrebsfuU. (Nach .Appel.) a) Abb. s. Stark krebskranke Pflanze mit nur einer norniaUn Knolle, a'| cin/.elne Knülle (Nach Appel.) 96 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. 7 einnehmen können (Abb. 6). Die Flecken sind ge- wöhnlich etwas erhaben und flach ausgebreitet (Flachschorf), können aber auch kraterförmig ver- tieft sein (Tiefschorf) oder infolge übermäßiger Korkwucherung zu warzenartigen Gebilden an- schwellen (Buckelschorf); ferner kommen Erhe- bungen in Verbindung mit Vertiefungen vor (Buckeltiefschorf). Die gebräunten/^abgestorbenen Stellen sind nach innen durch eine frische Kork- schicht von dem gesunden Gewebe abgegrenzt. Abb. 6. Schorfige KartoffelknuUen. (Nach Schänder.) Man betrachtet den Schorf vielfach nur als einen Schönheitsfehler der Kartoffel, der ihre Ver- wendbarkeit zu Speisezwecken beeinträchtigt. Da aber die Zerstörung von Teilen der Schale das Wachstum der Knollen behindert und die Schorf- stellen zu Ausgangspunkten von Fäulnis werden können, ist der Schaden zuweilen nicht unbedeu- tend. Bei starkem Befall leidet auch die Trieb- kraft der Augen und damit der Wert als Saat- kartofifel. Worauf der Schorf zurückzuführen ist, ist eine noch nicht geklärte Streitfrage. Früher machte man allein die Bodenverhältnisse dafür verantwortlich. Diese Ansicht fand eine Stütze in der Beobach- tung, daß der Schorf auf gewissen Böden, so auf schweren Ton- und Lehmböden einerseits und auf trockenen Sandböden andererseits, besonders häufig vorkommt, sowie in der praktischen Er- fahrung, daß die Zufuhr von Kalk, frischem Stall- dung, Jauche und Chilesalpeter die Schorfbildung begünstigt. Aber Versuche von Frank und Krüger haben ergeben, daß alle diese schorf- begünstigenden Faktoren ohne Einfluß bleiben, wenn die Knollen in sterilisierte Erde gelegt werden. Es müssen also Organismen an der Ent- stehung des Schorfes beteiligt sein. In der Tat ist es einzelnen Forschern (Bolley, Thaxter u. a.) gelungen, aus den Schorfstellen Bakterien oder Pilze (Actiiioiiyccs) zu isolieren und durch Infektion mit denselben an gesunden, glatten Knollen künstlich Schorfbildung zu erzielen. Die Infektion soll bei jungen Knollen überall, bei älte- ren nur an Wundstellen und namentlich an den Lenticellen gelingen, während reife Knollen nicht angegriffen werden. Die Kartoffel scheint das gesunde Gewebe durch Korkbildungen gegen die Eindringlinge zu schützen und wird dabei häufig zu abnormen Korkwucherungen veranlaßt. Ob es sich um wirkliche Parasiten und spezifische Schorforganismen oder um saprophytische Pilze handelt, die nur in verletzte oder durch ungünstige Bodenverhältnisse geschwächte Knollen eindringen, ist eine offene Frage. Jedenfalls ist die förder- liche Wirkung bestimmter Bodenarten und Dung- stoffe nur eine indirekte , indem sie den Schorf- erregern geeignete Entwicklungsbedingungen bieten. Zur Bekämpfung des Schorfes hat man Beizen der Saatkartoffeln empfohlen. Ein sicherer Erfolg ist damit aber nicht zu erzielen, weil die Ent- stehung des Schorfes in erster Linie davon ab- hängt, ob im Boden Organismen der erwähnten Art vorhanden und die Bedingungen für deren Vermehrung gegeben sind. Im Schorfboden wird gesundes Saatgut immer krank, und andererseits liefern die schorfigsten Kartoffeln in gesundem Boden stets gesunde Knollen. Die Bekämpfung des Schorfes muß vielmehr darauf abzielen, die Bodenbeschafifenheit so zu beeinflussen, daß die Schorferreger nicht gedeihen können, d. h. Über- düngung mit den obengenannten Stoffen ver- meiden und für gute Durchlüftung und aus- reichende Feuchtigkeit des Bodens sorgen. 8. Die Kartoffelfäulen. Zum Schluß sei noch kurz auf die Kartoffel- fäulen eingegangen. Die durch Fäulnis hervor- gerufenen Verluste sind beträchtlicher als man gewöhnlich denkt. Nach der Erntestatistik des preußischen Staates sind durchschnittlich 4"/o der geernteten Kartoffeln angefault. Das würde bei einer Ernte von 50 Millionen Tonnen in Deutsch- land allein 2 Millionen Tonnen ausmachen. Dazu kommen aber noch mindestens ebensoviel Kar- toffeln, die während der Aufbewahrung im Winter verfaulen, im ganzen also 4 Millionen Tonnen. Die Fäulnis kann durch verschiedene Orga- nismen verursacht werden. Es wurde bereits er- wähnt, daß Pliytopldlwra iiifcstans, Fiisariiiiii und die Schwarzbeinigkeitsbakterien auf die jungen Knollen übergehen und hier Fäulnisprozesse ein- leiten können. Aber auch andere Pilze und Bak- terien, sowie Nematoden sind dazu imstande. Man hat also nach den Erregern verschiedene Arten von Fäulen zu unterscheiden, die allerdings nicht immer getrennt, sondern oft gemeinsam an einer Knolle auftreten. Es würde zu weit führen, sämt- liche Fäulniserreger zu besprechen. Wir beschränken uns daher auf die praktisch wichtigsten, die an der Kartoffel besonders charakteristische Veränderungen bewirken. Die Phy tophlhorafäul e ist durch größere oder kleinere, braune, etwas bläulich schimmernde, meist wenig eingesunkene Flecken auf der Schale N. F. XVIII. Nr. 7 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 97 gekennzeichnet. Unterhalb dieser Stellen ist das Gewebe mehr oder weniger tief gehend bräunlich verfärbt, weich und trocken. Unter dem Mikro- skop erkennt man zwischen den Zellen ein quer- wandloses Myzel; die Membranen sind braun und der Zellinhalt kollabiert; nur die Stärkekörner er- scheinen unversehrt. Daß es sich um PhytophfJwra handelt, kann man leicht feststellen, wenn man die durchschnittene kranke Kartoffel in eine feuchte Glaskammer legt; nach 2 — 3 Tagen hat das Myzel die oben beschriebenen Konidienträger mit den zitronenförmigen Sporen gebildet. Die Phytoph- thorafäule entwickelt sich besonders in den Mieten und Kellern, wenn sie feucht und warm sind (über 8 " C), und kann oft in kurzer Zeit große Bestände zerstören. Abb. 7. Kusariunifaule Knollen (nach Wehmer Eine andere Trockenfäule wird durch Fusarium verursacht. Die Knollen schrumpfen dabei zu einer trockenen zundrigen Masse zusammen, auf deren Oberfläche kreideartige, weiße oder blaß- rote Polster erscheinen (Abb. 7). Diese bestehen aus zahlreichen büschelartig verzweigten Konidien- trägern, die an den Enden ihrer kurzen Äste spindelförmige, gekrümmte, mit Querwänden ver- sehene Sporen tragen. Im Innern der Knolle findet man Hohlräume, die mit feinen, septierten Pilzfäden ausgekleidet sind. Ebensolche Fäden sieht man in den angrenzenden Geweben sowohl zwischen als auch innerhalb der Zellen, sie lösen die Zellulose der Zellwände auf und zerstören das Plasma, lassen aber die Stärkekörner unver- ändert. Die F"usariumpilze sind im Boden weit ver- breitet und vorwiegend saprophytisch. Unter be- stimmten Bedingungen (andauernde Nässe, Ver- krustung des Bodens) dringen sie aber durch ver- letzte Stellen in die Knollen ein. Da sie zu ihrer weiteren Entwicklung nur sehr wenig Feuchtig- keit benötigen, läßt sich ihre zerstörende Tätig- keit auch durch trockene Aufbewahrung der Kar- toffeln nicht wesentlich einschränken. DieFusarium- fäule ist deshalb besonders gefährlich, aber glück- licherweise nicht sehr häufig. Auch der Pilz Rhizoctonia Solaiii, der in der Regel ein harmloser Bewohner der Kartoffelschale ist und hier kleine schwarzbraune Pocken bildet, kann eine Fäule verursachen, indem er durch die Lenticellen ins Knolleninnere eindringt. Er ver- zweigt sich mit seinen relativ dicken, septierten Fäden in und zwischen den Zellen und löst die Stärkekörner auf. Das Protoplasma bleibt zunächst unverändert, sogar die Strömungen innerhalb des- selben nehmen ihren Fortgang. Erst später kommt es zur Abtötung, Gerinnung und Bräunung des Plasmas. Im Gegetjsatze zu den beiden vorher beschriebenen P'äulen wird das Gewebe wässerig. Bei allen Pilzfäulen treten sekundär häufig Bakterien auf und beschleunigen die Zersetzung. Aber auch durch Bakterien allein kann Fäulnis herbeigeführt werden. Wir erwähnten bereits Bacillus p//yfoplitIioriis , den Haupterreger der Schwarzbeinigkeit. Vor allem ist hier Bacillus solaiiipcrda zu nennen. Die von ihm verursachte Fäule ist eine Naßfäule, bei welcher das Knollen- innere in eine weiche breiartige Masse und schließ- lich in eine übelriechende gelbliche Jauche ver- wandelt wird. Die Bakterien stammen aus dem Boden und dringen besonders durch Wundstellen ein. Beim Begirm der Zersetzung findet man sie in großer Zahl zwischen den Zellen. Sie verzehren zunächst die vorhandenen löblichen Kohlen- hydrate (Zucker) unter Abspaltung von Buttersäure (die den faulen- den Knollen einen charakteristi- schen Geruch verleiht) und lösen die Mittellamellen auf, so daß der Zusammenhang der Zellen sich lockert. Später werden die Membranen angegriffen und die im Protoplasma enthaltenen Eiweißstoffe zersetzt. Das Endergebnis des Prozesses ist ein flüssiger Brei, in dem neben zahllosen Bakterien nur noch die unveränderten Stärkekörner zu bemerken sind. Wenn der Fäulnisherd nur klein ist und die Bakterien durch Trockenheit und Kälte in ihrer Entwicklung gehemmt werden, kann die Zer- setzung zum Stillstand kommen. Der Brei trocknet (oft unter Bildung von Hohlräumen) zu einer zunderartigen Masse ein, und die Kartoffel findet Zeit, das gesunde Gewebe gegen die P'aulstelle durch eine Korkschicht abzugrenzen. In der Regel aber wird die ganze Knolle zerstört. Die Bakterienfäule tritt besonders in nassen Jahren verheerend auf. Die erste Infektion erfolgt auf dem Felde, die weitere Entwicklung und Ver- breitung in den winterlichen Aufbewahrungs- räumen. Bei feuchter Wärme vermehren sich die Bakterien lebhaft, kleine Faulstellen dehnen sich, in wenigen Tagen durch die ganze Knolle aus, und der schließlich ausfließende, bakterienreiche Saft überträgt die Krankheit gleich auf eine größere Anzahl von Knollen. Unter Umständen kann so der ganze Vorrat einer Miete verfaulen, so daß diese plötzlich in sich zusammenstürzt. Die Empfindlichkeit der einzelnen Kartoffel- sorten gegen die Bakterienfäule (wie auch gegen die übrigen Fäulen) ist sehr verschieden. Besonders empfindlich, also schlecht haltbar, sind z. B. In- perator, Gertrud, weiße Königin, während Wohlt- mann und andere rote Sorten widerstandsfähiger sind. 98 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 7 Außer Bacillus solanipcrda können noch manche anderen Bakterienarten Fäulnis hervorrufen. Da sie aber nicht durch ein scharf umrissenes Krank- heitsbild charakterisiert sind und ihre Pathogenität vielfach zweifelhaft ist, seien sie an dieser Stelle übergangen. Das beste Mittel, Verlusten durch die ver- schiedenartigen Fäulen vorzubeugen, ist neben sorgfältigem und wiederholtem Verlesen eine sach- gemäße Lagerung der Kartoffeln. Es würde den Rahmen dieses Aufsatzes überschreiten, auf Einzel- heiten einzugehen. Ich erwähne nur, daß jeder Aufbewahrungsraum drei Grundbedingungen er- füllen muß: Er muß trocken, gut durchlüftet und kühl sein, ohne natürlich die Kartoffeln der Gefahr des Erfrierens auszusetzen. Einzelberichte. Botanik. Rhythmik und Verbreitung von Perennen |(mit einer Abbildung). L. Di eis (Berichte d. Deutschen Botanischen Gesellschaft, Bd. XXXVI, Heft 6, 1918) erörtert die Frage, ob der Lebenslauf, der Entwicklungsrhyth- mus, wie ihn etliche ausdauernde Kräuter des heimischen Sommerwaldes zeigen , auf ererbter starrer Organisation beruhe, oder ob und inwie- weit er etwa durch die klimatischen Faktoren, in erster Linie also durch die winterliche Kälte auf- gezwungen ist. Die nebenstehende Tabelle Diels' gibt für einige krautige Perennen des mitteldeutschen Sommerwaldes die Assimilationsperiode (dicke Linien) und die Blütezeit (Punkt«) an. Die Ver- tikallinie im Mai bezeichnet den Zeitpunkt der vollendeten Belaubung der herrschenden Bäume. Man sieht, wie einige Pflanzen (Chrysanthemum, Primula, Asarum) das ganze Jahr grünen, andere nur eine längere oder kürzere Zeit belaubt sind resp. treiben. Einige der beobachteten Arten ent- zog nun Diels dadurch der winterlichen Kälte, daß er sie im Herbst in frostfreie Glashäuser über- führte und im nächsten Frühjahr wieder ins F"reie brachte. Es waren dies Aconitum Lycoctonum, Arum maculatum, Asarum europaeum, Asperula odorata, Corydalis cava und solida, Convallaria majalis, Dentaria bulbifera, Leucoium vernum, ■ Mercurialis perennis undTolygonatum multiflorum. Die Pflanzen verhielten sich gruppenweise ver- schieden, es ließen sich drei deutlich gesonderte Typen unterscheiden, nätnlich ein Asperula-, ein Leucoium- und ein Polygonatumtyp. 1. Der Waldmeister und das Bingelkraut wuchsen den ganzen Winter über fort, und nach .den Erfahrungen von Kleb's verhalten sich das Glaskraut (Parietaria offiicinalis und der Gunder- rriann (Glechoma hederacea) ebenso. Die Unter- brechung des Treibens draußen entspricht also nicht einer inneren Periodizität, sondern ist eine durch die Kälte erzwungene. 2. Das Schneeglöckchen, das bei uns draußen bereits im Mai in Ruhe verfällt, die dann 8 — 9 Monate anhält, beginnt im Glashaus bereits im Herbst wieder auszutreiben, schließt aber im näch- sten Frühjahr diesen Schub einen Monat früher ab als die Genossen im Walde. Bei ihm ist also die Ruhezeit nicht aufzuheben, sie wird aber er- heblich verkürzt. Schneeglöckchen und z. B. auch Orchideen, die zu dem gleichen Typus gehören. sind wirklich periodisch organisiert, aber die Ruhe- zeit ist durch die einsetzende Kälte über die nor- mal veranlagte hinaus verlängert, nur das zeitliche Ausmaß der Ruheperiode ist erzwungen. 3. Der Lerchensporn hat in seinem Lebens- lauf große Ähnlichkeit mit dem Schneeglöckchen, und doch ist seine innere Veranlagung wieder ganz anders. Er treibt nämlich, dem Frost ent- zogen, nicht schon im Herbst, sondern erst Ende Januar oder Anfang Februar aus. Ebenso ver- halten sich das Buschwindröschen, Dentaria, die Maiblume, der Eisenhut, die Weißwurz (Polygona- tum). Bei diesen Perennen kann also ebenfalls Jan. Febr. März April Mai Juni Juli Aug. Sept. Okt. Nov. Oez. Orchls mascula Mercurialis Arum Aconitum Leucojum Corydalis solida eorydalis cava Pulmonaria Asperula Anemone nemo- ••• •• • •••• •f • •• • • • • •• • e •• e« • 1 rosa Polygonatum Convallaria Dentaria Dryopteris Doronicum Galium aparine i Chrysanthemum Primula offici- naiis Asarum «4 • • .. • * • a« L. ■ • • • • • •• • • • • • die Ruhezeit nicht aufgehoben werden, im Gegen- satz zu den Pflanzen des vorhergehenden Typus dauert aber die Ruhe bis in den Winter hinein unverrückbar fort, die ausgeschaltete Kälte erlaubt erst in seiner zweiten Hälfte ein Austreiben und damit ein Abkürzen der Ruhe. Diels knüpft nun an diese P'eststellungen interessante pflanzengeographische Betrachtungen. Waldmeister und Bingelkraut sind potcntia zu dauerndem Wachstum befähigt, sie sammeln auch keine Reserven, die das intermittierende Wachstum ermöglichen; das tatsächliche winterliche Inter- mezzo ist gewaltsam. Sie vermögen es aber lange zu ertragen und können sich deshalb in unserer N. F. XVIII. Nr. 7 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 99 Flora ohne weiteres halten. In der Hinsicht ist es bedeutungsvoll, daß beide Pflanzen Familien angehören (Rubiazeen, Euphorbiazeen), die ganz überwiegend tropische Vertreter haben. Man kann sie als Einwanderer tropischer Abkunft bezeichnen, denen die Widerstandskraft gegen erzwungene Winterruhe die Besiedelung von Ländern mit periodisch kaltem Klima ermöglichte. Die Pflanzen des zweiten Typus (Leucoium, Arum, Orchis) ge- hören Pflanzengruppen an, die ihr Hauptver- breitungsgebiet in den Mittelmeerländern haben. Sie ruhen dort im heißen und trockenen Hoch- sommer und beginnen im milden und feuchten Winter schon wieder auszutreiben. Unsere Ver- treter dieser Gruppe würden dann nach Norden vorgeschobene Posten mediterraner Abkunft sein, die zwar in unserem Klima ihre Ruhezeit ver- längern müssen, aber dafür dank ihrem zeitigen Austreiben die günstigen Lichtverhältnisse des kahlen Frühlingswaldes vortrefflich ausnutzen können. Corydalis, Anemone, Polygonatum, Den- taria, Aconitum. Convallaria schließlich sind auch innerlich der Periodizität unseres Klimas har- monisch angepaßt, sie sind recht eigentlich im Gebiet des periodischen Sommerwaldes zu Hause. Diese Gattungen und ihre Verwandtschaft be- siedeln denn auch in breitem Streifen die ge- mäßigte Zone von Westeuropa bis Ostsibirien, während Gruppen mit überwiegend tropischer Verbreitung in diesem Verwandtschaftskreise ver- mißt werden. Allgemein läßt sich für die genetische Pflanzen- geographie der Satz ableiten, daß auch in Hin- sicht auf den Entwicklungsrhythmus die Pflan/en- formen nur soweit Gebiete verschiedenen Klimas besiedeln können, als ihnen der Spielraum ihrer Organisation gestattet, sich dem Ausmaß der klimatischen Bedingungen anzuschmiegen. So verschwinden auch z. B. in 0>tasien und Nord- amerika die immergrünen Laubhölzer allmählich nach Norden zu und werden abgelöst durch Laub- hölzer, deren Belaubungsrhythmus besser auf die allmählich zunehmende Periodizität des Klimas abgestimmt ist. Miehe. Zoologie. Die Wirkung farbigen Lichts auf Puppen und Schmetterlinge. Im Jahre 1916 hat Dürken eine Untersuchung über die Wirkung verschiedenfarbiger Umgebung auf die Variation von Schmetterlingspuppen in der Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie veröffentlicht, in der er zu folgenden Ergebnissen kam : Die Färbung und Zeichnung der Puppen von Pieris brassicae (Kohl- weißling) ist abhängig von der Farbe der Um- gebung. Für jede Ünigebungsfarbe ist eine be- stimmte Hauptvariante charakteristisch. Die Vari- anten unterscheiden sich durch die ungleiche Aus- bildung des schwarzen und weißen Pigmentes. Jenes hat seinen Sitz in den oberflächlichsten Chitinschichten, dieses in den Zellen der Hypo- dermis. Auf neutralem Untergrund werden beide Pigmente gut entwickelt, während sie in grüner und besonders in orangener Umgebung reduziert werden. Eine geringere Rückbildung tritt auf gelbem und blauem Untergrund ein, und auf roten wird die Variationsrichtung gegenüber dem Verhalten in grauer Urrigebung fast gar nicht verschoben. Jedenfalls ist in beiden die Haupt-. Variante gleich. Infolge des Ausfalles des opaken weißen Pig- mentes ist das Integumcnt der Hauptvarianten auf grünem und orangenem Untergrund durch- scheinend. Daher zeigen diese Puppen, vor allem die aus orangefarbener Umgebung stammenden eine grüne Grundfarbe, da das tieferliegende Körper- gewebe der Puppe bemerkbar wird. Die Reaktion der Puppenfärbung auf die Um- gebung, deren Wesen nicht in der Schaffung einer sog. Schutzfärbung besteht, beruht sowohl auf dem Helligkeitswert wie dem Farbwert der Umgebung, ausschlaggebend aber ist der letzte. Der Hellig- keitswert beeinflußt nur im allgemeinen die Tönung der Puppenfärbung und zwar gleichsinnig mit seinem eigenen Grade. Die Reaktion des Farb- wertes verläuft jedoch nicht gleichsinnig mit der Färbung der Umgebung; offenbar liegt also hierin eine spezifische Abhängigkeit der Pigmentbildungs- vorgänge von verschiedenen Wellenlängen des Lichtes vor. Nachdem nun Schanz in verschiedenen Unter- suchungen nachgewiesen hat, daß Eiweißkörper durch Licht verschiedener Wellenlänge eine spezifi- sche Veränderung erfahren, nimmt Dürken in einer neuen Untersuchung (Nachrichten der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen 1918) an. daß der Chemismus der Puppe durch verschiedene Um- gebung beeinflußt wird und daß zugleich auch die Gonaden und Fortpflanzungszellen abgeändert werden. Er untersuchte daher die Nachkommen der in farbiger Umgebung aufgezogenen Puppen. Die Zuchten des Ausgang-mäteriales wurden nicht nur einer farbigen Umgebung d. h. dem reflek- tierten Licht ausgesetzt, sondern nach Ausschluß des weisen Tageslichtes unter farbigen (roten, orangenen und blauen) Lichtfiltern gehalten. Da- zu wurden nicht nur Puppen sondern auch Falter verwendet. Die Nachkommen wurden z. T. un- beeinflußt behandelt, z. T. wie die Eltern weiter- gezüchtet. In der P^ -Generation unterscheidet der Verf. zwei Gruppen. Für Gruppe A ist kennzeichnend, daß sowohl die schwarzen wie die weißen Zeich- nungselemente sämtlich vorhanden sind oder wenigstens vorherrschen. In Gruppe B ist Schwarz und Weiß sehr stark reduziert, und die vorwiegende Grundfärbung der Puppen ist grün. Die Versuche zeigten, daß die Färbungstypen in Gruppe B in nichtfarbiger Umgebung ziemlich selten sind. In rotem Licht gehört ihnen mehr als die Hälfte aller Puppen an. Die Zahl steigt bei orangenem, sinkt aber beträchtlich bei blauem Licht. Als Maßstab für die unter farbigem Licht ge- haltenen Falter diente dem Verf. das beiden Ge- lOO Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 7 schlechtem gemeinsame schwarze Feld an der Vorderflügelspitze. Nach dessen Zustand teilt er seine Versuchstiere in vier Gruppen: Gruppe a hat tiefschwarze Flügelspitzen, Gruppe b zeigt einen weißen Saum am Spitzenfeld, bei Gruppe c ist nur ein kleines reinschwarzes Gebiet an der Jnnenseite vorhanden, in Gruppe d ist das ganze Feld aus schwarzen und weißen Schuppen ge- mischt. Trotz dieser normalen Variation ist das Ergebnis der Zuchten negativ : Das farbige Licht hat keine Einwirkung auf die Beschaffenheit des Flügelfeldes. Für die P.,- Generation wurden Falter aus Puppen der Gruppe B der Pj Generation, welche unter dem Einfluß von rotem oder orangenem Licht ge- standen hatten, zur F"ortpflanzung gebracht. Ein Teil der so erzielten Raupen wurde abermals der Einwirkung des orangenen Lichtes ausgesetzt. Dabei konnte eine Steigerung der Wirkung be- obachtet werden. Stellwaag. Auf einen seltsamen Mitbewohner der Bienen- zellen macht H. von Buttel-Reepen im Bienenwirtschaftlichen Zentralblatt Jahrg. 1918 Nr. 9/10 aufmerksam. Er untersuchte im Jahre 191 2 in Sumatra ein Volk der indischen 13iene (Apis indica) und fand, daß die Drohnenzellen entgegen der Regel mit einer zeltförmigen Er- hebung gedeckelt waren, deren Spitze ein Loch durchbrach, so daß es den Anschein hatte, als ob hier ein Luftloch für die Puppe vorhanden wäre. Bei näherer Untersuchung stellte sich heraus, daß alle Drohnenzellen von einer bisher nur einmal beobachteten Milbenart mitbewohnt waren. Diese Art, die zu Ehren von Jakobson, der sie auf den Halsschildern der Apis indica entdeckt hatte, als Varroa jakobsoni benannt wurde, ist ungefähr wie ein Taschenkrebs geformt und erreicht eine Breite von 1,5 mm bei i mm Länge. Dabei ist sie sehr flach und vermag in größerer Zahl — eng an die Zellenwandung gedrückt — neben der Larve zu leben. Vermutlich nährt sie sich von den Ex- krementen, die von der Larve kurz vor der Ver- puppung abgegeben werden. Inwieweit sie für die sonderbaren Zelldeckel verantwortlich gemacht werden kann, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Stellwaag. Zur Wiedereinführung des Wisents in Deutsch- land. Während im Jahre 19 10 im Urwald von Bialowies noch etwa 1200 Wisente sich tummelten, war dieser Bestand schon zu Kriegsbeginn, nach- dem durch die kurzsichtigen Maßnahmen der russischen Regierung die Wild- und Rinderseuche furchtbar unter den trotzigen Genossen gewütet hatte, auf etwas über 700 Exemplare zusammen- geschmolzen.^) Der Krieg, der mit seinen Schrecken im Herbst 19 15 über den Bialo wieser F"orst hin- ') Vgl. dazu meinen Bericht „Der Wildstand im Bialo- wieser Urwald". Naturw. Wochenschr. Jahrg. 1917, S. 234. brauste, vernichtete weiterhin die große Mehrzahl der Tiere, so daß bei Übernahme des Forstes durch die deutsche Forstverwaltung nur mehr ein Bestand von etwa 160 Stück der Hege erhalten geblieben waren. Den deutschen Forstmännern gelang es, die Gefahr der unter dem Wilde wütenden Feinde und Wilderer zu bannen, so daß sich die Zahl der Wisente unter deutscher Ver- waltung wieder auf 200 Tiere gehoben hat. Brachten doch nach statistischen Angaben der Bialowieser Forstverwaltung die letzten Frühjahre 19, bzw. 23 und 25 Kälber. ,,Zudem ist der Wisent, der infolge früherer unsinniger Hege und Verwöhnung alle Zeichen des Niedergangs gezeigt hatte, unzweifelhaft in dieser kurzen Spanne von 2 Jahren schon wieder scheuer und härter ge- worden," wie der Leiter der bisherigen deutschen Militärforstverwaltung in Bialowies, Major Dr. Escherich in Heft 3 des Sammelwerkes „Bia- lowies in Deutsch erVerwaltung" schreibt. Um nun das interessante Wild auch nach dem Kriege der deutschen freien Wildbahn zu erhalten, schlägt v. d. Groeben in der '„De u tschen Jäger-Zeitung" (Bd. 72 Nr. 10 und li) vor, die Wieder einbürgerung des Wisents in deutschen Forsten zu betreiben. Daß sich der Wisent rasch von dem überhegten Wild, als das er uns im Bialowieser Urwald entgegen- trat, zurückwandeln kann zum freien Wilde, dessen Vorkommen auf sich selbst gestellt ist und das des Menschen als Futterspenders nicht mehr bedarf, das beweisen die Erfahrungen Escherich's in Bialowies. Der Vorschlag v. d. Groeben 's hat also weniger im Auge, die Wisente nach Art der im Parke des Fürsten Pleß eingehegten Exemplare in groß umgatterten Forsten zu halten, als viel- mehr sie in freier Wildbahn auszusetzen und da- mit das deutsche Waidwerk um eine der charak- teristischsten Wildarten zu vermehren. Die Wisente waren überdies früher bekanntlich in weiten Teilen Deutschlands heimisch. Als Forste, die für die Einbürgerung des Wisents sich eignen dürften, empfiehlt V. d. Groeben vor allem ostpreußi- sche Forste, von denen er namentlich den Frischingsforst mit dem anschließenden Zehlau- bruch und, als vielleicht noch geeigneteres Terrain, das riesige Forstgebiet an und südlich der Memel- mündung vorschlägt. Gerade bei dem letzteren Forst handelt es sich um ein Gebiet von 24000 ha, das schon einen ganz ansehnlichen Bestand von Wisenten aufnehmen könnte. Verfasser hat schon früher einmal in den „Blättern für Natur- schutz und Heimatkunde" die Einbürgerung des edlen Wildes angeregt, er betont, daß die Einbürgerung des Wisents durchaus keine über- großen Schwierigkeiten bietet. Zum Beweise dieser seiner Behauptung bezieht er sich auf die Jahres- berichte der Bison Society in den Vereinigten Staaten, die bekanntlich den Schutz der letzten noch vorhandenen amerikanischen Büffel über- nahm und seit einer Reihe von Jahren mit bestem Erfolge wirkt. Auch in Amerika war es höchste N. F. XVIII. Nr. 7 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. lOI Zeit, als die Gesellschaft ins Leben trat; denn auch dort war der Weiterbesland der Büffel ernst- lich in Frage gestellt. Ebenso liegen die Ver- hältnisse heute in Polen, wo die Wisente wohl in kürzester Zeit ausgerottet sein werden, nachdem, wie jetzt, die deutsche Militärverwaltung ihre ver- dienstvolle Tätigkeit beendet hat. Damit ver- schwände dann das letzte Wisentvorkommen in Europa. Um dieses zu verhüten, müßte die Ein- bürgerung des Wildes in Deutschland geschehen. Es sollte doch auch in Deutschland, schließt der Verfasser, sich erreichen lassen, was man in Amerika zu erwirken vermochte. H. W. Frickhinger. Medizin. Noch bevor der Erreger der Weil- schen Krankheit (Spirochaeta icterogenes^ bekannt war, vermutete man, daß Insekten als Über- träger in Betracht kommen könnten. Zwar ließen die epidemiologischen Beobachtungen keine klare Einsicht zu, doch zeigten die Versuche von Uhlenhuth und Fromme (191S und 1916), daß schon Mengen von 0,001 ccm vom Blutvirus zur Infektion ausreichten. Es konnte durch Ein- träufeln von Virus in die unverletzte Konjunktiva, durch Einreiben in die scarifizierte Haut, durch Stich einer mit Blut infizierten Kanüle sowie mit einer in Virusblut getauchten Nadel eine Infektion bei Meerschweinchen erzielt werden. Auch Reiter gelangte auf Grund von Versuchen bei Meer- schweinchen im Juli 1916 zu dem Ergebnis, daß die gemeine Regenbremse (Haematopota pluvialis) im Stande ist, die Krankheit rein mechanisch zu übertragen. Da auch andere Spirochätenkrank- heiten, wie das Rückfallfieber und die Hühner- spirochätose experimentell durch die Stahlfliege (Stomoxys clacitrans) übertragen- werden können, führte Uhlenhuth und Kuhn eine Versuchs- reihe nach dieser Richtung an Meerschweinchen durch (Zeitschrift für Hygiene und Infektions- krankheiten Bd. 74). Im ganzen wurden 9 ver- schiedene Versuche gemacht. Darnach gelang die Übertragung und zwar können F'liegen noch 6 Tage nach der Fütterung am kranken Tier ein ge- sundes anstecken. In einem der Versuch führte die Fliegeninfektion erst nach einer Reihe von Monaten zum Tode. Möglicherweise besteht also auch beim Menschen eine lange Inkubationszeit. Daß vorwiegend Stomoxys bei uns als Überträger in F"rage kommt, stimmt zwar mit den epidemio- logischen Beobachtungen überein, doch sind noch weitergehende Untersuchungen nötig. Die Japaner sprechen die Ratten als Zwischenträger an. Stellwaag. Bücherbesprechungen. Darwins geschlechtliche Zuchtwahl und ihre arterhaltende Bedeutung. Habilitationsvortrag gehalten am 7. Mai 1918 an der Universität Basel von Dr. N. G. L e b e d i n s k i. Basel, Ver- lag von Helbing und Lichtenhahn 1918. ■ — Preis geh. 1,80 M. Der Verf. bespricht zunächst in allgemeinen Zügen die verschiedenen Erklärungsversuche der sog. sekundären Geschlechtscharaktere. Darwin nahm bekanntlich an, daß die Schutz- und Trutz- organe durch den physischen Kampf der Rivalen hervorgerufen seien, die ästhetischen Charaktere führte er auf die wählende Tätigkeit der Weibchen zurück. Wallace wollte nur eine rein physi- kalische Auffassung der zuletzt genannten Gewebe des tierischen Organismus gelten lassen. Den Männchen der meisten Tierarten aber komme noch eine besondere, auf gesteigerter Lebenskraft be- ruhende Tendenz zu gradweiser Verstärkung der Farben zu. Daneben wirke aber noch mit, daß grelle Farben und auffallende Formen der Tier- welt als Arterkennungsmerkmale nützlich sind. Groß legt das Schwergewicht auf die Sprödig- keit des Weibchens, die von dem Männchen durch auffallende Farben und Formen und allerlei Künste überwunden werden muß. Guenther glaubt im „Einschüchterungsprinzip" den Schlüssel ge- funden zu haben. Je kräftiger ein Männchen ge- baut ist, um so mehr sollen die Rivalen abge- schreckt werden. An Stelle aller dieser Theorien, denen oft die genügende tatsächliche Grundlage fehlt, bringt der Verf. einen neuen Erklärungsversuch. Er macht auf die Wechselwirkung zwischen dem ge- samten Organismus und den Gonaden aufmerksam. Wie diese als Drüsen innerer Sekretion einen Ein- fluß auf die Ausbildung bestimmter Organe aus- üben, so besteht auch eine Wirkung des allge- meinen physiologischen Zustande« auf die Gonaden. Niedere Temperaturen und schlechte Ernährungs- bedingungen schädigen diese und die sexuellen Geschlechtsmerkmale sowie die Fortpflanzung. „Wie es einem Züchter nie einfällt, kränkelnde, durch L^nterernährung oder Übermüdung ge- schwächte Tiere zur Stammzucht zu verwenden, so vermeidet es auch die Natur, die gesundheitlich minderwertigen Männchen zur Fortpflanzung zu- zulassen." So kommt den sekundären Geschlechts- merkmalen eine arterhaltende Funktion zu. Nach Ansicht des Ref. erklärt diese Anschau- ung, zwar warum eine Auslese kräftiger Männchen stattfinden kann , (wer viel und objektiv be- obachtet, nimmt allerdings nicht selten das Gegen- teil wahr) nicht aber genügend, warum die sexuellen Merkmale ausgebildet werden. Stellwaag. Privatdozent Dr. K. v. Frisch, Bakteriologie für Krankenschwestern. Wien u. Leipzig 1918, A. Holder. 102 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 7 Das kleine Heftchen ist aus Vorträgen liervor- gegangen, die der Autor während der Kriegs- zeit in einem Spital zur Belehrung der Schwestern gehalten hat. Im Mittelpunkte stehen die In- fektionskrankheiten und die Impfungen, zu deren Verständnis die grundlegenden Tatsachen aus dem Gebiete der Bakteriologie in einer zwanglosen und anregenden Weise besprochen werden. Das Büch- lein setzt nur ganz allgemeine naturwissenschaft- liche Kenntnisse voraus, gibt aber in sehr ge- schickter Form eine hübsche allgemeine Über- sicht über das Gebiet, zu der auch das wichtigste aus der Zellenlehre herangezogen ist. Es kann als anregende Einleitung in das so überaus reiz- volle Gebiet der Bakteriologie, namentlich natür- lich in ihren medizinischen Teil, sehr empfohlen werden, zumal es mit guten Abbildungen ver- sehen ist. Miehe. Die Vorherbestimmung des Wetters, Antritts- vorlesung gehalten an der Universität Leipzig von Prof. Dr. Rob. W e n g e r. Leipzig, Veit u. Co., 1919. 36 S. — Preis 1,80 M. Eine vorbildliche Darstellung der Entwicklung der IVleteorologie in Theorie und Praxis bildet den ersten Teil der Vorlesung. Alle wichtigen Ver- suche der Menschheit, in die Geheimnisse der Wetterbildung einen Einblick zu erlangen, werden nach Wert und Unwert mit kurzen treffenden Worten gegeneinander abgewogen. Überall tritt das Hin- und Herschwanken zwischen rein statisti- scher Behandlung einerseits und Erfassung der ursächlichen Zusammenhänge andererseits zutage. Wenn sich der Verf. als Schüler und Nachfolger von Bjerknes natürlich auch mehr zu der zweiten Richtung bekennt, so will er die erstere, wie sie besonders neuerdings in der Methode Kaltcn- brunner's zum Ausdruck kommt, nicht unter- schätzt wissen. Aufgabe der wissenschaftlichen Meteorologie wird es vielmehr sein, die statistisch gefundenen Gesetzmäßigkeiten physikalisch zu be- gründen und zu erweitern. Damit ist das Arbeits- programm gegeben. Scholich. Einführung in die Wetterkunde, von L. Weber. Slg. Aus Natur und Geisteswelt Bd. 55. Leipzig u. Berlin, B. G. Teubner, 191 8. 3. Aufl. Das Bändchen bringt eine Einführung in die Arbeitsmethoden und die hauptsächlichsten Er- gebnisse der wissenschaftlichen Meteorologie in leicht verständlicher P'orm. Da bereits die dritte Auflage in der bewährten, oicht wesentlich ver- änderten Gestalt vorliegt, so erübrigt sich eine ausführliche Besprechung. Es genügt, darauf hin- zuweisen, daß auch die neuesten Forschungs- ergebnisse berücksichtigt worden sind. Ein kleines Literaturverzeichnis würde vielleicht den Wert des Werkchens noch erhöhen. Scholich. Das Wetter von E. Kassner. Slg. Wissenschaft und Bildung Bd. 25. Leipzig, Quelle und Meyer, 1918. 2. Aufl. Dies ist ein wahrhaft populäres Buch im guten Sinne des Wortes. In drei großen Abschnitten enthält es eine Übersicht über die geschichtliche Entwicklung der Wettervorhersage, ihre Grund- lagen in heutiger Gestalt und die Bedeutung des Wetters für das praktische Leben. In weiten, namentlich städtischen Volkskreiscn wird die wis?enschaftliche Meteorologie sehr geringschätzig beurteilt, da die meist sehr allgemein gehaltenen und für große Bezirke bestimmten öffentlichen Wettervorhersagen zu wenig zuverlässig sind. Kassner's Buch ist dazu angetan, dieses Vor- urteil zu beseitigen. Es verzichtet auf jeden wissen- schaftlich theoretischen Apparat und gibt in sehr einfacher, leicht verständlicher, großenteils histori- scher Darstellung die Grundlagen der Wiiterungs- kunde. Der Aufbau des deutschen und des inter- nationalen Wetterdienstes wird geschildert und seine weniger in die Öffentlichkeit tretende Wirk- samkeit iür Schiffahrt, Landwirtschaft, Gerichts- wesen usw. gezeigt. Dem Bändchen ist jedenfalls im Interesse einer besseren Würdigung unseres öffentlichen Wetterdienstes die weiteste Verbreitung zu wünschen. Scholich. Deegener, Prof. Dr. P., DieFormen cJerVer- gesellschaftung im Tierreiche. Ein systematisch -soziologischer Versuch. XII und 420 Seiten. Leipzig '18, Veit & Co. — Preis i2,5(iM. Das vorliegende Buch Deegener's sollten alle gründlich lesen, die sich mit den Problemen der Gesellschaftsbildung befassen. Auf gründ- licher Sachkenntnis beruhend, führt es uns treff- lich in das Verständnis der sozialen Organi- sationen der Tiere ein, die zu kennen und zu würdigen nicht allein für den Zoologen, sondern auch für den Soziologen unerläßlich ist. Das Buch bringt uns zu der Überzeugung, daß der Drang nach Selbsterhaltung und nach Arterhal- tung in der Tierwelt weit häufiger zu Vergesell- schaftung mit gegenseitiger Unterstützung führt als zum Kampfe. Doch ist der in der Gesell- schaftsbildung liegende Vorteil nicht immer er- sichtlich. Der Zusammenschluß von Einzeltieren muß nicht notwendig seine Berechtigung in sich tragen; er kann vielmehr auch ausschließlich durch äußere Umstände bedingt sein, ohne selbst Sozietätswerte zu schaffen. Bei weitaus den meisten Tiergesellschaften ist aber ihr innerer Wert, ihre Zweckmäßigkeit für die vergesell- schafteten Individuen, mehr oder w^eniger deut- lich zu erkennen. Deegener nennt die Vereini- gungen, die allen oder einem Teil ihrer Mitglieder Vorteile bieten, essentielle Gesellschaften oder Sozietäten, jene dagegen, bei welchen das nicht zutrifft, akzidentielle Gesellschaften oder Asso- ziationen. Der augenfällige Unterschied, der zwischen ihnen besteht, ist leicht zu erkennen, wenn man ausgeprägte Repräsentanten essen- tieller und akzidentieller Vergesellschaftungsformen zur Beurteilung vor sich hat. Niemand wird N. F. XVIII. Nr. 7 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 103 zweifehl, daß ein Ameisenstaat, ein Bienenstaat, eine Rebhuhnfamilie usw. in der Vergesellschaf- tung der Einzeltiere selbst ihren Wert und ihre Existenzberechtigung tragen, daß dagegen die Kolonien der Blattläuse mit der Vergesellschaf- tung der Einzeltiere für diese keine Vorteile ge- schaffen haben, welche die oft sehr individuen- reichen Ansammlungen als solche gerechtfertigt erscheinen ließen. Einer ganzen Anzahl von Tiergesellschaften gegenüber ist man jedoch noch nicht in der Lage, zu entscheiden ob sie wesent- lich sind oder nicht. Sowohl bei den akziden- tiellen wie bei den essentiellen Tiergesellschaften gibt es Stöcke oder Kolonien miteinander ver- wachsener Individuen; vorwiegend sind aber Vergesellschaftungen freier Individuen, die wieder in homotypische und heterotypische zu unter- scheiden sind, je nachdem sie aus artgleichen oder artverschiedenen Tieren bestehen. Letztere sind relativ selten, aber doch viel häufiger, als man gewöhnlich glauben wird. Vergesellschaftungen, auf Grund der Abstammung von gemeinsamen Eltern oder demselben Vater oder derselben Mutter sind primär; sekundär sind Vereinigungen, deren Mitglieder nicht von vornherein vergesell- schaftet waren, sondern sich erst nachträglich zusammenfanden. Jede Gruppe umfaßt wieder mehrere Untergruppen, je nach ihrer Zusammen- setzung oder dem Zweck des Beisammenseins ihrer Mitglieder. Beachtenswert ist die Feststellung Deegener's, daß die Werte, die wir als Zweck von Tierge- sellschaften beurteilen, nicht immer die Ursachen für die Entstehung der Gesellschaften sind; denn es gibt Verbindungen, die ganz akzidentiell ent- standen sind und erst nachher unter bestimmten Umständen zweckmäßig wurden. Dann war der Wert der Vergesellschaftung nicht ihre Ursache. In vielen Fällen, wo kein deutlicher Anlaß der Vergesellschaftungzuerkennen ist, istderZusammen- halt nur durch die Annahme eines sozialen Triebes zu erklären, der im bloßen Beisammensein mit anderen Tieren seine Befriedigung findet. Ist das Zustandekommen einer Gesellschaft nur so er- klärbar, so können wir freilich noch immer an- nehmen, daß wir das, was die Natur damit zu erreichen strebte, also den Zweck der Ver- gesellschaftung, nicht zu erkennen vermögen oder wenigstens nicht erkannt haben. Es seien noch einige Betrachtungen Deegener's über etwaige Zusammenhänge zwischen ver- schiedenen Formen von Tiergesellscliaften mit- geteilt. Er sagt u. a. : Wenn wir die Formen der Gesellschaftsbildung in ihrer Gesamtheit über- schauen, so sehen wir mehrere Punkte, von denen sie ausgegangen ist, sowie von diesen Wurzel- punkten aus aufwärts führende Linien, auf welchen ihre höheren Stufen liegen. Bald ist der Endpunkt einer Linie von ihrem Fußpunkt weit entfernt und bezeichnet einen Zustand hoher Vollkommenheit, bald bleibt die Linie kurz und erscheint dann bisweilen wie ein abgebrochener Weg zu einem Ziele, das auf ihm nicht erreicht werden konnte oder doch nicht erreicht worden ist. Da die Ausgangspunkte dieser Entwicklungs- linien nicht zusammen fallen, ja oft sehr weit von einander entfernt liegen, kann auch von einer monophyletischen Entstehung sozialen Lebens nicht die Rede sein. Ein genealogisch- soziolo- gisches System läßt sich nicht konstruieren. Doch kann man zur Aufdeckung entwicklungsgeschicht- licher Zusammenhänge bei genetisch nahe ver- wandten Tieren aufeinanderfolgende Stufen der Vergesellschaftung mit einander vergleichen und sie daraufhin prüfen, ob sie voneinander abgeleitet werden können. Dabei darf jedoch nicht er- wartet werden, daß sich ein vollständiges Bild des Werdeganges einer Gesellschaft bietet. Aus gemeinsamer Wurzel hervorgegangene Sozietäts- formen müssen sich nicht notwendig in gleicher Richtung weiter entwickeln; sie können diver- gente Wege einschlagen, und das scheint sogar die Regel zu sein. Diese Schlüsse Deegener's stimmen in der Hauptsache mit dem überein, was die moderne Ethnologie in Bezug auf mensch- liche Gesellschaften ermittelt hat. H. Fehlinger. Paul Kammerer, Einzeltod, Völkertod, Bio- logische Unsterblichkeit und andere Mahn Worte aus schwerer Zeit. 122 S. mit 9 Abb. Anzengruber- Verlag Brüder Suschitzky, Wien- Leipzig 191S. Mit großem Mut tritt Kammerer in diesem Buche, das noch vor den jetzigen großen Ereig- nissen in Österreich und Deutschland erschienen ist, für pazifistische Ideen ein. Er macht den Versuch, die pazifistische Idee, d. h die Idee der Kuliurenlwicklung ohne Krieg, durch die Biologie zu begründen, insbesondere durch das von ihm vertretene Prinzip der „Pansymbiose", das neben dem Kampf ums Dasein das organische Sein be- herrsche. Ich halte derartige Versuche für ver- fehlt. Gewiß sind alle Gesetze der Soziologie in letzter Linie nur Spezialfälle biologischer Gesetze, und die ideale wissenschaftliche Aufgabe der Soziologie muß sein, jedes einzelne soziale Phä- nomen, ob es der ruhige Lauf der sozialen Ent- wicklung, ein Krieg oder eine Revolution ist, aus biologischen Gesetzmäßigkeiten und ihrer Kreu- zung mit denjenigen der Außenwelt rekonstruieren und sogar präkonstruieren zu können. In der- selben Weise sind alle biologischen Gesetze nur Spezialfälle allgemeinerer Gesetze, die sich auf die anorganische Natur beziehen, und alle Biologie muß in letzter Linie darauf hinauslaufen, den Knoten phy>ikalisch- chemischer Beziehungen zu lösen, die Leben sind. Aber in der Praxis der Forschung muß man große Vorsicht üben, um das Zurückführen spezieller Gesetze auf allgemeinere nicht mit einem voreiligen Analogisieren kompli- zierter Phänomene zu verwechseln. Wenn ein Kurpfuscher dem Kranken etwa sagt, daß gar nicht das Herz krank sei, sondern die Körpersäfte 104 Naturwissenschaftliche Wochenschrift N. P. XVIIl. Nr. schlecht seien, so hat er insofern Recht, als in vielen Fällen die Erkrankung des Herzmuskels aus Stör- ungen des allgemeinen Stoffwechsels oder aus einer Überschwemmung des Körpers mit Stoffwechsel- produkten aus der erkrankten Niere resultiert. Recht hat auch der nervöse Leser, der mir vor Jahren, aus Anlaß eines populären Aufsatzes von mir über den Chemismus der Nervenzellen, schrieb, seine Nervosität müsse in letzter Linie durch einen gestörten Chemismus der Nervenzellen bedingt sein und daß man doch ein Arzneimittel finden müßte, um diese Störung zu heilen. Der Kur- pfuscher und der nervöse Leser, sie haben beide insofern Recht, als in letzter Linie die Sache so liegt, wie sie behaupten. Aber eine Konstruktion oder eine Synthese des Einzelfalles, aufweichen es gerade ankommt, ist damit nicht ermöglicht — und darum sprechen wir von einem Kurpfuscher, mag derselbe auch richtig und sogar weitblickend er- kannt haben, daß hier eine allgemeinere Beziehung vorliegen könnte. Indem er aber den Versuch macht, den Spezialfall aus diesen allgemeineren Be- ziehungen oder Gesetzmäßigkeiten zu konstruieren, analogisiert er voreilig, weil dieser Spezialfall noch gar nicht so weit analysiert ist, um aus allge- meineren Gesetzen konstruiert werden zu können. In der Soziologie, wo die Erscheinungen , die der wissenschaftlichen Analyse unterliegen sollen, noch komplizierter sind als in der Biologie, ist die Vorsicht doppelt geboten. Immer wieder müssen wir das wenig erhebende Schauspiel er- leben, daß aus den gleichen biologischen Gesetzen, so aus dem Gesetz über den Kampf ums Dasein, ganz entgegengesetzte soziale Beziehungen abge- leitet werden : sowohl Krieg als Pazifismus. Ebenso wird die Zellenlehre als biologischer Beleg benutzt für die Republik, für die konstitutionelle Monarchie und für den aufgeklärten Absolutismus; und würde die Hofschranze eines indischen oder eines afrika- nischen Fürsten Universitätsprofessor für Biologie, er würde sicherlich den uneingeschränkten Des- potismus durch die Zellenlehre zu belegen suchen. Die Gesetze der Biologie können der Sozio- logie erst dienlich werden, wenn die sozialen Phänomene weit genug wissenschaftlich erforscht sind. Die Soziologie verfügt nun über mancherlei Gesetze, die nicht minder exakt sind als biologische Gesetze. Und von der Erkenntnis dieser sozio- logischen Gesetze muß man den Ausgang nehmen, wenn man die Gesetze der Biologie auf die sozi- alen Erscheinungen anwenden will. — Die Anschauungen von Kammerer über die Biologie des Todes teile ich nicht. Nach Kam- merer kommt auch bei den Protisten ein natür- licher Tod vor. Ich dagegen glaube, daß das vorliegende Tatsachenmaterial zur Auffassung drängt, daß bei den Einzelligen ein natürlicher Tod nicht vorhanden ist. (Vgl. meine „Allgemeine Physiologie des Todes".) Für ganz unbegründet halte ich die Auffassung von Kammerer, daß auch die Arten ihre Jugend, ihre Vollkraft, ihr Greisenalter haben und ihren natürlichen, d. h. aus inneren biologischen Be- dingungen erwachsenden Tod finden. Unsere Kenntnisse über das Aussterben der Arten sind einstweilen noch zu dürftig, um die Frage im Sinne von Kammerer entscheiden zu lassen. Die Sache liegt, meiner Meinung nach, nicht so wie Kammerer annimmt. Die Arten sterben in der Regel wohl darum aus, weil andere Arten, die den gegebenen oder veränderten äußeren Lebens- bedingungen besser angepaßt sind, ihnen den Lebensraum streitig machen. Dabei soll nicht bestritten werden, daß auch eine aus fortschreiten- den Transformationen resultierende Form einer Art diese lebensunfähig m'achen könnte. Das Problem des Völkertodes berührt Kam- merer nur ganz kurz. Was dieses Problem, d. h. die Frage des natürlichen Todes der Völker an- betrifft, so braucht man nur die politischen Er- eignisse der jüngsten Zeit, die Konstituierung der neuen Nationalstaaten in Europa und in Vorder- asien zu berücksichtigen, um zu verstehen, daß von einem natürlichen Völkertod, d. h. von einem Völkertod aus inneren biologischen Bedingungen heraus, nicht die Rede sein kann. Man kann nur dann von einem Völkertod sprechen, wenn man die falschen Schlüsse über den natürlichen Tod der Protisten auf Arten und von diesen in vor- eiliger Weise auf Völker überträgt. Im übrigen ist das Problem des Völkertodes ein großes und kompliziertes Kapitel lür sich, das nicht allein mit den Mitteln der Biologie, sondern vornehmlich mit den Mitteln der Geschichte und der Geographie zu bearbeiten und zu lösen ist. Unser Freund Kammerer ist ein mutiger Mann und ein wackerer Streiter für ein freies Denken. Man soll seine Bücher auch dann lesen, wenn man mit seinen Auffassungen nicht ganz übereinstimmt. Alexander Lipschütz (Bern). Literatur. Föppl, Prof. Dr. A., Vorlesungen über technische Me- chanik. 2. Band. Graphische Statik. Mit 209 Textfiguren. 4. Aufl. Leipzig und Berlin 19 iS, B. G. Teubner. 15 M. Illhült: F. Esmarch, Die wichtigsten Kartofi'elkrankheiten. (7 Abb.) S. S9. — Einzelbericbte : L. Di eis, Rhythmik und Verbreitung von Perennen. (i Abb.) S. gS. Diirken, Die Wirkung farbigen Lichts auf Puppen und Schmetter- linge. S. 99. H. V. Butt e 1 • R eepen, Seltsamer Mitbewohner der Lienenzellen. S. 100. v. d. Groeben, Zur Wiedereinführung des Wisents in Deutschland. S. 100. Uhlenhuth und Kühn, Der Erreger der Weil'schen Krank- heit iSpirochaeta icterogenes). S. loi. — Büchetbesprechungen; N. G. Lebedinski, Darwin's geschlechtliche Zuchtwahl und ihre arterhallende Bedeutung. S. loi. K. v. Frisch, Bakteriologie für Krankenschwestern. S. 101. R. Wenger, Die Vorherbestimmung des Wetters. S. 102. L. Weber, Einführung in die Wetterkunde. S. 102. E. Kassner, Das Wetter. S. 102. Deegener, Die Formen der Vergesellschaftung im Tierreiche. S. 102. Paul Kammerer, Einzehod, Völkertod, Biologische Unsterblichkeit. S. 103. — Literatur: Liste. S. 104. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstrafie 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. Naturwis senschaftliche Wochenschrift. Sonntag, den 23. Februar 1919. Nummer 8. Neue Folge j8. Band; der ganzen Reihe 34. Band. Der Mechanismus der Vererbung. (Dargestellt auf Grund der Vererbungsexperimente Morgan 's und seiner Schule mit Drosophila.) Von Hans Nachtsheirn-München. [Nachdruck verboten. 1 Mit 12 Abbildungen. Seit B o V e ri ' s klassischen Untersuchungen zum Problem der Chromosomen als Vererbungsträger hat die Chromosomentheorie der Ver- erbung mehr und mehr an Boden gewonnen. Die zahlreichen erblichen Eigenschaften, aus denen sich ein Organismus zusammensetzt, werden nach der Anschauung der modernen Erblichkeits- forschung durch das Zusammenwirken von erb- einheitlichen Genen oder Erbfaktoren im Laufe der Entwicklung des Organismus her- vorgerufen, und diese Gene oder Erbfaktoren sind nach der Chromosomentheorie der Vererbung an bestimmte Teile des Kernes, eben an die Chro- mosomen, gebunden. Durch ein verständnis- volles Zusammenarbeiten von Zell- und Ver- erbungsforschung hat sich die Chromosomentheorie der Vererbung weiter ausbauen und vertiefen lassen, und es ist vor allem das Verdienst des amerikanischen Zytologen und Vererbungsforschers T. H. Morgan, durch eine große Reihe von Untersuchungen und Experimenten, teils von ihm selbst, teils von seinen Schülern ausgeführt, die Erkenntnis des Chromosomen-Erbfaktorenmechanis- mus gefördert zu haben. Es ist wohl heute kaum noch ein Zweifel möglich, daß die Chromosomen wirklich die Träger der Erbfaktoren sind. Mor- gan aber vermag noch weiter zu gehen. Da die Zahl der Chromosomen selbst bei Tieren mit vielen chromatischen Elementen doch gering ist im Vergleich zur Zahl der anzunehmenden Erb- faktoren, so müssen wir von vornherein in jedem Chromosom eine ganze Reihe derartiger Faktoren lokalisiert denken. Morgan zeigt durch seine Experimente, wie die Faktoren in den Chromo- somen angeordnet und welche in jedem einzelnen Chromosom enthalten sein müssen, er stellt mit anderen Worten die genaue „Architektur" der einzelnen Chromosomen fest. Er zeigt fernerhin, wie sich die Erbfaktoren in den Chromosomen verhalten, wie ein Austausch von Faktoren oder Faktorengruppen zwischen gleichwertigen väter- lichen und mütterlichen Chromosomen erfolgen kann und vermittelt uns so ein in manchen Zügen zwar noch hypothetisches, im großen und ganzen aber doch wohl richtiges Bild von dem Mecha- nismus der Vererbung.') 1) Ein ausführlicher Bericht über die bisherigen Ergebnisse Morgan's und seiner Mitarbeiter ist in der Zeitschrift für induktive Abstammungs- und Vererbungslehre erschienen fsiehe Literaturverzeichnis am Schluß des Aufsatzes). Drosophila ampelophila als Objekt für Vererbungsstudien. Zu seinen Experimenten benutzte Morgan Drosophila ampelophila, die Frucht- oder Tau- fliege. Aus verschiedenen Gründen ist Drosophila für Vererbungsstudien ein besonders geeignetes Objekt. Zunächst einmal bietet die Zucht der Fliegen kaum Schwierigkeiten. Werden dje Tiere in größerer oder geringerer Zahl in Flaschen von ca. 500 ccm Inhalt gebracht und mit Bananen gefüttert, so lassen sie sich leicht züchten. Eine Temperatur von as'C stellt das Optimum für die Entwicklung und Fortpflanzung der Fliegen dar. Da jedes Weibchen mehrere lOO Individuen her- vorbringt und pro Jahr viele Generationen erzeugt werden, erhält man in sehr kurzer Zeit eine sehr zahlreiche Nachkommenschaft, eine Tatsache, die für Vererbungsstudien natürlich ebenfalls von großer Wichtigkeit ist. Was aber Drosophila zu einem für die Vererbungsforschung besonders wert- vollen Objekt macht, ist die von Morgan be- obachtete Erscheinung, daß im Laufe der Kuhur in den Zuchten an einzelnen Individuen neue erbliche Eigenschaften auftreten, Muta- tionen, wie wir solche Eigenschaften nennen. Mehr als lOO neue Eigenschaften haben Morgan und seine Mitarbeiter bereits auf ihr erbliches Ver- halten geprüft, weit größer noch ist die Zahl der Mutationen, die sie insgesamt beobachtet haben. Die neuen Eigenschaften, die also alle der wilden Aus- gangsrasse fehlen, können sich auf die verschieden- sten Organe beziehen und sehr verschiedener Natur sein. Die Körperfarbe kann verändert sein gegenüber der Ausgangsrasse, die Farbe des Auges, F"orm des Abdomens, Zeichnung des Thorax, die Größe und Form der Flügel usw. Einige Muta- tionen von Drosophila sind in Abb. i neben einem normalen wilden Individuum wiedergegeben. Die Mutation braucht nicht ein morphologi- sches Merkmal zu betreffen, der Organismus kann auch physiologisch verändert werden. Es kann z. B. die Fähigkeit der Weibchen, ihre Eier abzusetzen, beeinflußt werden ; sie kann voll- ständig fehlen. Wie hier so wird häufig durch eine Mutation die Lebensfähigkeit der Rasse in Mitleidenschaft gezogen. Das ist überhaupt ein allgemeines Charakteristikum der Mutationen, dal3 sie richtungslos entstehen; sie können für den Organismus nützlich sein, müssen es aber nicht sein, ja sie sind sehr oft direkt schäd- io6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 8 lieh für ihn, und viele der in den Kulturen auf- getretenen und dann oft mühsam weiter ge- züchteten Mutanten wären in der Natur mit ihrem dauernden Kampfe ums Dasein schon längst wieder verschwunden. 'M anderen Insekten sind die Chromosomen von Drosophila als groß zu bezeichnen, und zudem ist ihre Zahl verhältnismäßig gering. Abb. 2 zeigt schematisch die Chromosomengarnituren der beiden Geschlechter von Drosophila ampelophila. Q er Abb. 2. Chromosomengarnitur von Drosophila ampelo- phila beim Weibchen und beim Männchen, schemalisch. (Nach Morgan usw. aus Nachtsheim.) rotäugig^ Wi w j jweißäugig I W \ 9 ff /TIIA-;. d e f Abb. I. Die Fruchtfliege, Drosophila ampelophila und einige ihrer Mutationen. a normales Weibchen, b Weibchen mit schwarzer Körperfarbe, c Weibchen mit gelber Körperfarbe, d Männchen mit rudimentären Hügeln, e Männchen mit Stummelflügeln, f weifläugiges Männchen mit schwarzer Korperfarbe und Miniatur- flügeln. Alle Merkmale sind geschlechtsgebunden außer ,, schwarze Körperfarbe" und „Stummelflügel", diese beiden sind gekoppelt. (Nach Morgan aus Doncaster.) Die Chromosomen von Drosophila ampelophila. Sollen aber Vererbungs- und Zellforschung er- folgreich zusammenarbeiten, so muß das für die Vererbungsstudien gewählte Objekt auch für den Zytologen günstig sein. Auch das ist bei Dro- sophila der Fall. Im Vergleich zu denen mancher rotäugigm w y [ j rotäugig / \ '■ / \ ' 8 S (? rctaugig //ot-\ /i''"-\ /äugig\ /äugig\^ B B ® (7 n tvelBäu rotäugig rotäugig weiBäugig rotäugig Abb. 3. Verhalten der Gescblechtschromo- somen und der geschlechtsgebundenen Faktoren bei Kreuzung eines rotäugigen Weibchens mit einem weißäugigen Männ- chen, w = Faktor für Wcißäugigkeit, W = sein normales (dominantes) AlUlo- morph. (Nach Morgan usw. aus Nachtsheim.) N. F. XVnL Nr. 8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 107 Bei Weibchen und Männchen finden wir vier Paare von Chromosomen. Zwei Paare übertreffen die andern an Größe beträchtlich, sie sind hantel- oder hufeisenförmig gestaltet, an deti Enden dicker als in der Mitte. Ein Chromosomenpaar besteht aus kurzen stabförmigen Elementen, und das vierte Paar setzt sich aus zwei kleinen kugeligen Chromosomen zusammen. Die beiden Glieder eines Paares, also die homologen Chromosomen, sind untereinander nicht verschieden, nur im männ- lichen Geschlecht bemerken wir bei dem einen Paar, den stabförmigen Elementen, einen Unter- schied. Das eine Chromosom ist etwas größer als das andere, wir unterscheiden sie als X- und Y-Chromosom. Um den Unterschied deutlich zu veranschaulichen, ist in dem Schema das eine Chromosom (V) mit einem Haken versehen. Die stabförmigen Elemente sind die „Geschlechts- chromosomen" von Drosophila. Bei der Bildung der Geschlechtszellen werden bekanntlich die homologen Chromosomen voneinander getrennt, jede Geschlechtszelle erhält nur die Hälfte des ur- sprünglichen Chromosomenbestandes, die haploide Zahl. Erst durch die Vereinigung zweier Ge- schlechtszellen, durch die Befruchtung, wird die ur- sprüngliche, die diploide Chromosomenzahl wieder- hergestellt. Die reifen Eier von Drosophila ampelo- phila enthalten alle vier Chromosomen, zwei hantei- förmige, ein kugeliges Chromosom sowie ein stab- förmiges Geschlechtschromosom, das immer ein X-Chromosom ist. Die Samenfäden enthalten ebenfalls alle vier Chromosomen, jedoch besitzt die eine Hälfte ein X-, die andere ein Y-Chromo- som. Vereinigt sich ein Samenfaden mit X- Chromosom mit einem Ei, so kommen zwei X- Chromosomen zusammen, d. h. wir erhalten wie- der die für das Weibchen charakteristische Chromo- somengarnitur. Wird hingegen das Ei durch einen Samenfaden mit Y-Chromosom befruchtet, so kommt Y- zu X-Chromosom, d. h. es entsteht die Chromosomengarnitur des Männchens. Die vier Gruppen gekoppelter Erb- faktoren bei Drosophila ampelophila. Wie groß die Zahl der Erbfaktoren bei Droso- phila ist, wissen wir nicht, doch müssen wir ent- sprechend der großen Zahl erblicher Eigenschaften auch mit einer sehr großen Eaktorenzahl rechnen. Jedes Chromosom enthält somit zahlreiche Erb- faktoren, und zwar ein großes wahrscheinlich mehr als ein kleineres. Von jedem Chromosomen- paar eines Individuums stammt ein Element vom Vater, das andere von der Mutter. Da nun vor- aussichtlich entsprechende Chromosomen bei Vater und Mutter nicht nur gleich viele, sondern auch die entsprechenden Erbfaktoren enthalten — das Chromosom A des Vaters enthält, um den Aus- druck der Vererbungsforschung zu gebrauchen, die AUelomorphen des Chromosoms Aj der Mutter — , so werden bei der Reifung der Ge- schlechtszellen mit den homologen Chromosomen auch die homologen Erbfaktoren getrennt. Die eine Geschlechtszelle erhält Chromosom A, die andere Chromosom Aj. Ebenso werden B und Bj getrennt, C und Cj usw. Im übrigen aber ist die Verteilung der Chromosomen auf die Geschlechts- zellen ganz dem Zufall überlassen, d. h. es können A B C D zusammenkommen (das wäre die Zu- sammenstellung, wie sie der Vater gehabt hat), oder A Bj C D oder A B, Cj D oder Aj B C D usw., je größer die Zahl der Chromosomen, desto größer ist auch die Zahl der möglichen Kombinationen. Liegen daher zwei Erbfaktoren in verschiedenen Chromosomen, der eine z. B. in A, der andere in B (ihre AUelomorphen also in Aj bzw. BJ, so werden sie unabhängig voneinander vererbt, sie „mendeln" selbständig. Ist aber z. B. das Chromosom A Träger der beiden Erbiaktoren (und A, also Träger der beiden AUelomorphen), so müssen sie gemein- sam vererbt werden, die beiden Faktoren sind „gekoppelt". Alle in einem Chromosom liegen- den Faktoren müssen untereinander gekoppelt sein, und die Zahl der Gruppen gekoppelter Erb- faktoren muß bei jedem Objekt der Zahl der Chromosomenpaare entsprechen. Die Unter- suchungen an Drosophila ampelophila haben denn auch zu dem Ergebnis geführt, daß die Frucht- fliege vier Gruppen gekoppelter Erbfaktoren be- sitzt, und weiter hat sich herausgestellt, daß die Größe der Gruppen vollständig harmoniert mit der Größe der Chromosomen. Es wurden drei große Gruppen mit zahlreichen Faktoren ermittelt, die in den großen Chromosomen lokalisiert zu denken sind, und eine kleine Gruppe mit nur wenigen Faktoren, deren Träger die kleinen kugeligen Chromosomen sind. Jedes Glied einer Gruppe zeigt Koppelung mit sämt- lichen Gliedern derselben Gruppe, wird hingegen vollständig unabhängig von den Gliedern der anderen Gruppen vererbt. Die geschlechtsgebundene Vererbung. Eine besondere Art der Vererbung, die so- genannte geschlechtsgebundene Vererbung, zeigen die in den Geschlechtschromosomen lokalisierten Faktoren. Die beiden Geschlechter haben, wie schon hervorgehoben, verschiedene Geschlechts- chromosomen. Während das Weibchen zwei X-Elemente besitzt, hat das Männchen ein X- und ein Y- Element. Es stellte sich nun heraus, daß das Y Chromosom des Männchens ein rudimen- täres Gebilde ist, daß es keine Erbfaktoren oder wenigstens keine funktionsfähigen Erbfaktoren ent- hält. Die Resultate sind so, als ob beim Männ- chen nur ein X-Chromosom vorhanden wäre und das Y-Chromosom vollständig fehlte, was bei manchen anderen Tieren, z. B. dem Nematoden Ancyracanthus, auch in der Tat der Fall ist. Fehlt aber in dem einen Geschlecht dem Geschlechts- chromosom der Partner, so ist ohne weiteres ein- leuchtend, daß die Vererbung der in diesem Chromosom lokalisierten Faktoren anders vor sich io8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 8 gehen muß als bei den übrigen Chromosomen. Wie die geschlechtsgebundene Vererbung erfolgt, veranschaulichen wir uns am besten an der Hand zweier Schemata (Abb. 3 und 4). Ein Merkmal, dessen Erbfaktor im Geschlechtschromosom liegt, ist z. B. die Weißäugigkeit. Während die Tiere der wilden Rasse rote Augen haben, sind die Tiere dieser Mutation — um eine solche handelt es sich — weißäugig (white). Der Faktor für Rotäugigkeit ist dominant über den Faktor für Weißäugigkeit, d. h. wenn beide Faktoren vor- handen sind, ist das Individuum immer rotäugig. Betrachten wir zunächst nun einmal das Resultat der Kreuzung eines rotäugigen Weibchens mit einem weißäugigen Männchen (Abb. 3). Das rot- äugige Weibchen besitzt zwei X-Chromosomen, beide mit dem Faktor für Rotäugigkeit (= W '). Das weißäugige Männchen besitzt e i n X-Chromo- som mit dem Faktor für Weißäugigkeit (= W). Der Vollständigkeit halber ist beim Männchen auch das Y-Chromosom (schraffiert) mit einge- zeichnet, doch können wir es bei der Betrachtung ganz außer acht lassen. Das Weibchen dieser Generation (Pj = Elterngeneration) bildet nur eine Sorte von Geschlechtszellen: alle Eier haben ein „rotes" X-Chromosom, wie wir kurzerhand sagen wollen (Abb. 3, 2. Reihe). Das Männchen hin- gegen bildet zwei Sorten von Samenzellen: die Hälfte der Spermatozoen hat ein „weißes" X-Chromosom, die andere Hälfte hat kein X- Chromosom, Vereinigt sich ein Spermium mit X-Chromosom mit einem Ei, so erhalten wir ein rotäugiges Weibchen (Abb. 3, 3. Reihe); es ist zwar vom Spermium her auch ein weißes X- Chromosom vorhanden, aber der rote Faktor ist dominant. Vereinigt sich ein Spermium ohne X-Chromosom mit einem Ei, so erhalten wir ein rotäugiges Männchen (Abb. 3, 3. Reihe); das Ei enthält ja immer ein rotes X-Chromosom. Die erste Nachkommengeneration (Fj = Kindergene- ration), Weibchen und Männchen, ist also rein rotäugig, wie wir es auch bei normaler Mendel- scher Vererbung zu erwarten hätten, wenn der eine Faktor über seinen Partner dominant ist. Anders als bei Mendel' scher Vererbung ist in- dessen das Resultat in der nächsten Generation (Fj = Enkelgeneration). Das Weibchen der Fj- Generation produziert zweierlei Geschlechtszellen : Eier mit rotem und Eier mit w eiß em X-Chro- mosom (Abb. 3, 4. Reihe). Auch das Männchen erzeugt zwei Sorten von Geschlechtszellen : Samen- fäden mit rotem X-Chromosom und solche ohne X-Chromosom (Abb. 3, 4. Reihe). Alle Weib- chen der F„-Generation sind infolgedessen rot- äugig, während die Männchen zur Hälfte rot-, zur Hälfte weißäugig sind (Abb. 3, 5. Reihe). Ihrer Anlage nach sind allerdings auch die Weib- ') Wenn das normale AUelomorph dominant über den Mutationsfaktor ist, bczeiclinet es Morgan mit dem grofien, diesen mit dem kleinen Anfangsbuchstaben der Mutation, ist der Mutationsfaktor dominant, so ist auch die Bezeichnung die umgekehrte. chen nicht einheitlich zusammengesetzt; die eine Hälfte enthält zwei rote X-Chromosomen, die andere ein rotes und ein weißes. Wie bei nor- maler Mendel'scher Vererbung sind auch hier in der P'j" Generation ^|^ der Individuen gleich dem einen Elter der Pj-Generation, gleich dem anderen Elter, aber es ist doch ein wichtiger Unterschied insofern vorhanden, als dieses eine Viertel sich bei geschlechtsgebundener Vererbung nur aus Männchen zusammensetzt. In Abb. 3 ist in den beiden letzten Reihen noch das Re- sultat der Kreuzung eines heterozygot-rotäugigen Weibchens (= Weibchen mit rotem und weißem X-Chromosom) der F, - Generation dargestellt. Alle aus dieser Kreuzung hervorgehenden Weib- chen werden rotäugig, die Männchen wieder zur Hälfte weiß-, zur Hälfte rotäugig. In keiner der in Abb. 3 dargestellten Kreuzungen entstehen weißäugige Weibchen. Wir erhalten aber solche, wenn wir ein heterozygot-rotäugiges Weibchen der F3 Generation anstatt mit einem rotäugigen mit einem weißäugigen Männchen kreuzen. Bei der Vereinigung eines weißäugigen Weibchens mit einem rotäugigen Männchen (Abb. 4) erfolgt eine „Vererbung übers Kreuz": alle Weibchen der Fj- Generation werden rotäugig, alle Männchen weiß- wcißäugig rotäugig w rotäugig M weißäugig / \ W \ 8 weißäugig rotaugig wcil3äugig rotäugig Abb. 4. Verhalten der Geschlechtschromosomen und der ge- schlechtsgebundenen Faktoren bei Kreuzung eines weißäugigen Weibchens mit einem rotäugigen Männchen (Vererbung übers Kreuz). (Nach Morgan usw. aus Nachtsheim.) äugig. Und werden die Individuen dieser Gene- ration unter einander gekreuzt, so entsteht eine Fj-Generation, die sich zur Hälfte aus rotäugigen, zur Hälfte aus weißäugigen Individuen zusammen- setzt, wobei Weibchen und Männchen in jeder Gruppe in gleicher Zahl vertreten sind. N F. XVni. Nr. 8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 109 Der Ausfall der Kreuzungen ist äußerlich nur dann anders, wenn das geschlechtsgebundene Merkmal der Mutation dominant ist über das entsprechende Merkmal der Ausgangsrasse. In der Mehrzahl der Fälle sind die Merkmale der Ausgang'^rasse dominant. Da dann das geschlechts- gebundene Mutationsmerkmal beim Weibchen nur in Erscheinung tritt, wenn beide X-Chromosomen den betreffenden Erbfaktor enthalten, sind Weib- chen mit geschlechtsgebundenen Mutationsmerk- malen viel seltener als Männchen, die nur ein X-Chromosom haben, bei denen also die Anwesen- heit eines geschlechtsgebundenen Faktors zur Hervorbringung des Merkmals genügt.') Im Prin- zip aber geht die Vererbung, wenn es sich um Merkmale handelt, deren F"aktoren an die X- Chromosomen gebunden sind, immer in der gleichen Weise vor sich : die Vererbung dieser Merkmale richtet sich nach der Ver- teilung der Geschlechtschrom o'somen. Die Erscheinung der „Non-disjunction". Durch Beobachtungen von Bridges, eines Mitarbeiters Morgan's, hat die Erklärung der geschlechtsgebundenen Vererbung eine vortreff- liche Bestätigung gefunden. Bei Kreuzung eines weißäugigen Weibchens mit einem rotäugigen Männchen erfolgt, wie oben ausgeführt, eine „Ver- erbung übers Kreuz": alle Weibchen der Fj- Ge- neration sind rotäugig, alle Männchen weißäugig. Bei einer solchen Kreuzung beobachtete nun Bridges, daß ungefähr 5 "/(, der Individuen der Fj -Generation sich anders verhielten, als zu er- warten war: eine Anzahl Weibchen war weiß- äugig, also gleich der Mutter, eine Anzahl Männ- chen rotäugig, also gleich dem Vater. Bridges erklärte diese anormale Vererbung mit der An- nahme, daß bei einem gewissen Prozentsatz von Eiern der P, -Mutter während der Reifung die Tren- nung der beiden weißen X-Chromosomen aus un- bekannten Gründen unterblieben ist („Non-disjunc- tion"), eine Annahme, für deren Richtigkeit er, wie gleich hier bemerkt sei, in der Tat durch die zytologische Untersuchung einen Beweis er- bringen konnte. Das zur Kreuzung benutzte Weibchen scheint drei Sorten von Eiern gebildet zu haben : die meisten waren normal und ent- hielten ein (weißes) X-Chromosom, ein gewisser Prozentsatz aber war anormal, und von diesem enthielt die Hälfte zwei (weiße) X Chromosomen, die andere Hälfte keines. Wie unter diesen Umständen die Kreuzung des weißäugigen Weib- chens mit dem rotäugigen Männchen ausfallen ') Man glaubte infolgedessen anfangs, die geschlechts- gebundenen Eigenschaften kämen nur in dem einen Geschlecht vor, und sprach deshalb von geschlechtsbegrenzter Ver- erbung. Vielfach geschieht das auch heute noch. Von ge- schlechlsbegrenzten Eigenschaften sollte man jedoch nur dann sprechen, wenn es sich um sekundäre Geschlechts- merkmale handelt, d. h. um solche, die tatsächlich mit dem Geschlecht vererbt und normalerweise nur in einem Geschlecht vorkommen. mußte, zeigt Abb. 5. Rechts und links sind in der untersten Reihe die normalen Individuen der Fj-Generation angegeben, die weitaus die Mehr- zahl bilden: rotäugige Weibchen und weißäugige Männchen. Alle übrigen Kombinationen sind anormal. Die anormalen Weibchen sind teils rot-, teils weißäugig. Die rotäugigen haben zwei weiße und ein rotes X-Chromosom, unterscheiden sich aber äußerlich von den normalen rotäugigen Weibchen nicht; ein Faktor für Rotäugigkeit bleibt also auch über zwei Faktoren für Weißäugigkeit dominant. Die anormal weißäugigen Weibchen haben zwei weiße X Chromosomen und ein (be- langloses) Y-Chromosom. Die anormalen Männ- chen sind rotäugig; sie besitzen ein rotes X-Chro- mosom. Individuen ohne X Chromosom scheinen nicht lebensfönig zu sein. Die anormalen Formen hat Bridges zum Teil zu weiteren Kreuzungen benutzt, deren Resultate sehr zu Gunsten seiner Hypothese sprechen. Die zytologische Unter- suchung des Falles ist zwar noch nicht sehr weit gediehen, immerhin aber konnte Bridges bereits feststellen, daß die anormal weißäugigen Weibchen, ganz wie es die Hypothese erfordert, zwei X- und ein Y-Chromosom enthalten; Abb. 6 gibt die Chromosomengarnitur eines solchen Weibchens . wieder. Es sei noch darauf hingewiesen, daß die mit dem Faktor für Weißäugigkeit gekoppelten Faktoren, d. h. also alle geschlechtsgebundenen Faktoren, natürlich in gleicher Weise anormal vererbt wurden. Ein Zweifel darüber, daß die anormale Vererbung in dem von Bridges be- obachteten Falle in einer anormalen Verteilung der Geschlechtschromosomen bei der Reifung der Eizellen ihre Ursache hat, kann also wohl kaum noch bestehen. Besonders interessant wäre es übrigens, die anormal rotäugigen Männchen, die nur ein X-Chromosom, kein Y-Element besitzen, zur Weiterzucht zu verwenden. Es ließe sich so eine Rasse züchten, die kein Y-Chromosom mehr besitzt. Unterscheidet sich diese in nichts von einer Rasse mit Y-Chromosom im männlichen Geschlecht, so ist der beste Beweis für die Funk- tionslosigkeit des Y-Chromosoms erbracht. Faktorenkoppelung und Faktoren- austausch. Faktoren, die im gleichen Chromosom liegen, können nicht unabhängig voneinander „mendeln", sie sind gegenseitig gekoppelt. Die Faktoren für gelbe Körperfarbe (yellow) und für Weißäugigkeit (white) liegen z. B. beide im sog. ersten, dem X- Chromosom. Bei Kreuzung eines rein gelben und weißäugigen Weibchens mit einem grauen und rotäugigen Männchen (Abb 7) sind alle Weibchen der Fl -Generation grau und rotäugig, da diese beiden Merkmale dominant sind. Alle Männchen hingegen müssen gelb und weißäugig sein, da ihre X-Chromosomen nur die Faktoren lür gelbe Körperfarbe (y) und Weißäugigkeit (w) besitzen können (Vererbung übers Kreuz). Die Männchen der F„-Generation Uilden zweierlei Geschlechts' HO Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 8 Zellen: Samentäden mit X-Chromosom, d. h. mit den Faktoren y und w, und Samenfäden ohne X-Chromosom. Die Weibchen der Fj-Generation, so sollte man annehmen, produzierten ebenfalls zwei Sorten von Geschlechtszellen: Eier mit X- Chromosom und den Faktoren y und w und Eier 99 % Nachkommen, die gleich den Großeltern sind, und I 7o Neukombinationen. Es besteht auch die Möglichkeit, daß die beiden Faktoren y und w von verschiedenen Seiten in die Kreuzung eintreten. Es sei z. B. das Weibchen der Pj -Generation rein gelb und rotäugig rotäugig 9 rotäugig weiSäugig rotäugig nicht lebens fällig weiBäugig anormale Kombinationen Abb. 6. Chromosomengarnitur des XXY-Weibchens. (Nach M o r g a n usw. aus Nachtsheim.) Abb. 5. „Non-disjunction" bei der Reifung der Geschlechts- zellen eines weißäugigen Weibchens und Kreuzung dieses Weibchens mit einem rotäugigen Männchen. (Aus Nachts heim.) mit X-Chromosom und den beiden Allelomorphen (Y und W). Das Resultat der Kreuzung der Fj- Individuen zeigt indessen, daß hier die Verhält- nisse komplizierter liegen. Neben gelben weiß- äugigen und grauen rotäugigen Tieren treten in der Fo -Generation nämlich auch graue weißäugige und gelbe rotäugige in einem gewissen Prozent- satz auf. Das wäre unmöglich, wenn die Koppe- lung zwischen y und w vollständig wäre, wenn mit anderen Worten die in einem Chro- mosom liegenden Faktoren nie getrennt werden könnten. Das Kreuzungsresultat beweist, daß zwischen den beiden Chromosomen eines Paares ein Austausch von Faktoren erfolgen kann, ein „crossing-over", wie es Morgan nennt. Die gelben rotäugigen und die grauen weißäugigen Individuen der Fj-Generation müssen ihre Ent- stehung Eiern verdanken, zwischen deren Ge- schlechtschromosomen ein solcher Faktoren- austauich stattgefunden hat (Abb. 7). Das Ver- hältnis der vier Klassen der Fj-Generation ist so, daß 99 " der Nachkommen gleich der großelter- lichen Generation (P,) sind, 1 % stellt ^eukom- binationen dar. In einem Prozent der Eier der Fl - Weibchen findet also ein Faktorenaustausch zwischen y und w statt. Im männlichen Geschlecht ist ein Austausch unmöglich, da hier das X-Chro- mosom ja nur das funktionslose Y-Chromosom als Partner hat. Bei der reziproken Kreuzung (rein graues und rotäugiges Weibchen X gelbes und weißäugiges Männchen) ist die F, -Generation einheitlich grau rotäugig, in der F2- Generation erhalten wir wieder vier Klassen, und zwar wieder weiBäugig gelb wciBäugig gelb weiBäugig Abb. 7. Faktorenaustausch („Crossing-over") in den Eiern der Fi-Weibchen: Kreuzung eines gelben weißäugigen Weib- chens mit einem grauen rotäugigen Männchen, y = Faktor für gelbe Körperfarbe, w = Kaktor für Weißäugiekeit; die beiden Allelomorphen (Y und W), die beide dominant sind, sind nicht angegeben. (Nach Morgan usw. aus Nachtsheim.) N. F. XVIII. Nr. 8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. III ■ rotäugig, das Männchen grau und weißäugig. Dann liegt bei den Fj-Weibchen y im X-Chromosom von der Mutter, w im X-Chromosom vom Vater, und in diesem Falle findet also weiterhin nor- malerweise keine gemeinsame Vererbung der beiden Faktoren statt, sondern sie stoßen sich im Gegenteil sozusagen ab, sie bleiben meistens ge- trennt. Auch hier aber treten in der F„-Gene- ration vier Klassen auf, wieder sind 99 "/o •^^•' Tiere gleich den Großeltern, i % sind Neukom- binationen, zurückzuführen auf Faktorenaustausch. Die Koppelung der Faktoren y und w bzw. ihrer Allelomorphen hat also einen ganz bestimm- ten Grad. Mögen die beiden Faktoren in einem X-Chromosom liegen, mag der eine in diesem, der andere in jenem liegen, immer erfolgt der Austausch in i "/y der Fälle. Morgan und seine Mitarbeiter haben in der Folge eine große Zahl von Faktoren auf ihren Koppelungsgrad untersucht und gefunden, daß der Koppelungsgrad sehr verschieden sein kann, daß er aber für zwei bestimmte Faktoren immer ein bestimmter ist. Die beiden oben genannten Faktoren sind sehr stark gekoppelt; wir wollen ihren Koppelungsgrad mit i bezeichnen. Zwischen den Faktoren white und miniature (die Fliegen mit diesem Merkmal haben Miniaturflügel) erfolgt wesentlich häufiger ein Austausch; ihr Koppelungsgrad ist 33 (Austausch in 33 "/„ der Fälle). Noch lockerer sind wiihe und bar (Fliegen mit sog. Bandaugen) gekoppelt; ihr Koppelungsgrad ist 44- In gleicher Weise wie zwischen den Geschlechts- chromosomen geht auch zwischen den anderen Chromosomenpaaren, wenigstens zwischen den großen hanteiförmigen Elementen (Chromosomen- paare II und III) ein Faktorenaustausch vor sich. Da diese Chromosomen auch im männlichen Ge- schlechte paarweise vertreten sind, sollte man er- • warten, daß hier auch bei der Bildung der männ- lichen Geschlechtszellen ein Austausch erfolgt. Das ist indessen merkwürdigerweise nicht der Fall. Wie bei den Geschlechtschromosomen ist auch bei den anderen der Austausch auf das weibliche Geschlecht beschränkt. Eine Erklärung hierfür fehlt bis jetzt. Für die kleinen kugeligen Chromosomen ist noch kein Faktorenaustausch nachgewiesen. Wie können wir uns nun auf Grund der bis- herigen Feststellungen die Anordnung der Erb- faktoren in den Chromosomen und den Verlaul des Faktorenaustausches vorstellen? Schon bei zahlreichen Objekten hat man be- obachtet, daß sich die Chromosomen in den Ge- schlechtszellen vor deren Reifung, in der soge- nannten Synapsis, paarweise umeinanderwickeln. Auf diese Beobachtung begründete Janssens seine Theorie der Chiasmatypie. Nach dieser Theorie verschmelzen die beiden homologen Chromosomen, während sie umeinandergewickelt sind, an den Kreuzungsstellen miteinander. Wird die Verbindung der Chromosomen wieder gelöst. so geschieht das nach Janssens Anschauung nicht immer so, daß die beiden Elemente sich einfach wieder auseinanderwickeln, sondern sie können an den Verschmelzungsstellen so aus- einanderbrechen, daß Stücke von verschiedenen Chromosomen zu einem Chromosom zusammen- treten. Abb. 8 veranschaulicht, diesen Vorgang. L und M (a) sind homologe Chromosomen, sie wickeln sich einmal umeinander und verschmelzen an der Kreuzungsstelle (b). Beim Auseinander- brechen (c) vereinigt sich die obere Hälfte des Chromosoms L mit der unteren Hälfte des Chro- mosoms M, während die obere Hälfte von M mit der unteren von L in Verbindung tritt (d). Unter Zugrundelegung dieser Theorie betrachtet Mor- gan den Faktorenaustausch als das Resultat der paarweisen Vereinigung und der Trennung der Chromosomen in den Geschlechtszellen während der Synapsis. Sind die Erbfaktoren im Chromosom in der F"orm der Glieder einer Kette angeordnet. L M l Abb. 8. Umeinanderwickeln der Chromosomenpaare. (Nach Muller aus Nachtsheim.) ^=^^=^ Abb. 9. Einfache Überkreuzung. (Nach Muller aus Nachts he im.) so werden bei dem in Abb. 8 dargestellten Vor- gang die in der unteren Hälfte der beiden Chro- mosomen liegenden Erbfaktoren von denen in der oberen Hälfte getrennt. Die Stücke, die zwischen den beiden Chromosomen ausgetauscht werden, müssen insofern gleichwertig sein, als sie gleich viele und homologe Erbfaktoren enthalten müssen, was gleiche Anordnung der P'aktoren in den homologen Chromosomen voraussetzt. Liegt z. B. an dem oberen Ende des Chromosoms L (Abb. 8) der Faktor A, an dem unteren Ende der Faktor C, so muß an dem oberen Ende von M das AUelomorph von A, an dem unteren Ende das von C liegen. Wenn die Kreuzung der Chro- mosomen und das nachfolgende Auseinander- brechen nicht immer an der gleichen Stelle er- folgt, so werden bald diese, bald jene Faktoren getrennt. Liegt zwischen den Faktoren A und C ein Faktor B (Abb. 9), so kann der Faktorenaus- tausch in der Weise erfolgen, daß A von B und C getrennt wird (a). Es kann aber auch C von 112 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVin. Nr. 8 B und A getrennt werden. Aus der Abb. 9 läßt sich weiterhin der Satz ableiten, daß zwei Faktoren um so seltener voneinander getrennt werden, je näher sie beisammen liegen. A und C, die am weitesten voneinander entfernt sind, werden in beiden Fällen getrennt. Läge der Faktor B un- mittelbar neben A, so wäre die Wahrscheinlich- keit, daß eine Überkreuzung zwischen den beiden Faktoren stattfindet, sehr gering. In den Experimenten würde sich das durch sehr starke Koppelung der beiden Faktoren äußern. A und C wären viel loser gekoppelt. Der Prozent- satz des Faktorenaustausches ist also ein Ausdruck des Abstandes zweier Faktoren im Chromosom voneinander. Den Abstand, der notwendig ist, daß zwei Fak- toren in 100 Fällen einmal voneinander getrennt werden, bezeichnet Morgan als eine „Einheit". Yellow und white sind i Einheit, miniature und white 33 und bar und white 44 Einheiten von- einander entfernt. Der Abstand zweier Faktoren von- einander ist entweder gleich der Summe oder gleich der Differenz der Abstände dieser beiden Faktoren von einem dritten Faktor. A und B z. B. seien 20 Ein- heiten voneinander entfernt, B und C 10 Einheiten (Abb. 10). Dann kann C entweder zwischen A B 20 a 20 Abb. 10. Berechnung der gegenseitigen Lage der Faktoren im Chromosom. {Nach Muller aus Naehtsheim.) A und B (a) oder rechts von B (b) liegen. Im ersten Falle ist der Abstand der Faktoren A und B gleich der Summe der Abstände dieser Fak- toren von C: AB = AC -|- BC (20 = 10 -[- 10). Im zweiten Falle ist der Abstand der Faktoren A und B gleich der Differenz der Abstände dieser Faktoren von C: AB = AC — BC (20 = 30 — 10). Ist der Abstand dreier Faktoren voneinander bekannt, so läßt sich ihre gegenseitige Lage im Chromosom be- rechnen. Morgan und seine Mitarbeiter haben auf diese Weise schon die Lage einer größeren Zahl von Faktoren in den Chromosomen von Drosophila berechnet. Bei geringerem Faktorenabstand führte die experimentelle Prüfung der Berechnung zu einer Bestätigung der theoretischen Forderung, d. h. AB erwies sich als gleich AC -j- BC oder als gleich AC — BC. Bei größerem Abstand aber ergaben sich Ungenauigkeiten. So sind z. B. white und miniature 33 Einheiten voneinander entfernt, miniature und bar 22 Einheiten. White und bar müßten also entweder 33 + 22 = 55 oder 33 — 22 = 1 1 Einheiten voneinander entfernt sein. Der Koppelungsgrad zwischen white und bar ist in- dessen gleich 44. Das beweist zwar, daß minia- ture zwischen white und bar liegt, aber es ist doch ein beträchtlicher Unterschied zwischen dem theoretisch postulierten und dem experimentell festgestellten Abstand der Faktoren white und bar. Verständlich wird dieser Unterschied bei Annahme des gelegentlichen Vorkommens eines doppelten Faktorenaustausches zwischen einem Chromosomenpaar. Wickeln sich die Chromo- somen zweimal umeinander, verschmelzen an beiden Kreuzungsstellen (Abb. 1 1 a) und tauschen das mittlere Stück aus, so bleiben die Faktoren A und C im gleichen Chromosom (b). Bei bloßer Berücksichtigung der Faktoren white und bar muß also im Experiment ihr Abstand geringer er- scheinen, als er in Wirklichkeit ist. Ob doppelter oder gar dreifacher Faktorenaustausch zwischen zwei Faktoren vorkommt, läßt sich bei gleich- zeitiger Betrachtung eines oder mehrerer dazwischen- liegender Faktoren berechnen. ^^^^ Abb. II. Doppelte Überkreuzung. (Nach Muller aus Nachtsheim.) Wickeln sich die Chromosomen sehr eng um- einander, so könnten kleine und kleinste Gruppen, vielleicht sogar einzelne Faktoren ausgetauscht werden. Das scheint indessen nie der Fall zu sein. Das Vorkommen einer Überkreuzung zwischen zwei Chromosomen schützt sozusagen die rechts und links von der Kreuzungsstelle liegenden Fak- toren vor weiteren Kreuzungen, die Möglichkeit des Vorkommens einer Kreuzung nimmt zu mit der Entfernung von einer anderen Kreuzungsstelle. Wie die Chromosomen von Drosophila am- pelophila nach dem heutigen Stande unseres Wissens aufgebaut sind, möge Abb. 12 demon- strieren. In dieser „topographischen Karte" sind alle Faktoren eingezeichnet, deren Lage bisher berechnet worden ist. Das erste Chromosom ist das Geschlechtschromosom, dann folgen die großen hufeisenförmigen Chromosomen. Daß für diese, obwohl sie länger sind, noch nicht so viele Erb- faktoren festgestellt worden sind wie für das Ge- schlechtschromosom, hängt wohl damit zusammen, daß die geschlechtsgebundenen Eigenschaften bis- her am genauesten studiert worden sind. Für das vierte Chromosom, das kleine kugelige Element, sind bisher erst zwei Faktoren bekannt. Erbfaktoren und Außenbedingungen. Manche Faktoren zeigen eine weitgehende Ab- hängigkeit von Einflüssen der Außenwelt. So hat Morgan eine Mutation beschrieben, bei der das Abdomen abnorm gestaltet ist. Die Anwesenheit des Erbfaktors für das die Mutation charakteri- sierende Merkmal genügt indessen hier nicht, da- mit das Merkmal in Erscheinung tritt, sondern es müssen überdies ganz bestimmte äußere Be- dingungen vorhanden sein. Die Nahrung, ver- N. F. XVm. Nr. 8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. "3 mittels der die Fliegen aufgezogen werden, über- haupt das ganze Medium, in dem die Tiere leben, muß einen gewissen Grad von Feuchtigkeit auf- weisen. Werden aber die Fliegen in möglichst trockener Umgebung gezüchtet, so unterscheiden sie sich, selbst wenn sie hinsichtlich des Muta- tionsmerkmals reinrassig sind, äußerlich nicht im geringsten von normalen wilden Fliegen. In feuch- tem Medium hingegen vermag der Faktor wirksam zu werden, ist dann sogar dominant über sein nor- males AUelomorph. Eine andere Mutation, deren Merkmal in Ver- doppelungen einzelner oder mehrerer Glieder an den Beinen besteht, zeigt ebenfalls weitgehende Abhängigkeit von äußeren Bedingungen. Das Merkmal tritt nur auf, wenn die Fliegen bei niederer Temperatur gezüchtet werden, in extrem hoher Temperatur sehen alle normal aus, selbst wenn es reinrassige Mutanten sind. Wie bei der vorigen Mutation läßt sich auch hier lediglich durch bestimmte Außenbedingungen ein Merkmal trotz Reinrassigkeit dauernd latent erhalten. Auch das Alter des Individuums kann von Einfluß sein auf die Entfaltung eines Merkmals. Häufig sind mehrere Faktoren an der Entstehung eines Merkmals beteiligt, einzelne F"aktoren können hemmend oder fördernd auf die Funktion anderer Faktoren einwirken. Wieder andere Faktoren setzen die Lebensfähigkeit der Individuen herab, so daß die Sterblichkeit zunimmt, ja es gibt Fak- toren, die das Individuum überhaupt lebensunfähig machen (lethale Faktoren). Alle diese Umstände erschweren die Unter- suchungen über den Chromosomen-Erbfaktoren- mechanismus natürlich außerordentlich. Die ausgedehnten Experimente Morgan 's und seiner Mitarbeiter mit Drosophila gehören zweifellos zu den wertvollsten Untersuchungen der neueren Vererbungsforschung. Sie haben nicht nur eine glänzende Bestätigung der Chromosomen- theorie der Vererbung gebracht, sondern haben uns auch einen sehr bedeutungsvollen Einblick in den feineren Mechanismus der Vererbung gewährt. Mag auch manches an dem Bilde, das die ameri- kanischen Forscher vor uns entworfen haben, noch hypothetisch sein, so können wir doch heute schon sagen, daß es in seinen Grundzügen richtig ist. Vererbungsexperimente mit anderen Tieren und mit Pflanzen haben zu ganz ähnlichen Er- gebnissen geführt. Der Mechanismus der Ver- erbung ist im Prinzip offenbar im ganzen Orga- nismenreiche der gleiche. Baur, einer unserer bedeutendsten deutschen Vererbungsforscher, der auf Grund des Studiums pflanzlicher Objekte den gleichen Standpunkt einnimmt wie Morgan, faßt seine Ansichten über den Mechanismus der Vererbung in folgenden „Leitsätzen" zusammen: „I. Das Idioplasma im Sinne Naegeli's, d.h. der Teil der Zelle, der die Arteigenschaft bedingt, in dem fast alle Rassenunterschiede lokalisiert sind, d. h. „der Vererbungsträger", ist im wesent- lichen zu suchen im Fadengerüst des Zellkernes. II. Die anatomische Grundlage (entwicklungs- mechanische Ursache) eines als Einheit mendeln- den Rassenunterschiedes, einer „Erbeinheit", ist eine physikalische oder chemische Verschieden- heit zwischen zwei einander im übrigen ent- sprechenden Chromomeren.^) IIL Die anatomische Grundlage des Mendeln's ist erstens der gegenseitige Austausch äquiva- lenter Chromosomen bei der Reduktionstellung (wie zuerst von Hei der ausgesprochen) und zweitens der Austausch einzelner Chromomeren in oder vor der Synapsis. yellow.spol : lelhal I "white eosin. cherry abnormal bifitj . Club .shifteü _dachs lelhal tD lan uermiMon minialure lethal V sable lethal IV . rudimentary .forked -bar ■ fused sireak Lsepia ■ beni eyeless lethal s . black jaunty .purple - vestigial _ curved .pink.peach . kidney ebonysooly . beaded . rough speck •balloon morula Abb. 12. „Topographische Karte" der Chromosomen von Drosophila ampelophila mit den ihrer Lage nach bis jetzt be- kannten Erbfaktoren. (Nach Morgan usw. aus Nachtsheim.) IV. Ein oder mehrere Rassenunterschiede, die in verschiedenen Chromosomenpaaren lokalisiert sind, zeigen völlig freie Mendel- sp alt un g. Ein oder mehrere Rassenunterschiede, die im gleichen Chromosomenpaar aber in verschiedenen Chromomerenpaaren lokalisiert sind, zeigen eine durch teilweise ') Chromomer im Sinne von ; Kleinstes austauschbares Teilstück eines Chromosoms. („Chromomer" ist also nicht gleichbedeutend mit „Erbfaktor", „Erbeinheit"; es wird in der Regel mehrere, vielleicht sogar zahlreiche Erbfaktoren ent- halten. N.) 114 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. 8 Koppelung gestörte Mendelspaltung, und end- lich ein oder mehrere Rassenunterschiede, die im gleichen Chromomerenpaar liegen, zeigen die Erscheinung der absoluten Koppelung. V. Die Chromomeren sitzen in den Chromo- somen immer in einer bestimmten Reihenfolge und hängen gewissermaßen kettenartig zusammen. Der Austausch der Chromomeren geht nicht so vor sich, daß alle einzelnen Chromomeren frei werden und beliebig herüber und hinüber ver- tauscht werden, sondern die Chromomerenkette reißt stückweise, und ein oder mehrere Kettenstücke werden zwischen den beiden Chro- mosomen vertauscht. VI. Aus der Art der Koppelung kann man be- stimmte Rückschlüsse ziehen auf die gegenseitige Lage der einzelnen Chromomeren, in denen die betreffenden Unterschiede lokalisiert sind. Es ist auf diese Weise möglich gewesen, z. B. für die einzelnen Chromosomen von Drosophila, gewisser- maßen topographische Karten der einzelnen Rassenunterschiede anzufertigen. Bei wenigchro- mosomigen Arten, wie z. B. Drosophila und auch noch Hordeum, ist die Anfertigung einer solchen Karte verhältnismäßig einfach, bei vielchromo- sbmigen Organismen, zu denen z. B. Antirrhinum gehört, ist es sehr viel schwieriger." Literatur. Im folgenden sind nur einige zusammenfassende Darstel- lungen angegeben. Ein ausführliches Lileraturverzeichnis, in dem alle bis zur Kriegserkläiung der Vereinigten Staaten — seither fehlen die amerikanischen Zeitschriften — erschienenen Drosophila-Arbeiten zusammengestellt sind, findet sich in meinem Sammelreferat in der Zeitschrift für induktive Ab- stammungs- und Vererbungslehre. Baur, E., Über eine eigentümliche mit absoluter Koppe- lung zusammenhängende Dominanzstörung. Vorl. Mitteilung. Ber. d. Deut-^chen Botan. Ges., 36. Jahrg., 1918 Doncaster, L. , The determination of sex. Cambridge a. New York 1914. Morgan, T. H., Heredity and se.\. New York 1913. Morgan, T. H., Sturtevant, A. H., Muller, H. J., Bridge s, C. B., The mechanism of Mendelian heredity. New York 1911;. Mull er, H. J., The mechanism of crossing-over. Ame- rican Naturalist, Vol. 50, 1916. Nachtsheim, H., Die Analyse der Erbfaktoren bei Drosophila und deren zytologische Grundlage. Ein Bericht über die bisherigen Ergebnisse der Vererbungsexperimente Morgan 's und seiner Mitarbeiter. Zeilschr. f. indukt. Ab- stammungs- u. Vererbungsl., Bd. 20, 1919. Kleinere Mitteilungen. Der Präsidentensturm in der dritten Dezember- woche 1918, über Europa. iVlit i Kurve. In der Woche vor Weihnachten zogen zwei atmosphärische Tiefgebiete nördlich über dem europäischen Fest- lande vorüber, die an ihrer Rückseile über Nord- europa strenge Kälte nach sich zogen, an Sturm und Niederschlag aber auch für Mitteleuropa einen vollgemessenen Anteil brachten. Es waren zwei von Westen her erwartete Störungen des atmo- sphärischen Gleichgewichtes, die für Europa von bildung, sondern auch in den Herdgebieten der Westatlantiks und des Indischen Ozeans. Diese letztere Sturmbildung sollte in eine, für die Witterung Europas bedeutungsvolle Beziehung zu jenen westpazifischen Störungen treten. Be- stätigt unter dem 11. Dezember 1918 durch einen Sturm über dem östlichen Mittelmeer, der einem französischen Luftschiff den Untergang brachte, übte sie und später eine ihr nachfolgende Störung gleicher Herkunft auf jene westlichen Störungen Gang von Temperatur und Luftdruck vom 14. bis 23. Dezember 1918, aufgezeichnet von einem Thermo- und einem Barographen des G oss 1 e r ' sehen Privatobservatoriums im Vorort Roterbaum bei Hamburg. T = Temperaturkurve zwischen o" und -j- 10". L = Luft druckkurve. (Diese entsprach genau auch dem Baro- gramme der etwa 9 km nordwestlicher gelegenen Holst. Wetter- und Sonnenwarte Schneisen). I bezeichnen die Tiefsten (Wellentäler) der ersten, 11 die der zweiten westpazifischen Störung im Verlaufe des Präsidentensturmes. mir als westpazifische vorberechnet waren. (Vgl. die Übersichtstabelle auf nächster Seite.) Das war, auf Grund von Sonneniätigkeit und Cirrus- Streifung, von mir in den beiden ersten November- wochen geschehen. ') Besonders eine Epoche November 9 bis 16 ') Vgl. W. Krebs, Neue Vorausbestiramungen des Wetters auf lange Frist. Wien 1916, Verlag des k. k. österr. Flug- technischen Vereins. 21 Kleinfolio- Seiten mit 16 Bildern. Preis 1,60 M. Vgl. auch W. Krebs, Korrespondierende Katastrophen auf der Sonne und in der Atmosphäre 1917. Nr. I der „Naturwissenschaftlichen Wochenschrift" vom b. Ja- nuar 19 iS, S. 7 — 9. N. F. XVIII. Nr. 8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 115 ja ■2 u JZ 4-* a 3 C c 3 m ja u 'C u 73 :3 ui 3 c« C u tuo V) biO B 3 u ■■o m V o to ':H J3 O. «• w ö a C4 ►-^ -S «il 1. N 1 3 T3 TScn 1 i 1 ^- ^-^ 1 a d US 1 S 2 S 1 1 ^ 1 1 M .^-N ti 1 a vi a 10 T 2S 1 1 "" ■ .2 d 1 .2 N S d- -SOfe sj". w M 1 ■"■ ^ — ' ■0 vd .■.is 1 1 1 r^ 1 "^ 1 . : « T3 J_ • 0" -;, ■532 N i 1 , ^- <3 'S S 2 « . " '5 OD S 1 1 10.^1 .il s. 1 J ! 1 .ü -a -=* »'^ . 2 = 5 *i 2 « —1 "Z."' ^i j tä o-»- M 'S ! 1 l-sS- 1 g. 1 1 u i+ J5 " 1 O^*' 2 E u a , — m 1 { 1 Ä 1 S 73 -« «05 ■ £ ] ; 1 1 i 1 a 00 «2 M 2 S U ,M J3 S , cd et U3 « 1 11 f+ 1- i3 + CA 1 s - -•0-2 c« a. s 1 505 ^ ■= 4- 4J T^ § + 'O ■0 rC. ^i Ed 1 i 1 55+ £ + w ö ^g 1 ä 1 §. 1 1. S £ + ",+ 1 i 2 1 cd ä 1« 1 0. a^ ^ + a 1 1 . rt c« 1. - s N H- » 2 s cd u "O . "< cS T3 J< O. 1 ^ '=4- 2 B 1 ' Ee N D. 1 J3 1 ' i + . W j ; 1 , Cd 1 O. i a 1 2 + 1 CT> td 52- t; '-' U t^ Tf ^ 00 M 1 t-^ rt ^ 00 •" 1 t-* 4 s.S^ M 1 7 N « 'P 1 1 « M f^ 1 - 1 )-i y «3 ■S i s « e i 1 1 1 1 ä -• 1 1 1. 1 3 t-t 1 5 - N °° 10 N o\ 00 « Qt 1 1- 00 & ? 3 S g 02QA Q : t 1 « N g ~ 1 ; 1 « « £ m m ii6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XMII. Nr. 8 hatte rege Sturmbildung ergeben, nicht allein im westpazifischen Herdgebiet der tropischen Sturm- einen ablenkenden Einfluß. Die eine von diesen schwenkte im Nordteile Skandinaviens, die andere schon über der Nordsee nach einer mehr südlichen Richtung ab. So kam es, daß besonders die zweite westpazifische Störung einen starken Fall des Luftdrucks und viel an Sturm und Regen über den Norden Deutschlands brachte (Vgl. die Abb., L). Dazu bezog die ihr nachfolgende Kälte- welle nun auch das Küstengebiet der Nordsee in den Bereich der Nachtfröste ein (Abb., T). Die hier gewonnene Luftdruckkurve (L) ließ neben dieser mittelbaren Bestätigung westpazifi- scher Herkunft noch eine andere erkennen. In der Abb. sind für die erste Störung mit I, für die zweite mit II, Eintiefungen oder Minderungen des Luftdrucks bezeichnet, die unter sich in regel- mäßigen, nahezu 24 stündlichen Zwischenräumen wiederkehren. Die Eintiefungen I stellten sich am 16., 17. und 18. Dezember gegen 6 Uhr abends, die Eintiefungen II am 19., 20., 21. und 22. Dezem- ber gegen 6 Uhr morgens ein. Die 24 stündige Periode erweckt überdies in beiden Fällen den Eindruck eines langsamen, aber regelmäßigen Ausschwingens nach einem starken Luftdruckfall. Sie erinnert zugleich an den Wechsel in Brandungswogen am Meeresgestade, bei denen auch die erste von 3, 4 oder 5 Wogen die größte zu sein pflegt. Doch hebe ich hier nur die in beiden Fällen, I wie II, nahezu 24 stündige Länge hervor. Denn sie entspricht einer von mir seit elf Jahren ver- folgten Eigenheit starker westpazifischen Störungen. Die in 24 Stunden periodischen Luftdruck- schwankungen , die mit ihrem Eintritt in die europäische Atmosphäre verbunden sind, durfte ich sogar als Visitenkarte der westpazifischen Störungen bezeichnen, da die Störungen west- atlantischer Herkunft ihrer entbehren. Ihre physikalische Erklärung hängt eng zu- sammen mit der einer anderen Eigentümlichkeit westpazifischer Störungen , Kältewellen nachzu- schleppen. Diese, besonders ausgeprägt über dem mittleren und südlichen Nordamerika, rührt ofifen- bar her von der Reise über das nordische, oft sogar arktische Gebiet Nordamerikas. Denn die Wirbel, die mit atmosphärischen Tiefs verbunden sind, haben eine wichtige Rolle als Transport- mittel von Luftmassen. Daß den die ge- mäßigteren Breiten Nordamerikas durchziehenden Tiefs nördlicher Herkunft kalte Hochdruckgebiete folgen, eben jene Kältewellen, ist von amerikani- schen Wetterforschern, vor allem von Clayton, längst nachgewiesen. Aber auch die Luftdrucktiefs bringen an sich selbst etwas mit. Im Gegensatz zu Meeresgebieten pflegen Landgebiete, besonders gebirgige, unter dem Einfluß der bekannten Temperaturschwankung von Tageswärme und Nachtkälte eine 24 stündige Luftdruckschwankung sich anzueignen. Das Aus- schwingen des Luftdruckfalls der Störung im elastischen Luftmeer paßt sich diesem Rhythmus um so enger an, je länger die Störung, auf ihrer Reise nach dem Osten, über festländischen Ge- bieten zu verweilen genötigt ist. Das ist mehr oder weniger lange bei west pazifischen, fast gar nicht bei westatlantischen Störungen der Fall. — Nur um Tagesfrist vor jener Bestätigung der südöstlichen Störung, am 10 Dezember 1918, traf ein Radiogramm in Mitteleuropa ein, das von schwerem Seegang und schwerem Wetter auf dem Nordatlantik berichtete. Es rührte von keinem anderen Schifie her als von dem Dampfer ,, George Washington", der den Präsidenten Wilson zu den Friedensverhandlungen nach Europa trug. Diese geschichtliche Reise wurde also durch solche Sturmverhältnisse schwer genug betroffen, um jenen, glücklicherweise von keinem nennenswerten Unfall gefolgten Notruf zu veranlassen. Nach Ort und Zeit, 2 bis 3 Tagesfahrten vor Brest, handelte es sich um Erscheinungen einer der beiden, um Wochenfrist später die europäische Atmosphäre heimsuchenden Störungen. Die Sturmfolge dieser Woche darf demnach unter der Bezeichnung „Präsidenten-Sturm" zusammengefaßt werden. Da die Abfahrt von New York erst Anfang Dezember erfolgte, wäre, besonders noch unter kontrolierender Benutzung des in Amerika zu- gänglichen Nachrichtenmaterials von Westen her, die Zeitwahl für jenes geschichtliche [Jnternehmen einer rechtzeitigen und zuverlässigen Warnung zu- gänglich gewesen. Denn die Vorausbestimmung der beteiligten Störungen nach meinem meteoro- logischen System war, wie erwähnt, schon in den beiden ersten Novemberwochen getroffen, um 3 bis 4 Wochen vor der Abreise des Präsidenten Wilson von New York. Nach dem Eintreffen jener Schififsnachricht vom 10. Dezember konnte ich diese in meinem, dem Altonaer Lebensmittelamt erstatteten Witte- rungsberichte vom 1 1. Dezember, als weitere Be- stätigung für die vorausbestimmte Sturmzeit über Europa benutzen, die dann in der nachfolgenden Woche vor Weihnachten pünktlich eintreffen sollte. Holsteinische Wetter- und Sonnen -Warte Schneisen bei Hamburg. Wilhelm Krebs. Einzelberichte. Zoologie. Daß sich die Stechmücke Ano- pheles in verschiedenen Gegenden der norddeut- schen Tiefebene findet, war schon vor dem Kriege bekannt. Diese Vorkommen waren jedoch ohne größere hygienische Bedeutung, da Malariakranke nur sehr selten waren. Das hat sich während des Krieges geändert, indem zahlreiche malaria- kranke Soldaten in heimischen Lazaretten unter- gebracht wurden, und damit gewinnt das Vor- kommen der Fiebermücken neue Bedeutung. N. F. XVnl. Nr. 8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 117 Osterwald und Tänzer (Mitteilungen der Naturforsch. Gesellsch. zu Halle Bd. 5, 1918, S. i) haben die Verbreitung von Anophel es in der Um- gebung von Halle untersucht, wo sich ebenfalls arrMaiarTalazarett befindet. Sie durchforschten an der Hand von Meßtischblättern systematisch alle Gewässer des betreffenden Gebietes, indem sie gleichzeitig Notizen über die Art der Wasser- ansammlungen, sowie über ihre charakteristische Bewohnerschaft an Algen, Pflanzen und Tieren machten. Sie kommen auf Grund ihrer umfang- reichen Aufzeichnungen zu folgenden Schlüssen. Anopheles maculipennis — denn diese Art fand sich ausschließlich vor — ist in der Umgebung als sehr häufig zu bezeichnen. Sie wird aber weder in Dorf- und Waldtümpeln noch in den strömenden Gewässern angetroffen. Umgebung und Untergrund der Gewässer scheinen auf das Vorkommen der Larven keinen Einfluß auszuüben, dagegen sind reichlicher Pflanzenwuchs und ruhige Oberfläche Bedingungen. Deshalb werden die Larven in strömenden Gewässern sowie in der leicht bewegten Mitte größerer Wasserflächen ver- mißt, auch das Fehlen in den Dorfteichen wird an der Unruhe der Wasserfläche sowie an dem mangelhaften Pflanzenwuchs hegen; der letztere Umstand wird auch das Gedeihen in Waldtümpeln schattiger Umgebung verhindern. Meist war das Wasser der von Anopheles besiedelten Gewässer klar, stark verunreinigtes Wasser scheinen sie zu meiden. Da sich larvenverzehrende Tiere oft rnit den Larvenvölkern zusammen vorfanden , scheint die Vertilgungskraft jener nicht besonders wirksam zu sein. Zu allen Zeiten wurden Eier, Larven und Puppen nebeneinander angetroffen, abgegrenzte Entwicklungs- und Häufigkeitsperioden ließen sich nicht nachweisen. Miehe. Über die Umwandlu ng der Kerne der quer- gestrcifietTMuskelfasern bei der Metamor phose der Insekten. Mit der Metamorphose der Insekten gehen tiefgreifende Gewebsänderungen einher. Ganze Organe weiden überflüssig und neue müssen ge- bildet werden. Das Material zum Aufbau der letzteren muß offenbar schon im vorhergehenden Stadium vorhanden gewesen sein und wird durch die Einschmelzung der unnötig gewordenen Organe gewonnen. Dies gilt z. B. für die Verpuppung der Insekten, bei der so viel Bewegungsorgane samt ihren Muskeln in Wegfall kommen. Die sich bei der Metamorphose der Mücken ab- spielenden histologischen Prozesse würden neuer- dings genau verfolgt und ergaben, daß die Kerne der quergestreiften Muskelfasern durch Auflösung der kontraktilen Substanz in Freiheit gesetzt und die Muskelzellen selbst zu Trophocyten und Fettzellen werden. (Observations sur des noyaux des trophocytes provenant de la transformation du tissu musculaire strie des Insectes. Note de M. Edmond B o r d a g e , presentee par M. Henneguy. C. R. Acad. Paris Tome 166, No. 18, Sitzung vom 6. Mai 1918). Verf. hat schon in einer früheren Mitteilung nachgewiesen, daß auch das höchstdifferen- zierte Gewebe, z. B. das der quergestreiften Muskelfasern, bei der Metamorphose eine Um- wandlung in Fett- und Nährzellen (Trophocyten) unterliege. Im Fortführen seiner Versuche mit Fliegen sei er zu Resultaten gelangt, die darauf hinwiesen, daß die Zahl der Nährzellen jener der umgestalteten Muskelzellen entspräche. Es blieben danach die Muskelzellen eine Zeitlang im embryo- nalen Zustand wie bei der normalen Entwicklung. Er hätte feststellen können, daß die Bildung von Muskelfibrillen nicht an die Zellgrenzen geknüpft wäre, sondern er glaube, daß die Entstehung der Muskelfasern möglicherweise unter Beteiligung interzelulärer Brücken verlaufe. Die Zellkerne des Nährgewebes wären die gleichen wie die Muskelkerne, nur würden sie von Zellplasma umgeben statt von Muskelsubstanz. Sie würden von einem körnerreichen Plasma ein- geschlossen, welches sich bei der Mukelfaser zwischen sie und die fibrilläre Substanz schöbe. Man müßte also annehmen, daß in dieser von vornherein Kerne lägen, welche bestimmt wären, zu solchen von Nährzellen zu werden. Man hätte demnach ein Sichtbarwerden von Zellkernen vor sich, welches nach Hoffmann, Waldeyer, Mingazzini, Lewin, Wagener und Krösing bei den Wirbeltieren die Muskelsubstanz bedingte. Man dürfe nach diesem Befund bei den wirbel- losen Tieren annehmen, daß bezüglich der kon- traktilen Substanz das gleiche Verhalten für alle Tiere Geltung habe. Im Veriauf der Metamorphose würden offen- bar durch Auflösung der kontraktilen Substanz die darin eingeschlossenen Zellkerne wieder frei. Kathariner. Wildeinbürgerung des Ailanthus spinner s. In Ergänzung meiner Berichte ^) über die Versuche von Prof. Dewitz-Metz, Seidenspinner im Freien zu züchten, sei mitgeteilt, daß, wie W.Schuster in der Entomologischen Zeitschrift, Frankfurt a. M. (Jahrg. XXXII Nr. 10) ausführt, der chinesische Seidenspinner, Athacus cynthia, im Neckartal bei Heilbronn bereits seit einigen Jahren einge- bürgert ist. Die Raupe lebt am Götterbaum, einem chinesischen Zierbaum, der in Heilbronn in zahlreichen Exemplaren vertreten ist. Daß der chinesische Seidenspinner sich vollkommen bei uns akklimatisiert hat, geht daraus hervor, daß im vergangenen Jahre 27 Stück überwinternde Kokons an den Spitzen eines dieser Götterbäume gefunden wurden. Wie in Heilbronn, soll der Falter, wie Schuster weiter ausführt, auch in Straßburg und in anderen Ländern eingebürgert sein. Frankreich und England haben bereits seit ') „Zueilt des Edelseidenspinners im Freien", Jahrg. 1917, S. 236 und S. 6S8. n8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 8 Jahrzehnten ihre SchmetterUngsfarmen, von denen aus der Versuch alljährlich unternommen werden soll, die seidenerzeugenden Raupen auch in die Wälder im wilden Zustande zu verpflanzen. Um große Ausbeuten an Seidengespinsten, meint Schuster, und man muß dem Verf. in dieser Beziehung sicherlich Recht geben, dürfte es sich dabei aber wohl nirgends handeln; denn die Ge- fahren, welche den Seidenspinnern, trotz aller da und dort geglückter Einbürgerungsversuche in unserem Klima immer noch drohen, sind zu groß, als daß man hoffen könnte, sie in absehbarer Zeit in großer Zahl endgültig mit unserer heimischen Tierwelt vermischen zu können. H. W. Frickhinger. Chemie. Über einige technisch e An wendungen der Kaialyse^ielt E. F. Armstrong in der Society of Chemical Industry zu Bristol einen Vortrag, in dem er hauptsächlich die neuen Ver- fahren der Essigsäuredarstellung behandelte. ') Be- kanntlich geht man hierbei vom Kalziumkarbid aus, das Azetylen liefert. Dies wird mit Wasser zu Azelaldehyd umgesetzt. Der theoretisch höchst einfache Prozeß bietet große technische Schwierig- keiten, die erst Dreyfuß völlig zu überwinden vermochte. Bei einer ganz bestimmten Konzen- tration wird das Azetylen sehr rasch in Schwefel- säure geleitet, um der Bildung von Nebenprodukten zuvorzukommen. In der Säure setzt es sich dann unter dem katalytischen Einfluß von Queck- silber zu Aldehyd um. — Techniscne Schwierig- keiten bereitet auch die Oxydation des Aldehyds zur Essigsäure, die anfangs mit Platin, dann mit Chromverbindungen als Katalysatoren versucht wurde. Heute benutzt man Kupfer zu gleichem Zweck. Bedingung für das Gelingen ist großer Überschuß an tadellos reinem Aldehyd, Kaliumpermanganat als Oxydationsmittel bei Atmosphärendruck und Vermeidung jeglicher Temperaturüberschreitung. Das erhaltene Azetat ist 90 proz. und durch Einwirkung der Gefäßwände leicht eisenhaltig. — Aus der Essigsäure läßt sich schließlich bei 480—500" und Aluminium als Katalysator Azeton gewinnen. Aus der Versammlung der Society wurden Zweifel geäußert, ob die synthetische Essigsäure mit der deutschen Säure werde in Wettbewerb treten können. H. Heller. Von den Formen, in denen die Materie er- scheint, hat in den letzten Jahrzehnten der kol- loide Zustand besonderes Interesse beansprucht; man versieht darunter die feine Verteilung eines Körpers in einem zweiten, dem Dispersionsmiitel. Während die Größenordnung des Durchmessers der IVloleküle bei 0,1 //,« d. i. ein zehnmillionstel Millimeter liegt, also weit unter der Auflösbarkeit unserer Mikroskope, die bis etwa 100 /((( reicht. rechnet man Molekülklumpen, deren Größenordnung zwischen i u. 100 fi^i liegt, zu den Kolloiden. Mit Hilfe der Ultramikroskope lassen sich Teil- chen von dieser Größe wahrnehmen; ihre Wärme- bewegung ist im Vergleich zu der der Moleküle sehr gering, infolgedessen ist ihr osmotischer Druck und damit ihre Gefrierpunktserniedrigung in wässriger „Lösung" verschwindend klein, ist ihre Diffusion ebenfalls sehr langsam. Fast alle Körper lassen sich durch geeignete Verfahren in die feine Verteilung des kolloiden Zustandes bringen. Es ist nun von Interesse zu erfahren, wie die Moleküle in diesem Zustande gelagert und, ob z. B. kolloide Metalle dasselbe Raumgitter wie in weniger feiner Verteilung zeigen. Nun sind ja bekanntlich die Röntgenstrahlen ein vorzügliches Mittel, um den Feinbau der Kristalle und anderer Körper zu erforschen. Für den vorliegenden Zweck kommt von den verschiedenen Methoden zur Unter- suchung nur die von Debyeu. Scherrer in Betracht, von der in dieser Zeitschrift schon mehr- fach die Rede') war; da sie keiner ausgebildeten Kristalle, sondern nur geringer Mengen eines feinen Pulvers der zu unternehenden Substanz be- darf, bezeichnet man sie als die Methode der regellos orientierten Teilchen. In den Nachr. der kgl. Akademie der Wissensch. z. Göttingen (math. phys. Klasse 1918, S. 98 berichtet P. Scherrer über Versuche zur Bestimmung von Größe und innerer Struktur von K oUoidteilchen mittels Rönt - genstrahien. Die Theorie ergibt, daß die Lage der Interferenzen in den von dem Stäbchen, das aus der pulverisierten, zu untersuchenden Sub- stanz geformt ist, ausgehenden sekundären Strahlen nicht von der Größe der Einzelkristalle, sondern nur .3 von dem Raumgitter abhängt. Dagegen sind die Maxima um so breiter, je kleiner die Teilchen sind, je geringer also die Anzahl der Elementarbereiche ist, die ein Einzelkristall um- faßt. Man kann durch Ausmessung des Intenti- tätsverlaufes im Interferenzbilde auf die Größe der Einzelkristalle schließen. Die Resultate der Versuche sind folgende: I. Kolloides Gold und Silber zeigen dasselbe Raumgitter, wie wenn sie in gröberer Verteilung vor- kommen. Es wurden kolloide Lösungen unter- sucht, in denen die Teilchen nur 4—5 Elementar- bereiche längs einer Würfelkante zeigen. Die aus der Breite der Interferenzmaxima ermittelte Größe der Teilchen stimmte gut mit der nach andern Methoden gemessenen überein. ■ 2. Gealterte Kieselsäure und Zinnsäure-Gel zeigen neben Anzeichen amorpher Struktur, die sich durch ein oder zwei flache Maxima in der Nähe des einfallenden Strahles kund tut, intensive Interferenzen, die auf Raumgitter schließen lassen. Die beiden Substanzen sind also im Begriff zu kristallisieren. 3. Typische organische Kolloide wie Eiweiß, 1918. ') nach Zeitschr. f. angew. Chemie. 31. (Referate) 492. ') Nalurw. Woehenschr. XVI (1917) S. 528. N. F. XVIII. Nr. 8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 119 Gelatine, Kasein, Cellulose, Stärke u. a. m. zeigen dagegen amorphe Struktur; diese kolloiden Teil- chen sind also entweder Einzelmoleküle oder Klumpen von regellos nebeneinander gelagerten Molekülen. Seh. Metorologie. Ein wesentlicher Einfluß auf unsere Wiiterungsverhältnisse wird zweifellos durch die Luftbewegungen in der Substratosphäre aus- geübt. Da es nun aber meist mit Schwierigkeiten verbunden ist, über die Bewegungen in ca. lO km Höhe sich durch Aufsliege von Pilotballons zu orientieren, muß in erhöhtem Maße Lage, Ver- änderung und Zug der hohen Wolken, insbesondere der Zirren, zu Rate gezogen werden. Während die Zugrichtung schon lange als Hilfsmittel für die Prognosen benutzt wird, hat R. Süring nun untersucht (Sitzber. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1918 S. 814), wieweit eine Abhängigkeit der Witterung von der Neigung der Wolken, also damit auch der Grenzflächen benachbarter Luftschichten, besteht. Zur Feststellung und Messung der Neigung wurde Sprung' s „Wolkenautomat" benutzt, der ge- stattet, an den Endpunkten einer iV, km langen Siandlinie synchrone photogrammeirische Auf- nahmen zu machen. Bei gut zu identifizierenden Wolkenpunkten ist dadurch eine Höhenbestimmung bis auf 50 m genau möglich. Die zur Darstellung gelangende Wolkenfläche beträgt bei 10 km Höhe ca 50 qkm. Es wurden nur solche Fälle benutzt, bei denen die Neigung an wenigstens 4 Wolken- punkten erkennbar war. Bei der Untersuchung ist nun zu unterscheiden, ob die Neigung in der Zugrichtung liegt oder senkrecht dazu. Zunächst wurden die Fälle be- trachtet, in denen die Wolken eine Neigung senkrecht zur Zugrichtung aufwiesen. Dabei ergab sich folgende Verteilung: in 17 Fällen betrug die Neigung weniger als 5 ", in 22 Fällen S bis 10", in 5 Fällen über 10 "mit einem Maximum von 18"; die kleinste nachweisbare Neigung be- trug 1,2". Bei den Zirren ist die Neigung im Mittel etwa doppelt so groß wie bei den Zirro- Kumuli nnd Alto Kumuli. Daraus läßt sich erkenen, daß auch die Neigungen in der Substratosphäre, dem Zirrenniveau, einen größeren Einfluß auf die Witterung haben werden als die der niederen Schichten. Die Neigungen senkrecht zur Zug- richtung haben in der Regel die Ausbildung von Teildepressionen und damit Regen zur Folge. Dem Auftreten von Neigung mittelhuher Wolken folgte in 65 */„ der Fälle Niederschlag, dem im Zirren- niveau aber in 82 "/(,. Die Niederschläge folgten dem Auftreten der Wolkenneigung im Mittel in 12 stündigem Abstand. Im Sommer ist die Regen- wahrscheitilichkeit am geringsten: bei Zirren 72 "/o" bei miitelhohen Wolken gar nur SO^/q; dagegen erreicht sie im Frühjahr bei Zirren 100 "/q. Da das mittlere Gefälle der Wolken in dieser Richtung im Sommer am geringsten ist, so dürfte es nicht durch thermische, sondern durch dynamische Ursachen bedingt sein. Ein Vergleich mit den für den Erdboden gezeichneten Isobarenkarten zeigte, daß die Zirrenflächen stets nach der Haupt- depression zu abfielen. Der Wolkenzug war der Depressionsbahn nahezu parallel. Der Unter- schied zwischen Ober- und Unterwind ergab sich zu rund 90", so daß die Wolken also dem hinteren rechten Quadranten der Zyklone ange- hörten. Bei den Alto Kumulus-Flächen zeigte sich keine ausgeprägte Beziehung zur Depressions- bewegung. Eine Neigung in der Zugrichtung, und zwar vorwiegend ein Ansteigen, konnte sehr häufig festgestellt werden. Hier tritt die stärkste Neigung im Sommer und bei geringer Ge- schwindigkeit auf, also daß wahrscheinlich eine thermische Ursache zugrunde liegt. Die Neigungs- flächen liegen meist weit ab vom Depressions- zentrum an der Stirnseite, so daß vielfach ein Einströmen in die Antizyklone angenommen werden mußte. Die Niederschlagswahrscheinlich- ist gering, nur ca. 65 "/q. Beziehungen zwischen Neigung und Wolken- form sind noch nicht erkennbar ; dazu reicht vor allem die bisherigen Einteilung der Wolkenformen nicht aus. Scholich. Physiologie. Zur Physiologie des Geruch- sinnes teilt F. B. Hofmann interessante Beobach- tungen mit, die er an sich selbst gelegentlich einer katarrhalischen Erkrankung gemacht hat. Infolge dieser Eikrankung verlor er seinen Geruch anfangs fast vollständig. Es war nur noch eine ziemlich starke Geruchsempfindung vorn Pyridin, eine schwache vom Kollidin und Azeton vorhan- den. Ammoniak und Triäthylamin hatten einen schwachen, untereinander ähnlichen Geruch. Amyl- alkohol und Kreosot waren anfangs wohl unbe- stimmt zu riechen. Diese Geruchsempfindung ging jedoch bei längerem Schnüffeln verloren. Allein der Moschusgeruch war normal geblieben. Von anderen stark riechenden Substanzen war durch den Geruch nichts wahrnehmbar. Langsam kam es zu einer Besserung des Geruch>vermögens. Es lag also, da auch lang.-am die Zahl der riechen- den Substanzen zunahm und die übrigen vorher bereits schwach gerochenen Substanzen deutlicher und stärker wahrnehmbar wurden, nicht eine gleichmäßige Herabsetzung der Geruchsempfind- iichkeit voi, sondern nur ein partieller Defekt. Derartige Beobachtungen waren schon früher ge- macht worden. Neu war die Erscheinung, daß cie wiederkehrenden Gerüche in den meisten Fällen einen veränderten Charakter zeigten gegen- über dem Geruchsempfinden vor der Erkrankung. Gewisse Gruppen von Substanzen ließen sich zu- erst nicht unterscheiden, z. B. Benzol, Toluol und Xylol. Später kam die Unterscheidungsmöglich- keit langsam wieder. Ähnlich war es auch mit Naphthalin und Jodoform und anderen Si offen. Der Veikhengeruch, der anfangs vom Geruch der Teerosen und Zigarren kaum zu unterscheiden war, erhielt langsam „eine wohlriechende Kom- 120 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. 8 ponente", so daß schHeßlich wieder fast der nor- male Veilchengeruch sich einstellte. Hof mann kommt zu dem Schluß, „daß in 4em Geruch chemisch einheitlicher Substanzen mehrere einzelne Geruchskomponenten zu einer Einheit verschmolzen sind. Der Geruch chemisch einheitlicher Substanzen wäre also, wenn wir den Gehörssinn zum Vergleich heranziehen, etwa einem Klang, nicht aber einem einzelnen Ton zu ver- gleichen. Dementsprechend ist es nun sehr wahr- scheinlich, daß durch eine chemische Substanz eine ganze Gruppe von Nervenfasern gereizt wird, die bei ihrer isolierten Reizung verschiedene Einzel- gerüche auszulösen vermögen." Sobald nun, in- folge vonErkrankungen gewisse Nervenfasergruppen ausfallen, so ändert sich der Geruch einer be- treffenden Substanz, da die der Nervenfasergruppe entsprechenden Geruchskomponenten nicht mehr wahrgenommen werden. (Münch. med. Wochen- schrift 65. Jahrg. Nr. 49). Willer. Bücherbesprechungen. Wiener, Otto, Physik und Kulturentwick- lung. Mit 79 Abbildungen im Text. Leipzig und Berrlin 19 19, B. G. Teubner. 4,40 M. Der Leipziger Physiker behandelt in diesem aus Soldatenvorlesungen entstandenen Büchlein ein sehr fruchtbares Thema, dem er immer neue und oft überraschende Seiten abzugewinnen weiß, und das den Leser in einer anregenden und unter- haltenden Weise in wichtige Grundfragen der Physik, der Technik, der Physiologie und darüber hinaus in höchste Kulturprobleme einführt. Er spinnt im Prinzip die Frage aus, wie der Mensch, der ursprünglich infolge der Beschränktheit seiner natürlichen Organe nur in verhältnismäßig ge- ringem Umkreise seine Umgebung beeinflußen konnte, allmählich durch Erfindung immer ver- feinerter Hilfen weit hinausgreift über seinen primär beschränkten Wirkungsbereich , immer tiefer hineindringt in die Dinge und Vorgänge um ihn und sich dergestalt immer siegreicher zum Herrscher seiner Umgebung macht, indem er sie nach bestimmten Zielen und Zwecken beeinflußt und benutzt. Was ihn zu dieser keinem Tiere er- reichbaren Kraftentfaltung befähigt, liegt natürlich letzten Endes in seiner Organisation und zwar außer in gewissen körperlichen Vorzügen (auf- rechtem Gang, Hand, lautbildenden Werkzeugen) hauptsächlich in seinem Gehirn. In diesem schon lange vor der geschichtlichen Überlieferung be- ginnenden, in nuce bereits in der ungeheuren Fassungs- und Leistungsfähigkeit des Menschen- hirns begründeten Vorgange kommt das zum Aus- druck, was man Kulturentwicklung nennt. Denn Kultur in der eigentlichen Bedeutung des Wortes ist nichts anderes, als Benutzung, Beeinflussung, Aus- und Umgestaltung der Umwelt (einschließ- lich des eigenen Körpers und der anderer Menschen) zu bestimmten Zwecken, die antänglich wohl vor- wiegend egoistischer Art waren, allmählich aber immer mehr von sozialen Elementen durchsetzt wurden. Sie führt von Roheit zur Bildung, von Bedürftigkeit zum Reichtum, vom Zufall zu Sicher- heit, von roher Empirie zu sinnvoller Theorie, von Gebundenheit zu Freiheit. Die Darstellung ist wohlgeordnet, knapp und setzt besondere Kenntnisse nicht voraus. Sie wird wirksam unter- stützt durch gut ausgewählte Abbildungen. Man wird sich gerade jetzt solchen Gedankengängen gerne überlassen, wo wir nach der, wenigstens in ihren unmittelbaren Zwecken und Zielen abbauen- den und grauenhaft sinnlosen Kriegstätigkeit wieder zu unmittelbar fruchtbarer, aufbauender Arbeit zurückkehren möchten. Miehe. Graetz, Prof. Dr. L., Die Atomlehre in ihrer neuesten Entwicklung. Mit 30 Abbil- dungen. Stuttgart 1918, J. Engelhorn. 2,50 M. Auch dieses Heft ist wie das vorhergehende aus Vorlesungen hervorgegangen, die im besetzten Gebiet gehalten wurden. Sie behandeln einen Gegenstand von besonderem Interesse; denn es gibt kaum ein Gebiet der Chemie und Physik, das sich in der jüngsten Zeit so sehr geändert hätte, als die Atomlehre. Da sie mit der Radio- logie innig zusammenhängt, findet der Leser auch die Grundlagen dieses Wissenszweiges dargestellt. Das kleine Heft des Münchner Physikers ist vor- trefflich geeignet, über diese neuesten Forlschritte zu unterrichten und sei jedem empfohlen, der den Wunsch hegt, sich auf diesem Gebiet auf dem Laufenden zu halten. Miehe. Illlmlt: Hacs Nachtsheim, Der Mechanismus der Vererbung. (12 Abb.) S. 105. — Kleinere Mitteilungen: Wilhelm Krebs, Der Präsidenlensturm in der dritten Dezemberwoche 1918 über Europa. (l .\bb.) .''. 114. — Einzelberichte: Osterwald und Tänzer, Verbreitung von Anopheles in der Umgebung von Halle. S. IIb. Bordage, Üner die Umwandlung der Kerne der quergestreiften Muskelfasern bei der Metamorphose der Inseltten. S. 117. Schuster, Wild- einbürgerung des Ailanthusspinners. S. 117. E. F. Armstrong, Über einige technische Anwendungen der Katalyse. S. 118. P. Scherrer, Bestimmung von Größe und innerer Struktur von Kolloidteilchen mittels Röntgenstrahlen. S. 118. R. SUring, Neigung der Wolken. S. 119. K. B. Hofmann, Physiologie des Geruchsinnes. S. 119. — Bücher- besprechungrn: O. Wiener, Physik und Kulturentwicklung. S. 120. L. Graetz, Die Atomlehre in ihrer neuesten Entwicklung. S. 120. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstrafie 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge 18. Band; der ganzen Reihe ^4. Band. Sonntag, den 2. März 1919. Nummer 9. Der Glanz vom psychologischen Standpunkte aus betrachtet. Von Dr. Menz. [Nachdruck verboten. Mit 9 Abbildungen. Der Glanz ist eine Bewußtseinserscheinung, die durch eine Gesamtheit von Empfindungen ausgelöst wird, wenn gewisse Lichtreize auf unsere Augen wirken. Um vom psychologischen Stand- punkt aus ein möglichst klares Bild des Glanzes zu erhalten, ist es nötig, neben den psychologi- schen Bedingungen auch die physikalischen zu be- trachten. Doch dürfen wir uns nicht damit be- gnügen, nur letztere festzustellen, weil der Glanz als psychologische Erscheinung nichts sachlich Unveränderliches darstellt. Glanz beobachten wir an Gegenständen, und zwar sagen wir: ein Körper besitzt Glanz, wenn wir an ihm Licht beobachten, das nicht zu seiner Farbe gehört und diese an Helligkeit übertrifft. Einen Überblick über den Glanz und die ihm verwandten Erscheinungen, Durchsichtigkeit und Spiegelungen gibt die Versuchungsanordnung der Abb. I. Die wagerechte Ebene e und die unter 45" darüber geneigte Glasplatte g berühren sich in M mit der senkrechten Fläche c. c und g schließen den Winkel (p ein. A ist das beobachtende Auge, das bei senkrechter Blickrichtung e und zugleich das von der Glasplatte gespiegelte c sieht, c sei so beleuchtet, daß sein Spiegelbild annähernd die- selbe Helligkeit wie das unmittelbar gesehene e besitzt. Ist e gleichmäßig mit schwarzem oder farbigem und c ebenso mit weißem Papier belegt, so hat das Auge die Empfindung einer aus den Farben von c und e zusammengesetzten Mischfarbe, wie groß man auch r/i wählen mag. Diese Farben- mischung tritt ebenfalls ein, wenn auf e ein ab- gegrenztes schwarzes Stück Papier a etwa ein Quadrat, auf dunklem oder andersfarbigem Grunde liegt. Grenzt man auf c ein Quadrat b durch Umziehen mit Bleistift ab, sodaß sein Spiegelbild b' innerhalb der Umgrenzung von a gesehen wird, so bleibt, wenn (f = 45" ist, die IVIischfarbe bestehen, weil dann a und b in dieselbe Ebene fallen (Abb. 2). Vergrößert man aber (p (Abb. 3), so sieht man a und dahinter b', sodaß a durchsichtig er- scheint. Je gleichmäßiger a ist, desto mehr wird Abb. 2. der Eindruck der Spiegelung von b in a er- weckt. Wählt man (p kleiner als 45", so liegt b' vor a und es scheint sich a in b' zu spiegeln. Spiegelbilder werden also in unserem Bewußtsein stets hinter die spielende Fläche verlegt. Wenn a in Färbung und Zeichnung ungleichmäßig ist oder wenn b verwaschene Begrenzungen erhält oder ungleichmäßig beleuchtet wird, so wird das scheinbare Spiegelbild nicht mehr hinter die spiegelnde Fläche verlegt und das Bewußtsein dieser undeutlich wahrgenommenen Spiegelung erzeugt die Vorstellung des Glanzes. Die glänzende Fläche erscheint ebenfalls in der Misch- farbe, wir zerlegen diese aber im Bewußtsein in Gegenstandsfarbe und aufliegendes Glanzlicht, also in zerstreut und regelmäßig reflektiertes Licht. Wie oben erwähnt, erzeugen wir eine Misch- farbe, wenn c und e gleichmäßig mit verschiedenen Papieren bedeckt sind. Daß bei dieser Empfin- dung auch die Aufmerksamkeit eine Rolle spielt, ergibt sich, wenn man die Papiere mit verschiedenen Mustern versieht und das Spiegelbild von c mit e zur Deckung bringt. Je nachdem man auf das eine oder andere Muster achtet, überwiegt die Farbe des dazugehörenden Untergrundes und 122 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 9 bringt die andere fast zum Verschwinden. Durch Verändern von (p wird diese Erscheinung noch deutlicher. Welche Farbbeschaffenheit müssen nun die Quadrate a und b besitzen, damit sie bei der in Abb. 3 beschriebenen Anordnung Glanz ergeben? Darüber geben uns folgende Versuche Auskunft. Legen wir das schwarze Quadrat a und das weiße Abb. 3. b beide auf weißen Grund, so überwiegt das schwarze, und das weiße verschwindet. Liegen dagegen beide auf grauem Grunde, so tritt wieder lebhafter Glanz auf, ebenso wenn Schwarz auf Dunkelrot sich in Weiß auf Gelb spiegelt. Hierdurch und durch weitere Versuche hat man festgestellt : wenn die Farben der Quadrate gegen ihren Grund sich ungefähr gleich stark abheben, so entsteht Glanz um so stärker, je verschiedener sie untereinander sind. Die Mischfarbe kann man also auch als ganz schwachen Glanz auffassen. Von dieser zum lebhaftesten Glanz gibt es sämt- liche Übergänge. Der Kontrast zwischen den Quadratfarben ist aber nicht objektiv zu ver- stehen, denn dann müßten Spektralfarben mit möglichst verschiedenen Wellenlängen den stärk- sten Glanz geben. Das ist aber keineswegs der Fall, man erhält beim Experimentieren mit solchen Farben häufig Mischfarben. Der Kontrast muß vielmehr subjektiv sein. So können Farben, die nur an Helligkeit verschieden sind, miteinander Glanz geben, ja den stärksten Glanz erhält man aus den extremen Heiligkeilsgraden des gemischten Lichtes, nämlich aus schwarz und weiß. Man be- kommt selbst Glanz mit gleich gefärbten Qua- draten, die durch verschiedene helle Untergründe sich verschieden stark zur Wahrnehmung drängen, zum Beispiel mit gleichen blauen Quadraten auf schwarzem und weißem Grunde. Es handelt sich also nicht um eine Änderung der Empfin- dung des Lichtes, sondern um eine Änderung unseres Urteils über die Helligkeit der beiden Quadrate. Bei unserem auf Seite I2i beschriebenen Versuch konnten wir erst durch Abgrenzung mit schwarzen Linien einer Stelle in Weiß, deren Spiegelbild hinter das schwarze Quadrat fällt, den Eindruck der Spiegelung und damit den Eindruck von Glanz erreichen. Das hat seinen Grund darin, daß die Spiegelung durch die Umgrenzung erst zum Be- wußtsein kommt. Der Glanz ist also nicht un- mittelbar in der Empfindung gegeben, sondern wir haben die Erscheinung des Glanzes erst dann, wenn in einem Gegenstande andere Gegenstände sich zu spiegeln scheinen. Da schon das Er- kennen eines Gegenstandes erst mit Hilfe unserer Vorstellungstätigkeit entstehen kann, so ist der Glanz, der dieses Erkennen zur Voraussetzung hat, um so mehr ein Ergebnis der Vorstellung. Da Glanz vom Erkennen der Körperlichkeit abhängt, ist es verständlich, daß Umstände, die das körperliche Sehen begünstigen, auch den Glanz verstärken. Das körperliche Sehen wird erleichtert, wenn wir durch parallaktische Unter- schiede von anderen Standpunkten ein Urteil über die Entfernungen der verschiedenen Teile des Gegen- standes bekommen. Solche verschiedenen per- spektivischen Bilder, die uns ermöglichen, das Betrachtete räumlich vorzustellen, erhalten wir, wenn wir bei monokularer Betrachtung das Auge oder den Gegenstand bewegen. Bewegung ver- stärkt also den monokularen Glanz durch Deut- lichermachen der körperlichen Vorstellung, aber auch deshalb, weil unsere Erwartung erfüllt wird, eine glänzende Stelle bei einem anderen Netzhaut- bilde in ihrer eigentlichen Farbe," d. h. der Gegen- standsfarbe des übrigen Körpers zu sehen, z. B. bei einer bewegten Wasseroberfläche. Es wird dadurch die Zerlegung des vom Gegenstand aus- gehenden Lichtes in zerstreut und regelmäßig reflektiertes begünstigt und dies ist für die Glanz- vorstellung wesentlich , wie wir oben festgestellt haben. Die verschiedenen Bilder erleben wir zu gleicher Zeit, wenn wir mit beiden Augen sehen. Die Vorstellung des Glanzes wird dadurch noch deutlicher. Zum Verständnis der Wechselbeziehungen zwischen beiden Augen sei folgendes angeführt. Die von außen kommenden Lichtstrahlen werden innerhalb des Auges so gebrochen, daß auf der Netzhaut ein kleines, an Färbung und Helligkeit entsprechendes Bild des Betrachteten entsieht. An den verschiedenen Punkten der Netzhaut wer- den nicht dieselben P'asern des Sehnerven getroffen und die Reize werden gelrennt weiter geleitet. Damit sind die Bedingungen für das Sehen einer F'läche gegeben. Verbindet man alle Punkte des Betrachteten geradlinig mit ihren Abbildungen auf der Netzhaut eines Auges, den Bildpunkten, so erhält man dadurch die Richtungsstrahlen. Die Richtungsstrahlen schneiden sich im Knoten- punkt, der für jeden Akkomodaiionszustand des Auges ein fesler l'unkt ist. Der Gegenstands- punkt, dessen Bild im Mittelpunkt der Zentral- grube liegt, ist der Fixationspunkt. Sein Richtungsstrahl ist die Gesichlslinie. Die Ebene durch den Fixationspunkt senkrecht zur Gesichtslinie heißt Kern fläche. Zwei Punkte, die vom Auge aus gesehen hintereinander liegen. N. F. XVni. Nr. 9 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 123 Hegen auf einer Visierlinie. Die Visierlinien bestimmen die Richtung, in der wir das Netzhaut- bild nach außen verlegen. Fallen die Bildpunkte eines Gegenstandspunktes, der die Netzhäute bei- der Augen gleichzeitig reizt, auf disparate Punkte, so sieht man ihn doppelt, weil er an zwei verschiedenen Stellen des gemeinschaftlichen Sehfeldes erscheint. Phallen sie dagegen auf kor- respondierende Punkte, so wird der Gegen- standspunkt einfach gesehen und in die Kern- fläche verlegt. Trotzdem sind die Empfindungen, die durch Erregung korrespondierender Netzhaut- punkte hervorgebracht werden, nicht gleich, wie aus folgender Betrachtung hervorgeht. Fixieren wir einen .Punkt, so fallen seine Bildpunkte auf korrespondierende Punkte und er wird einfach in der Kernfläche gesehen. Liegt dagegen der Bild- punkt der rechten Netzhaut rechts von dem dem linken Auge korrespondierenden und der Bild- punkt der linken Netzhaut entsprechend umge- kehrt, so besteht gekreuzte Disparatheit der gereizten Netzhautstellen : der Punkt erscheint vor der Kernfläche. Liegen die Bildpunkte aber auf der rechten Netzhaut links von dem dem linken Auge korrespondierenden und links entsprechend umgekehrt, so besteht gleichseitige quere Disparatheit: der Punkt erscheint hinter der Kernfläche. Zu diesen bestimmten Urteilen können wir nur kommen, weil die Empfindungen des rechten und des linken Auges voneinander ver- schieden sind und nicht miteinander verwechselt werden. Man kann beim Sehen mit einem Auge allerdings auch die Entfernung zwischen zwei in einer Visierlinie liegenden Punkten an- nähernd auffassen, weil derjenige Punkt, auf dem das Auge nicht akkomniodiert ist, sich als Zer- streuungskreis vor oder hinter dem Punkte ab- bildet, auf den das Auge eingestellt ist. Unser Urteil über die Entfernung dieser Punkte ist aber im Vergleich zu dem , das wir beim Sehen mit zwei Augen bekommen, unvollkommen. Er- scheint uns ein Punkt doppelt, so stimmt subjek- tives und objektives Sehfeld nicht überein, wir sind aber mit Hilfe von Innervationen , die wir den Augenmuskeln zufließen lassen, imstande, diese Abweichungen zum Verschwinden zu bringen, eine räumlich einfache Vorstellung zu erlangen und so das subjektive Sehfeld mit dem objektiven zur Deckung zu bringen. Die beiden Augen sind selbständig arbeitende Werkzeuge; die Fähigkeit, ihre Empfindungen in eine zu verschmelzen, ist also seelischer Art. Betrachten wir binokular einen Kristall, so sind die geometrischen Bilder auf unseren Netz- häuten verschieden. Doch beschränkt sich der Unterschied nicht hierauf, wie aus folgender Be- trachtung hervorgeht. In Abb. 4 sei K ein Schnitt durch den Kristall in der Visierebene. Von der Lichtquelle Q falle ein Lichtstrahl auf den Punkt A der Fläche f. Er wird hier regelmäßig reflektiert und gelangt in das rechte Auge R. Bei einer bestimmten Stellung wird es vorkommen , daß unter diesen Umständen in das linke Auge L nur zerstreut reflektiertes Licht gelangt. Wie der Lichtstrahl 1 verhalten sich auch die anderen ihm parallelen, so daß das Bild der Kristallfläche im rechten Auge heller erscheint als im linken. Dieser binokulare Kontrast erweckt in uns, da die beiden Netzhautreizungen zueinander durch das Bewußtsein in Beziehung stehen, die Vorstellung des Glanzes für die Fläche. Abb. 4. Diese Fähigkeit, zwei verschiedene Bilder, un- serer Augen in eine Vorstellung zu vereinigen, untersucht man mittels stereoskopischer Versuche. Indem man den Augen künstlich verschiedene Bilder bietet, ist man damit imstande zu unter- suchen, in welcher Beziehung diese Bilder zuein- ander stehen müssen, damit Glanz entsteht. Betrachtet man im Stereoskop zwei Bilder, die uns die räumliche Gestalt des oben beschriebenen Kristalls hervorbringen, und macht man die in Rede stehende Fläche auf dem einen Bilde schwarz und auf dem anderen weiß, so erscheint sie uns in lebhaftem Glänze. Abgesehen von der Farbe können wir für unseren Zweck die Bilder der F"läche auf unseren Netzhäuten als geometrisch gleich betrachten. Es ist uns somit in der Er- fahrung häufig gegeben, daß geometrisch gleiche Bilder von verschiedener Farbe auf korre- spondierenden Netzhautpunkten der Augen auf- treten. Vermittels des Stereoskops werden dem- gemäß gleiche Flächen verschiedener Farbe zu einer Vorstellung vereinigt, auch ohne daß er- kennbar wird, was für einem Körper sie ange- hören. Um einen Überblick über die Bedingungen zu bekommen, die beim stereoskopischen Sehen Glanz erzeugen , legen wir folgende Versuchs- anordnung zugrunde (Abb. 5). Vor dem linken Auge befindet sich ein Silberspiegel g, der mit der Stirnfläche des Beobachters einen Winkel von 45" einschließt, so daß das Spiegelbild des un- durchsichtigen Schirmes e mit dem darauf befind- lichen Quadrate a bei m erscheint. In entsprechen- der Stellung befindet sich der Spiegel k vor dem rechten Auge. Die, Rückseiten von g und k 124 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. 9 schließen einen Winkel von 90" ein, so daß das Quadrat b auf dem Schirme c ebenfalls bei m gesehen wird. O Abb. 5. Wir machen zunächst Beobachtungen, die denen beim monokularen Glanz vollkommen entsprechen. Nämlich, wenn wir beiden Augen subjektiv ähn- liche Farben bieten, so werden sie zu einer Mischfarbe vereinigt. Je verschiedener sie sind, desto stärker ist der Glanzeindruck, vorausgesetzt, daß sie durch Kontrast gleichmäßig gehoben werden. Wir erzeugen stereoskopisch auch Glanz bei all den Zusammenstellungen, bei denen wir ihn bei monokularer Betrachtung erhielten. Doch sind die Verhältnisse beim binokularen Glanz etwas verwickelter, weil beide Augen für sich arbeiten und ihre Empfindungen erst im Bewußtsein zu- einander in Beziehung treten. Schon beim mono- kularen Glanz hatten wir gefunden, daß infolge der Aufmerksamkeit, das eine oder andere Bild bevorzugt werden kann. Dies ist in noch stär- kerem Maße hier der Fall, wie uns der folgende Versuch zeigt. Man setzt an Stelle des linken Spiegels ein durchsichtiges blaues, an Stelle des O rechten ein durchsichtiges rotes Glas (Abb. 6). Die seitlichen Schirme werden mit Mustern belegt, die nicht leicht verwechselt werden können, und zwar werde auf e ein mit Buchstaben bedrucktes Papier, auf c eine Zahlentabelle befestigt. Die Spiegelbilder werden wiederum bei m gesehen, wo ein stark beleuchteter weißer Schirm aufge- stellt ist. Die Beleuchtung sei so geregelt, daß die Buchstaben und Zahlen auf m gerade noch sichtbar sind. Achtet man auf die Buchstaben, so erscheint das gemeinsame Gesichtsfeld blau, achtet man auf die Zahlen, so erscheint es rot. Dies tritt deshalb ein, weil man nicht imstande ist , die Bilder beider Augen im Bewußtsein zu einem Eindruck zu vereinigen. Wenn man aber nicht die Aufmerksamkeit dem einen oder ande- ren Bilde angespannt zuwendet, so entsteht eine eigentümliche Unruhe des Eindrucks, indem das gemeinsame Gesichtsfeld abwechselnd von Teilen des einen oder anderen Sehfeldes eingenommen wird. Diese Erscheinung bezeichnet man als Wettstreit der Sehfelder. Diesen Wettstreit beobachten wir auch, wenn wir den Augen kon- trastierende Farben bieten, die miteinander Glanz geben können und wenn die Verschmelzung im Bewußtsein zu einem Eindruck nicht durch stereo- skopische Zeichnungen erleichtert wird. Der Glanz wird in den meisten Fällen nicht sofort eintreten , sondern es wird einmal die eine , das anderemal die andere Farbe sich hervordrängen. In diesen Augenblicken ist von Glanz nichts zu sehen, er tritt jedoch in den Übergängen auf, in denen beide Farben zu gleicher Zeit sichtbar sind. .\bb. 7 a. Abb. 7 b. Abb. 7 c. Abb. 6^ Der Wettstreit bleibt bei nicht zu vereinigenden Bildern fortwährend bestehen, wenn keiner der monokularen Eindrücke durch Kontrast bevorzugt ist. Begünstigen wir aber das eine Quadrat durch Kontrast mit seinem Untergrund, so überwiegt es zu sehr und unterdrückt das andere. Auch durch scharfe Zeichnungen in dem einen Quadrate können wir dieses derart bevorzugen, daß es das andere ganz aus der Vorstellung verdrängt. A und B der Abb. 7 geben auf grauem Grunde miteinander lebhaften Glanz. A' verdrängt da- gegen B völlig, wenn es mit ihm stereoskopisch zusammengestellt wird. Man sagt: A' wird durch Prävalenz derKonturen vor B ausgezeichnet. In welcher Weise die Konturen wirken, er- kennt man aus der stereoskopischen Vereinigung von den zwei senkrecht zueinander stehenden schwarzen Streifen der Abb. 8. Die weißen kleinen Kreuze in ihren Mitten N. F. XVIII. Nr. 9 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 125 dienen als Fixationspunkte. Das entstehende Bild ist ein Kreuz auf weißem Grunde, weil hier Weiß und Weiß sich decken. Die Mitte des Kreuzes ist schwarz, weil hier Schwarz und Schwarz sich decken. In den vier Schenkeln deckt sich jedesmal Schwarz und Weiß. Sie erscheinen aber nicht gleichmäßig gefärbt, sondern sie sind an den Enden fast schwarz und dort, wo sie an das schwarze Quadrat anstoßen, fast weiß. Dazwischen be- finden sich Übergänge zwischen Schwarz und Weiß in unruhigem bildlich nicht darstellbarem Wechsel. An den Enden jedes Streifens kommt das Weiß des anderen Gesichtsfeldes nicht zu Geltung. Nahe der Mitte jedes Streifens laufen die Grenzlinien Wettstreit ein und zwar wird immer dasjenige Bild bevorzugt, dessen Konturen die Blickbe- wegungen absichtlich oder unabsichtlich folgen. Durch unsere Versuche haben wir erkannt, daß Glanz, Durchsichtigkeit, Spiegelung und Wett- streit unter ähnlichen Bedingungen entstehen, also verwandte Erscheinungen darstellen. Welche psy- chischen Gesetze sind es nun, die veranlassen, daß diese oder jene Erscheinung von uns erlebt wird? Um diese Frage zu beantworten, gehen wir wieder von unserem Kristall aus. Aus der Er- fahrung ist uns bekannt, daß er Undurchdringlich- keit, Ausdehnung und Gewicht besitzt. Wir Abb. 8 a. D Abb. 9. Abb. 8 b. Abb. Sc. des anderen hin und längs ihres Verlaufs wird das Weiß des anderen Feldes gesehen. Der eine Streifen wird durch den anderen hindurchgesehen, doch ist keiner vor dem anderen bevorzugt, so- daß es unentschieden bleibt, welcher vorn liegt. Die Konturen und die ihnen unmittelbar an- grenzenden Teile verdrängen also die entsprechen- den konturlosen Teile des anderen Bildes. Da die Konturen in A' der Abb. 7 hinreichend zahl- reich sind, so ist es jetzt verständlieh, daß die kleinen Quadrate in Ä' völlig sichtbar werden, B also vollkommen verdrängt wird. Haben beide Abb. ungleiche aber gleich starke hervortretende Konturen, wie in Abb. 9, so be- obachten wir folgende Bilder. Bringen wir A und B zur Deckung, so drängen sich beide Konturen gleichzeitig zur Wahrnehmung. Wir sehen also ein Doppelkreuz (C). Sobald wir aber die senkrechten Linien mehr beachten, was geschieht, indem wir mit dem Blick daran entlang fahren, verschwindet zwischen ihnen die wage- rechte Strecke, wir sehen D. Verfolgen wir das wagerechte Linienpaar, so verschwindet zwischen ihnen die senkrechte Strecke, wir sehen E. Es tritt neben der völligen Vermischung also auch kennen ihn also als Körper. Durch Betasten ist uns bekannt, daß seine Flächen, die bald dem einen Auge hell und zu gleicher Zeit dem anderen dunkel, bald umgekehrt und bald in ihrer eigent- lichen Farbe erscheinen, glatt sind. Zwischen diesen häufig gemachten Eindrücken haben sich Assoziationen gebildet. An anderen Körpern, die glänzen, haben wir ähnliche Beobachtungen ge- macht. Durch jede neue Wiederholung sind die Assoziationen fester geworden. Werden nun unseren Augen künstlich Bilder geboten, wie sie an Körpern mit glatten Oberflächen vorkommen, so werden wir uns der Verschiedenheit der Bilder gar nicht mehr bewußt. Die beiden Bilder werden vielmehr als sinnliche Zeichen eines äußeren Gegen- standes betrachtet und unsere Aufmerksamkeit wendet sich sogleich seiner Wahrnehmung zu. Die Gewohnheit bewirkt, daß im entwickelten Seelenleben in der Regel dasjenige als zusammen- gehörig aufgefaßt wird, was wirklich dem Natur- lauf gemäß zusammengehört. Obgleich wir bei unseren steroskopischen Versuchen wissen, daß wir unter ganz ungewöhnlichen Bedingungen be- obachten, so werden doch nach dem Gesetz der Vorstellungsassoziation mit einem Teil zusammen- gehöriger Empfindungen auch die anderen Sinnesempfindungen, hier also mit den verschieden hellen Bildern auch die Vorstellung einer glänzen- den oder durchsichtigen körperlichen Fläche, her- vorgerufen. 126 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 9 Wird aber den Augen künstlich eine Zusam- menstellung zweier Bilder geboten, die bei der Betrachtung eines Objekts in der Natur nie be- obachtet worden ist, so mißlingt die Vereinigung zu einer einfachen Vorstellung. Wegen der Enge des Bewußtseins können beide Eindrücke nicht zu gleicher Zeit wahrgenommen werden. Es kommt deshalb zu dem Wettstreit der Sehfelder, in dem beide Eindrücke mit einander kämpfen. Eine ein- fache Vorstellung zu bekommen gelingt nur, wenn man die Aufmerksamkeit durch Kontrast oder scharfe Konturen künstlich dem einen Bilde zu- wendet. Zu einer weiteren Erklärung müßten wir über das Bewußtsein und die Aufmerksamkeit näher unterrichtet sein. Da diese Wissenschaft zur Zeit noch nicht in das innere Wesen dieser seelischen Vorgänge eingedrungen ist, müssen wir uns vor- läufig mit den oben gefundenen Gesetzen be- gnügen. Wir haben Durchsichtigkeit, Spiegelung und Glanz als verwandt erkannt. Um das Wesen des Glanzes vom psychologischen Standpunkte aus zu erörtern, müssen wir uns deshalb über die uns zum Bewußtsein kommenden Unterschiede klar werden, welche den Glanz vor den anderen Farben- erscheinungen auszeichnen. Der naive Mensch benutzt die Farben als Kennzeichen zum Wieder- erkennen der Dinge, hält die Farbe also für eine unveränderliche objektive Eigenschaft eines Körpers. Jedoch ist dieser Standpunkt nicht berechtigt, wie wir zeigen werden. Wir haben schon erwähnt, daß die unmittel- bare Gesichtsempfindung des einzelnen Auges ein flächenhaftes Nebeneinander von Farben ver- schiedener Helligkeit und verschiedener Beschaffen- heit (rot, blau, grün usw.) ist. Eine Farbe kann ferner in unserem Bewußtsein, also subjektiv, ver- schieden angeordnet und den Raum verschieden erfüllend erscheinen. Man unterscheidet in diesem Sinne in rein psychologischer Hinsicht als Typen primärer Erscheinungsweisen : Flächenfarben, Ober- flächenfarben (nicht zu verwechseln mit den Ober- flächenfarben in physikalischem Sinne), durch- sichtige Flächenfarben und Raumfarben. Es gibt keine Farbe, die sich nicht durch einen dieser Typen oder durch Übergänge zwischen diesen darstellen ließe. Durch das Okular eines Spektralapparates er- blickt man zarte Farben von einem lockeren Ge- füge. Ohne daß sie raumhaft erscheinen, meint man mit dem Blick verschieden tief in sie ein- dringen zu können. Sie erscheinen dadurch in unbestimmter, aber nicht schwankender Entfernung. Sie schließen den Raum nach hinten ab und sind immer flächenhaft senkrecht zur Blickrichtung des Beobachters angeordnet. Man nennt deshalb Farben, die man in dieser Art erlebt, Flächen- farben. Der Farbeneindruck, der von der Oberfläche eines Körpers ausgeht, ist bestimmter. Die Farbe besitzt einen straffen Zusammenhang und liegt immer in der genannten Oberfläche, so daß sie sämtliche Krümmungen und Richtungsänderungen ihres Trägers mitmacht. Sie ist also nicht an eine Fläche senkrecht zur Blickrichtung gebunden. Sie zeigt ein bestimmtes Gefüge und wirkt kräf- tiger als eine Flächenfarbe. Eine solche Erschei- nung wird Ober flächen färbe genannt. Betrachtet man binokular durch eine gefärbte Glasplatte einen dahinter liegenden Gegenstand, so sieht man durch die Farbe des Glases seine Oberflächenfarben hindurch, die dadurch beein- flußt werden. Die Farbe des Glases erscheint ungefähr in der Glasebene flächenhaft angeordnet. Sie schließt den Hintergrund nicht ab. Flächen- farben verschmelzen mit ihr zu einem unauflös- baren Eindruck. Solche Farben bezeichnet man als durchsichtige Flächen färben. Eine durchsichtige farbige Flüssigkeit in einem Glasgefäß erscheint einen bestimmten dreidimen- sionalen Raum erfüllend, was besonders deutlich hervortritt, wenn man mit beiden Augen Gegen- stände durch diese Flüssigkeit hindurchsieht. Eine solche Farbe nennt man Raumfarbe. Genannte Erscheinungsweisen der Farben sind nun nicht etwa an die soeben aufgeführten jedes- maligen Versuchsbedingungen geknüpft, sondern es kann eine Farbe derselben Herkunft je nach der äußerlich oder innerlich herbeigeführten Ein- stellung des Beobachters in dieser oder jener Er- scheinungsweise und in Übergängen zwischen ihnen erlebt werden. Das geht aus folgendem hervor. Die meisten farbigen Gegenstände aus Holz, Papier, Stein, Tuch reflektieren mit ihrer matten Oberfläche das Licht zerstreut und zeigen uns Oberflächenfarben. Für die Wahrnehmung dieser Oberflächenfarben ist das Bewußtsein des Beob- achters, einen Körper vor sich zu haben, be- stimmend. Heben wir die Bedingungen, durch die der Eindruck des Körperlichen hervorgebracht wird, mehr oder weniger auf, so gelingt es die- selben Farben mehr oder weniger als Flächen- farben zu sehen. Das kann geschehen durch monokulare Betrachtung, denn der Eindruck des Körperlichen ist ja im wesentlichen ein Ergebnis des binokularen Sehens. Stärker wirkt unscharfe Akkommodation, die die Gegenstände nur in Zer- .streuungskreisen erkennen läßt. Man erreicht sie, indem man durch eine zu starke Glaslinse sieht, der sich das Auge nicht anpassen kann. Am leichtesten erscheint aber ein beliebig gerichtetes Stück der Körperoberfläche als ausgesprochene Flächenfarbe, wenn infolge der Betrachtung durch einen gelochten Schirm beliebige Rich- tung und Gefüge der Farbe völlig verschwinden. Der blaue Himmel erscheint durch einen ge- lochten Schirm als Flächenfarbe, ebenso, wenn man auf einer freien Wiese liegend den Blick nach oben richtet, in diesem Falle nur ausge- dehnter. Ohne diese Vorkehrungen haben wir vom Himmel den Eindruck eines Gewölbes und demgemäß erscheint er dann mehr eine Ober- N. F. XVIII. Nr. 9 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 127 flächenfarbe zu besitzen. Da wir bei Rauch und Dampfwolken Körper vor uns zu haben glauben, zeigen uns diese Oberflächenfarben. Betrachten wir den Himmel durch eine Gela- tineplatte, so erscheint uns eine Flächenfarbe ge- mischter Tönung, die je nach Anpassung des Auges entweder in die Gelatineebene oder etwas vor die Ebene der Himmelsfarbe verlegt wird. Die- selbe Verschmelzung einer durchsichtigen Flächen- farbe tritt ein, wenn man einer damit zu kom- binierenden Oberflächenfarbe vermittels des ge- lochten Schirmes, wie oben geschildert, das Ge- präge einer Flächenfarbe gibt. Außer durch gefärbte Gelatine- oder Glas- platten entsteht der Eindruck von durchsichtigen Farben, wenn man auf rotierende tonfreie oder bunte Scheiben blickt, aus denen ein Sektor aus- geschnitten ist. Ebenso wenn man eine bestimmte Stelle eines bedruckten Fapieres bmokular fixiert und vor einem Auge in mittlerer Entfernung beliebig gefärbte Pappe ruhig hält oder hin- und herbewegt. Die Farbe ihrer Oberfläche erscheint als durchsichtige Flächenfarbe, durch die hindurch man die Schrift erblickt. Oberflächenfarben können also auch den Eindruck durchsichtiger Flächen- farben hervorbringen. Mit stärker werdender Dämmerung scheint sich das Zimmer mit einem Grau vom Gepräge einer Raumfarbe anzufüllen. Schwacher Nebel erscheint uns auch als weißliche Raumfarbe. Mit zunehmen- der Dichte geht dieser Eindruck mehr in den einer Flächenfarbe über. Endlich ist die schwache Trübung der Luft unserer Gegenden durch Wasser- tröpfchen, welche die Luftperspektive bedingt, eine Raumfarbe. Durchsichtigkeit, Spiegelung und Glanz sind durch ungleiche Zusammenstellungen der soeben ausführlich erörterten subjektiven pri- mären Erscheinungsweisen der Farben unter- schieden. Wir hatten festgestellt, daß bei der Spiegelung das Spiegelbild stets hinter die spiegelnde Fläche verlegt wird. Die spiegelnde Fläche erweckt dabei den Eindruck einer durch- sichtigen Flächenfarbe von sehr gleich- mäßigem Gefüge, hinter der man die gespiegelten Oberflächenfarben eines Gegenstandes nur im Farbton etwas beeinflußt sieht. Die Einbuße an Lichtintensität, die jede Spiegelung infolge des Energieverlustes begleitet, spielt keine wesentliche Rolle. Ist die spiegelnde Fläche, wie bei Silber- spiegeln farblos, so wird sie selbst nicht bemerkt und die gespiegelten Farberscheinungen sind un- verändert, nur gemäß den Gesetzen der regel- mäßigen Reflektion aus ihrer ursprünglichen Stellung abgelenkt. Wir hatten gefunden, daß undeutliche Spiegelung als Glanz wahrgenommen wird. Dabei erscheint die glänzende Fläche als Oberflächenfarbe und das undeutlich gespiegelte Licht hellerer Stellen der Umgebung liegt auf oder vor dieser Fläche als G 1 a n z 1 i c h t. Das Glanzlicht besitzt das Gepräge einer Flächenfarbe. Bei den primären Erscheinungs- weisen der Farben erwähnten wir schon, daß diese nichts objektiv Festes sind. Der Glanz als zusammen- gesetzte Erscheinung dieser Art ist deshalb ebenfalls von Umständen abhängig, die subjektiv verändernd auf ihn wirken. Für den Glanzeindruck ist das Nebeneinander von Oberflächen- und Flächen- farbe wesentlich. Denn es ist nicht möglich, die Farberscheinung des Glanzlichtes losgelöst von seiner Umgebung darzustellen, weil eine Flächen- farbe für sich betrachtet im besten Falle nur leuchtend gesehen werden kann. Ebenso er- scheint das Glanzlicht durch einen gelochten Schirm betrachtet günstigenfalls als leuchtende Flächenfarbe. Der Glanzeindruck ist um so lebhafter, je größer der relative Helligkeits- unterschied zwischen Glanzlicht und seinem LIntergrunde ist. Denn, wie die Beobachtung lehrt, sind glänzende Stellen häufig dunkler als das raine Weiß und mittels eines Episkotisters kann man die von einem glänzenden Gegenstand ausgehende Lichtmenge auf ein Hundertstel ver- mindern ohne den Glanz aufzuheben. Bei monokularer kritischer Betrachtung gelingt es fast stets die glänzenden Stellen als Ober- flächenfarben in der Oberfläche des glänzenden Gegenstandes zu sehen. Ein Daguerre'sches Lichtbild spiegelt so gut, daß man es als Spiegel benutzen kann. Da man aber das Bild zu be- trachten wünscht, so erscheint einem das Spiegel- vermögen nur als starker Glanz. Ob wir einem Körper spiegelnde, glänzende oder matte Ober- flächen zuschreiben, ist also durchaus ein subjek- tives Urteil, das wir fällen. Um die einzelnen Arten des Glanzes zu betrachten, ist es zweckmäßig, von den physi- kalischen Eigenschaften auszugehen, die den Glanz bedingen. Wie wir gefunden haben, muß eine Fläche, um zu glänzen, Licht regelmäßig reflek- tieren können. Je glatter sie ist, um so mehr ist sie dazu geeignet. Ferner ist von Einfluß, an was für einem Stoff die Fläche sich befindet. Es ist ein physikalisches Gesetz, daß ein Stoff diejenigen Lichtstrahlen am meisten reflektiert, die er am meisten absorbiert. In der Tat besitzen die Me- talle, die am stärksten absorbieren, auch den stärksten Glanz. Die Absorption des Glimmers ist gering, steigert man sie jedoch, indem man ihn aufblättert, so kann man seinen Glanz beliebig bis zum Metallglanz steigern. Der Glanz, den ein Körper zeigt, ist also von der Absorption ab- hängig. Diese physikalische Eigenschaft kann dem Stoffe als solchem angehören oder durch sein Gefüge bedingt sein. Ähnlich wie mit der Absorption verhält es sich auch mit den anderen physikalischen Eigenschaften. Der Glanz ist also, ehe subjektive Einflüsse in Frage kom- men, eine Funktion physikalischer Eigenschaften, die aber nicht auf bestimmte Stoffe beschränkt zu sein brauchen. Nach der Glätte der Ober- fläche und der Absorption kommen in Betracht Beleuchtung, Gefüge der Oberfläche, inneres Gefüge, Größe der Brechungsindizes, Dispersion 128 Naturwissenschaftliche Wochenschrift N. F. XVni. Nr. 9 und Medium, in dem sich die Fläche befindet. An] die Absorption reihen sich Fluoreszenz, Phos- phoreszenz und Lumineszenz. Diese physikalischen Bedingungen bringen also die verschiedenen Arten des Glanzes hervor. Man unterscheidet folgende Hauptarten: Meiallglanz, Diamantglanz, Glasglanz, Feti glänz, Seidenglanz, Graphitglanz, Glanz polierter Holzflächen, Glanz bewegter Wasseroberflächen. Das Eigentümliche des stärksten Glanzes, des Metallglanzes, möge hier beschrieben werden. Manche Forscher haben die Buntfarbigkeit als wesentlich für ihn gehalten. Da auch farblose Metalle Metallglanz besitzen, so ist das nicht richtig. Vielmehr ist für ihn der bezügliche Hellig- keitsunterschied zwischen Glanzlicht und Umgebung von den bekannten der stärkste. Das Glanzlicht besitzt eine gewisse Dicke und ist gleichförmiger als bei anderen Glanzarten. Die Oberflächenfarbe der Umgebung scheint sich unterhalb der Oberfläche zu befinden. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß auch der stärkste Metallglanz beim Betrachten durch einen ge- lochten Schirm verschwindet. Den anderen Glanzarten ist dementsprechend ein bestimmter bezüglicher Helligkeitsunterschied zwi- schen Glanzlicht und Umgebung eigentümlich. Von den oben erwähnten physikalischen Eigenschaften sei besonders das Gefüge hervorgehoben, das durch Interferenz an dünnen Blättchen oder Beugung eigenartige Farbwandel hervorrufen kann. All die verschiedenen jeweiligen Eigenschaften erwecken somit in uns gewisse Zusammenstellungen von Farberscheinungen, die wir als eine bestimmte Art des Glanzes bezeichnen. Benutztes Schrifttum: H, W. Dove, Darstellung der Farbenlehre und optische Studien. Berlin 1853. W. Wundt, Beiträge zur Theorie der Sinneswahrneh- mung. Leipzig 1S62. W. Wundt, Grundzüge der physiologischen Psychologie. Leipzig 1887. H. von Helmholtz, Handbuch der physiologischen Optik, 3. Auflage. Hamburg, Leipzig 1910. D. Katz, Die Erscheinungsweisen der Farben und ihre Beeinflussung durch die individuelle Erfahrung. Leipzig 191 1. Die andere in Betracht liommende Literatur konnte nicht beschaflt werden und blieb deshalb unberücksichtigt. Anregungen und Antworten. Chamisso und die Grippe. Das ungewohnte, überaus heftige Auftreten der Grippe im Herbst und Winter 1918/19 hat vielfach zu dem Glauben verleitet, es bandele sich um eine ganz neue Krankheit. Und doch findet man in Büchern und Briefen aus früherer Zeit hier und da die Grippe erwähnt. Auch der Dichter und Naturforscher Adelbert von Chamisso litt mehrfach unter einer Influenza- oder grippe- artigen Krankheit. Schon im Winter iSi 8/ 19, also gerade vor 100 Jahren, klagte er, daß er jeden Herbst den ,, Schnupfen" bekäme, so sehr er sich auch mit dem Ausgehen in Acht nähme. Als dann nach der Cholera im Jahre 183 1 in Berlin eine Krankheit auftrat, die man die „Grippe" nannte, wurde auch Chamisso davon betallen. In einem Aufsatze von Möbius, „Chamisso als Botaniker" in den Beiheften zum Botanischen Zentralblatt werden einige bisher unveröffentlichte Briefe aus dem Nachlasse des Botanikers Kraus in Halle abgedruckt, die Chamisso im Jahre 1S33 an seinen Freund, den Botaniker Schlechtendahl in Halle geschrieben hat. Es heißt darin: ,,Seit wir uns gesehen haben, hat mich die Grippe wieder gehabt, entkräftet und halb blödsinnig gemachi, noch komme ich nicht auf. Nichtsdestoweniger habe ich mich immer nach Schöneberg geschleppt." Chamisso bekleidete damals eine Kustosstelle am Berliner Botanischen Museum, das sich in dem Alten Botanischen Garten in Schöneberg in der Potsdamer Straße am jetzigen Bahnhof Großgörschenstraße befand. Er wohnte in Berlin und ging jeden Tag bei jedem Wetter den weiten Weg zu Fuß zum Potsdamer Tore hinaus nach Schöneberg. Wie er selbst in dem erwähnten Briefe zugibt, schonte er sich in keiner Weise und legte damit wohl den Grund zu seinem langsamen Hinsiechen in den nächsten Jahren und zu seinem bald darauf, im Jahre 1838 erfolgten Tode. Dr. W. Herter. Druckfehlerberichtigung. Während ich von der Post abgeschnitien und somit am Lesen der Korrekturen verhindert war, sind Druckfehler in meinen Beiträgen stehen geblieben. Ich verbessere im folgenden die wichtigsten. Im Beitrag „Brockengespenst", Nr. 49, 1918, S. 701 b Zeile 16 von unten lies Nebelwolken statt Nebelwellen. Im Beitrag „Triel", Nr. 50, S. 720a, Zeile 23 von unten lies heiseres statt leiseres, Zeile 13 von unten leiser statt kleiner, Seite 720 b Zeile 3 von oben Tüte statt Tütig, Zeile 5 von oben Schnärrdrossel statt Schnürrdrossel. Im Beitrag „Vererbungsstudien an Mäusen", Nr. 51, Seite 729 a, Zeile 15 von oben lies Fehlen statt Fehler, Seite 729b Zeile 18 von oben Schwächung statt schwächere, Zeile 20 von unten Y'yBBEe statt Y'yBBBe, Seite 73°^ Zeile 9/10 durch einen statt mit einem, Seite 730 Zeile 22 bis 24: der Satz von ,,wenn" ab ist zu streichen. Im Beitrag „Hallstätter See", Nr. 51, Seite 731a, Zeile 23 von oben lies Potamogetonetum statt Polamogeto- netum, Zeile 6 von unten lies Tanytarsus statt Tanylarsus, Seite 731b Zeile 1 von oben lies Steinmann statt S k i n m a n n , Zeile 29 von oben coregoni statt corezoni. Zeile 14 von unten lies Atlersees statt Attersus. Im Beitrag ,, Symmetrie des Wirbeltierauges", Nr. 2, 1919, Seite 27 b, Zeile 21 von oben lies Innenstückes statt Innenblockes, Seite 28 b, Zeile 16 von oben ophthalmica statt oph- thalmina, Zeile 23 von unten richtig statt wirklich. V. Franz. Literatur. Moewes, Dr. F., Die Mistel. Berlin 1918, Gebr.' Born- träger. Prochnow, Dr. O., Wissen oder Können. Gedanken eines Schulmannes über die Aufgaben der höheren Schulen in Deutschland. Mannheim-Leipzig 1919, F. Nemnich. IuIihK: Menz, Der Glanz vom psychologischen Standpunkte aus betrachtet. (9 Abb.) S. 121. — Anregungen und Ant- worten: Chamisso und die Grippe. S. 128. Drucklehlerbcrichtigung. S. 128. — Literatur: Liste. S. 128. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. M i e h e , Berlin N 4, Invalidenstrafie 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge i8 Band; der ganzen Reihe ^4. Band. Sonntag, den g. März igig. Nummer 10. Die morphologische Gliederung des Wasserleitungssystems der höheren Pflanzen in ihrer Beziehung zur Physiologie der Wasserversorgung. [Nachdruck verboten.] Von Dr. August Rippel. Mit 6 Abbildungen. Der Leitbündelverlauf in den Vegetations; Organen der höheren Pflanzen bildet den morpho- logischen Ausdruck der Wasserversorgung der- selben. Allerdings können wir nicht von einer rein anatomischen Betrachtung ausgehen, wenn wir uns über die Physiologie der Wasserleitung und Wasserversorgung unterrichten wollen. Es ist das schon aus dem Grunde nicht möglich, weil die morphologische Mannigfaltigkeit in Bau und Verlauf der Leitungsbahnen von einer Anzahl weiterer Faktoren mitbestimmt wird, vor allem von mechanischen Anforderungen, wie sie in den nach dem Prinzip der Biegungsfestigkeit gebauten Achsen und Blattstielen verwirklicht sind, dem embryonalen Bau der als Gelenke fungierenden und durch Änderungen des Turgordrucks Be- wegungen auslösenden Blattstielbasis, dem Spreiten- nervenverlauf usw. sich äußern. Dann können auch onto- und phylogenetische Ursachen in Frage kommen; letzteres dürfte z.B. überall da der Fall sein, wo es sich um unvollkommene Ausbildung der Verbindungsbahnen handelt, eine Tatsache, die sicher stammesgeschichtlich begründet ist. Man braucht in dieser Hinsicht nur an die Monocotyl- edonen zu denken mit ihren meist völlig isoliert nebeneinander verlaufenden Leitungsbahnen, die meist nur durch ganz schwache Verbindungen in Wechselwirkung miteinander treten können. Wir finden so eine derart mannigfaltige Aus- bildung des morphologischen Charakters der Leitungsbahnen, daß es schwer ist, eine nur eini- germaßen einheitliche Auffassung auf anatomi- schem Wege zu gewinnen. Es hat sich in der Tat auch gezeigt, daß das nicht durchführbar ist. Es kann also nur die physiologische Untersuchung aus der Fülle der morphologischen Verschieden- heiten das für unsere Betrachtung der Wasser- leitung und Wasserversorgung der Pflanze einheit- liche physiologische Prinzip im Leitbündelbau und -verlauf herausfinden. Von diesem Gesichtspunkt aus sollen die Ergebnisse einiger neuerer Arbeiten zusammenfassend hier dargestellt werden, die wohl teilweise prinzipiell nicht viel neues bieten, aber doch geeignet sind, die Wasserversorgung der höheren Pflanzen im einzelnen näher zu erläutern. Bei unserer Betrachtung gehen wir von den Elementarorganen der Wasserleitung aus, aus denen sich die Leitbündel der Pflanze zusammensetzen, den Tracheen, welchen Ausdruck wir als den Sammelbegriff aller wasserleitendeu Elemente ge- brauchen. Sie gliedern sich in Gefäß und Tracheide n. In extremer Ausbildung bildet das Gefäß eine oft sehr lange Reihe von über- einander stehenden Zellen, mit resorbierten Scheide- wänden, also mit offener Kommunikation. Weniggliedrige Gefäße, schließlich solche, die aus nur 2 ehemaligen Zellen bestehen, führen zum anderen Elementarorgan, der Tracheide, die also einzellig und mit ringsum geschlossenen Mem- branen versehen ist; dem Stoffaustausch auch in der Längsrichtung dienen hier die durch dünne Membranen verschlossenen Tüpfel. Die physiolo- gische Wirkung dieser geschilderten anatomischen Verhältnisse wird uns später noch eingeheuder beschäftigen. Es hat sich nun gezeigt, daß diese Elementar- elemente nicht regellos auftreten, sondern, wenig- stens in ihrem typischsten Auftreten, bestimmte topographische Lagerung zeigen, die mit ihrer zeitlichen Entwicklung ungefähr zusammenfallen dürfte. Es steht dies im Einklang mit ihrer Auf- gabe, ganz besondere Funktionen zu erfüllen. Die offenen Gefäße dienen der Wasser- leitung auf größere Strecken, sie bilden die größere Masse der primär gebildeten Leitungsbahnen. Es ist dabei darauf aufmerksam zu machen, daß die bisherigen Messungen über die Länge von offenen Gefäßen an sekundär verdickten Achsen, also an solchen Organen durchgeführt wurden, die sich ohne weiteres als für die Wasserleitung über größere Strecken bestimmt erweisen. Daß sich weiterhin gerade Schlingpflanzen durch be- sonders lange Gefäße auszeichnen, ist danach leicht verständlich; sie kann ja bei Lianen bis zu 5 m betragen, sonst im allgemeinen im Durchschnitt etwa lO cm. Eine solche Länge ist natürlich in anderen Organen, wie z. B. in Laubblättern, nicht möglich ; doch konnte auch bei diesen festgestellt werden, daß eine bestimmte Anzahl offener Ge- fäße vom Blattstiel in die Spreite hineinführt (siehe weiter unten); es sind das also, wie in Übereinstimmung mit den weiter unten angeführ- ten Ergebnissen noch näher zu zeigen sein wird, diejenigen Elemente, die in diesen Organen dem Wassertransport über weitere Strecken dienen. Mit den Anforderungen an lokalen Wasser- verkehr (Austausch zwischen benachbarten Bahnen) treten dann Tracheiden bzw. auch weniggliederige Gefäße auf, die die Hauptmenge der sekundär entstandenen wasserleitenden Elemente bilden. Solche Stellen lokalen Wasserverkehrs sind vor allem die Nerven der Blattspreite bzw. die in ihnen 13° Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. lo verlaufenden wasserleitenden Elemente, die die unmittelbare Abgabe von Wasser an das assimi- lierende Gewebe besorgen, und die sich dement- sprechend ohne weiteres als zu diesem Zweck passend eingerichtet erweisen müssen. Bekannt- lich bestehen auch die wasserleitenden Elemente der Blattnerven, soweit sie für den lokalen Wasserverkehr in Betracht kommen, fast aus- schließlich aus Tracheiden. Ein zweiter Ort, an dem Tracheiden ihre lokale Funktion des Wasserausgleiches ausüben, sind die Bündelverbindungen. Wir können hier eine An- zahl solcher Verbindungen je nach ihrer topo- graphischen Lage unterscheiden, worüber folgende Übersicht Auskunft gibt: andere ehiwandern kann, um dort zu verbleiben; es steht aber mit den Elementen dieser nicht in offener Verbindung, sondern bleibt selbständig. Es ist das eine Verzweigung, die wie wir sehen werden, ebenfalls häufig anzutreffen ist. Sie nimmt gewissermaßen eine Mittelstellung ein zwischen dem geradlinigen Verlauf der offenen Gefäße und der seitlichen Verbindung derselben durch Trache- iden. Dieser Fall der Tracheenplatten ist natür- lich herausgegriffen. Auch in anderer Anordnung stehen die Gefäße der Leitbündel durch solche Bündelbrücken miteinander in Verbindung. 2. Die Verbindungsbahnen zwischen den ein- zelnen Leitbündeln können in geringer Zahl und regellos angeordnet vorhanden sein: als Beispiel Wasserversorgung auf größere Strecken I lange (offene) Gefäße im lokalen Verkehr Tracheiden, weniggliedrige Gefäße zwischen den Gefäßen im einzelnen Leilbündel zwischen verschiedenen Leitbündeln zwischen verschiedenen Wasserleitungssyslemen z. B. zwischen Achse und Blatt. I. Die Verbindungsbahnen zwischen den Ge- fäßen im einzelnen Leitbündel hat Gerresheim an Mikrotomserienschnitten untersucht und be- schrieben. Ein Leitbündel kann z. B. bestehen aus Tracheenplatten (körperlich gesprochen), bei denen im Querschnitt die Gefäße reihenweise übereinander stehen. Zwischen diesen Platten nun stellen einzelne Tracheiden oder weniggliederige Gefäße eine seitliche Kommunikation her. Offen sind diese Wasserbahnen also nur in der Längs- richtung, nicht in ihrer seitlichen Verbindung, die durch die Tüpfelschließhäute unterbrochen ist. a b Abb. I (nach Gerreshei m). Abb. 1 erläutert bei a das Gesagte am besten. Bei b ist ein anderer Fall eingezeichnet, der in- sofern etwas anders liegt, als sich ein ganzes Ge- fäß aus der einen Platte herauslösen und in die sei genannt der Blattstiel von Plantage, von Ranunculaceen u.a. In ihrer typichsten Aus- bildung jedoch beschränken sie sich auf bestimmte Stellen : es sind das die Knoten in den Achsen, der Blattgrund (die Blattstielbasis) und die Spreiten- basis. Hier treten dann die verbindenden Trache- iden in erheblicher Menge auf und keilen sich all- mählich nach unten und nach oben zu aus, eine Tatsache, die sich deutlich in einer erheblichen Zunahme der wasserleitenden Elemente an diesen Stellen äußert; folgende Übersicht zeigt das deut- lich an einem Beispiel von Bryonia divica; man sieht bei Blatt i, wie die Anzahl der Tracheen im Blattstiel in der Mitte am geringsten ist und nach der Spreitenbasis und dem Blattgrund (Stielbasis) zunimmt, d. h. den beiden Stellen, an denen bei dieser Pflanze die Bündelverbindungen lokalisiert sind. Blatt 2 (ein anderes Blatt) zeigt dann, daß vom Blattgrund in die Achse die An- zahl der Tracheen wieder erheblich sinkt, noch mehr als nach der Mitte des Blattstiels hin. Die Austeilung der hier auftretenden Verbindungs- bahnen ist also deutlich zu erkennen. Ahnliches konnte für zahlreiche andere Pflanzen festgestellt werden. In beiden Fällen aber, dem regellosen Verlauf der Verbindungsbahnen und der Lokalisation auf bestimmte Stellen, handelt es sich nicht nur um das Auftreten von Verbindungsbahnen, sondern es treten öfters Verzweigungen ein, nach Art der Abb. I b, wobei es zu eigenartigen Durch- kreuzungen verschiedener Bündelteile kommt, wie an dem Beispiel von Alchemilla noch näher gezeigt werden wird. 3. Die Verbindungen zwischen Wasserleitungs- systemen verschiedener Organe sind nicht immer derartig gut ausgeprägt. Hierher gehört z. B. der Anschluß des Blattstielsystems an das der Achse, N. F. XVIII. Nr. 10 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 131 Blatt I Anzahl der Tracheen Blatt 2 in den einzelnen Leitbündeln des Blattstiels Zusammen Oben 6, 18, 22, 38, 66, 40, 32, 16, 8 '^ 246 6 cm 8, 10, 17, 20, 35, 25, 15, 14, 7 151 4 „ 4, 10, 12, 24, 32, 20, IS, 12, 5 . 134 2 „ 7, 14, 18, 22, 30, 25, 18, 12, 5 151 Unten ' 4, 10, 15, 18, 38, 32, 25, 17, 14, 6 179 Das mediane Bündel ist fett gedruckt. der auch meist nicht an einer Stelle erfolgt, sondern sich auf mehrere Internodien in der Achse ver- teilt. Diese noch isoliert verlaufenden Bündel des Blattes in der Achse bezeichnet man als die Blatt- spur. In manchen Fällen scheint hier eine direkte Forlsetzung von offenen Wasserbahnen der Achse in die des Blattstiels zu führen, bis in die Spreite hinein, wie ich z. B. durch das Aufsteigen von Tuschelösung bei Atropa und Scopolia fest- stellen konnte. Bei anderen Pflanzen dagegen ist das in der Achse befindliche Leitungssystem von dem des Blattstiels durch Tüpfelschließhäute ab- gesperrt, wie folgender, nicht veröffentlichter Ver- such sehr schön zeigt : Schneidet man von T h 1 a d i - antha dubia einen Knoten mit dem darüber und darunter befindlichen Stück des Internodiums und mit ansitzendem, unten durchschnittenen Blattstiel heraus und preßt unter mäßigem Druck in das untere Achsenstück Tuschelösung ein, so dringt aus der oberen Achsenschnittfläche schwarze Flüssigkeit aus den durchschnittenen Gefäßen, während aus dem abgeschnittenen Ende des Blatt- stiels völlig klare Flüssigkeit herausdringt. Im Blattgrund werden also die suspendierten Tusche- teilchen durch die dort befindlichen Tüpfel- schließhäute filtriert. Wahrscheinlich hängt diese verschiedene Ausbildung von Gefäßen und Trache- iden ebenso wie die der lokalen Bündelver- bindungszonen von entwicklungsgeschichtlichen Ursachen ab. Interessant in dieser Hinsicht ist eine Be- merkung von Wollen web er (S. 18) i) über die Beziehung von parasitären, sogenannte Welke- krankheiten hervorrufenden Pilzen, die in den Tracheen vegetierefl, zu ihren Wirtspflanzen: „Die relative Resistenz solcher Varietäten und Rassen ist nach Ansicht des Verf. nicht nur eine biolo- gische, sondern auch eine morphologische Funktion der Adaption, nämlich auch abhängig von dem Bau der Gefäßbündel besonders im Übergangsgebiet des Gefäßsystems des Hypokotyls in das oberirdische Gebiet der Hauptsachse . . ." Nach vorstehenden Mitteilungen wird man also wohl kaum fehlgehen, wenn man das Auftreten von Tüpfelschließhäuten für die Hemmung des Vorwärtsdringens solcher Pilze an der fraglichen Stelle mit verantwortlich macht. ') Wollen weber, H. W. , Pilzparasitäre Welkekrank- heiten der Kulturpflanzen. (Ber. d. Deustch. botan. Gesellsch. XXXI, S. 17, 1913.) beim Übergang der Blattspur in den Blattstiel Zusammen Mitte des Blattstiels 4, 8, 14, 18, 12, 12, 4 72 Oben im Internodium 10, 17, 12 39 Mitte des Internodiums 10, 10, lo 30 Von der Betrachtung der Verteilung der Ele- mentarelemente der Wasserleitung werden wir uns zu der Betrachtung des gröberen morpholo- gischen Verlaufes der Leitungsbahnen, den wir oben schon mit einigen Worten gestreift haben. Das regellose Auftreten oder das Vorhanden- sein lokalisierter Bündelverbindungszonen ist sehr konstant für bestimmte Verwandtschaftskreise, er- weist sich also zweifellos als phylogenetischen Ursprungs. Sauerbrei hat denn auch trotz sehr zahlreicher Einzeluntersuchungen irgend welche biologischen P'aktoren nicht auffinden können, von denen die eine oder die andere IVIodifikation ab- hängig sein könnte. Doch zeigt sich die äußere Morphologie des Blattes, meist wenigstens, in der Ausbildung von Bündelverbindungszonen überein- stimmend gebaut: Diese sind bei handnervigen und Fiederblättern an die Insertionsstellen des Blattstiels an der Achse und an die Spreitenbasis bei ersteren, an die Insertionsstellen der Teil- blättchen bei letzteren gebunden. Im typisch ein- fachen Blatt kommen sie in dieser Ausbildung nicht vor, doch muß man dabei beachten, daß die einfachen Blätter stets ein einzelnes, in sich zu- sammenhängendes, Leitungssystem besitzen, wäh- rend dies bei zusammengesetzten Blättern in eine Anzahl selbständiger Leitbündel aufgelöst ist, die dann nur in den dadurch ausgezeichneten Zonen miteinander in Verbindung treten. Einige Dicotyledonen, wie die Plantago- arten zeigen ganz ähnlichen Leitbündelverlauf, wie er für die Monocotyledonen charakteristisch ist; eine Anzahl nebeneinander herlaufender Leit- bündel, die nur ganz schwache, regellos ange- ordnete Verbindungen zwischen sich haben. Ebenfalls regellose, aber stärkere Verbindungen besitzen z. B. Ranunculaceen wie Helle- borus, dann Piperaceen usw. usw. Als mor- phologisch am höchsten differenziert dürfen wir endlich die Fälle betrachten, in denen die Bündel- verbindungen auf bestimmte Zonen lokalisiert sind, bei Cucurbitaceen, Geraniaceen in Blattgrund und Spreitenbasis, bei Rosaceen nur in letzterer bzw. in den Blattspindelknoten usw. Ähnliches zeigt sich denn auch im Leitbündel- verlauf der Achse. Doch dürfte es nicht gerechtfertigt sein, diesen hier in physiologischem Sinne gebrauchten Aus- druck der am höchsten differenzierten Pflanzen auch auf phylogenetische Gesichtspunkte anwenden 132 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 10 zu wollen und anzunehmen, daß stets das einfache Blatt auf der Vorstufe zum zusammengesetzten Blatt stehen geblieben sei. Vielmehr ist auch in vielen Fällen das umgekehrte möglich, ja sogar wahrscheinlich; und es macht auch ganz den Ein- druck, als ob sich die einfachen Blätter vieler unserer Holzgewächse aus zusammengesetzten „zurückgebildet" hätten. Doch will ich mich auf die Diskussion dieser Frage nicht näher einlassen, sie nur kurz andeuten. Eigenartig ist nun im Leitbündelverlauf die Verzweigung und gegenseitige Durchkreuzung der offenen Wasserbahnen, die in handnervigen und Fiederblättern zu einer Versorgung von verschie- denen räumlich voneinander getrennten Partien der Spreite und Spreitenteile von einem einheit- lichen Blattstielleitungsbündcl aus führen kann. Hier- zu Abb. 4, 5 und 6 und die unten folgenden Aus- führungen. Von dem Leitbündelverlauf in den Spreiten ist nichts wesentliches dem Altbekannten hinzu- zufügen. Erwähnt werden darf vielleicht, daß ab und zu eine anormale Lagerung von Leitbündel- teilen in den Nerven der Blattspreite vorkommt, wie bei Liquidambar, wo über dem normal gelagerten Blattnervenbündel ein kleineres anormal gelagertes liegt, das seinen Siebteil der Blattober- seite zukehrt; bei der Abgabe von Seitennerven, an der dieses anormale Bündel ebenfalls bis zu seiner Erschöpfung beteiligt ist, wird durch ent- sprechende Drehung der abgegebenen Teile die normale Lagerung in den Seitennerven wieder hergestellt. Es ergibt sich nun die selbstverständliche Frage : Welche Bedeutung hat ganz allgemein das Wasser- leitungssystem für die Pflanze und im besonderen fragen wir noch nach der Bedeutung der einzelnen morphologischen Besonderheiten, wie wir sie vor- stehend kennen gelernt haben. Die Tatsache der Wasserleitung und der Wasserversorgung der transpirierenden Flächen, vornehmlich also der Laubblätter, bedarf keiner besonderen Hervor- hebung. Auch mit der Frage nach den Ursachen der Wasserleitung wollen wir uns hier nicht be- schäftigen. Was uns hier vor allem interessiert, ist die Frage nach der gegenseitigen Beziehung der einzelnen Leitbündel und der einzelnen Ele- mente derselben. Es kann als sicher angenommen werden, daß nicht immer alle Leitbündel unter denselben günstigen Bedingungen der Wasserversorgung stehen, allen an sie gestellten Anforderungen von Seiten der transpirierenden Organe, die sie zu ver- sorgen haben, gerecht werden können, sei es daß sie selbst unter ungünstigen Versorgungsbeding- ungen zu leiden haben, indem einige Wurzeln nicht genügend Wasser herbeizuschaffen vermögen, sei es daß eine oder die andere Bahn durch mechanische Einwirkungen, Verletzung, Ver- stopfung usw. unwegsam geworden ist. Von menschlichen ZweckmäßigkeitsbegrifFen aus müssen dann die Nachbarbahnen einspringen und die Leistung der gefährdeten Bahn mit übernehmen. In der Regel ist das denn auch der Fall. Jedoch nicht immer; das hängt eben ganz von der geschilderten morphologischen Ausbildung der Leitungsbahnen der betreffenden Pflanze ab. So können natürlich beim Fehlen von Verbindungs- bahnen die Nachbarbahnen keinen Ausgleich her- beiführen, wie es bei Monocotyledonen und, bei Dicotyledonen, z. B. bei Plantago major der Fall ist. Unterbricht man hier die Leitungs- bahnen des Blattstiels teilweise, so bleibt das Blatt turgescent, da die Bündelverbindungen in der Blatt- spreite genügend funktionieren. Verschließt man dagegen bei einem abgeschnittenen Blatt die Schnittfläche des Blattstiels, öffnet oberhalb einige Leilbündel und durchschneidet in der Spreite die Verbindungsbahnen, so bleiben nur die unmittel- bar von den geöffneten Bahnen versorgten Spreiten- teile turgescent, die andern welken alsbald, woraus hervorgeht, daß die schwachen im Blattstiel vor- handenen Bündelverbindungen keinen genügenden Ausgleich schaffen können. In allen anderen Fällen jedoch werden die Nachbarbahnen beim Versagen einiger Leitungs- wege in ausreichender Weise mit herangezogen. Es kann dabei einerseits von dem Turgescent- bleiben des Blattes auf genügenden Wasserausgleich geschlossen werden, andererseits durch das Auf- steigen von Farblösung der Verlauf dieses Aus- gleichs unmittelbar beobachtet werden. Ver- schließt man z. B. an einem Blatt von Alchemilla vulgaris L. den unten abgeschnittenen Blattstiel an der unteren Schnittfläche durch Eintauchen in heißes Wachs, öffnet oberhalb im Blattstiel durch eine Einkerbung eines der drei dort vorhandenen Leitbündel, und stellt das Blatt dann in verdünnte Eosinlösung, so bleibt die Spreite völlig turges- cent und die Farblösung verbreitet sich schnell in der ganzen Spreite. Ein gleiches geschieht, wenn man außerdem die ganze Spreite zwischen den einzelnen Nerven, parallel zu diesen durch- schneidet; die hier vorhandenen Bündelverbindun- gen in der Spreitenbasis funktionieren also völlig ausreichend. Dieser letztere Fall ist natürlich bei Blättern mit bis zur Spreitenbasis zerteilter Spreite bzw. Fiederblättern der norgiale. Andererseits läßt sich bei Alchemilla und anderen zeigen, daß man auch die Bündelverbindungen in der Spreiten- basis durchschneiden kann bei gleicher Versuchs- anstellung wie oben: die intakten Verbindungen in der Spreite schaffen genügenden Ausgleich, der aber, wie man an dem Vorwärtsdringen der Farb- lösung beobachten kann, nicht so schnell vor sich geht wie durch die Verbindungen der Spreiten- basis. Man kann dann schön beobachten, wie die Farblösung aus dem einen Hauptnerven die Se- kundärnerven aufwärts, dann in die Verbindungs- nerven zu den Sekundärnerven der benachbarten Hauptnerven und in diesen abwärts dringt. Steht nun ein mit dem Blattstiel abgeschnittenes Blatt in Wasser, so können sich alle Leitbündel gleich gut mit Wasser versorgen und die Leitung N. F. XVIII. Nr. lo Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 133 geschieht nunmehr so, daß von jedem Leitbündel diejenigen Spreitenteile versorgt werden, die in unmittelbarem morphologischen Zusammenhang mit einem dieser Leitbündel stehen. Wählt man nun die Versuchsanordnung so, daß der Blattstiel unten verschlossen in Wasser taucht und streift weiter oben ein weites mit verdünnter Farblösung gefülltes unten abschließbares Glasrohr über den Blattstiel, nachdem man vorher an dieser Stelle eines der Leitbündel des Blattstiels durch seitliche Einkerbung geöffnet hat, so sind die Wasser- versorgungsverhältnisse für alle Leitbündel die gleichen, aber das eine Leitbündel nimmt statt Wasser Farbstoff auf: und wir können somit an der Färbung der Spreitennerven beobachten, welche Teile der Spreite dieser Bahn zugehören. In den meisten Fällen liegt der Fall nun inso- fern sehr einfach, als das mittlere Blattstielbündel die Mitte der Spreite, d. h. die Partie um den IVIittelnerven, bzw. das mittlere Teilblättchen bei handnervigen, beim Fiederblatt die Endfieder, und seitlich anschließende Teile versorgt, die seitlichen Blattstielbündel die seitlich, bzw. beim Fiederblatt nach unten anschießenden Teile. Besser als Worte erläutern dies die schematischen Zeichnungen 2 für ein handnerviges, 3 für ein Fiederblatt. Erste- rem entspricht z B. Geranium pyrenaicum, letzterem Sambucus. Oft treten aber auch Komplikationen auf, die auf die oben bereits erwähnten Verzweigungen offener Bahnen zurückzuführen sind, die sich außer- dem mit den Nachbarbahnen durchkreuzen. Die Abbildungen, Abb. 4 für Alchemilla vulga- ris, Abb. 5 für Trifolium elegans und Abb. 6 für Pimpinella peregrina, machen das Ge- sagte verständlich: Man sieht, daß die einzelnen Blattstielleitungsbündel, die durch gleiche Schraf- fierung wie die von ihnen versorgten Spreitenteile kenntlich gemacht sind, wobei die zu dem Blatt- stielmittelbündel gehörigen Partien, wie auch in Abb. 2 und 3 dunkel gehalten sind, zwar auch annähernd die eben erwähnte Gesetzmäßigkeit zeigen, daß sich aber zwischen sie Teile der seit- lichen Leitbündel einschieben, so daß sie selbst seitlich bzw. nach unten verschoben werden und nun inmitten der anderen isoliert erscheinen. Es handelt sich hier natürlich nicht um Zufälligkeiten, sondern es zeigte eine große Anzahl von Ver- suchen immer wieder das gleiche Verhalten. Je nachdem, welches Leitbündel des Blattstiels in Eosinlösung taucht, treten diese Felder in der Spreite gerötet hervor. Worin der Grund für diesen merkwürdigen Verlauf liegt, ist nicht be- kannt; es liegt aber nahe, an gegenseitige Beein- flussung durch Druckverhältnisse während der Entwicklung zu denken. Was die Tatsache selbst betrifft, so finden wir hier offenbar den Ausdruck des Verlaufes offener Bahnen; anders ist diese Wirkung nicht gut verständlich. Auch darauf sei .•\bb. 4 (nach Rippel). "i^= Abb. 5 (nach Rippel). Abb. 6 (nach Gerresheim).') noch hingewiesen, daß offenbar der systematischen Stellung der Pflanze keinerlei Bedeutung in dieser Hinsicht zukommt. Bei derselben Familie finden sich beide Formen und noch andere; z. B. folgt von den Rosaceen Potentilla reptans nicht der für Alchemilla in Abb. 4 angegebenen Modi- fikation, sondern verhält sich ähnlich Geranium (Abb. 2), während Agrimonia odorata wie- derum überhaupt keine Teilung zeigte, die Tracheen also ganz regellos verlaufen müssen. ') Bei Querschnitt b ist versehentlich bei dem äußersten rechten Leitbündel der Hinweis der Zugehörigkeit zu der mit Kreisen versehenen Blattfläche (wie bei a, vorletztes Bündel) unterblieben. 134 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. lo Von diesem Gesichtspunkte aus wäre es auch zu erwarten, daß sich ähnhche Verhältnisse auch für den Anschluß der Wurzelleitungsbahnen an die der Achse ergeben würden. Für den einzigen von F. J. Meyer untersuchten Fall von Viola tricolor trifft das aber nicht zu, es findet hier bereits im Epicotyl ein Ausgleich der verschiedenen Wurzelleitungsbahnen statt, bei einer der geschil- derten entsprechenden Versuchsanordnung. Bei dem Übergang der Blaltspur in den Blattstiel konnte ich allerdings bei Geranium ähnliche Durchkreuzungen beobachten wie in dem von Alchemilla geschilderten Fall; doch erstreckte sich die Differenzierung nur bis etwa in die Hälfte des Blattstiels; dann trat ein völliger Ausgleich ein. Es scheint also so, als ob offene Bahnen nur immer eine begrenzte Strecke weit verliefen und jeweils sich in einem Netz allseitig geschlos- sener Verbindungsbahnen auflösen. Stellen wie das Epicotyl wären dann bevorzugte Orte eines solchen Schlusses. Das scheint sich auch in den oben für den Blattgrund erwähnten Tuscheversuchen auszudrücken. Auch könnte der Bau der Leitbündel insofern von Einfluß sein, als solche, die wie Alchemilla wohl abgegrenzte Tracheenplatten aufweisen, die Selbständigkeit des morphologischen Verlaufes und der physiologischen Leistung länger bewahren könnten als solche, deren Leitbündel regellos ver- laufende Tracheen zeigen. Aber alles das sind Fragen, die noch nicht entschieden werden können. Sicher ist aber das eine, daß im nor- malen Laubblatt und in denAchsenund Wurzeln die in mannigfacher Ausbil- dung vorhandenen Verbindungsbahnen einen völlig genügenden Wasseraus- gleich bei Funktionslosigkeit einer Bahn schaffen können. Außer den in jedem botanischen Lehrbuch sich findenden Angaben findet sich das hier Mitgeteilte in folgenden 4 Ar- beiten : Gerresheim, E., Über den anatomischen Bau und die damit zusammenhängende Wirkungsweise der Wasserbahnen in Fiederblättern der Dicotyledonen. Bibliotheca Botanica, Heft 81. Stuttgart 191 3. Meyer, F. J., Bau und Ontogenie des Wasserleitungs- systems der vegetativen Organe von Viola tricolor var. arvensis Inaug.-Diss. Marburg, J. Hamel, 1915. Rippel, A., Anatomische und physiologische Unter- suchungen über die Wasserhähnen der Dicotylenlaubblätter mit besonderer Berücksichtigung der handnervigen Blätter. Bibliotheca botanica, Heft 82. Stuttgart 1913. Sauerbrei, F., Leitbündelverbindungen im krautigen Dicotylenstengel. Jenaische Zeitschr. f. Naturwissensch. 53, s. 189, 1914/15- Schopeuliauei-'s Stellung zur exakten Natunvissenscliaft. Zur hundertjährigen Wiederkehr des Erscheinens der „Welt als Wille und Vorstellung". [Nachdruck verboten." Von Dr. Victor Engelhardt. Mit I Abbildung. Aller Fortschritt in der Wissenschaft ist letzten Endes durch zwei Faktoren bedingt: Durch den wissenschaftlichen Zeitgeist und durch die Persön- lichkeit des Gelehrten. Diese Einflüsse sind bei jeder Forschung maßgebend, ganz gleich ob sie sich auf naturwissenschaftlichem oder geistes- wissenschaftlichem Gebiete bewegt. Sie werden aber umso reiner hervortreten, je stärker sich eine Wissenschaft von der empirischen Grundlage ab- löst. Philosophie zum Beispiel, wenigstens soweit sie metaphysisch und System bildend auftritt, ist fast nichts anderes mehr, als die Auseinander- setzung eines starken Charakters mit der gesamten Kultur seiner Zeit. Doch sind diese Bemühungen mit den dichterischen Schöpfungen der Phantasie so innig verwandt, daß die Behauptung: Philo- sophie ist Charakter und Zeitgeist, wie ein Gemein- platz klingt. Falls es uns um die Aufdeckung der Abhängig- keit jeglicher Wissenschaft von den genannten beiden Faktoren zu tun ist, dürfen wir demnach von einer Untersuchung der reinen Philosophie keinen allzu großen Vorteil erwarten. Andererseits leistet aber die Betrachtung ex- akter Forschung in dieser Hinsicht auch nicht genug. Durch ihre innige Verflechtung mit einer außer uns liegenden Wirklichkeit werden die Ver- hältnisse so kompliziert, daß sie sich nicht für eine erste Auseinandersetzung über die fraglichen Punkte eignen. Damit ist jedoch keineswegs gesagt, daß hier die Abhängigkeit von Charakter und Zeit- geist nicht ebenso mächtig einsetzt, wie irgendwo anders. Nein, sie ist auch in der exakten Forschung bedeutungsvoll; ich habe es einst an Faraday und D'Alembert gezeigt,^) — - aber sie liegt nicht so offen zu Tage, wie auf anderen Gebieten. Wollen wir uns über die Art dieser Einflüsse Rechenschaft geben, so werden wir also gut tun, einen Fall herauszugreifen, bei dem einerseits das Vorhandensein einer starken Persönlichkeit und ihre Verquickung mit dem Zeitgeist sicher steht, und bei dem andererseits diese Persönlichkeit doch nicht bloß durch den Ozean der eigenen Phantasmen treibt, sondern sich mit der empiri- schen Wirklichkeit auseinandersetzt. Haben wir an einem solchen „krassen" Beispiel die erwähnten Zusammenhänge leicht und klar erkannt, so wird es uns nicht schwer fallen, dieselben auch dort zu finden, wo sie vefsteckter liegen. Die geforderten Bedingungen für den „krassen" Fall sind meines Erachtens am besten erfüllt, wenn ein reiner Philosoph Naturwissenschaft treibt. ') Engelhardt, Faraday's Stellung in der Geschichte der Physik. Naturw. Wochenschr. 1917. S. 465. Engelhardt, D'Alembert's Bedeutung für die Natur- wissenschalten, Naturw. Wochenschr. 1917. S. 1141. N. F. XVIir. Nr. lo Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 135 Als Philosoph steht er in einem engen Zusammen- hang mit der Kultur seiner Zeit. Er sieht das Bild dieser Kultur durch die Brille seiner sehr aus- geprägten Persönlichkeit. Soweit er aber Natur- forscher ist zwingt er seine durch Zeitgeist und Charakter bedingte Weltanschauung zur Ver- einigung mit der empirischen Welt. Wohlgemerkt ich spreche vom Philosoph der Naturwissenschaft treibt, und nicht vom Naturforscher, der philo- sophiert. Um keinen Zweifel über mein Bestreben aufkommen zu lassen, wähle ich Schopenhauer als Beispiel, also einen Fall, von dem wir sicher nicht allzuviel naturwissenschaftliehe Erkenntnis erwarten dürfen, dessen- Betrachtung uns also einzig und allein die gewünschten Zusammenhänge auf- decken wird. Der „Fall Schopenhauer" ist für unsere Zwecke ganz besonders geeignet. Wir können bei ihm die Wirksamkeit von Charakter und Zeitgeist sauber von ihrer Verquickung mit der Wirklich- keit trennen. Charakter und Zeitgeist führen zur Weltanschauung — und diese ist beiSchopen- h a u e r das primäre. Erst in zweiter Linie wird sie mit der Natur zusammengebracht und erlaubt uns so einen Einblick, wie weit sich die Natur im Forschergeist persönlich gestaltet. Grundzüge in Schopenhauer's Charakter sind Pessimismus und Egoismus. Der Pessimis- mus wurzelt uranfänglich wohl in der Weltschmerz- lichkeit, die wir bei werdenden Jünglingen häufig treffen. Wie innig er mit erotischen Krisen zu- sammenhängt zeigt ein Jugendgedicht des Philo- sophen: „O Wollust o Hölle O Sinne o Liebe Nicht zu befriedigen Und nicht zu besiegen." ^) Nun ist aber nach Riehl der Pessimismus „Schopenhauer's a priori und gleichsam der angeborene Begriff seiner Philosophie".') Deren Grundwurzeln sind damit fest im Charakter ver- ankert; ja noch mehr, sie sind wie diejenigen vieler Kunstschöpfungen aus dem sexuellen Er- leben des Urhebers erklärt. In der Metaphysik ist dieses Erleben zur Theorie geworden, begrifflich kristallisiert. Kuno Fischer glaubt sich deswegen zu dem Vorwurf berechtigt, daß Schopenhauer den Pessimismus gelehrt und dargestellt, nicht erlebt und erduldet habe;^) ja er versteigt sich sogar dazu Schopenhauer auch als Philosophen einen „großen Schauspieler" zu nennen.*) Das ist ungerecht — selbst dann, wenn für Schopenhauer in der glücklichen Schaffensperiode seines Lebens der Pessimismus nur ein Arbeitsschema war. Das Erlebnis fällt ') Gwinner, Schopenhauer's Leben. 3. Auti. Leipzig 1910. S. 42. '^) Riehl, Zur Einführung in die Philosophie der Gegen- wart. 3. Aufl. Leipzig 190S. S. 215. ') Kuno Fischer, Arthur Schopenhauer, Heidelberg 1S93. S. 126. •*) Kuno Fischer, 1. c. S. 138. zeitlich nie mit dem daraus hervorgehenden Werke zusammen. — Nicht nur vererbte Anlage sondern auch das Lebensschicksal bedingt unsern Charakter. Schopenhauer's Schicksal ist das Schicksal seiner Philosophie. Und das war bitter schlecht. Sein Werk hat lange keine Anerkennung gefunden. „Dieses Schicksal seiner Philosophie mußte not- wendig auf seinen Pessimismus verschärfend wirken".') Wir finden darum den alten Mann aus anderen Gründen ebenso düster gestimmt wie den Jüngling. Pessimismus ist der Grundzug seines Lebens. Den sexuellen Ursprung verbirgt dieser Pessi- mismus nicht, denn Schopenhauer's „Wille" ist gieriger, zweckloser Trieb — ist das Abbild einer von den Sinnen oft in quälende Fesseln geschlagenen Natur. Ein großer und zugleich düsterer Geist muß einsam stehen. Die Welt, welche ihm feindlich ist, erscheint ihm gleichzeitig nichtig und klein. So bildet sich die starke Persönlichkeit zum Egoisten und Weltverächter. Diese Seite von Schopenhauer's Charakter findet ihren theoretischen Ausdruck in Kant 's Philosophie. Schopenhauer ergreift sie darum mit beiden Händen, und bringt sie in seiner Weise auf die Formel der „Welt als Vorstellung". Die starke eigenmächtige Persönlichkeit treibt ihn aber weit über Kant hinaus. Er fühlt den ungeheuren Anteil, den er, das erkennende Subjekt, an der Weltbildung hat. So ungeheuer ist der Anteil, daß die Welt ohne das Subjekt gar nicht sein könnte. Kein Objekt ist ohne ein Subjekt.-) Wir stehen bei der Betrachtung von Kant 's Einfiuß auf Schopenhauer an dem Punkt, wo der Charakter sich mit dem Zeitgeist berührt. Das ihm gemäße nimmt er auf. Weit mehr aber müssen wir bei Schopenhauer's eigensinnigem Wesen ein negatives Verhältnis zu seiner Zeit er- warten; einen Geist des Widerspruchs. Schon seine Mutter klagt über „die Wuth alles besser wissen zu wollen, überall Fehler zu finden, außer" in sich selbst.^) Dieser Charakter offenbart sich in der fort- währenden häßlichen Polemik gegen Fichte, Schein ng und Hegel. — Um die Mitte des Jahrhunderts, zur Zeit der zweiten Auflage von Schopenhauer's Büchern, war aber die Herr- lichkeit der Idealisten bereits zu Ende. Überall stand der Materialismus in Blüte, welcher schließlich in dem Satz gipfelte „der Mensch ist, was er ißt". Gegen Vertreter solcher Lehren, wie Vogt, M o 1 e - Schott, Büchner u. a. wandte sich Schopen- hauer jetzt mit der gleichen Erbitterung. Ja, es gab genau genommen außer ein paar blindgläubigen Aposteln überhaupt keine Zeitgenossen, die ihm ■) Johannes Volkelt, Arthur Schopenhauer. 4. Aufl. S. 26. *) Vgl. Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung. § 7 in Cotta, Bibl. d. Weltlit. S. 60. ■'} Gwinner, 1. c. S. 49. 136 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 10 paßten. Alles reizte den großen „Subjektivisten" zum Widerspruch. In dem „fortwährenden" Wider- spruch steckt aber weit mehr Abhängigkeit, als Schopenhauer ahnt. Wenn ich allem, was andere lehren entgegentrete, bin ich ebensowenig frei von den anderen, wie der, welcher den anderen zustimmt. — These und Antithese regieren ja die Welt, beide schaffen ihren inneren Zusammenhang. In dem lauten Wortkampf gegen Hegelianer und Materialisten verschwindet für Schopen- hauer und damit nur allzuleicht auch für seine Leser, der positive Zusammenhang seiner Philoso- phie mit dem Geist der Zeit. Und doch liegen, wie namentlich Gwinner betont, Keime der Willenslehre schon bei Fichte vor; allerdings ist bei Fichte geistig, was sich bei Schopen- hauer als Naturpotenz offenbart.') — Und Vokelt hat gezeigt, wie Schopenhauer trotz seiner Verachtung des Materialismus, sowohl in der Er- kenntnistheorie als auch in der Metaphysik dieser Lehre verfällt.-) „So absurd er sich gebärdet" — er ist eben doch das Kind seiner Zeit. — Er ist so sehr das Kind seiner Zeit, daß R. M. Meyer ihn als den eigentlichen Philosophen der Romantik bezeichnen konnte, „der hinter den Romantikern herzieht, wie die Reue hinter der Tat".^) — Ein drittes Element bildet den Menschen ebenso stark wie Charakter und Zeit; es steht zwischen den beiden, gehört beiden an — die Erziehung. Eltern und Schulzucht werden durch die Persönlichkeit des Erziehers — und durch die Vorschriften der augenblicklichen Kultur bedingt. Selbsterziehung aber ist Charakter. Ein eigenartiges Lebenswerk wird letzten Endes oft einer eigenartigen Jugend zu verdanken sein. Weniger der Inhalt des Werkes, als die Methode. Der Inhalt dürfte meist von den Zufälligkeiten der Berufswahl und des äußeren Lebensschicksals vorgeschrieben sein. Die Methode aber hängt von unserer geistigen Veranlagung und von der Art ab, wie wir denken lernten. — Bei Schopen- hauer liegt es klar zutage. Auf weiten Reisen lernte er die Welt mit offenen Augen sehen. Der Hang junger Menschen alles anschaulich zu er- fassen wurde dadurch so gestärkt, daß eine sehr verspätete, aber mit Eifer betriebene formale Schuldbildung die „Anschaulichkeit seines Geistes" nie mehr zu unterdrücken vermochte. „Der Verstand allein erkennt anschaulich unmittelbar und vollkommen die Art des Wirkens eines Hebels, Flaschenzuges usw.".*) „Alle Diffe- rentialrechnung (erweitert) eigentlich gar nicht unsere Erkenntnis von den Kurven, enthält nichts mehr, als was schon die bloße reine Anschauung derselben".-') ') Gwinner, 1. c. S. 173. «) Volkelt, 1. c. S. 94. ^) R. M. Meyer, Die deutsche Literatur des 19. Jahr- hunderts. Berlin 1912. S. 53. *) Schopenhauer, 1. c. § 12. Cotta S. 89. • ") Schopenhauer, 1. c. § 12. Cotta S. 89. Aus solchen Äußerungen erwächst uns das Verständnis für Schopenhauer's Methode. Wenn man überhaupt von Methode sprechen darf, bei einem Manne, dem alle Gedanken unwillkür- lich mit solcher Macht aus dem Innern quellen, daß er selbst es kaum zu fassen vermag. „Scho- penhauer ist (eben) weiter als die allermeisten deutschen Philosophen von dem Typus nicht nur des Gelehrten, sondern auch überhaupt des rein theoretischen Denkers entfernt".') Diesen Abstand fühlt er. Sein grimmiger Haß gegen die Gelehrten hatte seinen Ursprung in diesem Gegensatz und sog seine Nahrung aus der demselben Gegensatz entsprungenen langen Verkennung seiner Philo- sophie. Es ist einseitig und ungerecht andere Denker deswegen zu verwerfen, weil sie nach anderen Denkmethoden verfahren. In jeder Wissenschaft wird es „anschauliche" und „abstrakte" Geister, „Geometer" und „Analytiker" geben.^) Das ist wahr. Und weiter ist wahr, daß fast nur den an- schaulichen Denkern, den „Geometern" die großen F"ortschritte zu verdanken sind. Aber auch die Analytiker sind nötig, nämlich um das anschau- lich Erkannte sicher zu stellen. Sonst verliert es sich, wie eben bei Schopenhauer, in unhalt- bare Spekulation. — Allerdings muß auch Schopenhauer trotz aller Verachtung an anderen Stellen die Not- wendigkeit abstrakter Erkenntnis zugeben. Die Urteilskraft hat nach ihm aus dem anschaulich' Erkannten die richtigen Begriffe zu gewinnen und damit den schwierigsten Teil wissenschaftlicher Arbeit zu leisten. Geleistet muß er werden, denn nur wo Begriffe sind, kann eine Verständigung, ein Zusammenarbeiten mehrerer Menschen erreicht werden. Diese Begriffe sind das Gebiet der Wissenschaft.^) So heißt es im Hauptwerk. Dem Geiste nach müßte hier allerdings stehen : Be- griffe sind das Gebiet — der Gelehrsamkeit, denn trotz aller Anerkennung der Notwendigkeit, bleibt die Verachtung des begrifflichen Wissens. „Grau teurer Freund ist alle Theorie. Und grün allein des Lebens goldener Baum". Schopenhauer will in der eignen Forschung abstrakte Methoden nicht anwenden. Ja er be- müht sich sogar die Mathematik, die abstrakteste aller Wissenschaft auf Anschauung zurückzuführen. In der zweiten Auflage seiner Dissertation und in der „Welt als WHle und Vorstellung" finden sich Versuche geometrische Beweise des Euklid durch anschauliche Erkenntnis zu ersetzen. Wenn er aber annimmt, eine Figur wie folgende, könne uns den Pythagoräischen Lehrsatz viel eindringlicher klar machen als ein „Euklidischer Mausefallen- beweis", so ist das eine völlige Verkennung der Tatsachen. Eine solche Figur ist nur beweisend für den einzigen vorliegenden Fall. Sie kann ') Volkelt, 1. c. S. III. ^) Poincare, Der Wert der Wissenschaft, übersetzt von Weber. Leipzig 1910. 2. Aufl. S. 9. ') Schopenhauer, 1. c. § 12. Cotta S. 93. N. F. XV7II. Nr. lo Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 137 weiterhin einen kühn veranlagten intuitiven Geist dazu veranlassen, den Pythagoräischen Lehrsatz vorauszuahnen, zu entdecken; allgemein beweisen kann sie ihn aber nicht. Sicher stellen kann diesen Satz erst das mühsame Verfahren des abstrakten Denkers. An vielen Stellen steigert sich S c h o p e n - hauer's Abneigung gegen mathematische Be- schäftigung zu solchem Haß, daß er jede Mathe- matik aus den Naturwissenschaften entfernt sehen möchte, daß er alles Heil von der Anschauung erwartet. Er hält die erste Intuition des Ent- deckers fast überall für die Wissenschaft selbst. — Schopenhauer's Intuition, Schopen- hauer 's „anschauliche Erkenntnis" führte ihn primär zu seiner Philosophie. Aus ihr folgen, wie wir schon sahen, sekundär seine naturwissen- schaftlichen Ansichten. Wir werden in diesen das persönliche und das zeitgemäße Element also einfach dadurch feststellen können, daß wir ihren Zusammenhang mit seiner Philosophie ergründen. Von zwei verschiedenen Seiten eröffnet sich demnach ein Zugang zum Verständnis der Schopenhauer' sehen Naturansicht. Von seiten der „Welt als Vorstellung" — und von seiten der „Welt als Wille". Dem „Subjektivisten" nach Neigung und Beruf, dem Schüler Kant 's, werden unter allen natur- wissenschaftlichen Fächern diejenigen am meisten zusagen, welche den subjektiven Gehalt des Welt- bildes am deutlichsten hervortreten lassen. Und so finden wir unter des Philosophen Büchern als das Einzige mit rein naturwissenschaftlichem In- halt ein Werk „Über das Sehen und die Farben". Der äußere Anlaß zu dieser Abhandlung ist zwar Goethe 's Farbenlehre und der persönliche Ver- kehr mit dem Dichter. Der innere Grund für die Entstehung und Entwicklung von Schopen- hauer's physiologischer Theorie aber war wohl das Bestreben an einem praktischen Beispiel die Intellektualität aller Anschauung einmal gründlich zu erläutern. Damit wird die rein naturwissen- schaftliche Arbeit zur durchaus philosophischen Beschäftigung. — Im philosophischen Wert liegt auch heute noch ihre Bedeutung, nachdem die Anschauungen im einzelnen sich als falsch oder als richtig erwiesen haben. Auf den Inhalt der F'arbenlehre, auf eine Kritik derselben und auf ihren Zusammenhang mit Goethe brauche ich hier nicht einzugehen. Das ist schon oft und gründlich geschehen. *) Der Knotenpunkt, in dem „Welt als Vorstel- lung" und „Welt als Wille" und demnach auch Physik und Metaphysik miteinander verknüpft sind, ist der Begriff der Kausalität. Fassen wir das Kausalgesetz zunächst in seiner einfachsten Form, etwa in der von Kant gegebenen: „Alles, was geschieht setzt etwas voraus, worauf es nach einer Regel folgt", '') so sind wir noch durchaus im Rahmen der exakten Naturwissenschaft. Auch Schopenhauer stellt sich bei Untersuchung des Kausalbegriffes zunächst ganz auf den Boden desselben. Ja gerade die Erörterungen über Ur- sache und Wirkung gehören zu den klarsten und nüchternsten seiner ganzen Philosophie. Darum wird ihm jeder Naturwissenschaftler beistimmen können, wenn er die Physik als eine „ätiologische" Wissenschaft bezeichnet, welche „die wandelnde Materie nach dem Gesetz ihres Übergangs von einer Form in die andere" betrachtet."') Leitfaden für diese Betrachtung ist das Kausalgesetz, das der junge Schopenhauer in geistreicher Weise als eine der 4 Wurzeln des Satzes vom zureichen- den Grunde nachweist.*) Es ist das Prinzip vom Grund des Werdens, dem die Prinzipien vom Grund des Erkennens und vom Grund des Seins gegenübertreten. Nur das erste Prinzip, das eigentliche Kausalgesetz, kommt für die exakte Naturwissenschaft in Be- tracht, während die anderen Prinzipien der for- malen Logik und der Mathematik zuzuweisen sind. An vierter Stelle steht das Prinzip der Motiva- tion. Seine Sonderstellung gebührt ihm nicht, denn in den späteren Arbeiten Schopenhauer's finden wir es als einen Spezialfall des eigentlichen Kausalgesetzes. Der Grund einer Veränderung erscheint im Hauptwerk nämlich auf dreierlei Weise — als Ursache im Reich des Unorgani- schen — als Reiz im Gebiet des Organischen und als Motiv im menschlichen Leben. Namentlich die Ausführungen über den „Reiz" haben von der neuen Biologie manche Bestätigung erfahren; in den Rahmen meiner Ausführungen gehören sie nicht. Die exakte Naturwissenschaft hat es nur mit Ursachen zu tun. Ihre Aufgabe ist es nach Schopenhauer den Erscheinungen an Hand des Kausalgesetzes, von der Wirkung zur Ursache und von dieser zur Ursache der Ursache usw. nachzugehen. Die Verknüpfung von Ursache und Wirkung geschieht in jedem einzelnen Fall durch das ent- ') Vgl. Ostwald, Goethe, Schopenhauer u. d. Farben- lehre. Leipzig 1918. Czermack, Über Schopenhauer's Theorie der Karbe. Wien. Ber. 622. 1870. S. 393 ff. Schultz, Schopenhauer in seinen Beziehungen zur Natur- wissenschaft. Deutsche Rundschau 26. Band, Heft 2, S. 263. Engelhard 1, Dichter, Philosoph, Physiker und Physio- loge über die Farben. Weltall Bd. 19. S. 37. 1918. ^) Diese Formulierung findet sich in der I. Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft. ä) Schopenhauer, 1. c. § 17. Cotta S. 136. *) Vgl. Schopenhauer, Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grün e. 138 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. lo sprechende Naturgesetz. Dieses bleibt aber nichts anderes als „die der Natur abgemerkte Regel, nach der sie unter bestimmten Umständen, sobald diese eintreten, jedesmal verfährt ..... wonach denn eine vollständige Darlegung aller Naturgesetze doch nur ein komplettes Tatsachenregister wäre".*) Dieses Tatsachenregister zu schaffen ist die Auf- gabe der Physik. Nicht größerel^Gewißheit also, sondern „Er- leichterung des Wissens durch die Form desselben und dadurch gegebene Möglichkeit der Vollstän- digkeit des Wissens" ■) ist ihr Ziel. S c h o p e n - hauer's Ansichten vom Naturgesetz haben dem- nach eine große Ähnlichkeit mit der Auffassung Kirchhoff' s, der als Ziel der Mechanik be- zeichnet: „Die in der Natur vor sich gehenden Bewegungen vollständig und auf die einfachste Weise zu beschreiben." ^) Persönlich interessant wird Schopenhauer's Stellung zur Naturwissenschaft erst in dem Augen- blick,- wo das Kausalgesetz, die Grundlage der Physik sich mit dem Philosophischen und Meta- physischen verquickt. In seiner Erkenntnistheorie tritt die Kausalität an die Stelle von Kant 's Kategorien , ist also neben Raum und Zeit eine apriorische Funktion unseres Geistes. Das führt Schopenhauer dazu, ganz im Kant 'sehen Sinne die Möglichkeit einer „reinen Naturwissen- schaft" zu behaupten. Sie ist der „Inbegriff aller apriorischen Sätze, die sich aus der apriorischen Funktion der Kausalität allein ergeben". Ihnen, nämlich dem Gesetz der Trägheit und dem der Beharrlichkeit der Substanz, kann allein wirkliche Gewißheit zukommen, allen Erfahrungssätzen nur Wahrscheinlichkeit. Sie alle führen ja zuletzt auf ein unbekanntes Etwas , das Schopenhauer im Geist seiner Zeit „Naturkraft" nennt. Mit ihr ist die Physik am Ende der Gelehrsamkeit. Die Naturkraft bleibt ihr Geheimnis, ganz gleich ob sie Schwere heißt oder die Lebenskraft, die im Organischen webt. Die Physik kann es also höchstens bis zu einem Verzeichnis sämtlicher Naturkräfte bringen ; der Naturkraft selbst kann sie mit ihrem Werk- zeug, dem Kausalgesetz, nichts anhaben, denn die Naturkraft ist dem Satz vom Grunde nicht mehr unterworfen. Sie ist nicht die Ursache, son- dern die Möglichkeit der Veränderung. Die Physik erklärt die Dinge durch etwas ihr unerklärliches. Soll sie nicht in der Luft schwe- ben, so muß sie eine Stütze suchen — und sie findet diese Stütze in der Metaphysik. Damit ist der Punkt erreicht, wo der Charakter des For- schers am mächtigsten in die Natur eingreift, — sie, wenn man will, auch vergewaltigt. Der junge Schopenhauer fühlt als sein innerstes Erleben ein qualvolles, zielloses Drängen und Trei- ') Schopenh auer . Welt als Wille und Vorstellung. § 27. Cotta S. 188. ') Schopenhauer, 1. c. § 14, Cotta S. loi. ') Kirchhoff, Vorlesungen über mathematische Physik, Mechanik. 2. Aufl. Leipzig 1S77. S. i. ben — einen dumpfen unvernünftigen Willen. Ihm, dem Subjektivisten, ist die eigene Seele der einzige Ort, wo die Natur an sich „zuletzt sich doch ergründet". Wie müssen auf einen so ge- arteten Geist Erscheinungen wirken, die in der Natur ein gleiches Drängen und Treiben zeigen: Das Fallen des Steines, das Zueinanderfliegen der Magnete — die hassende Abstoßung gleich- namiger Elektrizität! Sie zwingen ihn, auch als Grundlage der Natur, und damit als Grundlage der ganzen Welt, einen gleichen unvernünftigen Willen anzunehmen. Die „Welt als Wille" ist fertig — und fortan steht auch die Naturwissenschaft im Zeichen der „Welt als Wille".' Die Naturkraft ist die einfachste, roheste Form, in welcher sich der Wille offenbart. Schon E u 1 e r hat das Wesen der Gravitation einmal auf eine den Körpern eigentümliche Neigung und Begierde zurückgeführt. *) Den Stufen der Naturkräfte ent- spricht eine Stufenleiter des Willens und damit eine Folge verschiedener Wissenschaften. Die Schwere, die Gravitation ist die unterste Sprosse, — die Astronomie, welche nur Schwere und Trägheit kennt, ist demnach das klarste aller em- pirischen Forschungsgebiete. Und dennoch zeigt sich der Wille hier schon kapriziös, wie auf seinen höchsten Stufen. Gleicht nicht die Mondbahn mit allen ihren Störungen, Knotenläufen und Apsiden- schwankungen der launenhaften Lebensbahn eines Menschen ? Je höher wir aufsteigen ins Reich der Natur, desto komplizierter werden die Äußerungen des Willens, eine desto größere Anzahl von Fragen läßt die Wissenschaft ungelöst. — Gewiß — es ist Mythologie, was Schopen- hauer vor uns hinstellt — aber eine mächtige Mythologie, eine moderne Mythologie, eine Mytho- logie der Naturwissenschaft. Es bringt darum dem Naturwissenschaftler keine Förderung, wenn er sich in alle Einzel- heiten von Schopenhauer's Meinungen ver- tieft. Es ist ein zwar leichtes aber zweckloses Bemühen Schopenhauer's kleine Verbohrt- heiten, Mißverständnisse und Widersprüche auf- zudecken und des Philosophen häßliche Polemik gegen exakte F"orscher zu tadeln. — Seine Ansichten sind aus einem Guß und darum nur als Ganzes bedeutungsvoll. Eine Kritik darf sich nur auf das Ganze beziehen. Einen grundlegenden Widerspruch des Sy- stems, der jedem Physiker mehr auffallen wird als Botanikern und Zoologen, deckte Vokelt auf ") Schopenhauer hat in seiner Willens- metaphysik die Welt aus einem alogischen, un- vernünftigen Prinzip abgeleitet. Und doch ver- läuft, was auch Schopenhauer anerkennt , die Welt nach unveränderlichen festen Gesetzen. Der Philosoph hat den Widerspruch gefühlt und eine '1 Schopenhauer, 1. c. § 24. Cotta S. 172. ^j Vgl. Volkelt, Schopenhauer. 4. Aufl. Stuttgart. N. F. XVIII. Nr. lo Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 139 Zwischenwelt geschaffen, das Reich der platoni- schen Idee. Das ist ein Abfall vom ursprüng- lichen Grundgedanken. Der Wille benimmt sich als ob er vernünftig wäre. Ja noch mehr! Die Vernunft , die Magd des Willens , kann in der Ethik schließlich den einzigen Weltgrund, die Welt selbst überwinden. Ich glaube hier liegt der Charakter mit der empirisch gegebenen Welt im Kampf. Schopen- hauer 's starke Persönlichkeit schuf die Willens- lehre, sein Pessimismus färbte sie düster, machte den Willen zum unvernünftigen Trieb. Eine Stütze fand diese Entwicklung in dem negativen Verhältnis des Philosophen zum Zeitgeist, das heißt in diesem Fall zu Hegel 's logischer Welt. Und doch zeigte ihm die Forschung der Zeit all- überall strenge Gesetzmäßigkeit und zwang ihm so gegen seinen Charakter die Ideenlehre auf. Manchmal wird ihm dieser Abfall vom eigenen Charakter dunkel bewußt. Dann nennt er die Ideen subjektive Gebilde. Meist aber stellen sie uns die in unveränderlich starre Formen gegossene Gesetzmäßigkeit der Welt vor Augen. Zu starr sind sie geworden, denn jede Entwicklung schließen sie aus. Sind sie doch die außer der Zeit ewig gegebenen Urbilder des Seins. Hier gerät der Biologe und der Historiker in Konflikt mit Scho- penhauer. Keine Geschichte, keine Entwick- lung — und aus Haß gegen jede Entwicklung die Neigung zur alten Katastrophen-Sintflutlehre — das kann nicht wissenschaftlich ernst genommen werden. Schopenhauer's Leugnung der Entwick- lung und der erfolglose Kampf gegen die Gesetz- mäßigkeit läßt uns in manchen Augenblicken den sonst so sehr verachteten Hegel sympatischer erscheinen. Sein Weltgrund ist die Intelligenz, — und die ist dem Gesetzmäßigen verwandter als der dunkle Trieb. Aber Hegel' s „These" ist eben- so einseitig wie Schopenhauer's „Antithese". Im Hegel 'sehen Sinn müßte aus beiden die „Synthese" folgen. Wir finden sie in der Tat bei Hartmann, welcher versucht Schopenhauer's Willen mit Hegel 's intelligentem Weltgrund im „Unbewußten" zu vereinen. Widersprüche, die erst eine spätere Zeit gegen Schopenhauer herauf beschwor, können diesem nicht zum Vorwurf gereichen. Zwei Dinge sind es, welche die moderne Physik, genauer die neue Thermodynamik, betont. Der Einheitsgedanke, wie er im Energieprinzip zum Ausdruck kommt, und die Weltentwicklung, als gerichtete Größe, welche der zweite Hauptsatz lehrt. Der Einheitsgedanke gelangt bei Schopenhauer natürlich zu vollem Recht, denn seine Lehre ist monistisch. Die Weltenentwicklung aber ist für ihn ohne Ziel. Die Zweckmäßigkeit, das Zueinanderpassen der Teile, kommt nur dadurch hinein, daß alles der Ausfluß eines einzigen Willens ist. Sie verliert aber ihren Sinn, da sie kein Endziel hat und die Harmonie der Teile von einem gegenseitigen Zer- fleischen überwogen wird. Die Welt findet ihren Abschluß nur in der einzelnen, weltüberwindenden Gestalt des Asketen. Schopenhauer's Ethik reißt die größte Kluft zwischen seiner Weltanschauung und unsere Natur- wissenschaft, unsere Kultur. Die heutige Physik läßt ein Weltziel ahnen; dem strebt aber nicht das einzelne zu, sondern die Welt überhaupt. Das einzelne ist nur ein kleiner Teil des Ganzen und hat innerhalb der Gesetze des Ganzen zu wirken. So berühren sich Physik und moderne Kultur. Schopenhauer aber ist extremer In- dividualist, sein Asket nimmt den Kampf auf mit der ganzen Welt. Hier ist nicht der Ort Schopenhauer's metaphysische Träume weiter auszuspinnen und vielleicht gar den Versuch zu machen sie in Ein- klang mit den Fortschritten der Physik zu bringen. Hier sollte nur an einem „krassen Fall" gezeigt werden, welchen Einfluß Charakter und Zeitgeist auf die Weltanschauung haben. Gerade die Wider- sprüche in Schopenhauer's System konnten dies vielleicht am besten tun. Wenn auch im Weltbild des normalen Gelehrten und des natur- wissenschaftlich gebildeten Laien keine so unge- heuer mächtigen Kräfte am Werke sind wie bei Schopenhauer, so werden die schwachen Kräfte im kleinen doch ähnlich wirken und Ver- hältnisse zustande bringen, deren Vergrößerung ins Gigantische die hier vorgeführten sind. Und darum wird vielleicht das Überlebensgroße an Schopenhauer uns recht eindringlich zeigen, wo wir Einflüsse auf jedes Weltbild zu suchen haben — und wo wir uns vor persönlichen Fehlern hüten müssen. Einzelberichte. Botanik. Haberlandt hat die Frage: inwie- weit unterliegen die Zellmembranen der Verdauung im tierischen Darm? mit den Untersuchungs- methoden der botanischen Mikroskopie in Angriff genommen und gibt jetzt einen Bericht über die Ergebnisse (Beiträge zur Allgemeinen Botanik, Bd. 1, 191 8, S. 501). Sie sind nicht nur lehrreich im Hinblick auf die Ernährungsphysiologie, son- dern gewähren auch interessante Einblicke in chemische und strukturelle Eigentümlichkeiten pflanzlicher Zellmembranen, auf die man gewisser- maßen den tierischen Organismus als neues Reagens hat einwirken lassen. Neben der Zellwand wur- den gelegentlich auch die Zeilinhaltsbestandteile, wie z. B. die Zellkerne berücksichtigt. Es wurde zunächst geprüft, wie sich pflanzliche Stoffe im menschlichen Verdauungskanal verändern. Blattfragmente von gekochtem Grünkohl waren im 140 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 10 Kot weitgehend mazeriert, sie waren aber nicht aufgelöst, sondern nur stark gequollen. Kutikula und Spiraltracheiden blieben ganz unverändert. Die Zellkerne waren verschwunden, wie sich be- sonders deutlich in den Schließzellen nachweisen ließ. Die natürliche Verdauung wirkt also anders als die künstliche mit Pepsin-Salzsäure, die be- kanntlich Zellkerne nicht angreift. In einem an- deren von Rubner angestellten Versuche ver- mochte die Versuchsperson die Zellwandsubstanz des Wirsingkohls noch wesentlich stärker anzu- greifen. Nicht weniger als 88,32 "/„ wurden resor- biert, und im Kote fanden sich nur Fetzen von Kutikula, Kollenchymfragmente und Bruchstücke der Wasserleitungsröhren, die aber auch in eigen- tümlicher Weise zerfallen waren. Von den Zell- wänden des Schwamm- und Palisadenparenchyms war nichts mehr nachzuweisen. Nach dem Genuß von feingeschliffenem Birkenholz waren die Holz- zellbruchstücke an den Enden oft pinselartig auf- gelockert. Bei Buchenholz war dies nur selten zu bemerken, dagegen waren lokale Korrosionen häufig, die auch sonst an im Kot befindlichen Zellfragmenten dickerer Art sichtbar, von Haber- landt jedoch wohl mit Recht auf die enzymati- sche Wirkung anhaftender Kolonien zellulose- lösender Bakterien, also nicht unmittelbar aufVer-* dauungskräfte selber zurückgeführt werden. Wie Rubner schon feststellte , vermag der Hund, seltsamerweise, kann man wohl sagen, Birkenholz- schliff ziemlich gut auszunutzen. Er resorbiert 30,21 "/(, der Zellmembransubstanz. Dement- sprechend waren die Holzteilchen stark korrodiert. Noch auffallender war der Befund R u b n e r ' s , daß der Hund von gepulverter Haselnußschale 29,6 "/„ resorbierte. Mikroskopisch erinnerten viele der Sklerenchymzellen an korrodierte Stärke- körner. Das Rind ist imstande, im Roggenstroh, das in Form von Häcksel verfüttert wurde, die Parenchymstreifen , die zwischen den Bastrippen entlangziehen, bis auf die letzten Reste aufzulösen, desgleichen die Siebteile der Gefäßbündel. Das Schaf nutzte, wie Haberlandt in Gemein- schaft mit Z u n t z feststellte, Birkenholzschliff noch wesentlich besser aus als der Hund, es konnte von der Rohfaser 50,06 % in Lösung bringen. Mikroskopisch kam dies in gruben-, loch- oder spaltenartigen Korrosionen der Holzzellen, sowie in einer eigenartigen Änderung ihrer Mikrostruktur zum Ausdruck, die den Schluß nahelegte, daß aus den Zellmembranen gewisse Stoffe herausgelöst werden. Markstrahlen zeigten nur geringe, Ge- fäße gar keine Veränderung. Chemisch aufge- schlossenes, d. h. durch Kochen mit Natronlauge mit oder ohne Druck gewonnenes Stroh, soge- nanntes Kraftstroh, ist nach den Erfahrungen der Landwirte ein sehr gutes Futter. Die mikrosko- pische Untersuchung ergibt zunächst eine sehr weitgehende Isolierung der Zellen, ferner eine starke Quellung der Zellmembranen und eine Be- freiung derselben von den inkrustierenden Holz- substanzen. Sie geben im Gegensatz zum gewöhn- lichen Stroh nicht mehr die charakteristische Rot- färbung mit Phlorogluzin und Salzsäure. Ein so verändertes Stroh muß begreiflicherweise den ver- dauenden Kräften des Tieres eine wesentlich bessere Angriffsfläche bieten. Im Pferdekot waren denn auch die Bastzellen weitgehend an- genagt und stellenweise abgeschmolzen; charakte- ristisch waren zahlreiche Bakterien. Nach Bieder- mann enthält das Lebersekret der Schnecken auch eine Zytase, die nicht nur Reservezellulose, sondern auch gewöhnliche Wandsubstanz, soweit sie nicht kutikularisiert oder verholzt ist, aufzu- lösen vermag. Haberlandt fütterte nun Schnek- ken mit Kohlblättern, prüfte den Kot und fand, daß die Zellwände des Palisaden- und Schwamm- parenchyms vollständig, die Epidermis bis auf ihre kutikularisierten Bestandteile, das KoUenchym da- gegen sowie die gesamten Gefäßbündel (merk- würdigerweise mit Einschluß des Siebteiles) gar nicht aufgelöst werden. Auch Zellkerne waren nicht mehr nachzuweisen, doch waren die Chloro- phyllkörner noch unterscheidbar. Die großen Zellkerne von Tradescantia wurden im Schnecken- darm zu geschrumpften, sehr inhaltsarmen Gebilden umgewandelt. Kartoffelstärke wurde im Gegen- satz zu den Beobachtungen von Stahl und Biedermann in freilich nur geringem Maße an- gegriffen Holzzellen des Birkenholzes wurden in Büschel aufgefasert, die Hyphen von Hutpilzen wahrscheinlich ausgelaugt. Interessant war die Untersuchung von Raupenkot. Raupen des Kohlweißlings vermögen nämlich die Zellwände so gut wie gar nicht anzugreifen , das Zellnetz bleibt ganz intakt und sieht normal aus. Auch Stärke wird nur schwach verändert. Dagegen werden Plasma und Zellkerne auch aus nicht ge- öffneten Zellen fast vollständig herausgelöst und die Chlorophyllkörner stark angegriffen. Eine Eule (Agrotis polygona) und der braune Mönch (Cucullia verbasci) verhielten sich ebenso, dagegen war eine Minierraupe (Cemiostoma laburnella) be- fähigt, Zellwände wenigstens teilweise zu ver- dauen. Die Verdauungstätigkeit holzfressender Raupen (untersucht wurde das Blausieb Zeuzera pyrina) scheint sich vorwiegend auf das Markstrahl- gewebe zu erstrecken, und zwar ist hier wiederum der plasmatische Inhalt samt den Zellkernen voll- ständig herausgelöst. Raupen scheinen also kleine Feinschmecker zu sein, die nur die wertvollsten Bestandteile aus ihrer Nahrung herausziehen , sie stehen den Fleischfressern näher, als man nach ihrer Rohnahrung vermuten sollte. Zum Schluß sei noch darauf hingewiesen, daß namentlich bei den Säugetieren und hier wieder- um bei den Pflanzenfressern, vor allem bei den Wiederkäuern die Frage der Ausnutzbarkeit von Zellulose dadurch kompliziert wird, daß nicht nur die Verdauungssäfte des Tieres, sondern auch die Enzyme der Darmbakterien dabei eine Rolle spielen. Miehe. N. F. XVIII. Nr. 10 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 141 Das Frühtreiben der Pflanzen und die Winter- ruhe der Holzgewächse. Seitdem Johannsen 1900 sein Äther= Treibverfahren bekannt gemacht hat, sind eine ganze Reihe anderer Methoden aufgefunden worden, die es ermöglichen, die Ruhe- zeit der Holzgewächse abzukürzen und ihre Knospen zum vorzeitigen Austreiben zu bringen (vgl. Nat. Woch. 1916, S. 507). Neuerdings hat sich Friedl Weber im pflanzenphysiologischen Institut zu Graz mit solchen Versuchen beschäftigt und fest- gestellt, daß Zweige des spanischen Flieders, der Linde, der Esche, der Roßkastanie, der Buche sich frühtreiben lassen, wenn sie einen 24 — 48 stündi- gen Aufenthalt in stark acethylenhaltiger Luft durchgemacht haben. Er fand weiter bei Ver- suchen, die auf den Flieder beschränkt wurden, daß Wasserstoff, Stickstoff, Kohlensäure, Ammoniak- und Formaldehyddämpfe einen ähnlichen Einfluß ausüben, und als er Lindenzweige stundenlang in Wasserstofifsuperoxydlösung (10%, auch 5%) badete, wurde gleichfalls eine vorzeitige Entwick- lung der Knospen erzielt. Von gewissen theore- tischen Erwägungen ausgehend, untersuchte er dann auch die Einwirkung von Cyankali auf Fliederzweige und stellte fest, daß ein mehrstün- diges Bad in verdünnten (0,1 proz.) Lösungen dieser Verbindung die Ruhezeit der Knospen wesentlich abkürzte. Die Ergebnisse der Versuche haben nun We b e r Veranlassung gegeben, die Wirkungsweise der Früh- treibmethoden und im Zusammenhange damit die Ursachen der Winterruhe eingehend zu erörtern. Er erklärt den Einfluß der Treibmittel im Sinne der Verworn 'sehen Narkosetheorie durch vor- übergehende Behinderung der Sauerstoft'atmung unter gleichzeitiger Fortdauer der intramolekularen Atmung. Er ist geneigt anzunehmen, daß die hierbei entstehenden geringen IVIengen bestimmter Stoffe (z. B. Alkohol) einen stimulierenden Einfluß auf das Wachstum ausüben, wodurch der Austritt aus der Ruhe beschleunigt wird. Zu dieser An- schauung kam Weber wesentlich durch den positiven Ausfall der Versuche rnit Cyankali, von dem bekannt ist, daß es die Atmung herabsetzt. Nach .den Untersuchungen von iVIansfeld (1911) wirken Narkotika, Sauerstoffmangel und Blausäure- dampf beschleunigend auf die chemischen Prozesse beim Keimprozeß (Steigerung des Fettverbrauchs). Da auch in Weber's Versuchen das als Narko- tikum zu betrachtende Acetylen, der Sauerstoff- mangel (Stickstoffatmosphäre usw.) und Blausäure (Cyankali) übereinstimmend wirken, so kann (ob- wohl die Analogie mit der Keimung nicht völlig zutrifft) angenommen werden, daß auch beim Frühtreiben eine direkte Beschleunigung chemi- scher Prozesse eintritt. Eine zweite Erklärung der Erscheinung des Frühtreibens stützt Verf. auf die von einigen Forschern festgestellte Tatsache, daß die Epider- miszellen der amerikanischen Rhoeo discolor (einer Verwandten von Tradescantia) im Winter, wo sie eine Ruhezeit durchmacht, für verschiedene StofTe viel weniger durchlässig (permeabel) sind als in den Sommermonaten (vgl. Nat. Woch. 1918, S. 93). Hieraus wird auf die Möglichkeit geschlossen, daß der Eintritt der Holzgewächse in die Ruheperiode mit einer Verringerung der Durchlässigkeit, der Austritt aus der Ruhe mit ihrer Erhöhung zu- sammenhänge. Tatsächlich ist für mehrere Treib- stofife (Cyankalium, Wasserstoftsuperoxyd, Ammo- niak usw.) nachgewiesen, daß sie die Permeabilität der Zellen erhöhen. Klebs führt den Eintritt der Holzgewächse in die Ruhe darauf zurück, daß infolge Vermin- derung des Wachstums (durch Nachlassen irgend- eines wesentlichen Faktors, wie Wärme, Feuchtig- keit, Nährsalzgehalt, Licht) eine Abnahme des Ver- brauchs und damit eine Speicherung organischer Stoffe eintritt, deren Menge so im Verhältnis zu dem Gehalt an Nährsalzen zu groß wird (rela- tiver Nährsalzmangel), und daß hierdurch der Stoff- wechsel, besonders die fermentative Tätigkeit, ein- geschränkt wird. Gegenüber der letzten Annahme fügt Weber den von anderer Seite gemachten Einwänden das Ergebnis eigener Versuche hinzu, in denen sich durch Enzyme (Diastase) oder Akti- vatoren von Enzymen (Milchsäure, Mangansalze u. a.) die Ruheperiode nicht aufheben ließ. Die Zurück- führung der Wachstumsverminderung ausschließlich auf äußere Einflüsse (namentlich Mangel an Nähr- salzen) wird von den meisten Forschern, auch von Weber, abgelehnt; wogegen dieser des Näheren darlegt, daß die zuerst von Simon 1914 aus- gesprochene Ansicht, der Eintritt in die Ruhe werde durch die Bildung von Ermüdungs- (Hemmungs)st offen bedingt, trotz der Ein- wände von Klebs Anspruch auf Beachtung habe. Nach Reinitzer (,1893) würden die Ermüdungs- stofife u. a, eine Verlangsamung oder Einstellung des Wachstums herbeiführen können. Es liegen einige weitere Angaben vor, daß wirklich solche Stoffe i^Kenotoxine nach Weichard t) in der Pflanze gebildet werden. Der Eintritt in die Ruhe würde dann durch einen autonom entstandenen Depressionszustand bedingt sein. Die durch die Ermüdungsstoffe hervorgerufene Verminderung des Wachstums könnte weiterhin die von Klebs geforderten Folgen (Speicherung der Assimilate, Herabsetzung der Fermenttätigkeit) und damit die Vertiefung des Ruhezustandes nach sich ziehen. Vgl. hierzu die Untersuchungen Gaßner's über Wintergetreide usw., Natur w. Wochenschr. 191 8, S. 29. (Sitzungsberichte der Wiener Akademie. Math.-Naturw. Kl. Abt. i, 1916, Bd. 125, S. 189 bis 216, 311-351; 1918, Bd. 127, S. 57-90- F. Moewes. Periodische Erscheinungen an Wurzeln. Wäh- rend im Dickenwachstum der Wurzeln sich jene Periodizität des Zuwachses, wie sie im Stamme zur Bildung der Jahresringe führt, nur undeutlich geltend macht, treten im Längenwachstum merk- würdige periodische Erscheinungen auf, über die 142 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. lo M. Plaut (Festschrift zur P'eier des loo jährigen Bestehens der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim, S. 129) im Anschluß an seine früheren Untersuchungen zusammenfassend berichtet. Die Spitzen der Wurzeln schließen sich nämlich im Herbst durch ein besonderes Gewebe ab, das oft, aber nicht immer braun gefärbt ist und aus ver- korkten Zellen besteht. Bei den Dikotylen , und zwar wahrscheinlich bei allen unseren Sträuchern und Bäumen, findet dieser Abschluß in der Weise statt, daß sich die Wurzelhaube mit einer Schale verkorkter Zellen umgibt, die meist oben an die die älteren Wurzelpartien umkleidende Korkschicht anschließt. Bei manchen Gymnospermen ist dieser Abschluß noch komplizierter, indem vom Rande der Spitzenkappe rings noch eine Korklamelle das Rindengewebe bis zur Endodermis durchsetzt, so daß auch von oben her das Wurzelmeristem bis zum zentralen Gefäßbündel abgeschlossen wird. Diese Hüllen werden nun im Frühjahr wieder durchbrochen, oft, wie z. B. besonders deutlich bei Ribes sanguinea und bei Taxus, kann man diese periodischen Durchbrechungen in Form von Einschnürungen deutlich feststellen. Wahrschein- lich müssen auch die merkwürdigen Kurzwurzeln, die man im Herbst an Roßkastanien auftreten sieht, mit den obigen Erscheinungen in Zusammen- hang gebracht werden. Plaut faßt sie geradezu als ruhende Wurzelknospen auf. Miehe. Medizin. A.W. Fischer- Halle (Münchener medizinische Wochenschrift, Nr. 46, vom 12. No- vember 19 18) beantwortet die Frage: weshalb sterben an der gegenwärtigen Grippe gerade die kräftigsten Personen im Alter von 20 — 35 Jahren? in emleuchender Weise. Bei den Mischinfektionen spielen bekanntlich Eitererreger die Hauptrolle. Die von letzteren gebildeten Gifte sind Endotoxine, d. h. im Körperplasma der lebenden Bakterien eingeschlossen ; erst wenn diese abgetötet sind und zerfallen, werden die Gifte frei und können, durch die Körpersäfte verbreitet, ihre verderbliche Wirkung ausüben. Nun sind aber gerade die kräftigsten und mit Immunstoffen am besten aus- gerüsteten Menschen am ehesten dazu befähigt, jene Keime zu vernichten, so daß mit den als- dann in Freiheit gesetzten Endotoxinen der Or- ganismus geradezu überschwemmt wird und der akuten Vergiftung erliegt. Dem Gesagten ent- spricht auch ganz die wiederholt beobachtete Er- scheinung, daß schwächere und kachektische In- dividuen die Mischinfektion leichter überwinden; die Eitererreger werden bei ihnen nach und nach vernichtet, so daß der Organismus die Giftwirkung der geringeren Menge von Endotoxinen besser übersteht. Kathariner. Anatomie. Der menschliche Wurmfortsatz ist bisher allgemein als ein rudimentäres Organ be- trachtet worden, dem man auch keine besondere Funktion zuschrieb. Peter berichtet in der Münchener Med. Wochenschr. (Jahrg. 65, Nr. 48) über neuere P"orschungen, welche die bisherige Anschauung umzuwerfen scheinen und den Wurm- fortsatz als ein mit besonderer Funktion versehenes Organ erkennen lassen. Schon vor zehn Jahren hatte Peter betont, daß er in der Appendix ein lymphoides Organ sähe. Der im Kriege gefallene Anatom Muthmann hat in einer vergleichenden anatomischen Arbeit die Frage behandelt, ob der Wurmfortsatz als ein rudimentäres Organ zu be- trachten sei. Die Entwicklung des Blinddarmes, zu dem der Wurmfortsatz ja nur einen Anhang bildet, zeigt in den verschiedenen Säugetierklassen eine ganz verschiedene Ausbildung, und zwar so, daß von einer Rückentwicklung desselben in einer bestimmten Klasse nicht die Rede sein kann. Allem Anschein nach hängt die Ausbildung des- selben von einer bestimmten Funktion ab. Beim Pferd ist eine bedeutende Zelluloseverdauung im Blinddarm nachgewiesen. Muthmann zeigt, daß bei den meisten Pflanzenfressern die Größe des Blinddarms im umgekehrten Verhältnis zur Kom- pliziertheit des Magens steht, so daß der Blind- darm gegebenenfalls für den Magen eintreten muß. Der Wurmfortsatz findet sich als einzige Zökal- bildung beim Schnabeltier und den Edentaten, bei dem Beuteltier Phascolomys, dem Hasen, dem Menschenaffen und dem Menschen ist er dagegen als ein Anhängsel eines weiten Zökums vor- handen. Da die vergleichende Anatomie die An- schauung, daß der Wurmfortsatz ein rudimentäres Gebilde sei, nicht unterstützt, so wird diese Theorie abgelehnt. Es wird gezeigt, daß die Variabilität der Länge des Wurmfortsatzes, die so häufig als ein Beweis für seine Natur als rudimentäres Organ angeführt wird, im Verhältnis nicht größer ist als die der Länge des Darmes. Also auch dieser Be- weis wäre hinfällig. Der Bau der Appendix, deren Lumen eng ist, und der Falten und Haustren fehlen, ist der eines lymphoiden Apparates. Muthmann bezeichnet sie als eine Tonsilla coecalis. Der Bau dieses Organes ist derart, daß er gegen das Darmlumen möglichst abgeschlossen ist. Aus alledem geht hervor, daß es sich nicht um ein gleichgültiges Organ handelt, sondern, daß es eine spezielle Funktion haben muß. Mo liier und Jolly spre- chen von lymphepithelialen Organen, bei denen bestimmte Beziehungen zwischen den Lympho- cyten und den Epithelien bestehen (Thymus, Ton- sillen, Bursa fabricii der Vögel). Hierzu gehören auch die Tonsillen des Kaninchendarmes, speziell die in der Appendix. Über die P"unktion dieser Organe ist noch nichts bekannt. Vielleicht stehen sie in Beziehung zum Wachstum. Den Einwurf, daß der Wurmfortsatz ohne Schaden für den Körper entfernt werden könne und häufig erkranke, und daher schädlich oder gleichgültig für den Organismus sei, tut Peter damit ab, daß er annimmt, es träten in diesem Falle andere lymphoide Organe vikariierend für den Wurmfortsatz ein, wie es ja z. B. für die Nieren N. F. X II. Nr. 10 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 143 bei der Entfernung der einen Niere bekannt ist. Die häufige Erkrankung sei auf unsere unhy- gienische Lebensweise zurückzuführen. In der Tat sollen auch bei anderen Völkern mit anderer Lebensweise die Erkrankungen des Wurmfortsatzes weit seltener sein. Willer. Physik. Im Jahrbuch für drahtlose Telegraphie und Telephonie XIII (1918) S. 333 berichtet Ober- ingenieur E. Quäck, Neues über die Großstation Nauen. Als mit Ausbruch des Krieges Deutsch- land von seinen Feinden blockiert und von aller Welt abgeschnitten wurde, war es von größter Wichtigkeit drahtlos mit der neutralen Welt namentlich mit Amerika in Verbindung zu treten. Hier stand die der Atlantic Communication Co. gehörige Station Sayville auf Long Island nörd- lich New York zur Verfügung, die mit dem Sy- stem tönende Löschfunken für 35 KW (Kilowatt) Antennenenergie für den Küstendienst eingerichtet war. Dank verbesserter Empfangseinrichtung ge- lang es, hier drahtlose Telegramme der deutschen Großstation Nauen (Entfernung 6400 km) zu emp- fangen. Als Sayville 191 5 mit einer Hochfrequenz- maschinenanlage für 100 KW Antennenenergie ausgerüstet wurde, gelang es im Juni 1915 trotz aller möglichen Schwierigkeiten von selten der Entente auch von Amerika nach Deutschland draht- lose Nachrichten zu senden. Trotz der beträcht- lichen Leistungen der Großstation Nauen — sie betrug insgesamt im Jahre 191 5 1,33 und 1916 2,58 IVIillionen Wörter — ging man mit großer Energie daran, die Strahlungsleistung von Nauen erheblich zu vergrößern, während das bei Sayville leider nicht möglich war. In welchem Maße das gelungen ist, zeigt folgende kleine Tabelle. gelenk und in 150 m Höhe mit einem zweiten versehen. Durch gegen die Erde isolierte Spann- drähte werden sie gehalten. Ihre Bauzeit betrug 12V2 IVIonat, während die 150 m hohen Masten für die kleine Antenne in 4V2 Monaten (im strengen Winter 19 16/ 17!) hergestellt sind. Da die große Antenne eine Länge von 3 km hat, war die Auf- hängung der Antennendrähte schwierig; sie sind über Rollen geführt, welche mit besonderer Iso- lation an Dachseilen, die über die 260 m hohen Masten gehen, befestigt sind. Für Sturm und Eisbelastung (es wurde Eisbelag bis zu 6 cm Dicke beobachtet) waren besondere Ausgleichs- vorrichtungen nötig. Schwierigkeiten machte bei den hohen Spannungen die Isolation, besonders da sie wegen den gewaltigen Dimensionen der Masten und Antennen große Belastung aushalten muß. Es wurden Porzellankörper benutzt, die immer so angebracht sind, daß sie nur auf Druck beansprucht werden. Trotz der gewaltigen Energie- menge, die von den Antennen aufgenommen wird, zeigt die große bei 600 KW und die kleine bei 200 KW genügende Isolierung auch bei feuchtem Wetter. Zur Erzeugung der Sendeenergie dient für die große Antenne eine Hochfrequenzmaschine nach dem Induktortyp von 800 Pferdestärken. Die Wellenlänge ist 12,5 km. Es können 200 Ruch- staben in der Minute gegeben werden. Der Wir- kungsgrad, berechnet von der Energieaufnahme des Antriebmotors bis zur Antennenenergie ist sehr günstg, nämlich 65 "/„. Seh. Physiologie. Durch eine ausführlich beschrie- bene instrumentale Einrichtung gelang es, die Blutbewegung in den Haargefäßen im mikrosko- 1918 Masten 1908 I V. 100 m Höhe Antennentläche 31 000 qra Antennenleistung 12 KW Erregungsart langsame Funken Reichweite 3600 km große Antenne 2 V. 260 m > ,,.., ■ Hohe 4 V. 120 m j 155 500 qra 400 KW Hochfrequenzmaschinen 20 000 km kleine Antenne V. ii;o m 1 u- 1 ^ ; Hohe V. 135 ra ) 77 560 qm 100 KW tönende Funken 8000 km Die erste Spalte berichtet über die Einrichtung der Station Nauen im Jahre 1908, die zweite da- rüber, wie sie bis zum Jahre 19 18 und zwar namentlich während des Krieges verbessert wor- den ist. Ein besonderer Vorteil ist es, daß zwei An- tennen — in der Tabelle als große und kleine bezeichnet — vorhanden sind. Dadurch wird die Wirtschaftlichkeit der ganzen Anlage beträchtlich gesteigert , außerdem wird dadurch eine erhöhte Betriebssicherheit gewährleistet, da bei Defekten der einen mit der anderen gearbeitet werden kann. Die große Antenne, die 400 KW aufnimmt, hat T-Form, die kleine mit 100 KW die Gestalt eines horizontalen Dreiecks. F"ür die erstere sind zwei 260 m hohe Masten aus Eisengitterkonstruktionen errichtet; am Fuße sind sie mit einem Kugel- pischen Bild zur Anschauung zu bringen und die Geschwindigkeit der Bewegung der roten Blut- körperchen auf mikrophotographischem Weg zu registrieren (Adolf Basler- Tübingen, Pflüger's Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Tiere, 171. Band, 191 8). Als Versuchobjekt dienten die Haargefäße eines Beinmuskels (M. sartorius) des kurarisierten Frosches. Die Lichtquelle war eine Bogenlampe und zur Durchleuchtung von unten diente ein Glasstäbchen als Lichtleiter, welches in das Ge- webe des Muskels eingeführt wurde. Durch einen Längsschnitt der Haut wurde der Muskel frei- gelegt und das Blutgefäß auf dem Objekttisch des Mikroskops dem Auge sichtbar gemacht. Da der Verlauf der Haargefäße zwischen den Fasern des Springmuskels annähernd geradlinig ist, war 144 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 10 das Objekt relativ günstig zur Feststellung der Strömungsgeschwindigkeit. Dieselbe betrug im Durchschnitt 0,24 — 1,7 mm pro Sekunde; im Durchschnitt, weil das Blutkörperchen mehr oder minder axial liegen oder der Gefäßwand genähert sein kann und weil die Geschwindigkeit vom je- weiligen physiologischen Zustand abhängt. Trotz- dem das Serum denselben Brechungsexponenten wie der Lichtleiter hatte, so daß es einen Teil der Lichtstrahlen absorbierte, konnte durch Regu- lieren der Lichtquelle die Durchleuchtung stark genug gehalten werden. Kathariner. Anthropologie. Der Sexualdimorphismus der Wirbelsäule des Menschen. Es ist zweifellos für viele Wissenszweige (Prähistorie, Gerichtsmedizin usw.) von Bedeutung, ein einfaches IVIittel zu haben, welches es erlaubt, aus einem Wirbelknochen mit Sicherheit zu erkennen, ob derselbe einem männ- lichen oder weiblichen Individuum angehört hat. Nachdem er schon früher mitgeteilt hätte, wie sich aus dem Gewicht und dem Querdurchmesser des Wirbelknochens das Geschlecht eines er- wachsenen IVIenschen ermitteln ließe, machte Marcel Baudouin in der Sitzung der Pariser Akademie der Wissenschaften vom 28. Oktober 1918 entsprechende, für jedes Alter gültige Daten be- kannt (C. R., Tome 167, Nr. 18). Für die jüngere Steinzeit betrage das Gewicht für den Mann mehr als 6 g, für das Weib weniger, bis 4 g ; der Querdurchmesser wäre mehr als 45 mm bzw. 4o — 45 mm. Für das Jugend- und das Kindes- alter träfen diese Zahlen nicht zu. Der Quer- durchmesser nämlich könnte hier über 45 mm und das Gewicht unter 4 g sein. Er hätte deshalb den Durchmesser des Rückenmarkkanals des Hals- wirbels als Unterscheidungsmerkmal herangezogen. Es wäre die Differenz zwischen sagittalem und transversalem Durchmesser beim Mann bedeutend größer als beim Weib. Bei ersterem schwanke sie zwischen 4 — 7 mm, bei letzterem nur zwischen I — 3 mm. Betrüge also bei einem jugendlichen Knochen die Differenz 1 — 2 mm, so handelt es sich um ein Weib. Mit den gebräuchlichen an- thropologischen Indizes wären die Zahlen : Mann 65 — 75, durchschnittlich 70, Weib 85 — 95, im Durchschnitt 90. Die sexuelle Differenz beträgt also 90 — 70 = 20. Es wäre danach jedem Ana- tom möglich, nach einem Wirbel allein das Ge- schlecht zu bestimmen. Für die Gerichtsmedizin wäre dies besonders wertvoll, da der Knochen auch nach Verscharren, Beerdigung usw. erhalten bliebe. Kathariner. Anregungen und Antworten. Zu dem Aufsatz von V. Br eh m über geschlechtsbegrenzte Speziesmerkmale (Naturw. Wochenschr. N. F. XVllI [1919], Nr. I, S. 4 — 8) lassen sich noch sprechendere Parallelbeispiele aus dem Pflanzenreich anführen. Während aber bei den Kopepoden das Männchen in der phylogenetischen Entwick- lung dem Weibchen vorausschreitet (,, Gesetz der männlichen Präponderanz"), in der Weise , daß zuweilen nahe verwandte Arten nur im männlichen Geschlecht unterscheidbar sind, in- des die Weibchen morphologisch identisch erscheinen, zeigen umgekehrt bei diözischen Pflanzen im allgemeinen die weib- lichen Stöcke in der Geschlechtssphäre (d. h. der Blüte) die Artmerkmale viel stärker differenziert als die männlichen In- dividuen. Mtlandritim dioecmn (L.) Schinz et Thell. (= M. silvestrr Röhl. = M. rubrum Garcke) und AI. album (Mill.) Garcke sind sicherlich 2 gute Arten, die sich auch tatsächlich mit Hilfe reifer Früchte sehr leicht und absolut sicher trennen lassen (abgesehen von Bastarden); aber die Unterscheidung der männlichen Stöcke bereitet häufig Schwierigkeiten, da weder die Drüsenbehaarung des Kelches noch die Farbe der Kronblättcr zuverlässige Unterschiede abgeben, es bleibt als fast einziges Unterscheidungsmerkmal die — bei M. dioecum geringere — Größe der Kelche. Auch das dem M. album sehr nahe verwandte (und vielleicht nur als Unterart desselben zu bewertende) M. divaricatum (Rchb.) Fenzl (= M. macro- carpuvi Willk.) ist von der Hauptart wohl nur in fruchtreifen 9 Exemplaren mit Sicherheit zu unterscheiden. Auf ähnliche Verhältnisse bei der Gattung Amarantus habe ich schon früher (in Ascherson und Graebner's Synopsis V.[i9i4]) hin- gewiesen und u. a. betont, daß bei den diklinen Blüten dieser Gattung die Blütenhülle der 9 Blüten (oft in Verbindung mit einer verbreitungsbiologischen Funktion) morphologisch stärker difi'erenziert ist als diejenige der o^ Blüten, in dem Maße, dafi oft die Merkmale der 9 Blüten allein für die Systematik ver- wertbar sind (S. 227). Die monözischen Arten sind daher zu- weilen im ersten, t/' Stadium, so lange die 9 Blüten noch un- entwickelt sind, geradezu unbestimmbar (S. 231). Und das- selbe gilt auch für die o^ Exemplare der (nordamerikanischen) diöziscRen Amaranfus-Arlea. Über die Vorkommensverhältnisse derselben ist mir leider nichts Näheres bekannt; in den Her- barien liegen oft cf^ Exemplare neben den 9, aber auf ihre Zusammengehörigkeit ist wohl lediglich aus dem gemeinsamen Vorkommen geschlossen, worden. Wie nun aber, wenn einmal nur das qt^ Geschlecht zur Entwicklung kommt oder 2 nahe verwandte diözische Arten durcheinander wachsen? Wird es auch dann noch möglich sein, die spezifische Zugehörigkeit der cr^ Exemplare zu ermitteln? Zurzeit sind isolierte c/^ Stöcke wohl als unbestimmbar zu taxieren. Ja selbst die ver- wandte (diözische) Galtung Acnida ist gegenüber Amarantus ausschließlich auf Merkmale der 9 Pflanzen begründet; ver- einzelt verschleppte (/' Exemplare (vgl. a. a. O. S. 357) lassen sich daher nicht nur nicht spezifisch, sondern selbst nicht ein- mal nach ihrer Gattungszugehörigkeil sicher diagnostizieren I — Es eröffnet sich also auch hier, wie bei den Kopepoden, der experimentellen Untersuchung ein weites Feld, um (z. B. durch Kreuzungen) festzustellen, wieweit die phänotypisch identisch erscheinenden cf^ Pflanzen doch genolypisch ver- schieden sind. A. Thellung (Zürich). Inbalt: August Hippel, Die morphologische Gliederung des Wasserleilungssystems der höheren Pflanzen in ihrer Be- ziehung zur Physiologie der Wasserversorgung. (6 Abb.) S. 129. Victor Engelhardl, Scnopenhauer's Stellung zur exakten Naturwissenschaft. (l Abb.) S. 134. — Einzelbericbte: Haberlandt, Inwieweit unterliegen die Zellmembranen der Verdauung im tierischen Darm? S. 134. F. Weber, Das Frühlreiben der Pflanzen und die Winterruhe der Holz- gewächse. S. I41. M. Plaut, Periodische Erscheinungen an Wurzeln. S. 141. A. W. Fischer, Weshalb sterben an der gegenwärtigen Grippe gerade die kräftigsten Personen. S. 142. Peter, Der menschliche Wurmfortsatz. S. 142. E. Quäck, Neues über die Großstalion Nauen. S. 143. Adolf Basler, Blutbewegung in den Haargefäßen. S. 143. Marcel Baudouin, Der Sexualdimorphismus der Wirbelsäule des Menschen. S. 144. — Anregungen und Ant- worten: Geschlechtsbegrenzle Speziesmerkmale. S. 144. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 4z, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge 18. Band; der ganzen Reihe 34. Band, Sonntag, den i6. März 1919. Nummer U. Beitrag zur Physiologie des Kleinhirns der Teleostier. ^) [Nachdruck verboten.] Von Ludwig Reisinger. Mit 2 Abbildungen. I. Einleitung. Von den zahlreichen Untersuchungen, deren Gegenstand das Kleinhirn der Säugetiere war, sind jene Luciani's und Munk's besonders er- wähnenswert, da diese beiden Forscher auf Grund ihrer Experimente bestimmte Tneorien über die funktionelle Bedeutung des Cerebellums aufgestellt haben. Die Tätigkeit des Kleinhirns wurde als eine tonische, sthenische und statische erkannt, das heißt das Kleinhirn reguliert die Energie der willkürlichen Bewegungen, das Gleichgewicht und den Muskeltonus. Ausfall der drei Funktionen nach Kleinhirnzerstörung hat das Bild der cere- bellaren Ataxie zur Folge. Während nun Luciani annimmt, daß das Kleinhirn die Funktionen der Körpermuskulatur verstärkt, erkennt Munk") die Tätigkeit des Kleinhirns in der feineren Gleich- gewichtsregulierung beim Sitzen, Liegen, Stehen usw. Franz spricht sich nun dahin aus, daß wahrscheinlich beide Theorien richtig sind, indem er annimmt, daß das Kleinhirn sowohl der Statik als auch der Regulierung der nicht allein statischen motorischen Innervationen dient. Die exakteste Formulierung der Kleinhirnfunktion verdanken wir aber Edinger,'') der das Cerebellum als das Organ des Statotonus anspricht, wobei er als Statotonus diejenige zusammengeordnete und unter dem Einfluß der Schwerkraft ständig wechselnde Muskelspannung auffaßt, welche erforderlich ist, um neben und innerhalb der Bewegung Gang und Haltung zu sichern. II. Bisherige Untersuchungen. Obwohl nun, wie gezeigt, zahlreiche Versuche an Säugetieren angestellt wurden, um die Tätig- keit des Kleinhirns eindeutig klar zu machen, so fanden sich andererseits doch nur wenige F"orscher, welche die Untersuchungen des interessanten Themas auf die Fische ausgedehnt haben, wo doch gerade diese Vertreter der Tierwelt besonders ge- eignet erscheinen, auf Fragen, welche die Gleich- gewichtsregulierung betreffen, Auskunft zu geben, da sie in ihrem homogenen Medium allseitig dem gleichen Druck ausgesetzt sind, demnach im Wasser gleichsam schweben. Im folgenden sollen nun die Resultate der bisherigen L'ntersuchungen der Klein- hirnfunktion der Fische Erwähnung finden. In- dem ich die Arbeit Girgensoh n's,^) die trotz ihres Titels von der Physiologie des Fischgehirns nichts bringt, übergehe, finde ich die Darlegungen Bethe's"*) erwähnenswert, welche im Jahre 1899 in Pflügers Archiv für die gesamte Physiologie erschienen sind und in welchen ihr Verfasser hauptsächlich die Angaben Steiner's^) einer kritischen Nachprüfung unterzieht. Bethe, der seine Experimente an Flaien vornahm, konnte im Gegensatz zu Steiner feststellen, daß einseitige oder doppelseitige Abtrennung des Großhirns keine Bewegungsstörungen verursacht. Ebenso hat Abtragung der Decke des Mittelhirns keine Lokomotionsstörungen zur Folge, dagegen treten ausgesprochene Bewegungsstörungen auf, wenn die Mittelhirnbasis verletzt wird. Diese Angabe stimmt mit meinen später noch zu erwähnenden Resultaten überein, da auch ich fand, daß Zer- störung des Mittelhirns schwere Gleichgewichts- störung veranlaßt. Doch ist die Bezeichnung Mittelhirn insofern nicht zutreffend, als die be- sagten Störungen auf Verletzung der Valvula cere- belli, als einem Teil des Kleinhirns, zurückzuführen sind. Diese Valvula cerebelli liegt allerdings unter dem Mittelhirndach und kann seiner Lage nach wohl dem Mittelhirn zugerechnet werden, gehört aber anatomisch dem Kleinhirn an. Schon aus diesem Grunde ist es unrichtig, wenn Bethe, Steiner und Loeb angeben, daß nach voll- ständiger oder einseitiger Abtragung des sehr entwickelten Kleinhirns keine Bewegungsstörungen auftreten. Eigene Versuche machten mir übrigens unzweideutig klar, daß auch Zerstörung des Corpus cerebelli, also jenes Teiles, der kurzweg als Klein- hirn bezeichnet wird, sehr wohl Bewegungs- störungen zur Folge hat.') Am Internationalen Zoologenkongreß zu Graz im Jahre 19 10 zeigte Franz,*) daß die Fisch- larven ein bedeutend kleineres Cerebellum als die erwachsenen Fische derselben Art besitzen, da sie planktonisch, das heißt im Wasser schwebend ') Die vorliegende Arbeit ist das Resultat einer privat vorgenommenen Untersuchung des Verfassers. -) Munk, Über die Funktionen des Kleinhirns. Sitz.- Ber. d. Kgl. Preuß. Akad. d. Wissensch. 1906. ') Edinger, Über das Kleinhirn und den Statotonus. Zentralbl. f. Physiologie. 1912. *) Girgensohn, Anatomie und Physiologie des Fisch- nervensystems. St. Petersburger Mem. d. Akad. der Wissen- schaften. 1846. ^) Bethe, Die Lokomotion des Haifisches (Scyllium) und ihre Beziehungen zu den einzelnen Gehirnteilen und zum La- byrinth. Arch. f. d. ges. Physiol. 1899. ") Steiner, Die Funktionen des Zentralnervensystems und ilire Phylogenese. 1S88. ') Reisinger, Die zentrale Lokalisation des Gleich- gewichtssinnes der Fische. Biol. Zentralbl. 1915. *) Franz, Über das Kleinhirn und die statische Funktion bei den planktonischen Fischlarven. Vcrhandl. d. VIU. Inlern. Zool.-Kongr. zu Graz. 1910. 146 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 1 1 leben, daher eine entwickelte statische Funktion nicht benötigen. Weiter veranlaßt der Dotter- sack durch seine Schwere rein mechanisch eine stabile Gleichgewichtslage und nimmt demgemäß dem Kleinhifn der Fischembryonen die Arbeit der physiologischen Gleichgewichtsregulierung ab. Diese Überlegungen können als Beweis für die Unrichtigkeit der oben angeführten Ansicht gelten, nach welcher dem Kleinhirn der Fische keine statische Funktion zukommen würde. Denn wäre diese Annahme richtig, dann würde das Klein- hirn der erwachsenen Fische nicht größer sein als das der Fischlarven. 191 1 äußerte sich Franz ^) dahin, daß das Kleinhirn der Fische ein „Zentrum für viele Sinnes- gebiete" sei, eine Auffassung, welche er in seiner umfangreichen Arbeit „Das Kleinhirn der Knochen- fische" -) näher ausführte. Von den Faserzügen, welche dem Kleinhirn Eindrücke zuführen oder vom Kleinhirn Impulse auf die motorischen Kerne des Tegmentums übertragen, ermittelte Franz die folgenden, auch bei den eigenen Versuchen berücksichtigten (Abb. i): 1. Tractus mesencephalo-cerebellaris führt dem Kleinhirn optische Eindrücke zu. 2. Tractus vestibulo-cerebellaris leitet Eindrücke aus dem Vestibulariskern, also indirekt aus dem statischen Sinnesapparat. 3. Tractus laterali-cerebellaris führt Eindrücke aus dem Sinnesapparat der Laterallinie auf direktem Wege dem Kleinhirn zu. 4. Tractus spino-cerebellaris, der bei schnellen Schwimmern besonders gut entwickelt ist, ist seiner physiologischen Bedeutung nach unklar. Franz nimmt an, daß er wahrscheinlich Reize, welche die Körperhaut perzipiert, dem Kleinhirn zuführt. 5. Den Tractus tegmento - cerebellaris faßt Franz in Übereinstimmung mit Herr ick als eine afferente Facialisbahn auf, die wahrscheinlich Eindrücke aus der Kopfhaut dem Kleinhirn zu- führt. 6. Im Tractus diencephalo- cerebellaris vermutet Franz eine cerebellare Riechbahn. Der Tractus vago-cerebellaris und der Tractus trigemino-cerebellans mußten von der physiologi- schen Untersuchung ausgeschlossen werden, da ihr Verlauf nicht genügend sichergestellt ist. 7. Die efferenten Kleinhirnbahnen, das sind Tractus cerebellotegmentalis mesencephalicus und Tractus cerebello-tegmentalis bulbaris, wurden bei den eigenen Experimenten als ein System aufge- faßt, da ihre benachbarte Lage eine getrennte Be- handlung unmöglich macht. III. Eigene Untersuchungen. Die nun folgenden Darlegungen der Resultate eigener Versuche verdanken einer Anregung von ') Franz, Über das Kleinhirn in der vergleichenden Anatomie. Biol. Zenlralbl. 191:. *) Kranz, Das Kleinhirn der Knochenfische. Zool. Jahrbücher. Abt. f. Anat. u. Untog. 19 12. selten Herrn Prof. Edinger's ihre Entstehung. Herr Prof. Edinger, dem ich einen Separat- abdruck meiner Mitteilung ,,Über die zentrale Lokalisation des Gleichgewichtssinnes der Fische" übersendete, gab mir nämlich den Rat, die zu- und abführenden Bahnen des Kleinhirns einzeln anzustechen, um die sich daraus ergebenden Aus- fallserscheinungen studieren zu können. Auf Grund der Darstellung des Faserverlaufes im Cerebellum der Fische nach Franz wurde ein schematischer Plan entworfen, welcher es er- möglichte, die Endigungen der Bahnen im Klein- hirn festzustellen. Als Versuchsobjekte dienten Schleien, Rotfedern und Karpfen, wobei zu jedem Experiment meist zwei Tiere Verwendung fanden. Später machte die Schwierigkeit der Material- beschaffung allerdings eine Beschränkung in der Zahl der Versuchstiere nötig. Bei der Freilegung des Kleinhirns wurde nach den Angaben Steiner's*) vorgegangen. Um ein genaues und vorsichtiges Arbeiten zu ermöglichen, mußte der Fisch aus Abb. I. Schema des Faserverlaufes im Kleinhirn der Teleostier nach Franz. a) Molekularschicht, b) Cbergangsganglion. I. Tractus mesencephalo-cerebellaris. 2. Tractus vestibulo- cerebellaris. 3. Tractus laterali-cerebellaris. 4. Tractus spino- cerebellaris. 5. Tractus tegmento-cerebellaris (Valvulärer Anteil). 5.' Tractus tegmento-cerebellaris (Corpusanteil). 6. Tractus diencephalo ■ cerebellaris. 7. Tractus cerebello - tegmentalis mesencephalicus. 8. Tractus cerebello-tegmentalis bulbaris. dem Wasser genommen und künstliche Atmung eingeleitet werden. Um diese zu bewerkstelligen, wurde in das Maul des Fisches ein Glasrohr ein- geführt, das durch einen Gummischlauch mit der Wasserleitung in Verbindung stand. Es wurde nun ein genügend starker Wasserstrahl durch- geschickt, auf welche Weise die Kiemen genügend ') Steiner, Das zentrale Nervensystem der kaltblütigen Tiere. In Tigerstedt, Handbuch der physiologischen Me- thodik. 1912. N. F. XVni. Nr. II Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 147 befeuchtet wurden und das Tier beliebig lange außerhalb des Behälters gehalten werden konnte. Die Schädelhöhle wurde eröffnet, indem mit einer kleinen, spitzen Knochenschere in der Verbindungs- linie der hinteren Kiemendeckelränder ein Schnitt a geführt wurde, von welchem dann je zwei Schnitte c und b, in der Längsrichtung des Kör- pers verlaufend, angesetzt wurden (Abb. 2). Abb. 2. Eröffnung der Schädelhöhle, a, b, c Scbniltführung. d Angel des Haut-Kuochenlappens. k Kiemendeckel, n Augen, m MiUelhirn. 1 Kleinhirn, v Verlängertes Mark. Diese Längsschnitte kamen bis ungefähr i cm an die Augen heran. Nun wurde mittels einer kleinen, krummen Schere der gebildete Haut- knochenlappen abgehebelt und nasal umgeschlagen, so daß er um die Linie d gedreht werden konnte. Das Fett, welches die Schädelhöhle zum Teil aus- füllt, mußte mit Wattetupfern entfernt werden. Nach dieser Prozedur lag das ganze Fischgehirn übersichtlich und frei vor und konnte nun die in Betracht kommende Nervenbahn mittels einer stärkeren Präpariernadel angestochen werden. Hierauf wurde der Hautknochenlappen zurück- geschlagen, in seine normale Lage gebracht und mit einer einzigen Naht befestigt. Häufig er- eignete es sich jedoch, daß diese nach längerem Aufenthalt des operierten I-^isches im Aquarium einriß und der Lappen nicht mehr wasserdicht abschloß. Bei den späteren Versuchen genügte es, den Lappen einfach sanft anzudrücken, was einen genügend dauerhaften Abschluß der Schädel- höhle für die Zeit der Beobachtung gewährleistete. Nach vorgenommener Operation wurde der Fisch selbstverständlich wieder in das durchlüftete Aquarium gebracht und die Störungen beobachtet. Um festzustellen ob die Eröffnung der Schädel- höhle allein Störungen in der Bewegung verur- sacht, wurde einer Schleie das Gehirn freigelegt, jedoch nicht angestochen, der Hautknochenlappen in die frühere Lage zurückgebracht und angenäht. Nach diesem Eingriff schwamm der Fisch an- fangs unruhig und schwankend umher, was wohl als Schmerzäußerung zu deuten sein dürfte. Nach einiger Zeit wurde er ruhiger, schwamm an- nähernd normal, wobei er sich nur hin und wieder zur Seite neigte. Doch wies er niemals die Bewegungsanomalien auf, wie sie im folgenden geschildert werden sollen. 1. Tractus mesencephalocerebellaris. a) Einer Rotfeder von 17 cm Länge wurde dieser Zug durch Anstechen zerstört. Der Fisch machte beim Schwimmen regelmäßige Pendel- bewegungen um die Längsachse des Körpers und stieß an die Wände des Behälters, was vermuten läßt, daß er Hindernisse nicht wahrnahm. Sieben Stunden nach der Operation konnten die gleichen Erscheinungen noch festgestellt werden. Nach- trägliches Anstechen des Tractus tegmento-cere- bellaris (Corpusanteil) hatte keine Änderung der Wirkung zur Folge. b) Eine Schleie (28 cm) schwimmt einige Zeit nach der gleichen Operation bald auf der rechten oder linken Seite, bald senkrecht stehend, den Kopf nach aufwärts oder abwärts gerichtet. Sie macht den Eindruck, vollkommen desorientiert zu sein, weicht Hindernissen nicht aus, wie es bei der Rotfeder ebenfalls zu sehen war. Die schweren Gleichgewichtsstörungen sind jedoch nicht auf die Zerstörung des Tractus mesencephalo- cerebellaris allein zurückzuführen, da nach An- stechen desselben nur die besagten Pendelbewe- gungen beobachtet werden konnten, wie aus den Versuchen mit einer zweiten Schleie noch ersicht- lich wurde. Vermutlich wurde der caudo-lateral gelegene Tract. vestibulo-cerebellaris mitverletzt, da bei dessen Verletzung schwere, noch zu schil- dernde Stabilitätsstörungen auftreten. c) Bei einer zweiten Schleie, dem dritten Exemplar der Versuchsreihe, kamen die Ausfalls- erscheinungen rein zur Beobachtung. Das Tier mied Hindernisse gleichfalls nicht und vollführte Pendelbewegungen um die Längsachse, welche Bewegungsart auch in der Ruhe beibehalten wurde. Das I<"lossenspiel war normal. Die Unfähigkeit Hindernisse wahrzunehmen lehrt, daß die An- nahme Franz' gerechtfertigt ist, nach welcher der Tract. mesencephalo-cerebell. dem Kleinhirn optische Eindrücke zu vermitteln hat, woraus er- sichtlich ist, daß diesem Faserzug ein Anteil an der Gleichgewichtsregulierung mit Hilfe des Auges zukommt. 2. Tractus vestibulo-cerebellaris. a) Die Verletzung dieses Faserzuges bei einer Karausche von 21 cm Länge hatte die schwersten Gleichgewichtsstörungen zur Folge. In der Ruhe lag der Fisch stark gekrümmt auf der rechten Seite. Er schwamm kräftig, machte dabei aber rotierende Bewegungen um die Längsachse; manch- mal schwamm er auch mit nach abwärts ge- richtetem Kopf oder auf der Seite liegend. Sieben Stunden nach dem Eingriff wurde die Karausche wieder beobachtet. Sie nahm in der Ruhe nor- male Stellung ein, hielt sich am Boden, mit Vor- liebe in den Ecken des Behälters auf. Wird der Fisch durch Berührung zum Schwimmen veran- laßt, so beschreibt er rechtsseitige Kreise, wobei er sich unsicher und schwankend fortbewegt. Beim 148 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. 1 1 Emporsteigen an die Wasseroberfläche nahm er senkrechte Stellung, den Kopf nach aufwärts, ein. Bei schnellem Schwimmen überschlug er sich und die Bewegungen entbehrten zielbewußter Richtung. Die Erscheinungen sind nicht etwa auf Schwäche des Tieres, infolge des operativen Eingriffes zu- rückzuführen, da es sehr kräftig zu schwimmen vermag und festgehalten energische Fluchtbewe- gungen ausführt. b) Schleie (26 cm). Das Tier erholte sich nach Läsion des gleichen Tractus nur langsam, machte anfangs angestrengte Atembewegungen, rührte jedoch keine Flosse. Nach zwei Stunden schwamm der Fisch spontan in den unteren Wasserschichten zwar ständig mit dem Rücken nach abwärts, manchmal auch auf der Seite liegend, wobei er bald auf der einen, bald auf der anderen schwamm, ohne eine zu bevorzugen. Die Schwimm- bewegungen wurden hauptsächlich durch die Tätig- keit der Schwanzflosse bewerkstelligt, während die Brust- und Bauchflossen nahezu in Ruhe ver- harrten. Rollungen um die Längsachse konnten auch bei schnellem Schwimmen nicht beobachtet werden. Die erwähnte seitliche Lage unterscheidet sich von jener im Umstehen begriffener Fische wesentlich, da letztere dauernd in Seitenlage auf der Oberfläche passiv schwimmen und gar keine oder nur sehr schwache Bewegungen ausführen, was hervorgehoben werden muß, um dem Ein- wand zu begegnen, daß das geschilderte Verhalten des Fisches nur Symptome des nahen Todes ge- wesen wären. Stieg der Fisch an die Wasser- oberfläche, so stellte er sich wie das vorerwähnte Exemplar mit nach oben gekehrtem Kopf senk- recht zu dieser, im Gegensatz zu normalen Uschen, welche beim Emporsteigen nur geringe Schräg- lage einnehmen oder in der horizontalen Stellung verharren und nur mit Hilfe der pneumatischen Funktion der Schwimmblase aufwärts schweben. Hin und wieder stand der Fisch kurze Zeit mit dem Kopf nach abwärts ruhig im Wasser. 3. Tractus laterali-cerebellaris. Verletzung dieses Faserzuges bei einem Karpfen veranlaßt keine Ausfallserscheinungen. Der Fisch nimmt während der Bewegung normale Stellung ein und schwimmt wie ein unverletzter Fisch. In der Ruhe lag er auf der Seite. Ob und welche Eindrücke von der Seitenlinie dem Kleinhirn zu- gehen, entzieht sich ebenso der Prüfung, wie die Funktionen anderer, von Sinnesgebieten in das Cerebellum ziehender Bahnen. 4. Tractus spino-cerebellaris. Nach Verletzung dieses Zuges lag der Fisch (Karpfen, 20 cm lang) dauernd auf einer Seite. Sechs Stunden nach der Operation machte er nur schwache Bewegungen mit den Brustflossen, den übrigen Körper bewegte er jedoch gar nicht. Aus dem Wasser genommen vollführte er nicht die geringste Abwehrbewegung. Dieser Umstand spricht für die Annahme, daß der Tract. spino- cerebell. sensible Eindrücke der Körperhaut dem Kleinhirn zuführt, welches den empfangenen Im- puls auf den motorischen Apparat überträgt. Fehlt die sensible Leitung, so fällt auch der Be- wegungsantrieb und mit ihm die Bewegung (in unserem P'alle die Abwehrbewegung) aus. 5. Tractus tegmentocerebellaris. a) Nach Zerstörung des Corpusanteiles dieses Faserzuges schwimmt eine Rotfeder (17 cm lang) anfangs auf der Seite. Nachdem sie sich erholt hat, bewegt sie sich normal und zeigt nur hin und wieder leichte seitliche Schwankungen. Sieben Stunden nach der Operation nimmt der Fisch in der Ruhe eine seitlich geneigte Stellung ein, schwimmt etwas unsicher und vollführt beim schnellen Schwimmen Rollungen um die Längs- achse. b) Schleie (30 cm lang). Einige Zeit nach dem gleichen Eingriff schwimmt der Fisch sehr kräftig und spontan. In der Ruhe nimmt der Fisch die normale Stellung ein, das Flossenspiel ist koordiniert. Er schwimmt häufig in schräger Lage, rollt und überschlägt sich manchmal. c) Schleie (36 cm lang). Es wurde sowohl der Tractus tegmento cerebellaris Corpusanteil, als auch der Tract. tegm. cerebell. Valvulaanteil zer- stört. Zu letzterem gelangt man, wenn man zwischen den beiden Miltelhirnhemisphären mit der Nadel eingeht. Die Auffassung Franz, daß der Tractus tegmento-cerebell. dem Klein- hirn sensible Eindrücke aus der Kopfhaut zuführt, kann nicht bestätigt werden, da Berührung des besagten Körperabschnittes mit einem heißen Draht kein anderes Verhalten erkennen ließ, als es ein normaler Fisch zur Schau trägt. Sich selbst überlassen schwamm der Fisch anfangs auf der Seite, später vorwiegend mit nach abwärts ge- kehrtem Rücken. Rollungen konnten häufig be- obachtet werden. Dieses abnorme Verhalten des Versuchstieres erinnert an die Resultate Bethe's nach Mittelhirnabtragung und bestätigt somit meine Ansicht, daß die Folgen, welche Bethe nach Mittelhirnzerstörung gesehen hat, nicht dem Mittel- hirn als solchem, sondern dem, unter dem Mittel- hirndach liegenden Valvulateil des Kleinhirns zu- zuschreiben sind. 6. Tractus diencephalo-cerebellaris. Nach Anstechen dieses Tractus liegt der Ver- suchsfisch (Schleie 30,5 cm lang) ruhig auf der Seite, beim Schwimmen fallen manchmal unregel- mäßige Bewegungen auf. Nach einiger Zeit schwimmt der Fisch häufiger in normaler Stellung. Mitunter steht er mit dem Kopf nach aufwärts senkrecht im Wasser. Da nach Franz der Tractus diencephalo-cerebellaris eine cerebellare Riechbahn vorstellen soll, so wurde einem nor- malen und dem operierten Fisch einmal verdünnte Essigsäure, später etwas Äther auf die Nasen- höhlen geträufelt. Keines der beiden Tiere zeigte verändertes Benehmen, wasjedoch nicht ausschließt, daß die Franz 'sehe Hypothese zu Recht besteht. Doch entzieht sich infolge technischer Schwierig- keiten die Feststellung des Geruchsvermögens ebenso der Beurteilung wie die Hautsensibilität. N. F. XVIII. Nr. II Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 149 7. Tractus cerebello-tegmentalis bulbaris und Tractus cerebello - tegmentalis mesencephalicus lassen sich nicht getrennt behandeln, da die Züge zu nahe aneinander liegen, weshalb sie von Edinger auch als Tractus cerebello-tegmentalis zusammengefaßt wurden. Die Verletzung dieser Züge hat unorientiertes Schwirnrnen und in der Ruhe Seitenlage des Versuchstieres zur Folge. Der benachbarten Lage wegen sind Mitverletzungen des Tractus vestibulo - cerebellaris und Tractus mesencephalocerebellaris sehr wahrscheinlich, auf welchen Umstand möglicherweise die Ähnlichkeit der Störungen zurückzuführen ist. Am Ende der Versuchsreihe angelangt, kann zusammenfassend gesagt werden, daß als wichtig- ster Faserzug des Kleinhirns zur Erhaltung des Gleichgewichts der Tractus vestibulo-cerebellaris anzusprechen ist. Seiner physiologischen Be- deutung nach ist auch der Tractus mesencephalo- cerebellaris gut differenzierbar. Von den anderen Faserzügen muß jedoch gesagt werden, daß so- wohl ihre Lokalisation auf der Kleinhirnoberfläche, als auch die Prüfung ihrer Funktion auf große Schwierigkeiten stößt. So ist die Untersuchung der Züge, welche sensible Eindrücke leiten, nahezu unmöglich, da gerade bei den, an ein bestimmtes Existenzmedium gebundenen Fischen die Funk- tionsprüfung der Sinnesorgane nur schwer ein- deutige Resultate zeitigen kann. [Nachdruck verboten,] 2. Mai 191 8. Endlich war der Beobachtungs- schirm fertiggestellt. Ich legte den letzten Wacholderbusch quer über das Schlupfloch der Höhle, die für einen Menschen mittlerer Größe so leidlich paßte, und kroch dann hinein, der Wieder- kehr des bei meinem Erscheinen vom Horst ab- gestrichenen Adlers harrend. Seit langen Jahren im Revier, war es ihm nur einmal — im Vorjahre (1917) — gelungen, sein Junges großzuziehen, vorher war sein Gelege regel- mäßig die Beute eines Eiersammlers geworden. Dieser Eiersammler, der im Auftrage eines ge- schäftskundigen ,,Oologen" handelte, kannte das ganze ungeheure Waldgebiet an der Südwestküste des Stettiner Haffs wie seine Tasche. Nichts war ihm heilig, kein Baum zu hoch, kein Weg war ihm zu weit. Er war eine Geißel der Vogelwelt, er äffte das Forstpersonal und wußte immer einen Moment zu erspähen, wo er seine schwarzen Taten — als solche muß der Naturschützler sie buchen — zur Ausführung bringen konnte. Solch eine Bestie in Menschengestalt ist imstande, ein Revier vollständig zu veröden, die edlen, seltenen Tiere systematisch auszurotten. Nun war er tot! Sein Tod sollte Leben bedeuten für so manches bedrohte Vogelpaar, Leben auch für den Seeadler, der mit Zähigkeit an seinem alten Horste haftete. Der Horst, eine gewaltige Reisigburg von i m Höhe und 2 m Durchmesser, mit einigen frischen Kiefernzweigen spärlich besteckt, hat wohl mehrere Zentner Gewicht; er thront auf einer seit zwei Jahren trockenen Randkiefer — ungefähr 25 rn hoch. Schon ein Teil des Horstes, der vielleicht infolge des Sturmes oder aus anderen Ursachen abgeworfen war, mochte wohl einen Zentner wiegen. Dieser Horst, der im Vorjahre nicht be- wohnt gewesen war — vielmehr hatte der Adler in einem zweiten neu angelegten Horst in der Nähe gebrütet — sollte für das Stettiner Museum als Naturdenkmal geborgen werden, denn die trockene Kiefer war der Axt verfallen. Es war Vom Seeadler. Von Paul Robien. alles vorbereitet: die Ausrüstung zu der nicht leichten Aufgabe, Kinematographen- und Photo- graphenapparat usw. Da kam zur freudigen Über- raschung die Nachricht, daß der Adler den alten Horst wieder angenommen habe und wahrschein- lich schon brüte. Im Vorjahre hatte er, unge- achtet der unter ihm hantierenden Waldarbeiter, schon im Februar bei Schnee und Eis an seiner neuen Burg zu bauen begonnen. Mit der Ab- nahme des Horstes war es also nichts, und auch der trockene Horstbaum entging der Axt. Diesen Gedanken nachhängend, erwarte ich, in dem Moospolster ausgestreckt, die Ankunft des Adlers. Er erscheint nach wenigen Minuten, um- kreist ein paarmal mit deutlich hörbaren Flügel- schlägen den Horst und läßt sich dann, unaus- gesetzt sichernd, auf einem sparrigen Zacken am Horst nieder, faltet die riesigen Schwingen und äugt dann, ich möchte sagen, liebevoll auf den Horstinhalt, wahrscheinlich das noch sehr kleine Junge, denn vor kurzem hatte ich kleine Eier- schalenreste unter dem Horstbaum gefunden. Meinen Schlupfwinkel schräg unter dem Horst, der sich in nichts von einem Haufen Wacholder- büsche unterscheidet, würdigt er nicht eines Blickes. Nach mehrmaliger Bewegung steigt er vorsichtig in die Horstmulde hinab und setzt sich dann, eine Weile am Boden hantierend, nieder. Lediglich das Haupt ragt ein wenig über den Horstrand hinweg, und das stolze Auge durch- späht unablässig das dichte Wipfelmeer der Kiefern. Bei jedem verdächtigen Laut reckt er den Hals empor. Da sitzt er nun vor mir, der größte deutsche Aar, greifbar nahe, denn das gute Glas zieht ihn förmlich an. Dazu ein günstig klares Licht. Ich habe das Gefühl, als brauche ich nur die Hand auszustrecken, um den Horst zu berühren. Ich blicke in das herrliche Auge; Kraft, Trotz und Adel leuchten aus ihm und strömen über auf den Beobachter. Wie lange noch soll sich sein edles I50 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. II Geschlecht des Lebens erfreuen ? Bedroht von der Mordsucht der menschlichen Bestie, geächtet von den erbärmlichen Rechnern, die alles Genieß- bare, was die reiche Natur an alle gibt, an sich raffen, ist er allmählich auf die Liste jener Tier- arten gekommen, deren Aussterben wir über kurz oder lang erleben. Und findet er auch wie hier eine sichere Freistatt, ein letzes Asyl, vor dem schleichenden Scheusal des Eierräubers ist er nicht sicher. Betrachte dir den Horstbaum : Eine Stacheldrahtspirale windet sich auf mehrere Meter in die Höhe, darüber ist der Stamm noch auf einige Meter mit Raupenleim bestrichen — alles Maßregeln , das Heiligtum vor dem kletternden Unhold zu schützen. Das ist Vogelschutz! Geh hundert Schritte weiter den Gestellweg entlang. Eine lange Stange mit einem Strohwisch gebietet dir — oder vielmehr den jenseits dieser Grenze bei der Harzgewinnung tätigen Waldarbeitern Halt. Bis hierher und nicht weiter 1 Halt vor dem Heiligtum 1 Der Forstmann, der diese Anordnung trifft, um seinen Schützling nicht zu stören, darf des Dankes Tausender sicher sein. Mögen uns auch Welten trennen, das Gedenken dieser Tat wird fortleben, solange Leben auf der Erde ist. Wir wenigstens, die wir den Schutz der Natur auf unsere Fahne geschrieben, die wir nicht müde werden wollen, im Kampf gegen alles Niedrige, Rohe und Gemeine, im Kampf für die höchsten und geklärtesten Ideale des Menschentums — wir danken ihm aus vollem Herzen. Und wenn unser Schicksal — das des Adlers und das unsrige — das gleiche sein sollte — hingestreckt zu werden von der giftigen Waffe der Niedertracht und der Bosheit — so wollen wir mit dem stolzen Be- wußtsein scheiden, dem Gift bis zum letzten Augenblick getrotzt zu haben. . . . O dieses Auge! Es ist wohl der Stolz eines jeden Ornithologen, wenigstens einmal im Leben einem freien Adler ins königliche Auge zu blicken. Der Systematiker freilich wird diese Bewunderung ein wenig überschwenglich finden, rechnet er doch die Gattung Haliaetus nicht einmal zu den edlen Adlern, zu denen er nur die Aquila-Arten zählt. Nichtsdestoweniger ist die ganze Gestalt Adel und Stolz. . . . Mehrmals umkreist das Männchen den Horst und läßt sich dann auf einer nahen Kiefer nieder. Es müssen beide Gatten alte Tiere sein : auffallend hell der Kopf, leuchtend gelb der gewaltige Schnabel, besonders die Wachshaut und reinweiß der Keilschwanz. Ich liege nun schon 2 Stunden steif und regungslos in dem überdachten Moos- loch. Wenn die Adlermutter ein Junges im Horst hat (siehe Eierschalen unter dem Horst) muß es noch sehr klein und wärmebedürftig sein, denn es erhält in der ganzen Zeit keine Atzung. In der Nähe des Horstes reges Vogelleben : Hauben- meisen, Baumläufer, Baumpieper, einige Buch- finken — und die unvermeidlichen Parasiten: die Nebelkrähen. Ein Baumläuferpaar hat in der Knüppelburg des Adlers seine Jungen, alle paar Minuten fliegt eins der Alten, Futter im Schnabel, den Horst von unten an und verschwindet in einer Lücke desselben. Da erhebt sich der Adler, so daß der braune Rücken sichtbar wird, tritt vorsichtig in der Mulde umher und schnäbelt das Junge, denn ich höre eine bussardähnliche ge- dämpfte Stimme. Ich sage das Junge, doch ich weiß nicht, ob es nicht gar deren zwei sind. Das Weibchen nimmt jetzt eine andere Lage ein und richtet den Kopf nordwärts. Ich verlasse unge- sehen, steif und fast lendenlahm, das feuchte Loch und umschreite mehrmals den Horst, um dann befriedigt Abschied zu nehmen von dem liebge- wonnenen Freund. Am 5-J"J' weile ich wieder längere Zeit unter dem Korst. Ich hatte über Nacht die Ziegen- melker des Gebiets verhört und war schon in der Dunkelheit eingeschlüpft. Ich muß lange warten. Erst als es völlig hell ist, streichen beide Alten fort, das Weibchen vom Horst, das Männchen von seinem Wartbaum. Meine Geduld wird auf eine harte Probe gestellt. Ich höre jetzt das Junge mehrmals heiser schreien, ein gedehntes iiw. Erst gegen 1 1 Uhr (1) findet die Fütterung statt. Das Weibchen erscheint mit einem größeren Fisch (wahrscheinlich einem sog. Blei), setzt sich — vorsichtig sichernd — auf den Horstrand und be- ginnt zu kröpfen. Das Junge schreit fortwährend iiw, i-i-iiw, und wiederholt dieses bettelnde Ge- schrei nach jedem Bissen, den die Alte ihm ohne alle Gier und Unruhe reicht. Kein gefräßiges Schlingen und Reißen an der Beute. Mit wahr- haft mütterlicher Sorgfalt wird das Fleisch von den Gräten geschält und dem hungrigen Jungen dargereicht. Ach, könnte man dieses Bild tieri- scher Elternliebe doch von oben betrachten I Die ganze Atzung dauert fast eine halbe Stunde. Dann bleibt der Adler eine Viertelstunde auf dem Horstrand sitzen und blickt träumerisch in die Weite. Krähengeschrei verkündet mir die An- kunft des Männchens. Diese schwarzgrauen Para- siten bilden eine wahre Plage für das Adlerpaar; sowie sich eins der Alten erhebt, wird es von einer ganzen Meute dieser Aufdringlinge verfolgt. Das Männchen wird diesmal tätlich angegriffen, so daß der stolze Vogel eine jähe Schwenkung nach abwärts vollführt. Auch ein schwarzer Milan streicht ihm nach. Der Adler und sein Gefolge entfernen sich haffwärts, ich höre von fern seinen Schrei : göckgöckgöckgöck. Inzwischen hat sich die Adlermutter wieder über dem Jungen in der Horstmulde niedergelassen. Nur der Kopf ist sichtbar. Nach einigem Warten verlasse ich mein Sclilupfloch und mustere den Boden unter dem Horst, ohne daß der Adler ab- streicht. Kannst du dir einen Begriff machen von der Umgebung eines Adlerhorstes? Du wirst eine wahre Schlachtbank, Haufen von Überresten der Mahlzeit vorzufinden hoffen: Fischgräten, Flügel und Beine von allem möglichen Feder- und Haar- wild. Nichts dergleichen ! Außer den Kalkspritzern des flüssigen Kotes — und auffallend wenig — N. F. XVIII. Nr. II Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 151 nur einige Flaum- und Brustfedern der Alten. Eine ähnliche Enttäuschung erlebte aier Schützer dieses Naturdenkmals. Auch er war auf eine wahre Schlachtbank gefaßt — und nur einmal hatte er einen Aal , der sich jedenfalls den Fängen ent- wunden hatte, unter dem Horst gefunden. Überhaupt macht mich im weiteren Verlauf der Beobachtung die lückenhafte P'ütterung des Jungen stutzig. Ich bin überzeugt, daß es nur ein paarmal am Tage geätzt wird, daß all die Berichte von der ungeheuren Gefräßigkeit des Adlers übertrieben sind. Der 26. Juni findet mich abermals am Adler- horst. Beide Alten streichen bei meinem Er- scheinen, ein paarmal über dem Horst kreisend, bedächtig haffwärts. Das Junge muß nun doch schon ziemlich erwachsen sein. Ich mustere wie- der die Umgebung, nichts wie Kotspritzer und einzelne Brustfedern, sowie einige Dunen vom Jungen, die in den Wacholderbüschen hängen. Wenige Schritte vom Horst eine alte verwitterte Schwinge. Sollten doch die Nebelkrähen ein wenig an der Säuberung des Bodens von Abfällen beteiligt sein? Da streicht der eine Adler wieder gemächlich heran, empfangen von den Krähen. Ich schlüpfe in mein Spähloch und beobachte, so gut es geht, die Vorgänge im Luftmeer. Dieses Mal stößt der Adler nach einer vorwitzigen Krähe, die durch eine kühne Schwenkung den Fängen entgeht. Der Adler wendet sich wieder haffwärts — und er- scheint vor 2 Stunden nicht wieder. Inzwischen beobachte ich scharf den Horst. Endlich nach langem Harren erhebt sich — zugleich das Rätsel : ob ein oder zwei Junge lösend — der Sprößling, schreit mehrmals, um seinen Hunger mitzuteilen, spritzt dann den Kot weit über den Horstrand und klaftert dann mehrmals die Schwingen. An dem dunklen Kopf sitzen noch einige Dunen, der Stoß ist noch recht stutzig. Er äugt nach dem Haff — doch keiner der Alten naht. Nach mehr- maligem Umhersielzen in der Horstmulde und am Rand legt er sich wieder nieder. Ein statt- licher Bursche schon. Zum zweitenmal ist es dem Seeadlerpaar gelungen, den Nachwuchs großzuziehen und dies dank des Todes des Eierräubers von Neuwarp. Da naht der Alte, ein schwarzes Opfer (vielleicht ein Bläßhuhn) in den Fängen, bedrängt wie immer von dem Krähenvolk. Ich höre, nachdem er einmal den Horst umkreist, ein mehrstimmiges, geiferndes Schreien und Krei- schen. Der Adler erscheint nicht am Horst, ob- wohl das Junge sich erhebt und bettelnd schreit. Endlich sehe ich den Alten mit leeren Fängen wieder hafifwärts streichen. Wahrscheinlich hat er die Beute dem Parasitenvolk überlassen. Ich warte noch eine halbe Stunde und schreite dann heim- wärts. . . . Die Stunden am Horst zählen zu den schön- sten meines Lebens. Erhabene Gefühle wechselten mit unsäglicher Trauer. Ich überfliege die Liste der in den letzten Jahren in der Provinz ermordeten Seeadler. Wird er, der stolze Recke, seiner Ver- nichtung entgehen, — wird es gelingen, ihn der deutschen Avifauna zu erhalten ? — das ist die eine bange Frage. Oder wird er das Schicksal seiner Vorgänger teilen, um dann, wenn der letzte seines Stammes dahingestreckt ist, bestenfalls — um mit Paasche zu sprechen — auf Münzen, Briefmarken oder Kriegerhelmen ein heraldisches Dasein zu fristen? — das ist die andere, die trau- rige Frage, die uns Wächter der Natur unsäglich bedrückt. Einzelberichte. Geologie. Anzeichen für einen nacheiszeitlichen Einbruch des Eibtales zwischen Pirna und Meißen hatKampfrath (Geolog. Rundschau, Bd. IX) in den Geländestufen und Geländegräben gefunden, die sich in der Dresdener Umgebung in großer Zahl als „stufenartige Unterbrechungen und graben- artige Vertiefungen der allgemeinen Oberfläche" finden. Die Stufen sind nach dem Verf. zutage- tretende Rutsch- und Verwerfungsflächen, die Gräben klaffende Spalten. Beide Formen kommen auch untereinander verbunden vor. In der Lite- ratur war bis jetzt auf sie noch nicht aufmerksam gemacht worden und auf den alten topographi- schen Karten (i : 25000) fehlen sie ganz. Die Geländestufen sind durch steile Böschungen scharf ausgeprägte Unterbrechungen der Gelände- oberfläche. Die Stufenhöhe beträgt von einigen Dezimetern bis mehrere Meter, ihre Länge von 10 m bis mehr als i km. Im Grundriß verlaufen sie geradlinig, selten bogenförmig gekrümmt. Mit den Höhenschichtlinien besteht keinerlei Beziehung. Sie werden von den Stufen sogar geschnitten. Vorhanden sind sie auf Talsohlen, Talgehängen, Hochflächen. Nur im lockeren Heidesand fehlen sie. Sie treten einzeln oder in Scharen hinter- und nebeneinander auf, richten sich im letzteren Falle parallel aus, biegen sich winkelförmig um und durchkreuzen sich. An den Stufen hat man meistens Feldwirtschaftswege entlang geführt. Die Geländegräben sind im Grundriß entweder geradlinig, ein- und mehrfach gekrümmt oder zickzackförmig gebrochen. Länge, Breite, Tiefe sind wechselnd (Länge über I km. Breite bis über 50 m, Tiefe bis über 10 m). Die oberen Kanten der Böschungen gehen unvermittelt in die allge- meine Geländeoberfläche über. Der Übergang zwischen Böschungen und ebener Grabensohle ist gewöhnlich ausgerundet. Wenn sie geradlinig verlaufen, machen sie den Eindruck künstlicher Weg- und Eisenbahneinschnitte. Fast immer sind 152 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 1 1 die Gräben trocken, nur in den seltensten Fällen enthalten sie einen ständig fließenden Wasserlauf. In der Umgebung von Dresden sind fast alle ge- rade dort häufig vorkommenden Hohlwege Gelände- gräben. Verbreitet sind die Stufen und Gräben auf den folgenden Blättern der topographischen Karte (i : 25000): Kötzschenbroda, Moritzburg, Radeberg, Wilsdruff, Dresden, Pillnitz, Tharandt, Kreischa, Pirna, Frauenstein, Dippoldiswalde, Berg- gießhübel, teilweise auch auf den Blättern Rade- burg, Nassau, Altenburg, Fürstenwalde. Zahlreich treten die Stufen und Gräben im Gebiete südlich der Elbe auf. Hier nehmen sie von Pirna nach Nollendorf zu. Am dichtesten treten sie bei Berggießhübel auf, weniger zahlreich auf der Lausitzer Granitplatte. Auf dem abge- sunkenen südwestlichen Flügel der Wendisch- carsdorfer Verwerfung fehlen die Stufen und Gräben in 2 km Länge und 0,5 km Breite, ob- gleich sie auf dem nordöstlichen Flügel zahlreich bis nahe an die Verwerfungslinie herantretend auftreten. Am Teplitzer Quarzporphyrstock fehlen sie fast ganz, treten sie nur am Rande auf. Auch die Basaltschlote sind auf den Verlauf der Stufen und Gräben von Einfluß , derart, daß sie bogen- artig von ihnen abgelenkt werden. Die Basalt- schlote lassen die Stufen und Gräben abreißen. Es wurden mehr Stufen als Gräben gezählt. Durch Häufigkeit fallen die Gräben auf in einem schwach bogenförmig gekrümmten Geländestreifen zwischen Pirna und Briesnitz, im einspringenden Winkel der Lausitzer Hauptverwerfung bei Wün- schendorf nördlich von Pirna, im Gelände west- lich von Radeburg. Einzelne Stufen und Gräben, Stufenscharen, die weit auseinanderliegen, sind zurzeit die sicht- baren Reste längerer Störungslinien. Um die Zeit der Entstehung der Stufen und Gräben festzulegen, sollen die Hauptzüge im Bil- dungsgang des Dresdener Eibtalkessels folgen. In der Mitte der Tertiärzeit wurden entlang der Lausitzer Verwerfung Höhen und Senken ge- schaffen, die am Ende dieser Zeit schon wieder ausgeglichen waren. Auf der Ebene floß die Elbe der Verwerfung entlang bis in die Gegend von Meißen - Oberau. Die Flußwannen waren flach. Die Kante der Lausitzer Granitplatte erhob sich nur wenig über die Kreideschichten, die am Ende des Tertiärs im Elbtal noch vorhanden waren. Früher betrug die Höhe der Granitplatte gegenüber des Talbodens 80 m, heute IIO m. Auf den Nord- und Südhöhen des Eibtales sind tertiäre Kies-, Sand- und Tonablagerungen erhalten, die einst auch auf der Elbauenscholle vorhanden waren und später erst vollständig beseitigt wor- den sind. Die erste, nicht nach Sachsen hereinreichende Vereisung, erzeugte stärkere Wasserführung der Flüsse, stärkere Erosion, Ablagerung von Kiesen und Sanden in der überschwemmten Niederung. In den Resten der noch vorhandenen Ablagerun- gen ist allgemein kein nordisches Material zu finden. Die zweite Vereisung lagerte im Elbtal Dresdens Geschiebemergel ab. Oberhalb Pirna begann die Elbe und ihre Nebenflüsse sich in den Quaderschichten einzuengen. Der Grund dieser erhöhten Tiefenerosion ist ein Absinken der Elb- auenscholle und eine Tieferlegung des Abflusses bei und unterhalb Meißens. Die linkselbische Niederwerschner Verwerfung setzte sich beim Ab- sinken der Elbauenscholle in nordwestlicher Rich- tung durch die Meißner Granit-Syenitmasse weiter. Dadurch wurde der Elbe ein neuer Weg gezeigt. Bis auf ein Drittel der jetzigen Tiefe wurde das Tal eingeengt, dann kam die Tiefenerosion zur Ruhe. In den Nebentälern bildeten sich schwach geneigte Talböden, die später ganz oder teilweise zerstört wurden. Als Talterrassen mit Gefälls- brüchen sind die Reste erhalten. Durch den Erosionsstillstand kam der Abfluß ins Stehen. Vielleicht war die dritte Vereisung daran schuld, durch die Wasser gestaut wurden. Elrst nach dem Rückzuge der dritten Vereisung setzte die Tiefenerosion von neuem ein. Verf. glaubt auch an eine langsame Senkung der Elbauenscholle während des Erosionsstillstandes bis zum Ende der Diluvialzcit. Am Ende des Diluviums kam infolge Aufzeh- rung des überschüssigen Gefälls die Tiefenerosion wieder zur Ruhe. Der Elbtalseespiegel sank. An den Mündungen der Nebenflüsse und auf dem übrigen Seeboden bildete sich eine Aufschüttung von Tal- kies, -sand und -lehm. Die Wasseransammlung verschwand bis auf eine schmale Rinne und kleine Seebecken, die bis in historischer Zeit da waren. Jetzt entstanden bei einem gewaltigen tektoni- schen Beben im mittleren Teile Sachsens die Stufen und Gräben. .Bei der Untersuchung des Schüttergebietes des sudetischen Erdbebens am 10. Januar 1901 zeigte sich eine Ausbreitung hoher Schütterstärke südwestlich der Hauptverwerfung auf der Eibaue. Erklärlich wird dies dadurch, daß Randteile der Granitplatte auf die Kreideschichten hinaufgeschoben worden sind. Die Schollenkeile verschoben sich und die Elbauenscholle mit be- nachbarten Teilen der Erzgebirgsscholle (bis Pirna- Tyssa) brach ein. So entstanden Stufen und Gräben. Die zahlreichen Gräben westlich von Radeberg sind durch Überschiebung des Rade- berger Tafelstücks auf die Meißner Syenitscholle entstanden. Verf. vermutet noch weitere Gräben im Nor- den von Gießen als Folgen gegenwärtiger Krusten- bewegungen. Rudolf Hundt. Astronomie. Die alte Frage „Warum erscheint der tiefstehende Mond vergrößert?" wurde früher verschieden und bis in die letzte Zeit meist noch mit Reimann (Zeitschr. f. Physiol. u. Psychol. d. Sinnesorgane Bd. 34 u. 37) in dem Sinne be- antwortet, dies beruhe auf der scheinbar abge- platteten Gestalt des Himmelsgewölbes, einem Ein- druck, dem man sich namentlich bei starkbewölk- tem Himmel schwer entziehen kann und der, wie N. F. XVni. Nr. 1 1 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. R e 1 m a n n nachwies, für viele Versuchspersonen in gleicher Weise besteht, was von ihm auf phy- sikalisch-optischem Wege zu erklären versucht wurde : ein trübes Medium vor schwarzem Hinter- grund, der Zenithhimmel, müsse uns als eine ver- hältnismäßig wenig von uns entfernte Wand er- scheinen. Übersehen wurde bisher die Erklärung, welche Wilhelm Filehne 1912 für die schein- bare Ve r größer ung der Gestirne am Horizont gab — leider nicht an fach wissenschaftlicher Stelle, ^) weshalb den so außerordentlich klaren Darlegungen bisher jegliche Beachtung versagt blieb, wie Tat- sachen aus dem neueren Schrifttum beweisen. Filehne löst das alte Problem schlagend und zwar auf rein biologischem oder psychologischem Wege. „Sehen" im Sinne von wahrnehmen können wir von entfernteren Gegenständen stets nur die Winkelgrößen, aber weder die wirklichen Größen noch die Entfernungen. Unsere Seh- vorstellungen aber vermögen die Wahrneh- mungen in hohem Grade zu berichtigen oder der Wirklichkeit entsprechend auszudeuten, so daß uns auch beim einäugigen Sehen ein Mensch in 10 Metern Entfernung noch nicht kleiner erscheint als in 3 Metern Entfernung und nur ein blindge- borener Erwachsener, der durch Operation sehend geworden, anfangs dieser Täuschung verfällt, weil ihm die Sehwinkelgrößen, die Größenverhältnisse auf dem Netzhautbild, noch unmittelbar zum Be- wußtsein kommen. Nun ist unsere Fähigkeit, die Netzhautbilder richtig auszudeuten, um so geringer, je weniger wir die Kontrolle durch den Tastsinn geübt haben. In großer Entfernung deuten wir Objekt- und Entfernungsgrößen schon weniger richtig als in kleiner, schätzen sie leicht zu gering; noch mehr aber verfallen wir dieser Täuschung beim Blick nach oben, weil wir bei ihm als etwas viel Unwichtigerem das mehr oder weniger richtige Ausdeuten der Größen viel weniger gelernt haben. Daher verlegen wir die hochstehenden Gestirne, wie Sonne und Mond oder Sternbilder und überhaupt den Zenithhimmel, näher an uns heran als die Himmelskörper oder Wolken am Horizont, und aus gleichem Grunde geben wir jenen, wenn sie hoch stehen, geringere Objekt- größen, als wenn sie tief stehen. So erklärt sich die scheinbar abgeplattete Form des Himmels- gewölbes und die scheinbare Vergrößerung der Gestirne am Horizont durch die Entwicklung unserer Sehvorstellungen aus Sehwahrnehmungen. Wenn ferner viele Menschen, vielleicht die Mehr- zahl, auf Befragen erklären sollten, der tiefstehende Mond erscheine ihnen n ä h e r als der hochstehende, so sind diese, wie Filehne es ausdrückt, sekun- där einer Urteilstäuschung anheimgefallen, nach- dem^ sie der mechanisierteu Sehvorstellung, die 153 ') Wilb. Filehne: Über die scheinbare Form des Himmelsgewölbes und die scheinbare GröSe der Gestirne und Sternbilder. Deutsche Revue, November — Dezember igi2. 21 Seiten. der Mond vergrößerte, ebenso unteriagen wie jeder andere. Fl lehne 's Ausführungen erscheinen mir so- zusagen unmittelbar einleuchend. Mag auch noch manches andere hinzukommen,- was Sonne und Mond uns abends scheinbar vergrößert, wie viel- leicht jene bekannte optische Täuschung, die eine schraffierte Fläche uns länger erscheinen läßt als eme einfarbige, so liegt das Wesen tl ich e doch zweifellos in der verschiedengradigen Mechanisiert- heit Vinserer Sehvorstellungen auf Grund des Lernens im individuellen Leben. Denn ich wenig- stens entsinne mich genau dessen, daß mir als Kind langgestreckte Alleen in viel höherem Grade nach der Ferne zu verjüngt erschienen wie als Erwachsenem, Kirchturmfahnen winzig klein, Dach- decker auf Häusern als Zwerge, und Pferde, die ich von einer Bergeshöhe sah, als Spielzeug. Alle diese Täuschungen wurde ich erst nach und nach los oder vielmehr: diese dem Netzhautbilde ge- nauer entsprechenden Wahrnehmungen verwandelte ich nach und nach in Vorstellungen, die der Wirk- lichkeit besser entsprechen. Sonne und Mond am hohen Himmel taxierte ich in meiner Knaben- zeit scheinbar einen Kilometer weit entfernt, also näher als den freien Horizont. Heute würde ich sie schon in scheinbar viel weitere Ferne, viel- leicht zum Teil unter dem Einfluß des Schul- wissens, aber doch längst nicht in die wirkliche Entfernung verlegen, und bedeckter Himmel er- scheint mir noch heute als ein durchaus abge- plattetes Gewölbe. Beim Auf- und Absteigen von Fesselballonen eriebt man dieselben Eindrücke wie beim Auf- und Untergange der Gestirne. Für hohe Berge hat man anfangs keine Schätzung ; man schätzt sie den höchsten gleich, die man bis dahin gesehen, bis man Anhaltspunkte wie Ge- steinsstruktur und Baumwuchs auswerten lernt. Und wenn man das Photographieren erlernt, so staunt man anfangs über die Kleinheit der Hori- zontbäume und -häuser auf dem Bilde, weil man sie sich größer vorgestellt hatte als dem Bild, dem Netzhautbild, entsprechend. In derselben Weise vergrößert man Sonne und Mond gegenüber ihrer wirklichen Bildgröße, die man beim Blick nach oben richtiger erfaßt, aber, wie die Photographie lehrt, auch hier noch überschätzt. Die Filehn e 'sehen Ausführungen vermögen übrigens besser als irgend etwas aus der Psycho- logie die bevorzugte Ausbildung des Horizontal- sehens in Erinnerung zu bringen, eine wichtige Tatsache, der auf physiologischem Gebiet die vor vielen Jahren von Aubert und Förster nach- gewiesene horizontalelliptische Begrenzung von Netzhautbezirken gleichen Distinktionsvermögens entspricht ') und auf morphologischem Gebiet die Horizontalelliptizität der menschlichen Fovea, die horizontale Lage der streifenförmigen Area und Fovea bei zahlreichen Wirbeltieren, die Horizon- talelliptizität, der meisten Augäpfel außer bei man- ') Archiv für Ophthalmologie Bd. III, 1857. 154 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 1 1 chen Vögeln und Klettertieren und dievonRabl 19 17 erwiesene primäre Horizontalsymmetrie des Wirbeltierauges. (Vgl. Naturw. Wochenschr. 1919, Heft 2, Seite 27—28.) Nachschrift.^) Dank einer Unterredung mit Herrn Professor Kürschmann in Leipzig bin ich in der Lage, noch einige nicht unwichtige, von dem genannten herrührende und von ihm noch nicht veröffentlichte Erwägungen zu der be- handelten Frage mit seiner Erlaubnis mitzuteilen. Kürschmann möchte die Vorstellung, das Himmelsgewölbe sei abgeplattet, auf die noch gar nicht in Erwägung gezogene Tatsache zurück- führen, daß bei bewölktem Himmel das Wolken- gewölbe tatsächlich sehr stark abgeplattet ist, weil der Mittelpunkt dieser Kugelschale mit dem Erdmittelpunkt zusammenfällt, nicht mit dem Standpunkt des Beobachters. Von der abge- platteten Gestalt des Wolkengewölbes überzeugt uns vielleicht schon das hierfür nicht unbedingt als zu gering zu' erachtende Entfernungschätzen durch binokulares Sehen, sodann die verschiedene Be- wegungsparallaxe der Wolken und die verschiedene Größe der Wolken bei einheitlicher Bewölkungs- art. Den vom Wolkengewölbe gewonnenen Ein- druck übertrage man unwillkürlich auf das unbe- wölkte Himmelsgewölbe. Man ersieht aus diesen Erwägungen, wie ich schon andeutete, daß zur Beantwortung der Frage mehrere Gesichtspunkte in Betracht kommen, vielleicht für den einen Be- obachter mehr diese, für den andern jene. Kürsch- mann weiß sich nicht zu entsinnen, als Kind den oben erwähnten Täuschungen in höherem Graden verfallen zu sein oder, anders ausgedrückt, die Netzhautbilder unmittelbarer beurteilt zu haben denn als Erwachsener. Bei mir dagegen dürfte der Kurse h mann 'sehe Argument weniger ins Gewicht fallen, denn daß mir der bewölkte Himmel noch viel abgeplatteter erscheint als der unbewölkte, habe ich schon früher unbeeinflußt durch diese Erwägungen geäußert. Kürschmann erwähnte ferner zu der von manchem geäußerten Ansicht, das Rot der tief- stehenden großen Gestirne vergrößere diese als eine „warme Farbe", dies mache nach genauen statistischen Feststellungen von ihm nur so wenig aus, daß es nicht in Betracht komme: eher würde man wahrnehmen, daß der tiefstehende Mond uns um I Erdhalbmesser = rund V40 Mondentfernung ferner ist als der hochstehende und mithin uns unter merklich kleinerem Gesichtswinkel erscheint — wenn nicht die anderen entgegenwirkenden Ursachen hinzukämen. V. Franz. Zoologie. Beeinflussung der Tätigkeit der Tiere durch das Licht. Mit weißen Ratten und weißen Mäusen angestellte Versuche ergaben, daß bei diesen vorwiegend nächtlichen Tieren im Ver- lauf von 24 Stunden ein regelmäßiger Wechsel zwischen Aktivität und Inaktivität stattfindet (J. ') Das Vorhergehende war noch im Felde geschrieben. S. Ssymanski (Wien), Pflüger's Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Tiere, 171. Band, 1918). Zusammenfassend sagt S.: „I. Weise Ratten sind polyphasische Tiere (10 Perioden in einem 24 stündigen Zyklus), je- doch mit einer vorwiegend nächtlichen Aktivitäts- tendenz. 2. Der Gesamtbetrag der Aktivität ist bei weißen Ratten gleich 10 Stunden; die übrigen 14 Stunden eines 24 stündigen Zyklus verbleiben sie in der Ruhe. 3. Zwei Tage langer Hunger vermehrt die Zahl der Perioden, ohne den Gesamtbetrag der Aktivität wesentlich zu ändern. 4. Dunkelheit vermehrt die Zahl der Perioden und erhöht den Gesamtbetrag der Aktivität. 5. Licht vermehrt die Zahl der Perioden, ohne den Gesamtbetrag der Aktivhät zu ändern. 6. Weiße Ratten waren in einem 24 stündigen Zyklus durchschnittlich 22 Stunden negativ und 2 Stunden positiv phototrop. Die Zeit, in der die Ratten positiv phototrop waren, fällt in die Stunden der Hauptperiode der Aktivität. 7. Tanzmäuse sind polyphasisch (9 Perioden) mit einer vorwiegenden Aktivitätstendenz in den Nachtstunden; der Gesamtbetrag der Aktivität ist gleich 14 Stunden in einem 24 stündigen Zyklus." Um zu ermitteln, wie sich die R^ihe- und Aktivitätsperioden in der Lernfähigkeit der Tiere äußerten, stellt S- eine Reihe von Versuchen mit dem physiologischen Apparat des Trehlapyrintes an (,, Versuche über den Lernvorgang bei den weißen Ratten während der Ruhe bzw. Aktivitäts- perioden", ebenda) und fand folgendes: ,,Die bedeutendere Geschwindigkeit der Akti- vitätsratten läßt sich auf die durch die Aktivitäts- periode bedingte Erregungserhöhung zurückführen. Desgleichen läßt sich die geringere Geschwindig- keit der Ruheratten durch die durch die Ruhe- periode bedingte Erregungsherabsetzung erklären. Im weiteren Verlaufe der Assoziationsbildung erhöhte sich die Geschwindigkeit derart, daß zum Schluß die Aktivitäts- wie auch die Ruheratten sich im Labyrinth gleich schnell und bedeutend schneller als zu Beginn der ganzen Versuchsserie fortbewegten. Diese Tatsachen weisen zunächst darauf hin, daß eine in Entstehung begriffene lebenswichtige rezeptorisch- motorische Assoziation im allgemeinen die Erregung während der Ausübung der be- treffenden motorischen Reaktion erhöht. Nachdem die Assoziation sich gebildet hat, bleibt diese Er- regung bei der Ausübung der erlernten Handlung erhöht, vorausgesetzt, daß der Antrieb zur Aus- führung der neu erlernten Handlung der gleiche wie während des Erlernens dieser Handlung bleibt. Bei den Aktivitätsratten bewirkte die fort- schreitende Assoziationsbildung bloß eine Erhöhung jener Erregung, die dank der Aktivitätsperiode bereits bestand. Bei den Ruheratten wurde die Erhöhung der ursprünglichen geringen Erregung im Verlaufe der N F. XVni. Nr. 1 1 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 155 ganzen Versuchsserie noch bedeutender, so daß der Zustand der relativen, durch die Ruheperiode bedingten Trägheit überwunden, ja weit überholt wurde. Das allgemeine Resultat dieser Versuche läßt sich in dem Satz zusammenfassen, daß die Aus- führung einer lebenswichtigen Handlung nicht nur eine bereits vorhandene Erregung bei den Akti- vitätstieren erhöht, sondern selbst die geringe Erregung bzw. die Trägheit der Ruhetiere in das Gegenteil umschlagen läßt." Kathariner. Über Bau und Fun ktion des Alc io pidenaug es (mit 2 Abbildungen) macht v. Heß'] inter- essante Mitteilungen. Die Morphologie des Alciopidenauges ist bereits von mehreren Seiten untersucht worden, doch fehlten bisher experi- mentelle Untersuchungen über die Funktion der Augen dieser marinen, einige Zentimeter langen, glashellen Würmer, Bei der Kleinheit des Auges — seine durchschnittliche Größe beträgt kaum I mm — galten derartige Untersuchungen fast für unmöglich. Umso erfreulicher ist es, daß es V. Heß gelungen ist, eine Methode zu finden, die es gestattet, die Akkomodation des Alciopiden- auges auch ejiperimentell zu prüfen. Es zeigte sich dabei, daß die bisherige Deutung der mor- phologischen Befunde nicht ganz richtig war, und daß man sich infolgedessen ein falsches Bild von der Funktion des Auges gemacht hatte. Außer einer Reihe feiner Pigmentflecken an den Körpersegmenten besitzen die Alciopiden zwei relativ große Kopfaugen. Das Aussehen eines solchen Auges, von vorn unten gesehen, zeigt Abb. I. Unten ist das Auge etwas breiter als oben. Die Linse wird umrahmt von einer Reihe feiner, silberglänzender Streifen, die von oben und seitlich oben nach unten ziehen. Diese Streifen wurden bisher für Muskeln gehalten, die die Ak- komodation des Auges bewirken sollen. Durch den physiologischen Versuch vermag indessen v. Heß zu zeigen, daß die Streifen überhaupt nicht kon- traktil sind, es sind nach seiner Ansicht „lediglich stark lichtreflektierende Gebilde, von ähnlicher Art, wie wir sie zum Beispiel vielfach bei Fischen und manchen Cephalopoden in den Augenhüllen finden, und sie haben offenbar auch eine ähnliche Be- deutung wie dort, indem sie neben und mit dem Augenpigment das Augeninnere vor störendem falschen Lichte schützen und gleichzeitig durch ihren Silberglanz das Auge für von unten kom- mende Feinde weniger sichtbar machen." Letzteres ist um so notwendiger, als die pelagisch lebenden Tiere fast ganz durchsichtig sind und infolge- dessen beim Fehlen dieses Schutzes die Augen sich als dunkle Flecke gegen den hellen Himmel sehr scharf abheben würden. Auf der Dorsalseite ist dieser optische Schutz der Augen nicht not- wendig, da die dunkelbraunen Pigmentmassen, die auf der Rückenseite der Augen liegen, mit dem in der Regel dunklen Untergrunde harmonieren. Hält man die Tiere auf dunklem Untergrunde, so sind Körper wie Augen fast unsichtbar, bringt man sie auf eine weiiJe Unterlage, so erscheinen die Augen als dunkle Flecken, legt man aber ein Tier auf weißer Unterlage auf die Rückenseite, so sind die Augen infolge der silberigen Streifen ganz unauffällig. Zwischen Linse und „Pupillenrand" befindet sich ein bald schmälerer, bald breiterer Zwischen- raum, so daß die Linse in der Richtung der Augen- Abb. I. Auge von Vanadis formosa (Alciopide). (Nach V. Hefl.) •) Heß, C. V. Die Akkomodation der Alciopiden, nebst Beiträgen zur Morphologie des Alciopidenauges. Pflügers Arch. f. d. ges. Physiol. d. Menschen u. d. Tiere, Bd. 172, iqi8. achse, d. h. gegen die Hornhaut hin bzw. von der Hornhaut weg, bewegt zu werden vermag, wovon man sich durch Berühren mit einer feinen Nadel- spitze überzeugen kann. Für das Verständnis des Akkomodationsvorganges ist die Existenz dieses Zwischenraumes von wesentlicher Bedeutung. Die Prüfung der Akkomodation geschah ver- mittels elektrischer Reizversuche. Durch einen Sagittalschnitt wurden die beiden Augen eines Tieres voneinander getrennt, eines der beiden wurde sodann auf fein aufgefaserte Watte gelegt und diese mit feinen Nadelelektroden in Verbindung gebracht. Hierauf wurden die bei elektrischer Reizung an dem überlebenden Auge erfolgenden Vorgänge vermittels einer binokularen Lupe unter Wasser bei sehr starkem auffallendem Lichte be- obachtet. Die Erscheinungen lassen sich bei nicht allzu starker Erwärmung des Objektes durch die Lampe stundenlang verfolgen. Reizt man mit schwachen Strömen, so sieht man regelmäßig, wie sich die Linse ein wenig nach vorn, hornhaut- wärts, vorschiebt. Das Vorrücken der Linse bei der Reizung geht ziemlich rasch vor sich, die Rückkehr tn "die Ruhelage nach Aufhören der Reizung erfolgt langsamer. Während die Linse vorrückt, beobachtet man an der unteren Hälfte der Augenhüllen leichte Zusammenziehungen, die oben und seitlich von der Linse gelegenen Teile der Augenhülle und der Hornhaut zeigen niemals Bewegungen. Aus diesen Beobachtungen zieht V. Heß den Schluß, daß „die Alciopiden eine positive Nahakkomodation be- sitzen, die durch Vorrücken der in ihrer Form unveränderten Linse und Ver- 156 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. u größerung des A]b'standes zwischen ihr und der Netzhaut herbeigeführt wird." Der Mechanismus des Vorrückens der Linse wird uns durch das Studium von Schnitten durch das Auge verständHch. Abb. 2 gibt einen Sagit- talschnitt wieder. Hornhaut, Linse, der aus zwei Schichten bestehende Glaskörper und die Retina sind sichtbar. Sodann sieht man rechts unmittel- bar unter der Augenwand ein Gebilde liegen, das durch einen feinen Kanal mit dem vorderen Teil Abb. 2. Sagittalschnitt durch ein AIciopidenauge. (Nach V. Heß.) des Glaskörpers in Verbindung steht. Von den früheren Autoren wurde dieses Gebilde als Drüse beschrieben, deren Sekret den vorderen Teil des Glaskörpers liefert. Diese Aufgabe mag dem Ge- bilde auch zukommen, aber die wichtigste Funk- tion der „in der Tierreihe einzig dastehenden ex- traretinalen Ausstülpung des Glaskörpers" ist nach v. Heß eine andere. Gerade in der Umgebung der Glaskörperausstülpung sind Muskeln vor- handen, und wenn diese sich zusammenziehen, üben sie einen Druck auf die Ausstülpung aus. „Dadurch gelangt etwas von ihrem außerhalb der Bulbushülle befindlichen Inhalte in den Glaskörper- raum, wodurch die der vorderen Glaskörperfläche leicht beweglich aufliegende Linse etwas nach vorn gehoben werden muß. Mit dem Nachlassen der Muskelkontraktion tritt der zähflüssige Inhalt wieder in die Ausstülpung zurück." Die bei den Alciopiden entdeckte Art der Einstellung bereichert die Reihe der durch V. Heß im Verlaufe zehnjähriger Untersuchungen an über 50 Arten aus allen Klassen des Tier- reiches gefundenen außerordentlich mannigfaltigen Akkomodationsmechanismen um einen weiteren. Mit den übrigen Wirbellosen haben die Alciopiden das gemeinsam, daß bei allen bisher untersuchten Formen eine aktive Nahakkomodation durch Entfernung der in ihrer Form unveränderten Linse von der Netzhaut erfolgt, und zwar durch Vermehrung des Druckes im Glaskörperraum e. Im Gegen- satz aber zu den Alciopiden wird bei den übrigen Wirbellosen, wenigstens bei den bisher unter- suchten Tintenfischen und Kielschnecken, die Ein- stellung durch Muskeln bewirkt, die unmittelbar um bzw. nahe hinter der Linse liegen und durch ih]e Kontraktion den Glaskörperdruck direkt- er- höhen. Bei allen untersuchten Wirbellosen — die Augen der Arthropoden, bei denen akkomo- dative Änderungen fehlen, kommen hier natürlich nicht in Frage • — sind die Augen sehr weich und nachgiebig, und die Bestandteile der Augen- hüllen bildenden Akkomodationsmuskeln verur- sachen bei ihrer Kontraktion eine verhältnismäßig starke Formveränderung des ganzen Auges. Bei Wirbeltieren kommen derart starke Form- veränderungen nicht vor; sie werden schon infolge des Vorhandenseins einer festen Membran, der Sklera, unmöglich gemacht. Im übrigen aber sind die Akkomodationsmechanismen gerade bei den Wirbeltieren sehr mannigfaltig. Bei den Knochen- fischen ist das Auge in der Ruhe auf die Nähe eingestellt. Durch aktive Annäherung der Linse an die Netzhaut vermittels der Campanula Halleri, eines muskulösen Gebildes, das von hmten und schlafen wärts an der Linse ansetzt, wird eine Einstellung auf größere Ferne erzielt. Eine sehr interessante Ausnahme macht unter den Fischen der Schlammspringer, dessen Auge im Ruhe- zustande für die Ferne eingestellt ist. Die Lebens- weise des Schlammspringers ist mehr der eines Amphibiums ähnlich als der eines Fisches, er hält sich bald im Wasser, bald außerhalb desselben auf und betreibt seine Jagd nach Nahrung haupt- sächlich auf dem Lande. Für ihn wäre also Kurzsichtigkeit höchst unzweckmäßig. Die dauernd im Wasser lebenden Amphibien zeigen ähnliche Verhältnisse wie die Knochen- fische , während mit dem Übergang zum Land- leben, ähnlich wie beim Schlammspringer, das Auge im Ruhezustande auf die Ferne eingestellt wird. Die Akkomodation für größere Nähe erfolgt bei den luflatmenden Amphibien durch Entfernung der Linse von der Netzhaut vermittels eines bzw. zweier Muskeln, die nach vorn zur Iris ziehen. Bei den höheren Wirbeltieren, bei Reptilien, Vögeln und Säugetieren geschieht die Akkomo- dation nicht wie in den bisher besprochenen Fällen durch Ortsveränderung, sondern durch Formveränderu ng der Linse, und zwar wird bei den Sauropsiden die Gestaltsveränderung durch Druck von Iris und Ciliarring auf die Peripherie der Linsenvorderfläche, bei den Säugern durch Entspannung der bei Akkomodationsruhe ge- spannten Zonulafasern bewirkt. Vielfach sind besondere Hilfsmittel vorhanden, die ausgiebigere akkomodative Änderungen ermöglichen. Nachtsheim. N. F. XVm. Nr. II Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 157 Botanik. Entsprechend dem großen Interesse, das sich während der Kriegszeit der „wilden Nahrung" zuwandte, finden sich neuerdings man- cherlei Angaben über Pilzvergiftungen. So hat z. B. G. Di tt rieh (Berichte der Deutschen Botani- schen Gesellschaft, Bd. 34. 1916. S. 719) seine Er- fahrungen für 1916 zusammengestellt. Die Zahl der Todesfälle belief sich auf 89, worunter sich 43 Kinder befanden. Die Personen gehörten meist der unbemittelten Bevölkerung an, die Pilze wurden von ihnen selber gesammelt, manche nahmen gar, was sie gerade fanden. Doch wurde in Greifs- wald auch eine Frau verurteilt, die giftige Pilze wider besseres Wissen am Wochenniarkt feilhielt. Meist handelte es sich, soweit eine Nachprüfung möglich war, nicht um verdorbene Pilze, sondern um Giftpilze. Obenan stehen wieder die Knollen- blätterpilze, vor allem die Amanita phalloides; A. mappa scheint viel weniger in Betracht zu kom- men. So sammelte ein Tischler aus Breslau auf Anraten eines ebenfalls sammelnden Spaziergängers etwa anderthalb Pfund Knollenblätterschwämme, woran bis auf ihn selber seine gesamte Familie zugrunde ging. In anderen Fällen waren die Pilze nicht mehr zu identifizieren. Der Kartoffelbovist scheint, ohne daß man etwas von auffälligen nach- teiligen Wirkungen hörte, in Schlesien ziemlich häufig, meist als Würze, verwandt zu werden. Nur zwei Fälle wurden D. bekannt, in denen starkes Unwohlsein eintrat. Als sehr gefährlichen, bisher nicht weiter bekannt gewordenen Giftpilz wies Di ttrich (Ebenda, S. 424) die Inocybefrumen- tacea nach. Das Genus Inocybe scheint überhaupt als giftverdächtig gelten zu müssen. In Aschers- leben starb ein Lehrer, der ein guter Pilzkenner war und seit langer Zeit Pilze zum Verzehr sam- melte, nach dem Genuß eines Gerichtes aus dem obengenannten Pilze. Der Fall muß sehr nach- denklich stimmen. Man findet gerade bei Leuten, die eine gewisse Pilzkenntnis besitzen, cft eine Neigung zur Fahrlässigkeit, die durch ihre bis- herigen Erfolge hervorgerufen, aber auch durch manche Pilzbücher begünstigt wird, wenn sie im- mer hervorheben, es gäbe nur wenige giftige Pilze. Das mag gewiß vollständig zutreffen, entbindet aber nicht von der höchsten Vorsicht, mit der man Eßversuche mit unbekannten Pilzen anstellen muß. Immer sollte man erst eine geringe Menge kosten und die Wirkung richtig abwarten, um dann zu etwas größerer Menge überzugehen. Keinesfalls darf man gleich eine ganze Mahlzeit verzehren, wie es der obenerwähnte Herr tat. Die Beschreibung des Pilzes sei hierhergesetzt: Hut anfangs kegelig-glockig, mit eingeknicktem Rand, später ausgebreitet und breit gebuckelt, mit auf- wärtsgebogenem Rande, bis 8 cm breit, ziegel- fleischrot, bräunlich rotfaserig und rissig, fleischig ; Fleisch weiß mit rötlichem Schein, Stiel gleich- farbig, teilweise dunkler weinrot, oberseits weiß- lich und weißflockig, gestreift, leicht gekrümmt, anfangs nach dem Grunde sehr schwach verdickt, später an der Spitze verbreitert, bis 7 cm lang. etwa I cm breit, fleischig-voll, nach der Ablösung des Hutes faserig aufspaltend ; die Farbe des Innern ähnelt der des Hutfleisches. Lamellen anfangs weißlich und stellenweise weinrot, später oliv- braun mit entsprechend dunkler rot verfärbten Stellen, mit weißlicher, gewimperter Schneide, etwa 7 mm breit, gedrängt, fast frei. Sporen- staub trüb-olivbräunlich; Sporen schmutzig gelb. Geruch ganz dem von altem Weizenkornbrannt- wein entsprechend, Geschmack mild. Auch andere Inocybe- Arten scheinen nach neuesten Feststellungen (Dittrich, Ben d. D. Botan. Gesellsch. Bd. 36, 1918, S. 456) Ursache schwerer Vergiftungsfälle gewesen zu sein, ohne daß sich bisher die Arten sicher bestimmen ließen. Dagegen wird an derselben Stelle mitgeteilt, daß auch Tricholoma tigrinum zu den Giftpilzen ge- höre. Man wird also gut tun, auch das Genus Tricholoma, zu dem bekanntlich etliche eßbare Pilze gehören, mit einigem Mißtrauen zu betrachten. Sehr unklar liegen, wiederum nach Dittrich (Ebenda, Bd. 35. 1917. S. 27), die Dinge bei der Morchel. Schon der Name stiftet allerlei Ver- wirrung. Die Mehrzahl der unter dem Namen Morcheln in den Handel kommenden Pilze ge- hören botanisch zu der Art Gyromitra esculenta (= Helvella esculenta), die von den Schreibern von Pilzbüchern als Lorchel bezeichnet wird, weniger sind die Arten der Gattung Morchella vertreten, die in den Büchern allein als Morchel geht. Die gesprochene Sprache macht nach D., wenigstens im Osten Deutschlands, gar keinen Unterschied zwischen diesen Pilzen, der Name Lorchel ist ganz unbekannt. Verf schlägt vor, Gyromitra als Stockmorchel oder Kauermorchel zu bezeichnen, wie es im Volksmunde vielfach schon geschieht. Seine weiteren Mitteilungen be- ziehen sich nun auf Gyromitra. Die angeführten Fälle zeigten das auch sonst bekannte Hild, daß unabgekochte Pilze resp. die Biühe Erkrankung, zuweilen auch Tod bewirken. Trotzdem wundert sich Verf und mit Recht, daß bei einem so ver- breiteten Marktpilze nicht öfter Vergiftungen be- obachtet werden. Er suchte nun durch Fütierungs- versuche an Pflanzenfressern Aufklärung zu er- halten und stellte dabei das überraschende Resul- tat fest, daß Meerschweinchen durch eine ein- malige, selbst bedeutende Gabe von Morcheln oder dem Absud aus ihnen nicht wesentlich ge- schädigt werden, wenn auch eine gewisse Reak- tion unverkennbar ist, dagegen werden sie getötet, wenn sie etwa im Zwischenraum von 2 — 17 Stunden zweimal mit kleineren Mengen gefüttert werden. Ob mit diesen immerhin nicht umfang- reichen Versuchen schon das letzte Wort ge- sprochen ist, scheint etwas fraglich, wenn auch manche Beobachtungen über die besonders schäd- liche Wirkung wiederholten Pilzgenusses damit übereinstimmen. Auch kommt wahrscheinUch in- dividuelle Überempfindlichkeit vor. Der Verf. widerrät von neuem dem Genuß der Brühe, da sie offenbar die Hauptmenge des Giftstoffes in 158 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVni. Nr. 1 1 leicht resorbierbarer Form darböte, fordert aber daneben, daß man nicht kurz hintereinander, also z. B. nicht an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, Morcheln essen solle. Der Pantherschvvamm wird oft als eßbar be- zeichnet, man solle nur die Haut des Hutes ent- fernen. R. K o 1 k w i t z (Verhandlungen des Bota- nischen Vereins der Provinz Brandenburg, Bd. 59. 191 7. S. 151) schildert aber einen Vergiftungsfall, bei dem sich jene angebliche Vorsichtsmaßregel als ganz unwirksam erwies. Eine aus vier Personen bestehende Familie in Zehlendorf bei Berlin er- krankte nach dem Genuß eines Gerichtes, das nur aus dem Pantherschwamm (Amanita pantherina) bestand. Die Symptome waren : Brennen im Halse und Übelkeit, geistige Exzitations- und Depres- sionszustände,vorübergehende Bewußtlosigkeit, Mus- kelzuckungen, z. T. Krämpfe, verlangsamte Licht- reaktion der Pupillen; der Verlauf der Krankheit war jedoch ein gutartiger. Wahrscheinlich schwankt der Giftgehalt des Pantherschwammes, worauf auch die Angabe hindeutet, daß er in Japan be- sonders giftig ist. Jedenfalls lasse man Vorsicht walten und sammle den Pilz nur an solchen Stellen, an denen ihn eigene Erfahrung als un- giftig kennen gelernt hat. Im allgemeinen wird er ja nur selten verwandt. Miehe. Die Nachtkerze Oenothera Lamarkiana ist da- durch zu einer berühmten Pflanze geworden, daß de Vries an ihr bekanntlich seine Mutationen beobachtete. In der Nachkommenschaft dieser Pflanze tauchten Formen abweichenden Aussehens auf, die weiterhin konstant blieben, aber z. T. auch ihrerseits wieder neuen P'ormen den Ursprung gaben. Auf diesen merkwürdigen Tatsachen baute de Vries damals seine Vorstellungen von Muta- tionen auf. Merkwürdig war es nun, daß die Stammpflanze, O. Lamarkiana, nicht in Amerika, dem Muiterlande der Oenothera- Arten aufgefunden werden konnte. Schon dadurch wurde der Ver- dacht genährt, daß Lamarcks Nachtkerze ein Bastard sein müsse, der erst in Europa zu einer unbe- kannten Zeit aus irgendwelchen amerikanischen Einwanderern entstanden sei, und daß das merk- würdige Verhalten der Nachkommenschaften irgend- wie mit Bastardspaltungen zusammenhängen müsse. Der Verdacht gewann sehr greifbare Formen durch die Untersuchungen vonNielsson, deren Resultate jedoch nur mit Hilfe komplizierter An- nahmen mit dem Verhaken normal spaltender Bastarde in Einklang gebracht werden konnten. Nun hat O. Renner') vor einiger Zeit ausge- dehnte und gründliche Untersuchungen über die Erblic hkeitsverhältnisse bei Oenotheren angestellt, aus denen er in sehr überzeugender Weise die Bastardnatur der O. Lamarkiana ableitet. Wir können die Experimente Renner's hier nicht ^) O. Renner, Versuche über die gametische Konstitu- tion der Önotheren. Zeitschr. f. induktive Abstammungs- und Vererbungslehre Bd. 18, 1917, S. izi. in ihren Einzelheiten besprechen, wollen aber mit wenigen Strichen die Vorstellung skizzieren, zu der er gelangte. Folgende Entdeckung führte den Verf. auf die richtige Spur. Als er O. muricata mit dem Pollen von O. biennis bestäubte, stellte es sich heraus, daß sich die Keimzellen dieser beiden Arten nicht vertragen. Die Samen ent- wickeln sich anscheinend ganz normal, aber sie enthalten nie einen keimfähigen Embryo. Wenn nun O. Lamarkiana mit dem Pollen vom O. bien- nis belegt wurde, zeigte sich etwas ähnliches, es entwickelte sich hier nur die Hälfte der Samen zu einem Bastard, die andere Hälfte blieb taub. Bei weiteren Kreuzungen von O. Lamarkiana mit anderen Arten stellte es sich immer wieder heraus, daß die Nachkommenschaft aus zwei scharf ge- trennten Hälften bestand, von denen entweder beide lebensfähig waren und dann sogenannte Zwillingsbastarde darstellten, oder aber die eine Hälfte nicht über die ersten Entwicklungsstadien hinauskam und dann abstarb. In dem letzteren Falle war natürlich die Nachkommenschaft ein- heitlich. Dieses Verhalten von O. Lamarkiana ist nur denkbar, wenn man annimmt, daß ihre Ei- zellen sowohl als ihre Pollenkörner stets aus zwei verschiedenen Klassen, und zwar bei beiden Ga- meten aus denselben, bestehen. Wie kommt es nur aber, daß O. Lamarkiana, abgesehen von den selten auftauchenden „Mutanten", sonst bei Selbst- bestäubung immer wieder die Mutterform hervor- bringt, während man doch bei der Zwieförmig- keit ihrer Sexualzellen auch eine mehrförmige Nachkommenschaft erwarten sollte. Es müßten ja, wenn wir die beiden Komplexe, die die ver- schiedenen Klassen von Gameten, Pollenkörnern und Eizellen, bestimmen, mit A u. B bezeichnen, nach den Mendel' sehen Regeln 50 Proz. Hetero- zygoten (A Bj und 50 Proz. Homozygoten, näm- lich 25 Proz. AA und 25 Proz. BB, entstehen. Nun ergab sich, daß die Nachkommenschaft aus zwei Hälften bestand, es wurden zweierlei Samen erzeugt, aber die eine Hälfte nur war normal keim- fähig, sie gab wieder die O. Lamarkiana. Die andere enthielt nur verkümmerte Embryonen, die nicht entwicklungsfähig waren. Letztere sind als die Homozygoten* (25 Proz. AA und 25 Proz. BB) aufzufassen, zur Entwicklung kommen nur die 50 Proz. Heterozygoten. O. Lamarkiana ist also selber ein Heterozygot, ein Bastard, seine Kon- stanz in der Nachkommenschaft ist nur eine schein- bare. Die beiden Komplexe A und B sind nun oft'enbar bei irgendeiner früher einmal eingetretenen Bastardierung unbekannter Stammpflanzen zu- sammengeführt worden und haben das hervor- gebracht, was wir als O. Lamarkiana vor uns sehen. Merkwürdig ist nur, daß jene Komplexe, die doch aus verschiedenen Faktoren bestehen müssen, immer beisammen bleiben und nicht in der üblichen Weise bei der Bildung der Sexual- zellen verteilt werden, wodurch dann eine sehr viel mannigfachere Nachkommenschaft hervorge- gangen sein müßte. Man muß annehmen, daß die N. F. XVnl. Nr. n Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 159 elterlichen Faktoren zu je einem geschlossenen, immer als ganzem vererbten Komplexe vereinigt bleiben. Allerdings erhebt sich dann die Frage, wes- halb bei homozygotischem Aufeinandertreffen dieser Komplexe nicht wieder die Stammformen hervorgehen sollten. Die Homozygoten sind ja, wie wir gesehen haben, gerade lebensunfähig, und dadurch wurde ja immer nur die heterozygote Verbindung vererbt. Hier ist die weitere Annahme unabweisbar, daß im Bastard O. Lamarkiana die beiden Komplexe vielleicht durch Austausch von Faktoren so verändert wurden, daß sie für sich, in homozygotischer Verdoppelung keine lebens- fähige Verbindung geben. Die sogenannten „IVIu- tanten" würde man sich dann dadurch entstanden denken, daß von den für gewöhnlich festgefügten Komplexen ausnahmsweise und selten ein Faktor oder eine Faktorengruppe sich loslöst und sich mit dem anderen Faktorenkomplex vereinigt. Daraus würden sich so viele Möglichkeiten zur Bildung neuer und konstanter Formen ergeben, daß die Mutationen de Vries' vollkommen er- klärt wären. i)as möge aber wiederum im ein- zelnen nicht näher ausgeführt werden. Wie man sieht, muß auch Renner besondere Annahmen machen, sie ergeben sich aber ungezwungen aus den Tatsachen, so daß sie in der Tat den Sach- verhalt richtig treffen dürften. Das Rätsel der sogenannten „Mutationen" bei Oenothera dürfte damit entschleiert sein, womit natürlich über die Mutationen im allgemeinen nicht der Stab ge- brochen ist. Darüber hinaus liefern die Unter- suchungen R e n n e r ' s interessante und neue Aus- blicke in das Problem der Artbastarde. Miehe. Bücherbesprechungen. Erinnerungen an Theodor Boveri. Mit 4 Ab- bildungen. Tübingen 191 8. Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck). 8". [VI,] 161 Seiten. 8 M. und ao^/o Kriegsaufschlag. Zu Ehren Theodor Boveris haben sich seine Freunde und Schüler pietätvoll zusammen- gefunden und eine Erinnerungsschrift geschaffen an den Mann, dessen Name in der modernen Bio- logie als der ersten einer glänzt. Mit drei Seiten über Boveris „Eltern und Kindheit" von W. Boveri und mit darauf folgen- den Schul- und Universitätserinnerungen über „Theodor Boveri in seiner Jugendentwicklung" von H. Beeg sind wir eingeführt. Und nun werden wir von H. Spemann in einer „Ge- dächtnisrede aut Theodor Boveri. Gehalten in der physikalisch-medizinischen Gesellschaft [zu Würz- burg] am 3. Febr. 1916" mit den Problemen ver- traut gemacht, die Boveri sein Leben lang be- schäftigt haben. Es ist ein hübsches Wegstück modernster Biologiegeschichte. Boveris Theorie der Chromosomenindividualität (l888j, seine Ent- deckung des Centrosoma als des Teilungsorgans der Zelle (1888), die Auffindung der lange ver- geblich gesuchten Niere des Amphioxus lanceo- latus (1890, 1892), seine verschiedenen Arbeiten über die morphologischen Grundlagen der Ver- erbung, all das und noch manch anderes stellt Spemann in dieser Gedächtnisrede ins rechte Licht, und das ihr angefügte, sauber gestaltete Literaturverzeichnis mit über 50 eigenen Arbeiten und über 60 Studien aus Boveris Institut läßt sofort den in Zellenstudien liegenden Schwerpunkt seiner Lebensarbeit erkennen. Von F. B a 1 1 z e r hören wir näheres über „Theodor Boveris Lehrtätigkeit". Ähnliches wie bereits Spemann behandelt dann der Amerikaner Edmund B. Wilson in einer Würdigung, doch noch eindringlicher die cytologischen Ergebnisse Boveris zusammenfassend. Daß freilich hinter dieser in englischer Sprache verfaßten Studie noch eine von A. Leiber gefertigte deutsche Über- setzung zu finden ist, wird vielleicht mancher Leser zusammen mit dem Rezensenten für über- flüssig halten und dabei an Schopenhauers „Schreibt ihr für Schuster und Schneider?" denken. Rein die menschlichen Seiten Boveris, vor allem auch seine reiche künstlerische Veranlagung suchen dann A. Leiber („Theodor Boveri. Em Erinnerungsbild") und W. Wien („Theodor Boveri. Erinnerungen an seine Persönlichkeit") zu erfassen und liebevoll gedenkend zu schildern. Trauer- worte, die W.C. Röntgen am 19. Oktober 1915 bei der Einäscherung gesprochen, schließen den schönen Erinnerungsband, der mit drei Bildern Boveris und einer von ihm stammenden Land- schaftsskizze geschmückt ist. Dresden. Rudolph Zaunick. Stich, Dr. Conrad, Bakteriologie und Ste- rilisation im Apothekenbetriebe. Mit eingehender Berücksichtigung der Herstellung steriler Lösungen in Ampullen. 3. Aufl. 131 Text- abbild. 3 Taf. 326 S. Berlin 1918, Verlag von Julius Springer. Ein wichtiges Hilfsmittel für die Erkennung einer Krankheit bietet die bakteriologische Unter- suchung von Körperflüssigkeiten des Kranken. Der viel beschäftigte Arzt ist aber selbst gar nicht imstande, diese Arbeiten vorzunehmen und er wird sie gerne dem Apotheker überweisen. Das vorliegende Buch will nun für den Apo- theker nicht nur ein Handbuch, sondern auch ein Lehrbuch der Bakteriologie und der Sterilisation sein. Es ist aber so geschrieben, daß auch weitere Kreise dafür Interesse finden dürften, klärt es doch über manche Untersuchungsmeihoden auf, von denen vielleicht mancher schon gehört hat, ohne über Zweck und Ausführung derselben unterrichtet zu sein. i6o Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIII. Nr. 1 1 Die bakteriologische Untersuchung einer Kör- perflüssigkeit beschränkt sich nicht nur auf den mikroskopischen Nachweis der durch besondere Färbungen kenntlich gemachten, abgetöteten Bak- terien, sondern auch auf den kulturellen Nachweis der lebenden Bakterien. Als Ergänzung und Unter- stützung der Untersuchungsergebnisse kommt dann der Tierversuch und die serodiagnostische Methode in Betracht. Letztere, aufgebaut auf der Lehre vom biologischen Verhalten des Blutserums gegen- über den pathogenen Keimen, hat eine ganz be- sondere Bedeutung für den Nachweis der Syphilis erlangt. Sie geht davon aus, daß der menschliche und tierische Organismus über bestimmte Abwehr- kräfte gegen ihm fremdartige und schädliche Sub- stanzen verfügt, und daß diese Abwehrvorrichtungen fast ausnahmslos sich als im Serum des betr. Organismus gelöste chemische Verbindungen (Ei- weißstofie) nachweisen lassen. Außer den pathogenen beschreibt Verf. auch nichtpathogene und tierpathogene Mikroorganis- men, soweit sie pharmazeutisches Interesse haben (Kefir, Mäusetyphusbazillen und andere). Bei der Untersuchung der Körperflüssigkeiten auf Bakterien macht die Deutung der mikroskopi- schen Bilder vielfach Schwierigkeiten. Um diese zu beheben, bietet das Buch mit einer Beschreibung und Abbildung der wichtigsten dabei vorkommen- den geformten Bestandteile eine gute Hilfe. Den größten Teil des Buches nimmt der IL Teil über die Sterilisation ein. Besonders ausführlich ist die Sterilisation der Arzneimittel, die Herstel- lung steriler Lösungen in Ampullen und die Sterilisation der Verbandstofi'e behandelt. Die Prüfung der Arzneimittel und Verbandstoffe auf Keimfreiheit bildet den Schluß des für das bak- teriologische Laboratorium des Apothekers sehr wertvollen Buches. K. Snell. Paul Kammerer, Geschlechtsbestimmung und Ueschlechtsverwandlung. Zwei ge- meinverständliche Vorträge. 96 S. Mit 16 Abb. Wien 1918. Verlag Moritz Perl es. — 4 K. Kammerer behandelt in dem vorliegenden Büchlein Probleme, die von großer theoretischer Bedeutung sind und die in dem letzten Jahre von verschiedenen Forschern experimentell bearbeitet wurden. Manches in den Ausführungen von Kammerer ruft Widerspruch hervor. Die Schlüsse, die er über die geschlechtsbestimmenden P'aktoren beim Menschen zieht, sind viel zu weitgehend. Es sind geschlechtsbestimmende Faktoren vorhanden, und selbstverständlich müssen wir sie zu ermitteln suchen. Aber einstweilen kennen wir diese Fak- toren noch nicht. In Büchern nun, die für ein großes Publikum bestimmt sind, ist doppelte Vorsicht in der Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse ge- boten, denn hier läuft man eher Gefahr, mißver- standen zu werden. Diese Vorsicht in der Dar- stellung unserer Kenntnis von den geschlechtsbe- stimmenden Faktoren vermisse ich aber in dem ersten Vortrag von Kammerer. Im zweiten Vortrag wird auch die Frage dis- kutiert, wie die Anlage des Somas von Männchen und Weibchen beschaffen ist, ob sie sexuell, asexuell oder bisexuell sei. Kammerer ver- tritt die Auffassung, daß die Anlage „potentiell zwitterig" ist. Das ist eigentlich dasselbe wie asexuell; denn was während der ontogenetischen Entwicklung je nach der zur Wirkung gelangen- den Pubertätsdrüse männlich oder weiblich werden kann, ist eben asexuell. Bei den ausge- wachsenen Wirbeltieren ist der getrenntgeschlecht- liche Zustand die Norm, der Zwitterzustand die Ausnahme, und ich halte es darum für unzweck- mäßig, den Zustand des Embryos vor der ge- schlechtlichen Differenzierung durch einen Zustand zu charakterisieren, der ausnahmsweise, als Mißbildung eintreten kann. Trotz dieser Ausstellungen ist das Büchlein von Kämmerer den Lesern sehr zu empfehlen. Die beiden Vorträge führen mitten in die großen Probleme der Biologie ein, sind fesselnd ge- schrieben und regen zum weiteren Nachdenken an. Alexander Lipschütz (Bern). Literatur. Brill, A. , Das Relativitätsprinzip. Eine Einführung in die Theorie. 3. Aufl. Leipzig u. Berlin 1918, B. G. Teubner. 2 M. „Aus Natur und Geisteswelt". B. G. Teubner. Jeder Band 1,50 M. Dacque, Privatdozent Dr. E. , Geographie der Vor- welt. (Paläogeographie). Mit 18 Textfiguren. Machatschek, Prof Dr. F., Allgemeine Geographie. HI. Geomorphologie. Mit 33 Abbildungen. IV. Physiographie des Süßwassers. Mit 24 Abbildungen. Tornius, Dr. V., Die Baltischen Provinzen. 3. Aufl. Mit S Abbildungen und 2 Kartenskizzen. Eilermann, Prof. Dr. V., Die übertragbare Hühner- leukose. Mit 10 Tabellen und 13 Textabbildungen. Berlin 1918, J. Springer. Weihe, Dipl.-Ing. C. , Aus eigner Kraft. Bilder von deutscher Technik und Arbeit für die reifere Jugend. Mit 10 Tafeln. Leipzig und Berlin 1919. 4,50 M. Inhalt: Ludwig Reisinger, Beitrag zur Physiologie des Kleinhirns der Teleo